{"id":154011,"date":"2026-07-22T10:00:03","date_gmt":"2026-07-22T08:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154011"},"modified":"2026-07-22T13:25:34","modified_gmt":"2026-07-22T11:25:34","slug":"durch-fehleinschaetzungen-und-eskalation-waechst-die-gefahr-eines-krieges-mit-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154011","title":{"rendered":"Durch Fehleinsch\u00e4tzungen und Eskalation w\u00e4chst die Gefahr eines Krieges mit Russland"},"content":{"rendered":"<p>Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt &auml;u&szlig;erte in einem Interview im Mai 2014: &laquo;Zurzeit gibt es leider niemanden, der konstruktive Vorschl&auml;ge zur Zukunft der Ukraine vorbringt.&raquo; Und weiter: &laquo;Ich halte nichts davon, einen dritten Weltkrieg herbeizureden, erst recht nicht von Forderungen nach mehr Geld f&uuml;r R&uuml;stung der NATO. Aber die Gefahr, dass sich die Situation versch&auml;rft wie im August 1914, w&auml;chst von Tag zu Tag.&raquo; Worte von best&uuml;rzender Aktualit&auml;t. Von General a.D. <strong>Harald Kujat<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie gleiche Sorge brachte der amerikanische &Ouml;konom und ehemalige Wirtschaftsberater beim Aufbau osteurop&auml;ischer Marktwirtschaften, Jeffrey Sachs, in zwei Offenen Briefen zum Ausdruck. Sachs forderte den Bundeskanzler auf, &laquo;den offenen Krieg mit Russland zu verhindern&raquo;, denn, &laquo;wenn wir vom Abgrund des Krieges wegwollen, m&uuml;ssen wir ehrlich sein&raquo;. In seinen Briefen hat Sachs konkrete Vers&auml;umnisse der deutschen Au&szlig;enpolitik seit der Wiedervereinigung dargelegt. Dieses Prinzip der absichtsvollen Blindheit, des &laquo;Nicht-H&ouml;rens&raquo; und &laquo;Nicht-Sehen-Wollens&raquo; und &laquo;Nicht-Bedenken-Wollens&raquo; m&uuml;sse &uuml;berwunden werden.<\/p><p>Weder zum Zeitpunkt des Vorsto&szlig;es der russischen Streitkr&auml;fte auf Kiew im Februar 2022 noch danach ist von Seiten der Vereinigten Staaten und schon gar nicht von den EU-Staaten und Gro&szlig;britannien ein ernsthafter Versuch unternommen worden, den Krieg zu verhindern noch den Krieg durch einen Verhandlungsfrieden zu beenden. Im Gegenteil, der Krieg ist politisch, finanziell und materiell unterst&uuml;tzt und auf inzwischen mehr als viereinhalb Jahre verl&auml;ngert worden. Die von Jeffrey Sachs beschriebenen Vers&auml;umnisse wirken bis heute in der aktuellen Au&szlig;enpolitik als Fehleinsch&auml;tzungen fort.<\/p><p><strong>Die Ukraine versuchte von Anfang an, NATO-Staaten in den Krieg zu ziehen<\/strong><\/p><p>Im Mai 2024 griff die Ukraine die Woronesch-Radarstationen bei Armavir und Orsk des interkontinental-strategischen Fr&uuml;hwarnsystems Russlands, im Juni 2025 die St&uuml;tzpunkte der interkontinentalstrategischen Bomberflotte in Olenja, Belaja, Djagilewo und Iwanowo-Sewerny an. Die Angriffe waren ohne jede Bedeutung f&uuml;r die Verteidigung der Ukraine und den Verlauf des Krieges: Diese Systeme dienen ausschlie&szlig;lich der nuklearstrategischen Abschreckung Russlands. Die Ukraine hat mit ihren Angriffen vors&auml;tzlich das Risiko einer Fehlkalkulation und eine nukleare Eskalation der beiden nuklearen Superm&auml;chte mit unabsehbaren Folgen in Kauf genommen. Ebenso wie beim Vorsto&szlig; auf das russische Kernkraftwerk Kursk im August 2024 war es das Ziel der Ukraine, den Krieg auf eine strategische Ebene zu eskalieren, um die NATO an ihrer Seite gegen Russland einzubinden.<\/p><p>Insbesondere der Angriff auf die strategische Bomberflotte (Operation &laquo;Spinnennetz&raquo;) wurde von westlichen Medien als beispiellos, k&uuml;hn, genial oder als &laquo;Game Changer&raquo; gewertet, w&auml;hrend das Eskalationspotential und die daraus erwachsenden Gefahren weit &uuml;ber den Ukraine-Krieg hinaus nur vereinzelt thematisiert wurden. Die russische Nukleardoktrin bezeichnet &laquo;Handlungen eines Gegners gegen besonders wichtige staatliche oder milit&auml;rische Einrichtungen der Russischen F&ouml;deration, deren Ausfall die Reaktionsma&szlig;nahmen der Nuklearstreitkr&auml;fte vereiteln w&uuml;rde&raquo;, als eine Bedingung f&uuml;r den Nuklearwaffeneinsatz. Im russischen Verst&auml;ndnis geh&ouml;ren zu den &laquo;wichtigen milit&auml;rischen Einrichtungen&raquo; vor allem F&uuml;hrungs- und Kommandozentralen, Fr&uuml;hwarnsysteme und strategische Nuklearkr&auml;fte.<\/p><p>Ein Beispiel f&uuml;r weitere Versuche, den Ukraine-Krieg zu einem gesamteurop&auml;ischen Krieg auszuweiten, hat der ehemalige polnische Pr&auml;sident Andrzej Duda am 3. September 2025 in einem Interview mit dem polnischen Magazin &laquo;Do Rzeczy&raquo; geschildert. Am 15. November 2022 schlug eine ukrainische Patriot-Rakete auf polnischem Boden ein, die vom Kurs abgekommen war. Auf die Frage, ob man sagen k&ouml;nne, dass Selenskyj Druck ausge&uuml;bt hat, damit Polen sofort erkl&auml;rt, es handle sich um eine russische Rakete, antwortete Duda: &laquo;Das kann man so sagen.&raquo; Und auf die weitere Frage, ob er das als Versuch gesehen habe, Polen in den Krieg hineinzuziehen, best&auml;tigte dies der ehemalige polnische Pr&auml;sident: &laquo;So habe ich es wahrgenommen.&raquo; Er fuhr fort: &laquo;Sie versuchen von Anfang an, alle in den Krieg hineinzuziehen. Das ist offensichtlich, es liegt in ihrem Interesse, und am besten w&auml;re es, wenn es ihnen gelingt, NATO-Staaten in den Krieg zu ziehen. Es ist offensichtlich, dass sie nach denen suchen, die aktiv an ihrer Seite gegen die Russen k&auml;mpfen w&uuml;rden. Das geschieht seit dem ersten Tag.&raquo;<\/p><p><strong>Die Bundesregierung unterst&uuml;tzt trotz alledem Bem&uuml;hungen, den f&uuml;r die Aufnahme der Ukraine in die Nordatlantische Allianz notwendigen Konsens bei den Mitgliedstaaten aufzubauen<\/strong><\/p><p>Ein europ&auml;ischer Staat, der Mitglied der Nordatlantischen Allianz werden will, muss von allen Mitgliedstaaten dazu im Konsens eingeladen werden. Voraussetzung f&uuml;r die Mitgliedschaft und damit auch, dass ein Konsens zustande kommt, ist allerdings, ob dieser Staat daf&uuml;r qualifiziert ist. F&uuml;r einen NATO-Betritt erf&uuml;llt die Ukraine weder die Voraussetzungen noch gibt es einen Konsens, sie dazu einzuladen. Die USA haben die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine sogar ausdr&uuml;cklich ausgeschlossen.<\/p><p>Die im Washingtoner Vertrag geforderte demokratische, rechtsstaatliche Staatsordnung mit freien und gleichen Wahlen, dem Schutz der Menschenrechte und Minderheitenrechte sowie eine zivile, parlamentarische Kontrolle der Streitkr&auml;fte weisen gravierende Defizite auf. Vor allem der Schutz der Menschen- und Minderheitenrechte sowie die auf allen staatlichen Ebenen grassierende Korruption sind mit der Werteordnung der Allianz unvereinbar.<\/p><p>Ein weiterer Ausschlussgrund ist die Forderung, dass der neue Mitgliedstaat die Sicherheit aller Mitgliedstaaten erh&ouml;hen muss. Dies ist nur dann der Fall, wenn der Beitrittskandidat ein stabiles, konfliktfreies Verh&auml;ltnis zu seinen Nachbarstaaten aufrechterh&auml;lt und insbesondere keine territorialen Streitpunkte und Minderheitenprobleme bestehen. Die Allianz darf kein potenzielles Kriegsrisiko importieren und damit die Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten gef&auml;hrden. Deshalb gilt heute mehr denn je, was Henry Kissinger 2014 in einem Namensartikel schrieb: &laquo;Wenn die Ukraine &uuml;berleben und gedeihen soll, darf sie nicht der Vorposten der einen Seite gegen die andere sein &ndash; sie sollte als Br&uuml;cke zwischen beiden Seiten fungieren.&raquo; Und das in einer europ&auml;ischen Sicherheits- und Friedensordnung, in der die Ukraine und Russland einen Platz haben.<\/p><p><strong>Die Neutralit&auml;t ist in der ukrainischen Verfassung festgeschrieben<\/strong><\/p><p>Im &Uuml;brigen stehen dem Beitritt zur Allianz die konstitutiven, in der Verfassung verankerten Grundlagen des ukrainischen Staates entgegen. Das ukrainische Parlament nahm 1996 die heutige Verfassung auf der Grundlage der Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung vom 19. August 1991 an, der kurz danach &uuml;ber 90 Prozent der Bev&ouml;lkerung in einem Referendum zustimmten. Die Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung beruhte auf der Souver&auml;nit&auml;tserkl&auml;rung vom 16. Juli 1990 des damaligen Parlaments, in der es hei&szlig;t: &laquo;Die Ukraine erkl&auml;rt feierlich ihre Absicht, sich als Staat der st&auml;ndigen Neutralit&auml;t nicht an Milit&auml;rbl&ouml;cken zu beteiligen und sich an die drei Grunds&auml;tze der Nichtverbreitung von Kernwaffen zu halten: keine Kernwaffen zu erhalten, herzustellen oder zu erwerben.&raquo;<\/p><p>Am 21. Februar 2019 wurde die ukrainische Verfassung jedoch dahingehend ge&auml;ndert, dass der Pr&auml;sident und die Regierung als &laquo;Garant(en) der Umsetzung des strategischen Kurses des Staates zur Erlangung der Vollmitgliedschaft der Ukraine in der Europ&auml;ischen Union und der Nordatlantikvertrags-Organisation&raquo; verpflichtet wurden. Auch die Pr&auml;ambel wurde erg&auml;nzt: &laquo;&hellip; die europ&auml;ische Identit&auml;t des ukrainischen Volkes best&auml;tigend und die Irreversibilit&auml;t des europ&auml;ischen und euro-atlantischen Kurses der Ukraine bekr&auml;ftigend &hellip;&raquo;. Diese 2019 eingef&uuml;gten Erg&auml;nzungen stehen im Gegensatz zu den konstitutiven Grundlagen des Staatsaufbaus der Ukraine, die nach wie vor Bestandteil der Verfassung sind, und k&ouml;nnen diese nicht aufheben.<\/p><p>Die Mitgliedstaaten der NATO haben bereits 2008 in ihrer Bukarester Gipfelerkl&auml;rung ihre Missachtung der ukrainischen Verfassung zum Ausdruck gebracht, indem sie der Ukraine eine NATO-Perspektive zusagten. In der gegenw&auml;rtigen Situation bedeutet das Festhalten an einem NATO-Beitritt als Vorbedingung f&uuml;r Friedensverhandlungen deren Verhinderung und die Fortsetzung des Krieges bis zu einer milit&auml;rischen Niederlage der Ukraine. Allerdings wurde eine m&ouml;gliche NATO-Mitgliedschaft in der NATO-Gipfelerkl&auml;rung vom 8. Juni 2026 nicht mehr erw&auml;hnt. In der Erkl&auml;rung hei&szlig;t es jedoch in einer bemerkenswerten Realit&auml;tsverweigerung, die Ukraine tr&uuml;ge zur transatlantischen Sicherheit bei.<\/p><p><strong>Befindet sich Deutschland in einem hybriden Krieg mit Russland?<\/strong><\/p><p>&Auml;u&szlig;erungen deutscher und europ&auml;ischer Politiker und die Berichterstattung der Medien vermitteln den Eindruck einer immer st&auml;rker werdenden mentalen Einstimmung der &Ouml;ffentlichkeit auf einen bevorstehenden Krieg mit Russland. Er wird als angeblich unausweichlich dargestellt. Ein deutscher Politiker hat schon vor einiger Zeit betont, dass &laquo;Russland immer unser Feind bleiben wird&raquo;. Der polnische Ministerpr&auml;sident Tusk ging noch einen Schritt weiter: &laquo;Es herrscht Krieg, und es ist auch unser Krieg&raquo;, sagte er vor einiger Zeit auf einem Sicherheitsforum in Warschau. Dass &laquo;Putin einen hybriden Krieg gegen Deutschland f&uuml;hrt&raquo;, ist inzwischen zu einer st&auml;ndigen Redewendung geworden. &Auml;hnlich wie die Behauptung, wir bef&auml;nden uns &laquo;noch nicht im Krieg, es sei aber auch nicht mehr Frieden&raquo;.<\/p><p>In einem hybriden Krieg werden die milit&auml;rischen Kampfhandlungen durch andere Ma&szlig;nahmen wie Desinformation, wirtschaftliche Sanktionen oder auch Cyberattacken erg&auml;nzt. W&auml;ren wir in einem hybriden Krieg mit Russland, st&uuml;nden sich bereits deutsche und russische Streitkr&auml;fte auf dem Gefechtsfeld gegen&uuml;ber. Gemeint sind asymmetrische Aktivit&auml;ten, deren Ursprung nicht zweifelsfrei gekl&auml;rt ist.<\/p><p>Von Russland wird die Unterst&uuml;tzung der Ukraine durch den Westen als Kriegsbeteiligung gewertet. Der Westen finanziert den Krieg, liefert leistungsf&auml;hige Waffensysteme und erm&ouml;glicht durch Aufkl&auml;rung und Echtzeit-Zieldaten, dass die Ukraine strategische Ziele in Russland angreifen kann. Rechtlich ist die westliche Unterst&uuml;tzung eine Grauzone, politisch jedoch hochbrisant. Wenn Aufkl&auml;rungs- und Zielinformationen, die KI-gest&uuml;tzte Zusammenf&uuml;hrung und Analyse von Daten ebenso wie westliche Systemkomponenten entscheidend sind, um Angriffe erfolgreich auszuf&uuml;hren, beziehungsweise Angriffe ohne diese Informationen und Komponenten nicht durchgef&uuml;hrt werden k&ouml;nnten, kann dies als v&ouml;lkerrechtlich relevante, unmittelbare Beteiligung an Kampfhandlungen gewertet werden.<\/p><p>Der russische Au&szlig;enminister Lawrow hat die milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung der Ukraine als einen de facto vom Westen gef&uuml;hrten Krieg gegen Russland bezeichnet. K&uuml;rzlich hat er sogar behauptet, die NATO und die Europ&auml;ische Union h&auml;tten Russland den Krieg erkl&auml;rt und benutzten die Ukraine als Vollstrecker. Zu diesen &Auml;u&szlig;erungen geben auch Forderungen wie diese Anlass: &laquo;Wir brauchen Waffensysteme, die weit in die Tiefe des russischen Raumes reichen, die angreifen k&ouml;nnen: Depots, F&uuml;hrungseinrichtungen, Flugpl&auml;tze, Flugzeuge.&raquo;<\/p><p><strong>Verf&uuml;gt Russland 2029 &uuml;ber die F&auml;higkeit, den Westen, Europa und die NATO anzugreifen, und ist das auch seine Absicht?<\/strong><\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr 2025 warnte ein Milit&auml;rhistoriker, der Sommer k&ouml;nne &laquo;m&ouml;glicherweise der letzte Sommer im Frieden&raquo; beziehungsweise &laquo;der letzte Friedenssommer&raquo; f&uuml;r Deutschland sein. Andere Experten halten einen russischen Angriff bereits im Jahr 2028 oder sogar &laquo;morgen&raquo; f&uuml;r m&ouml;glich. Die Bundesregierung geht offiziell davon aus, dass Russland 2029 in der Lage sein k&ouml;nnte, einen Angriff auf NATO-Gebiet zu wagen.<\/p><p><strong>Will Russland tats&auml;chlich Krieg mit Europa?<\/strong><\/p><p>Die amerikanischen Nachrichtendienste gelangten in den letzten Jahren zu einer anderen Einsch&auml;tzung. Bereits in ihrer Bedrohungsanalyse von 2024 stellten sie fest: &laquo;Russland will mit ziemlicher Sicherheit keinen direkten milit&auml;rischen Konflikt mit den Streitkr&auml;ften der USA und der NATO und wird seine asymmetrischen Aktivit&auml;ten unterhalb der Schwelle eines milit&auml;rischen Konflikts weltweit fortsetzen.&raquo; Diese Bewertung wurde im M&auml;rz 2025 best&auml;tigt. Danach werde Russland &laquo;versuchen, unterhalb der Ebene eines bewaffneten Konflikts zu konkurrieren und M&ouml;glichkeiten zur F&ouml;rderung russischer Interessen zu schaffen&raquo;.<\/p><p>Die amerikanische Regierung geht davon aus, dass Russland f&uuml;r die Rekonstitution und den weiteren Aufwuchs seiner Landstreitkr&auml;fte bis zu 10 Jahre ben&ouml;tigen d&uuml;rfte. Dieser Zeitraum entspricht den Erfahrungen aus fr&uuml;heren umfassenden Streitkr&auml;ftereformen. Die Bedrohungsanalyse der US-Nachrichtendienste vom M&auml;rz 2026 formuliert zur&uuml;ckhaltend, Russland werde &laquo;wahrscheinlich weiterhin weltweit selektiv den USA und deren Partnern mit seinem gesamten Spektrum an F&auml;higkeiten entgegentreten, wo es Chancen sieht, sich einen Vorteil zu verschaffen, was auf die langj&auml;hrige russische Einsch&auml;tzung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist, dass die USA eine seit langem bestehende erhebliche Bedrohung seiner Interessen darstellen&raquo;.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, weshalb die deutsche Politik die strategischen F&auml;higkeiten und politischen Absichten Russlands anders bewertet als die Vereinigten Staaten. Dies gilt umso mehr, als die amerikanischen Lagebeurteilungen aufgrund der umfassenden Aufkl&auml;rungsf&auml;higkeiten der USA mit einem erheblichen Gewicht in die Bedrohungsanalysen der NATO einflie&szlig;en. Die Behauptung, der Zeithorizont 2029 sei keine deutsche Zeitplanung, sondern eine gemeinsame nachrichtendienstliche Bewertung der NATO, wird von der NATO bestritten. Der Strategic Commander Operations (SACEUR), US-General Alexus G. Grynkewich, erkl&auml;rte, er habe die vorliegenden Geheimdienstinformationen sehr genau verfolgt: &laquo;Russland sucht keinen Konflikt mit der NATO.&raquo;<\/p><p><strong>Russland hatte kaum ein Interesse, die gesamte Ukraine zu erobern<\/strong><\/p><p>Die deutsche Bedrohungsperzeption st&uuml;tzt sich vor allem auf die Annahme, der russische Angriff auf die Ukraine belege die grunds&auml;tzliche Absicht Moskaus, nach der Ukraine auch NATO-Staaten anzugreifen, um imperial-politische Ziele bis hin zur Wiederherstellung eines russischen Einflussbereichs im Raum der ehemaligen Sowjetunion zu verwirklichen.<\/p><p>Diese Schlussfolgerung ist jedoch nicht zwingend. Vieles spricht daf&uuml;r, dass das urspr&uuml;ngliche Ziel der russischen Invasion vom 24. Februar 2022 nicht die vollst&auml;ndige Eroberung und dauerhafte Besetzung der Ukraine war, sondern der rasche Sturz der ukrainischen Regierung, die durch eine russlandfreundliche F&uuml;hrung ersetzt werden sollte. Pr&auml;sident Selenskyj hat selbst erkl&auml;rt, dass der ehemalige Oppositionspolitiker Wiktor Medwedtschuk von Russland als Nachfolger vorgesehen gewesen war und er wenige Tage nach Beginn des russischen Angriffs ultimativ zum R&uuml;cktritt aufgefordert wurde.<\/p><p>Auch die anf&auml;ngliche russische Operationsf&uuml;hrung und der Einsatz von etwa 170.000 Soldaten gegen zahlenm&auml;&szlig;ig st&auml;rkere ukrainische Streitkr&auml;fte, die seit 2014 umfassend durch westliche Staaten ausgebildet und modernisiert worden waren, m&uuml;ssen als Hinweis darauf gewertet werden, dass eine vollst&auml;ndige Eroberung der Ukraine nicht beabsichtigt war. Hinzu kommt, dass eine jahrelange Besetzung der gesamten Ukraine einen au&szlig;erordentlich hohen personellen, wirtschaftlichen und finanziellen Aufwand erfordern w&uuml;rde. Die sowjetischen Erfahrungen mit langfristigen Besatzungen d&uuml;rften der russischen F&uuml;hrung die erheblichen Belastungen einer solchen Strategie deutlich vor Augen gef&uuml;hrt haben.<\/p><p>Nach der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion 1991 suchte Russland zun&auml;chst die politische und milit&auml;rische Ann&auml;herung an die NATO. Ziel war die Schaffung einer sicherheitspolitischen Pufferzone &ndash; eines &laquo;Cordon sanitaire&raquo; &ndash; zwischen Russland und dem B&uuml;ndnis. Krisen und Konflikte sollten unter Ber&uuml;cksichtigung der Sicherheitsinteressen beider Seiten gemeinsam bew&auml;ltigt werden, um eine direkte Konfrontation zu vermeiden. Diese Phase war gepr&auml;gt vom Grundlagenvertrag zwischen der NATO und Russland von 1997, in dem die Beteiligten ein Verfahren zur gemeinsamen Konfliktbew&auml;ltigung vereinbarten, sowie von einer engen politischen Abstimmung und konstruktiven milit&auml;rischen Zusammenarbeit. Vor diesem Hintergrund erkl&auml;rte Pr&auml;sident Putin im Jahr 2000 sogar, Russland k&ouml;nne sich grunds&auml;tzlich eine NATO-Mitgliedschaft vorstellen.<\/p><p>Der grundlegende Dissens blieb jedoch bestehen. Er betraf vor allem die m&ouml;gliche NATO-Mitgliedschaft der Ukraine sowie die politische Zukunft des Donbas. Das Minsker Abkommen II von 2015 sah hierf&uuml;r eine Autonomieregelung innerhalb der Ukraine vor, deren Umsetzung jedoch scheiterte, weil die ukrainische Regierung die entsprechende Verfassungs&auml;nderung nicht wie vereinbart vollzog.<\/p><p>Dass Russland seit Mitte der 1990er-Jahre vorrangig das Ziel verfolgte, gegen&uuml;ber der NATO einen sicherheitspolitischen Pufferraum zu schaffen, ist nur schwer mit der Annahme vereinbar, Russland strebe die Eroberung der gesamten Ukraine oder gar einen Angriff auf das B&uuml;ndnis an. Auch die Umstellung der russischen Wirtschaft auf Kriegsproduktion sowie die erhebliche Steigerung der Produktion konventioneller Waffensysteme w&auml;hrend des Krieges belegen f&uuml;r sich genommen weder die Absicht noch die F&auml;higkeit, innerhalb weniger Jahre einen erfolgreichen gro&szlig;angelegten Eroberungskrieg gegen die NATO zu f&uuml;hren.<\/p><p>Zu den von einigen NATO-Staaten und insbesondere von der Bundesregierung als Indikatoren f&uuml;r russische Angriffsvorbereitungen gewerteten Ma&szlig;nahmen z&auml;hlen die Vergr&ouml;&szlig;erung der russischen Streitkr&auml;fte auf 1,5 Millionen Soldaten, die Verst&auml;rkung der westlichen Milit&auml;rbezirke sowie gegen&uuml;ber Finnland und den baltischen Staaten, der Ausbau der milit&auml;rischen Infrastruktur im Nordwesten und die Modernisierung von Depots, Flugpl&auml;tzen und Kommandostrukturen.<\/p><p>Russland leugnet, den Westen zu bedrohen, und argumentiert, es sei der Westen, der Russland durch seine Aufr&uuml;stung bedrohe und die Notwendigkeit f&uuml;r eigene Verteidigungsvorbereitungen schaffe, welche dann als Rechtfertigung f&uuml;r die aggressive Politik des Westens gegen Russland dienten. Es handelt sich also um eine klassische Eskalation, die durch das Versagen des Krisenmanagements entsteht. Der 1997 zwischen der NATO und Russland vereinbarte Mechanismus, der die gemeinsame friedliche Beilegung von Krisen und Konflikten erm&ouml;glichen und der eine Gefahrenlage wie die heutige verhindern sollte, wurde von der NATO nach der russischen Annexion der Krim suspendiert.<\/p><p><strong>In einem R&uuml;stungswettlauf gibt es keine Sieger<\/strong><\/p><p>Es war die NATO-Doppelstrategie &laquo;Sicherheit und Entspannung&raquo; der 70er- und 80er-Jahre, die Europa lange Zeit Sicherheit und Frieden brachte. Ein R&uuml;stungswettlauf versch&auml;rft dagegen eine ohnehin angespannte Lage durch wechselseitige Bedrohungsperzeptionen und Fehleinsch&auml;tzungen. Ein R&uuml;stungswettlauf kennt keine Sieger, sondern ist der k&uuml;rzeste Weg zum Krieg.<\/p><p>Ein Beispiel f&uuml;r eine derartige Entwicklung ist Trumps Ank&uuml;ndigung Ende Oktober 2025, sein Land sei gezwungen, Atomwaffentests wieder aufzunehmen, nachdem Russland erfolgreiche Tests des Torpedos &laquo;Poseidon&raquo; mit einer Reichweite von mehr als 10.000 Kilometern und des Marschflugk&ouml;rpers &laquo;Burewestnik&raquo; mit einer praktisch unbegrenzten Reichweite best&auml;tigt hatte. Beide Waffensysteme verf&uuml;gen &uuml;ber einen nuklearen Antrieb durch einen Miniatur-Kernreaktor und k&ouml;nnen mit einem nuklearen Gefechtskopf ausger&uuml;stet werden. Sie sollen das interkontinentalstrategische Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten und eine gesicherte nukleare Zweitschlagf&auml;higkeit Russlands garantieren. Da Russland die neuen Waffensysteme ohne atomare Gefechtsk&ouml;pfe getestet hat, fehlt der Ank&uuml;ndigung des US-Pr&auml;sidenten die Grundlage. Bisher haben die USA noch keine Tests durchgef&uuml;hrt. K&auml;me es allerdings tats&auml;chlich zu neuen Atomwaffentests, w&uuml;rde dies nach mehr als 30 Jahren eine Erosion der internationalen Abr&uuml;stungs- und Nichtverbreitungsordnung markieren und w&auml;re in der Tat eine R&uuml;ckkehr in finstere Zeiten. Denn seit dem letzten Nukleartest der USA 1992 gilt ein faktisches Testmoratorium der f&uuml;nf Atomm&auml;chte USA, Russland, China, Frankreich und Gro&szlig;britannien. Zudem verbietet der &laquo;Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treat&raquo; (CTBT) von 1996 nukleare Tests. Allerdings ist er bisher nicht in Kraft getreten.<\/p><p>In jedem Fall ist die Diskussion &uuml;ber neue Atomwaffentests ein Beispiel daf&uuml;r, an welche Abgr&uuml;nde die Welt ganz schnell geraten kann. Die Bundesregierung h&auml;tte dazu Stellung nehmen m&uuml;ssen. Beispielsweise mit dem Vorschlag, Vereinbarungen &uuml;ber gegenseitige Inspektionen von Nuklearsystemen zur Gew&auml;hrleistung von Sicherheit und Zuverl&auml;ssigkeit als vertrauensbildende Ma&szlig;nahmen abzuschlie&szlig;en. Es muss sichergestellt werden, dass Atomtests unterirdisch, an der Oberfl&auml;che oder in der Luft weiterhin verboten bleiben. Andernfalls beginnt ein neues bedrohliches Wettr&uuml;sten.<\/p><p><strong>Die USA haben Abr&uuml;stungsvertr&auml;ge mit Russland aufgek&uuml;ndigt<\/strong><\/p><p>Neben dem Vertrag &uuml;ber die Nichtverbreitung von Kernwaffen, dem Biowaffenabkommen und dem Chemiewaffen&uuml;bereinkommen sind praktisch alle R&uuml;stungskontroll- und Abr&uuml;stungsvertr&auml;ge gek&uuml;ndigt, ausgesetzt oder ausgelaufen. Dazu geh&ouml;ren der 2002 von den USA gek&uuml;ndigte ABM-Vertrag &uuml;ber die Abwehr ballistischer Raketen, der f&uuml;r die Sicherheit Europas so wichtige INF-Vertrag &uuml;ber eurostrategische Nuklearwaffen, der 2019 ebenfalls von den USA gek&uuml;ndigt wurde. Auch der f&uuml;r Transparenz und Vertrauensbildung bedeutsame Vertrag &uuml;ber den offenen Himmel wurde 2020 von den USA und ein Jahr sp&auml;ter von Russland gek&uuml;ndigt. Das New-START-Abkommen &uuml;ber die Begrenzung interkontinental-strategischer, nuklearer Angriffswaffen lief am 5. Februar 2026 aus.<\/p><p>R&uuml;stungskontroll- und Abr&uuml;stungsvertr&auml;ge waren ein wesentliches Element der NATO-Doppelstrategie &laquo;Sicherheit und Entspannung&raquo;. Sie haben seit Anfang der 70er-Jahre einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Ost-West-Verh&auml;ltnisses geleistet. Die K&uuml;ndigung des ABM-Vertrages, der 1972 komplement&auml;r zum SALT-Vertrag &uuml;ber die Begrenzung nuklearstrategischer Angriffssysteme abgeschlossen wurde, interpretierte die russische F&uuml;hrung als Absicht der USA, das nuklearstrategische Gleichgewicht durch die Verringerung der Verwundbarkeit ihrer Offensivwaffen zu ihren Gunsten zu &auml;ndern. Als Gegengewicht wurde von Russland insbesondere der Marschflugk&ouml;rper &laquo;Burewestnik&raquo; entwickelt, mit dem Russland das Ziel verfolgt, strategische Raketenabwehrsysteme der USA zu durchdringen.<\/p><p><strong>Ein offener Krieg mit Russland muss verhindert werden<\/strong><\/p><p>Die derzeitige Entwicklung bedeutet, dass ein gro&szlig;er europ&auml;ischer Krieg nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Vielmehr ist das Risiko permanent gestiegen, dass aus dem Krieg in der Ukraine ein Krieg um die Ukraine entsteht. Dazu hat auch das alternativlose finanzielle und materielle Engagement der NATO-Staaten sowie vor allem die operative Unterst&uuml;tzung der ukrainischen Streitkr&auml;fte in der Operationsplanung, Aufkl&auml;rung und Zielbek&auml;mpfung beigetragen. Weil er das Risiko sah, dass die Lieferung weitreichender Waffensysteme es der Ukraine erm&ouml;glichen w&uuml;rde, strategische Ziele in der Tiefe Russlands anzugreifen, hatte bereits der ehemalige amerikanische Pr&auml;sident Biden zur Zur&uuml;ckhaltung gemahnt und wiederholt ge&auml;u&szlig;ert, er beabsichtige, einen dritten Weltkrieg zu vermeiden.<\/p><p>Ein Krieg zwischen Russland und NATO w&auml;re ein anderer als der Ukraine-Krieg, einer Mischung aus Grabenk&auml;mpfen des Ersten Weltkriegs und einem Bewegungskrieg des Zweiten Weltkriegs. Russlands milit&auml;rische F&auml;higkeiten zu regionaler und globaler Machtprojektion wurden durch den Ukraine-Krieg nicht beeintr&auml;chtigt. Die Luft- und Seestreitkr&auml;fte sind uneingeschr&auml;nkt einsatzf&auml;hig und teilweise sogar wesentlich moderner und leistungsf&auml;higer als zuvor. Weitreichende Pr&auml;zisionsangriffssysteme, einschlie&szlig;lich verschiedener Hyperschallwaffen, und Raketen mit unabh&auml;ngig steuerbaren Gefechtsk&ouml;pfen, stellen ein &uuml;berlegenes Potential f&uuml;r eine Kriegsf&uuml;hrung &uuml;ber gro&szlig;e Distanzen dar. Andererseits verleiht die enorme St&auml;rke der amerikanischen Luft- und Seestreitkr&auml;fte mit der F&auml;higkeit, einen Mehrfrontenkrieg zu f&uuml;hren, der NATO eine enorme Schlagkraft. Insgesamt ist die NATO Russland konventionell &uuml;berlegen. Die USA k&ouml;nnten die europ&auml;ischen Landstreitkr&auml;fte allerdings erst nach einem monatelangen Vorlauf verst&auml;rken, wenn die russischen U-Boote bereits im Nordatlantik in Stellung sind. Deshalb ist es nicht sicher, dass amerikanische Verst&auml;rkungen den Ausgang eines konventionellen europ&auml;ischen Krieges, wie er gegenw&auml;rtig diskutiert wird, entscheiden w&uuml;rden. Wenn jedoch keine Seite &uuml;ber die F&auml;higkeit verf&uuml;gt, einen schnellen Sieg zu erringen, besteht die Gefahr des Ersteinsatzes von Nuklearwaffen durch eine der Kriegsparteien, um eine Entscheidung zu erzwingen.<\/p><p><strong>Kann Russland den Krieg milit&auml;risch nicht gewinnen?<\/strong><\/p><p>Die Erfolgsmeldungen der Ukraine &uuml;ber ihre Angriffe mit weitreichenden Drohnen auf die russische Energieversorgung sowie auf Moskau und Petersburg und die geringen Fortschritte der russischen Streitkr&auml;fte in den letzten Monaten bei der Eroberung ukrainischen Territoriums haben bei den europ&auml;ischen Partnern die Hoffnung aufkommen lassen, dass eine Wende zu Gunsten der Ukraine entstanden ist. Die G7-Staats- und Regierungschefs meinten &laquo;Fortschritte (der Ukraine) auf dem Schlachtfeld&raquo; festgestellt zu haben und dass &laquo;eine neue Dynamik entstanden ist&raquo;.<\/p><p>Die Bundesregierung erkl&auml;rte Anfang Juni sogar, Russland bef&auml;nde sich in einer Position der Schw&auml;che; damit &ouml;ffne sich ein Fenster f&uuml;r Verhandlungen. Sie wollte sich best&auml;tigen, dass Russland durch die massive Unterst&uuml;tzung der Ukraine an den Verhandlungstisch gezwungen werden k&ouml;nne. Der Bundeskanzler wiederholte in Ankara Anfang Juli auf dem NATO-Gipfel seine Einsch&auml;tzung, &laquo;Russland hat keine Chance, diesen Krieg zu gewinnen. Sie werden ihre Kriegsziele nicht erreichen.&raquo; Die Desinformationen des ukrainischen Pr&auml;sidenten fallen offenbar auf fruchtbaren Boden und l&ouml;sen immer neue finanzielle und materielle Unterst&uuml;tzungsleistungen aus.<\/p><p>Der fr&uuml;here ukrainische Oberbefehlshaber und jetzige Botschafter in Gro&szlig;britannien, Saluschnyj, widerspricht der Einsch&auml;tzung westlicher &laquo;Experten&raquo;, Russland habe den Krieg bereits verloren. Diese Sichtweise sei eine gef&auml;hrliche Fehlinterpretation und verkenne die strategische Lage. Medien und westliche Regierungen st&uuml;tzten ihren Optimismus vor allem auf taktische Erfolge, die jedoch in einem Abnutzungskrieg nur begrenzte Wirkung haben. Auch bei weitreichenden Angriffen auf Ziele im russischen Hinterland sollte man sich keinen Durchbruch erhoffen.<\/p><p>Tats&auml;chlich haben die russischen Streitkr&auml;fte in den letzten Monaten nur geringe Gel&auml;ndegewinne erzielt. Offenbar hat sich Putin nach dem Treffen mit Trump am 15. August 2025 in Anchorage Zur&uuml;ckhaltung auferlegt, um die Absprache mit Trump zu den Eckpfeilern eines Friedensabkommens nicht zu gef&auml;hrden. Beide waren &uuml;bereingekommen, dass die Donbas-Regionen Luhansk und Donezk an Russland fallen und die ukrainischen Streitkr&auml;fte sich aus den noch von ihnen gehaltenen Gebieten zur&uuml;ckziehen. Saporishshja und Cherson sollten &uuml;berwiegend bei der Ukraine bleiben. Lediglich ein kleiner Teil sollte von Russland als Landbr&uuml;cke zur Krim genutzt werden.<\/p><p>Doch nach dem G7-Treffen soll der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Macron behauptet haben, Trump sei nach den Gespr&auml;chen mit den G7-Partnern zu der Einsch&auml;tzung gelangt, Russland wolle keinen Frieden in der Ukraine. Fr&uuml;here Absprachen seien endg&uuml;ltig &laquo;beerdigt&raquo; worden. Der amerikanische Pr&auml;sident hat vor dem NATO-Gipfel Telefongespr&auml;che mit Putin und Selenskyj gef&uuml;hrt und angeboten, sich weiter f&uuml;r die Beendigung des Krieges einzusetzen. Er sei sich sicher, dass Putin den Krieg beenden wolle: &laquo;Pr&auml;sident Putin will, dass er endet. Das kann ich Ihnen sehr deutlich sagen.&raquo; Eine Einigung sei n&auml;her, als die Menschen glauben. Ob Trump im Telefongespr&auml;ch mit Putin die Absprache von Anchorage best&auml;tigt und damit die von Lawrow geforderte Klarstellung geliefert hat, ist nicht bekannt.<\/p><p>Russland setzt nun offenbar darauf, seine Ziele auf dem Gefechtsfeld zu erreichen, und hat in den letzten Wochen erhebliche Fortschritte erzielt. Obwohl das prim&auml;re Ziel die Eroberung des Donbas ist, werden &ndash; durch die j&uuml;ngsten Erfolge ermutigt &ndash; die russischen Angriffe zunehmend auf den Raum Sumy ausgeweitet, um eine Sicherheitszone zu schaffen und einen erneuten ukrainischen Angriff auf die Region Kursk zu verhindern. Auch Odessa scheint wieder in den Fokus der russischen Operationsplanung ger&uuml;ckt zu sein.<\/p><p>In diesem Zusammenhang klingen die Worte des Kreml-Sprechers Peskow, als begr&uuml;ndeten sie eine strategische Neuausrichtung der russischen Kriegsf&uuml;hrung: &laquo;Es herrscht Krieg, ein echter Krieg.&raquo; Als Begr&uuml;ndung f&uuml;hrte er an, dass die westliche milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung der Ukraine den Charakter des Konflikts ver&auml;ndert habe. Obwohl Peskow sich ebenso wie der russische Au&szlig;enminister bereits fr&uuml;her &auml;hnlich &auml;u&szlig;erte, kommt dieser Erkl&auml;rung in der gegenw&auml;rtigen Lage eine besondere Bedeutung zu. Denn die Ukraine ist nur durch die massive Unterst&uuml;tzung ihrer europ&auml;ischen Partner in der Lage, den Krieg fortzusetzen und durch Angriffe auf die Energieversorgung Druck auf Russland auszu&uuml;ben.<\/p><p><strong>Die Eskalationsdynamik muss durchbrochen werden<\/strong><\/p><p>Die G7 und die EU beschlossen im Juni in Evian die weitere Unterst&uuml;tzung der Ukraine, unter anderem auch, weitreichende Angriffswaffen zu liefern. Auf dem NATO-Gipfel am 7.\/8. Juli erhielt Selenskyj die Zusage &uuml;ber Waffen- und Ausr&uuml;stungslieferungen in H&ouml;he von 70 Milliarden Euro in diesem und im n&auml;chsten Jahr. Bei den insgesamt zugesagten 140 Milliarden Euro sind die beschlossenen 60 Milliarden der EU-Mittel enthalten; die &uuml;brigen 80 Milliarden Euro kommen aus nationalen Haushalten der NATO-Staaten. Bemerkenswert ist, dass Selenskyj keine Einladung zum NATO-Beitritt erhielt und dass weder ein konkreter Zeitplan f&uuml;r eine Mitgliedschaft genannt noch kollektive NATO-Sicherheitsgarantien nach Artikel 5 erw&auml;hnt wurden, noch die USA zus&auml;tzliche Finanzhilfen zusagten.<\/p><p>Die &laquo;Koalition der Willigen&raquo; hat am 13. Juli beschlossen, in den kommenden Monaten erstmals gemeinsame Man&ouml;ver mit den ukrainischen Streitkr&auml;ften in unmittelbar an das Kriegsgebiet grenzenden Staaten durchzuf&uuml;hren. Das ist eine vors&auml;tzliche Provokation Russlands, und die Gefahr einer direkten Konfrontation aufgrund eines technischen oder menschlichen Versagens ist gro&szlig;. Das Man&ouml;ver k&ouml;nnte sogar als Bereitstellung f&uuml;r einen Kriegseinsatz an der Seite der Ukraine missverstanden werden. Noch einen Schritt weiter ist die &laquo;Koalition der Willigen&raquo; mit dem Beschluss gegangen, gemeinsam mit der Ukraine ein System zur Abwehr russischer ballistischer Raketen aufzubauen. Pr&auml;sident Macron erl&auml;uterte den Einsatzauftrag: &laquo;Wir sch&uuml;tzen die Ukraine, st&auml;rken unsere gemeinsame Sicherheit und bauen ein Europa der Verteidigung auf.&raquo; Der Hinweis, es handele sich um ein defensives System, kann den Vorwurf nicht entkr&auml;ften, dass die beteiligten Staaten de facto zu Kriegsteilnehmern werden. Denn entscheidend ist, ob dieses System in der Ukraine zur Abwehr russischer Raketenangriffe eingesetzt wird und ob es sich um ein integriertes System handelt, das von den beteiligten Staaten operativ gemeinsam mit der Ukraine betrieben wird.<\/p><p>Zu ignorieren, dass Russland &uuml;ber die F&auml;higkeit verf&uuml;gt, durch pr&auml;zise, selektive konventionelle Angriffe Vergeltung daf&uuml;r zu &uuml;ben, dass NATO-Staaten der Ukraine spektakul&auml;re Angriffe auf das russische Kernland erm&ouml;glichen und nun auch beabsichtigen, russische Gegenangriffe abzuwehren, kann zu einem europ&auml;ischen Krieg f&uuml;hren, der den Lebensinteressen der V&ouml;lker zuwiderl&auml;uft. Die europ&auml;ischen NATO-Staaten verf&uuml;gen &uuml;ber keine ad&auml;quaten milit&auml;rischen F&auml;higkeiten &ndash; zumal eine Komponentenabschreckung in der gegenw&auml;rtigen Lage gegen&uuml;ber Russland ohnehin wirkungslos w&auml;re &ndash;, und die USA w&uuml;rden keine Gegenma&szlig;nahmen ergreifen, sondern mit Russland einen &laquo;Deal&raquo; vereinbaren, um eine Eskalation auf die interkontinentalstrategische Ebene zu verhindern.<\/p><p>Der tschechische Pr&auml;sident Petr Pavel &ndash; einer meiner Nachfolger als Vorsitzender des NATO-Milit&auml;rausschusses &ndash; hat darauf hingewiesen, dass Russland nach den Wahlen am 20. September eine Generalmobilmachung ausl&ouml;sen k&ouml;nnte. Bisher wurde nur einmal eine Teilmobilisierung durchgef&uuml;hrt. Der ver&auml;nderte Charakter des Krieges w&uuml;rde eine Generalmobilmachung rechtfertigen. Russland braucht auch neue Kr&auml;fte, um die Eroberung des Donbas zu beschleunigen und die Kampfhandlungen auf die Region Sumy sowie m&ouml;glicherweise auf die Region Odessa auszuweiten.<\/p><p>Die Zeit dr&auml;ngt. Die derzeitige Entwicklung entspricht der klassischen Eskalationslogik, die Clausewitz wie folgt definiert: &laquo;So gibt jeder dem anderen das Gesetz; es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum &Auml;u&szlig;ersten f&uuml;hren muss.&raquo; Damit es nicht zum &Auml;u&szlig;ersten kommt, ist jetzt mehr denn je die Bereitschaft der Europ&auml;er gefordert, Fehleinsch&auml;tzungen zu korrigieren und Realit&auml;tssinn, Verantwortungsbewusstsein und Vernunft walten zu lassen. In der derzeitigen Lage m&uuml;ssen Verhandlungen &uuml;ber ein Kriegsende nicht nur als Verhinderung eines gro&szlig;en europ&auml;ischen Krieges, sondern auch als Chance gesehen werden, eine milit&auml;rische Niederlage der Ukraine abzuwenden und den Fortbestand als souver&auml;ner, unabh&auml;ngiger und zukunftsf&auml;higer Staat zu sichern. Jetzt sind Pers&ouml;nlichkeiten gefragt, die &uuml;ber strategisches Urteilsverm&ouml;gen und sicherheitspolitischen Weitblick verf&uuml;gen und sich von den deutschen Interessen und dem Friedensgebot der Verfassung leiten lassen, um Wege aus der Gefahr eines gro&szlig;en europ&auml;ischen Krieges zu finden.<\/p><p><em>Dieser Text erschien <a href=\"https:\/\/zgif.ch\/2026\/07\/16\/durch-fehleinschaetzungen-und-eskalation-waechst-die-gefahr-eines-krieges-mit-russland\/\">zuerst auf &bdquo;Zeitgeschehen im Fokus&ldquo;<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Screenshot WDR Panorama<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt &auml;u&szlig;erte in einem Interview im Mai 2014: &laquo;Zurzeit gibt es leider niemanden, der konstruktive Vorschl&auml;ge zur Zukunft der Ukraine vorbringt.&raquo; Und weiter: &laquo;Ich halte nichts davon, einen dritten Weltkrieg herbeizureden, erst recht nicht von Forderungen nach mehr Geld f&uuml;r R&uuml;stung der NATO. 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