{"id":154,"date":"2004-12-19T20:33:04","date_gmt":"2004-12-19T19:33:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=154"},"modified":"2019-03-02T13:54:11","modified_gmt":"2019-03-02T12:54:11","slug":"der-zyklus-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154","title":{"rendered":"Der Zyklus ist tot"},"content":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck, WuM, Januar 2005<br>\n<!--more--><br>\nEin neues Jahr beginnt und die Hoffnungen auf einen richtigen Aufschwung der Wirtschaft in Deutschland stellen sich mit der gleichen Selbstverst&auml;ndlichkeit ein wie der Jahreswechsel selbst. Es muss doch irgendwann so weit sein, sagen sich die Laien und die professionellen Prognostiker: Wenn der Aufschwung auch 2004 nur kurz war und schon wieder abgeklungen ist, sp&auml;testens im Verlauf dieses Jahres muss es endg&uuml;ltig besser werden, weil es ja bis jetzt am Ende immer irgendwie besser geworden ist. <\/p><p>Das ist in der Tat so. Bis zum Beginn des neuen Jahrtausends\/hunderts ist es eigentlich nach einiger Zeit immer besser geworden, die Aufschwungkr&auml;fte haben sich durchgesetzt, die Arbeitslosigkeit sank doch wenigstens f&uuml;r einige Jahre und die &ouml;ffentlichen Haushalte konnten sich erholen. Es sollte die unverbesserlichen Optimisten aber schon bedenklich stimmen, wie oft in den letzten Jahren der Aufschwung ausgerufen worden ist, der dann aber doch nicht kam, sondern sich als Irrlicht oder als Strohfeuer entpuppte. <\/p><p>Vielen ist offenbar immer noch nicht klar, wie ernst die Lage wirklich ist, und welche unglaubliche Chance, einen Aufschwung in Gang zu setzen die deutsche und europ&auml;ische Wirtschaftspolitik im vergangenen Jahr verspielt hat. Was Deutschland im vergangenen Jahr gesehen hat, ist n&auml;mlich eines der gr&ouml;&szlig;ten Konjunkturanregungsprogramme der j&uuml;ngeren Geschichte. Wie die gro&szlig;en Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten feststellten, ist der deutsche Au&szlig;enbeitrag im vergangenen Jahr um 30 Mrd. Euro gestiegen. Das hei&szlig;t, die Zunahme der Exporte hat die der Importe um sage und schreibe 30 Mrd. &uuml;bertroffen. Die Institute stellen dazu fest: &bdquo;Obwohl die Geldpolitik gleichzeitig expansiv war und die Finanzpolitik nicht bremsend wirkte, hat dieses &sbquo;Programm&rsquo; die Inlandsnachfrage nicht belebt&ldquo; (S.69) <\/p><p>Nun ist die einfache Frage, was dann die Inlandsnachfrage beleben k&ouml;nnte, wenn selbst ein so gewaltiger Funke vom Export nicht &uuml;berspringt. Die Antwort auf dies einfache Frage ist einfach: Nichts &ndash; au&szlig;er einer fundamentalen Kehrtwendung der deutschen und europ&auml;ischen Wirtschaftspolitik. Die Antwort der Institute, wenn Konjunkturprogramme nicht wirkten, m&uuml;sse man auf die St&auml;rkung der &bdquo;Wachstumskr&auml;fte&ldquo; setzen, ist so entlarvend wie falsch. Verglichen mit der nur dramatisch zu nennenden Verbesserung der Gewinnsituation der Unternehmen, die mit dem au&szlig;enwirtschaftlichen Impuls verbunden war, sind die positiven Wirkungen aller &bdquo;Reformen&ldquo; f&uuml;r die Unternehmen, von Hartz &uuml;ber die vielen Steuersenkungen bis zur Agenda 2010, allerh&ouml;chstens der ber&uuml;hmte Tropfen auf den hei&szlig;en Stein. <\/p><p>Was die meisten nicht begreifen wollen: Der Zyklus ist tot. Get&ouml;tet von einem wirtschaftspolitischen Ansatz, der darauf hinausl&auml;uft, von der Mehrzahl der Menschen zu verlangen, dass sie permanent den G&uuml;rtel enger schnallen. Die hartn&auml;ckige Schw&auml;che der deutschen Binnennachfrage ist die unmittelbare Folge der hartn&auml;ckigen Weigerung von Politik und Arbeitgebern, daf&uuml;r zu sorgen, dass die realen Einkommen der Arbeitnehmer wieder einmal steigen k&ouml;nnen. Seit 1996 sind die Realeinkommen pro Kopf nicht mehr gestiegen, selbst wenn man zus&auml;tzliche staatliche Belastungen, die es auch in gro&szlig;er Zahl gegeben hat, ignoriert. Auch in den n&auml;chsten Jahren wird sich an dieser Entwicklung nichts &auml;ndern, es wird vermutlich noch schlechter kommen, weil die derzeitige Lohnk&uuml;rzung in Form von Arbeitszeitverl&auml;ngerung die Zahl der regul&auml;ren Arbeitseinkommensbezieher weiter reduziert. <\/p><p>Es ist ein grandioser Irrtum, wenn man, wie der Chefvolkswirt der Europ&auml;ischen Zentralbank, Otmar Issing, glaubt, die Binnennachfrage werde bald &bdquo;anziehen&ldquo;. Man kann einem solchen Irrtum allerdings auch nur aufsitzen, wenn man davon &uuml;berzeugt ist, dass &hellip;&ldquo;die wichtigste Erkl&auml;rung f&uuml;r die Schw&auml;che des Verbrauchs in Deutschland die Verunsicherung der Konsumenten ist&ldquo; (in einem Interview der Financial Times Deutschland am 8. 12. 2004). Warum sollte der durchschnittliche Konsument verunsichert sein? Die Fakten liegen klar auf dem Tisch. Die Kaufkraft der privaten Haushalte ist 8 Jahre lang nicht gestiegen und niemand &ndash; au&szlig;er den Gewerkschaften &ndash; will, dass sie in den n&auml;chsten Jahren steigen wird. Da aber jeder wei&szlig;, dass die Gewerkschaften sich in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit gegen die Arbeitgeber, gegen die Regierung und gegen die Zentralbanken nicht durchsetzen k&ouml;nnen, kann sich auch jeder ausrechnen, was er sich in den n&auml;chsten Jahren zus&auml;tzlich leisten kann: Exakt nichts. <\/p><p>Also wird im Binnenmarkt alles so bleiben, wie es ist. Stagnation im besten Fall. Alle, die eine leichte Belebung beim Konsum vorhersagen, wie etwa der Sachverst&auml;ndigenrat, widerlegen mit ihrer Vorhersage ihre eigenen wirtschaftspolitischen Empfehlungen. Der Sachverst&auml;ndigenrat etwa unterstellt in seiner Prognose, dass die Arbeitnehmerentgelte 2005 um 1 % nominal steigen, w&auml;hrend sie in 2003 und 2004 nur um 0,2 % gestiegen sind. Schaut man die aktuelle Entwicklung bei den Tarifl&ouml;hnen an, gibt es daf&uuml;r keine Begr&uuml;ndung, nimmt man hinzu, dass die Effektivl&ouml;hne weit unter den Tarifl&ouml;hnen bleiben werden, ist es wiederum nichts anderes als eine glatte Fehlprognose. <\/p><p>Folglich ist der Zyklus tot. Da m&ouml;gen die Konjunkturbeobachter jede kleinste Zacke bei irgendeinem Indikator als Aufschwung deuten, das, was man einst unter dem positiven Teil des Konjunkturzyklus verstand, lange Aufschw&uuml;nge, in denen die Arbeitslosigkeit sank und die Einkommen noch kr&auml;ftiger als sonst stiegen, gibt es nicht mehr. Deutschland wird in Stagnation verharren, wenn nicht gar die unvermeidliche Aufwertung des US Dollar einen Absturz bringt. Der schlagende Beweis daf&uuml;r war die verpasste Chance des Exportimpulses im vergangenen Jahr. Wen eine solche Geldspritze &ndash; f&uuml;r die Unternehmen &ndash; nicht zum Leben erweckt, den weckt keiner mehr. <\/p><p>Und was lernen wir daraus? Wer einmal auf der schiefen Bahn ist, kommt nicht mehr leicht herunter. Selbst eine totale finanz- und geldpolitische Kehrtwendung w&uuml;rde heute nichts bringen, wenn sie nicht begleitet ist von einer Wende bei der Lohnpolitik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck, WuM, Januar 2005<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[30],"tags":[290,499,319,402],"class_list":["post-154","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-handelsbilanz","tag-lohnentwicklung","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=154"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49763,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154\/revisions\/49763"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}