{"id":154094,"date":"2026-07-24T09:00:07","date_gmt":"2026-07-24T07:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154094"},"modified":"2026-07-24T09:22:08","modified_gmt":"2026-07-24T07:22:08","slug":"mal-eine-gute-nachricht-in-italien-gibt-es-die-strandliege-fuer-vier-euro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154094","title":{"rendered":"Mal eine gute Nachricht: In Italien gibt es die Strandliege f\u00fcr vier Euro"},"content":{"rendered":"<p>Mal etwas anderes inmitten der vielen Nachrichten zum Emp&ouml;ren, der ern&uuml;chternden Erkenntnis der B&uuml;rger, dass alles schlechter wird und dass es immer noch schlimmer geht &ndash; erfreut f&uuml;r den Moment, wenn gute Nachrichten wie Lichtblicke den Alltag erhellen. Einen solchen hatte ich jetzt, und er zeigte mir, dass es nicht viel braucht, das Leben gegen ungehemmten Ellenbogeneinsatz fairer zu machen. Ich gebe zu, ein wenig mehr Fairness allein reicht nicht f&uuml;r echte Verbesserungen. Dennoch will ich ein Beispiel aus Italien schildern, das auch etwas mit uns zu tun hat. Der Zugang zum Meer und der Aufenthalt am Strand sind ein Jedermannsrecht, theoretisch. Sehr viel Geld wird damit verdient, weil das Recht eingeschr&auml;nkt wird. Tats&auml;chlich widersteht mancher Bad-Betreiber der Gier. Wie w&auml;re es, wenn das Schule machen w&uuml;rde &ndash; und zwar in vielen Lebensbereichen? Nicht als Gnadenakt, sondern als gelebte Praxis. Ein Zwischenruf von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der Strand, das Ufer, das Meer sind f&uuml;r alle da<\/strong><\/p><p>Sommer, Sonne, Ferien. Und dann das herrlich geschwungen ausgesprochene Bella Italia. Gerade uns Deutschen wird es ganz warm ums Herz, denken wir an unsere s&uuml;dlichen Nachbarn, die Italiener &ndash; an ihre Lebensart, die so anders als unsere ist, so entspannt, so l&auml;ssig, dem Motto &bdquo;Das Leben ist sch&ouml;n&ldquo; verbunden. Ja, auch ich weilte schon &ouml;fters in Italien, in S&uuml;dtirol, am Gardasee, in St&auml;dten wie Genua, Pisa, in Rom. Sicher k&ouml;nnen Italienkenner nachempfinden, wenn ich berichte, dass mir meine Italien-Schw&auml;rmerei den Blick vernebelt und mich unkritisch sein l&auml;sst. Dabei ist Italien nicht nur &bdquo;bellissima&ldquo;, sondern auch ein Land (wie unseres) voller gemachter Probleme und Umst&auml;nde, die vielen B&uuml;rgern das Leben schwer machen. Beispiel: der eigentlich freie Zugang zum Meer und dagegen die vielfach private Bewirtschaftung der Str&auml;nde und das Missachten von Gesetzen, geduldet vom Staat, konsequent genutzt von den Profiteuren. Selbige st&ouml;rt wenig, dass nach Artikel 822 des italienischen Zivilgesetzbuches und nach Artikel 28 des Schifffahrtsgesetzes Str&auml;nde, K&uuml;sten und das Meer zum &ouml;ffentlichen Eigentum z&auml;hlen.<\/p><p>Die gute Nachricht las ich nun in Medien: In einem Strandbad im italienischen Badeort Riccione an der Adria bietet Betreiber Guerrino Ricci seine Sonnenliegen nicht wie &uuml;blich f&uuml;r horrende Preise an. Vier Euro pro Tag kostet eine, und der Sonnenschirm ist kostenlos. Der 87-J&auml;hrige f&uuml;hrt den Strandbetrieb seit 1974 und hat eine eindeutige Meinung zur Gier seiner Kollegen: &bdquo;&hellip; f&uuml;r ein bisschen Schatten darf man keine &uuml;berh&ouml;hten Preise verlangen, &hellip;&ldquo;, sagte er gegen&uuml;ber der Zeitung <em>Il Resto del Carlino<\/em>.<\/p><p>Ich finde Riccis Ma&szlig;halten gut. Italiens Meeresk&uuml;sten sind &ouml;ffentliches Eigentum und grunds&auml;tzlich f&uuml;r alle B&uuml;rger frei zug&auml;nglich. Doch die Realit&auml;t sieht anders aus: Das Recht auf Meer, Strand und Erholung wird kommerziellen Verwertungsinteressen untergeordnet. Die Preise steigen und steigen. Viele Menschen k&ouml;nnen sich Meer und Strand kaum leisten, es wird ihnen der Zugang erschwert, limitiert, sie werden gen&ouml;tigt, m&uuml;ssen zahlen &ndash; oder kein Meer. Meine Zuneigung zu Italien schw&auml;chelt. An die 3.500 Kilometer lang ist die K&uuml;ste Italiens, die sch&ouml;nsten Abschnitte sind privat, die weniger komfortablen &ouml;ffentlich. Nebenbei: Ein Strandbad zu betreiben, f&uuml;r Ordnung, Sauberkeit zu sorgen, den Lebensstil Strandbad zu pflegen, dagegen ist an und f&uuml;r sich nichts zu sagen. Und ja, gegen das Geldverdienen auch nicht. Allein das Monopol ist das Problem, das Preisgestaltungsdiktat, die Gier, die Ausgrenzung von B&uuml;rgern. Das Immer-mehr-haben-Wollen. Der Aufenthalt am Meer kann angemessen kosten dort, wo etwas angeboten wird. Doch darf eben nicht jeder Meter Strand dazu privat eingenommen werden.<\/p><p><strong>&Ouml;ffentliches Baden mit freiem Zugang ohne Geb&uuml;hr &ndash; stark eingeschr&auml;nkt<\/strong><\/p><p>Ich habe in drei Orten &ndash; in Portofino, nahe Ostia und an der Toskana-K&uuml;ste &ndash; selbst erlebt, wie sich das anf&uuml;hlt, Badegast eines &ouml;ffentlichen, kostenlosen Strandes zu sein. In Portofino war der kostenfreie &bdquo;Strand&ldquo; ein Streifen von 20 Metern Breite entlang des Ufers und mit einer L&auml;nge von 100 Metern hin zur Stra&szlig;e. Der Streifen war sehr gut besucht. In Ostia wurde den Menschen, die wohl nicht viel Geld haben, viele Senioren darunter, inmitten der privaten, teuren B&auml;der, ein abgez&auml;unter Sand-Abschnitt &uuml;berlassen, der dazu weder sanit&auml;re Einrichtungen noch M&uuml;llbeh&auml;ltnisse bot. Der Clou war das &bdquo;Strandbad&ldquo; in Rosignano Solvay in der Toskana: eine lieblose Anlage mit einer verwaisten Badebaracke und einem Meer so blau wie sonst nirgends in Italien. Dort badeten Menschen, die wussten, dass der kostenlose Strand und das Wasser im Bereich des Abflusses des Industriegebietes einer Soda-Fabrik liegen. Der Strand wird sogar beworben, dass er eine &bdquo;Karibik-Optik&ldquo; mit extrem hellem Sand und hellblauem Wasser habe. Die Optik r&uuml;hrt von den Einleitungen &hellip;<\/p><p><strong>Freier Zugang, Sonnenliege f&uuml;r vier Euro &ndash; keine Gnade, sondern Pflicht<\/strong><\/p><p>Italien ist wie Deutschland ein Land der Reichen, des Mittelstandes und der Armen. Den hierarchischen Zustand zu &auml;ndern, kommt Entscheidungstr&auml;gern und Profiteuren bislang nicht in den Sinn. Selbst im Gesetz festgeschriebene Grunds&auml;tze der Gleichheit und Fairness werden umschifft, womit ich wieder beim Urlaub bin.<\/p><p>So ist der freie Zugang zum Meer f&uuml;r jedermann zwar theoretisch garantiert, doch das Meer ist begehrt und die Str&auml;nde hervorragend privatwirtschaftlich nutzbar. Gesch&auml;ftst&uuml;chtige wie gierige Italiener langen entsprechend hin, und die Freiheit sowie das &ouml;ffentliche Gut Meer und Strand werden zu einer Farce. Italien verwehrt vielen Menschen gar den ureigenen Reichtum mit diesem Handeln, gerade denen, die nicht auf der Sonnenseite von Bella Italia leben. Beinah jeder f&uuml;nfte B&uuml;rger gilt als von Armut bedroht oder sozial ausgegrenzt. Viele Menschen arbeiten im Niedriglohnsektor, in prek&auml;ren Arbeitsvertr&auml;gen, die Sozialgesetze sind unter Premierministerin Meloni zusammengestrichen worden, obwohl die Zahl hilfsbed&uuml;rftiger Menschen steigt. Der Besuch am Meer in einem Bad bei den vorherrschenden hohen Preisen ist f&uuml;r diese Italiener Luxus, Azzurro-Gef&uuml;hl hin oder her.<\/p><p><strong>Lichtblick EU?<\/strong><\/p><p>Dabei liest sich das leicht: Der freie Durchgang zum Baden bedeutet, dass private Betreiber verpflichtet sind, einen kostenlosen Durchgang zum Meer zu gew&auml;hrleisten. Freie, kostenlose Str&auml;nde muss es einfach neben den kostenpflichtigen B&auml;dern geben.<\/p><p>Bringt jetzt etwa die Europ&auml;ische Union Fortschritte im Interesse der B&uuml;rger auf freien Zugang? Italiens Strandbesitzer-Lobby samt Regierung haben sich lange mit der EU gezankt, das Gesch&auml;ft mit den Strandkonzessionen ist das Streitobjekt. Nun hat sich die EU durchgesetzt und nach einem Urteil des Europ&auml;ischen Gerichtshofs Italien verpflichtet, weitreichende &Auml;nderungen in der B&auml;der-Praxis umzusetzen. Bedeutet: 30.000 Strandkonzessionen sollen EU-weit neu, transparent und wettbewerbsorientiert ausgeschrieben werden. Ziel ist es, die festen Pfr&uuml;nde der ewigen Bad-Betreiber, ihr Monopol zu beenden und wom&ouml;glich eine faire Preisgestaltung auf den Weg zu bringen. Der Blick nach Italien verr&auml;t derweil, dass die dortigen M&uuml;hlen der B&uuml;rokratie langsam mahlen.<\/p><p><strong>Deutschlands Zugang zu Ufern und Seen<\/strong><\/p><p>Von Italien nach Hause schaue ich mich um, wie hierzulande mit dem Recht auf Zugang zu Ufern und zum Wasser umgegangen wird. Und siehe da, es erstaunt, dass einzig der Freistaat Bayern in seinem Naturschutzgesetz formuliert, dass das Ufer der freien Natur grunds&auml;tzlich f&uuml;r jedermann unentgeltlich zug&auml;nglich ist. In Brandenburg und in Mecklenburg-Vorpommern sind gesetzliche Uferwege festgelegt. Und passend zu unserem Mantra &sbquo;Eigentum &uuml;ber alles&lsquo; k&ouml;nnen Eigent&uuml;mer Ufergrundst&uuml;cke abriegeln oder einz&auml;unen. Wohin wir in Deutschland blicken: private Bebauung, Z&auml;une, Mauern versperren Zug&auml;nge. Und die Ostsee, die Nordsee? Viele Orte verlangen Geb&uuml;hren, Kurtaxe. An der Ostseek&uuml;ste erfreuen naturnahe Str&auml;nde und barrierefreie Strandabschnitte, die frei zug&auml;nglich und kostenlos sind. Und ja, Geb&uuml;hren (Parken, Strandk&ouml;rbe) sind nicht ganz billig. Ich lese im Bundesnaturschutzgesetz: Jedermann m&uuml;sse das Recht haben, Strand und Meer unentgeltlich zu betreten (&sect;&sect; 59 und 62 Bundesnaturschutzgesetz (BnatSchG)).<\/p><p><strong>So, wie ein Italiener nicht gierig ist, ginge das doch auch bei Mieten, Energie, Kraftstoff, Lebensmittel, Medikamente und so weiter, oder nicht?<\/strong><\/p><p>Wie w&auml;re es, wenn das Beispiel des alten Italieners an der Adria Schule machen w&uuml;rde &ndash; und zwar in vielen Lebensbereichen? Vier Euro f&uuml;r eine Strandliege sind okay. Mir fielen andere Preise f&uuml;r viele Waren und Dienstleistungen ein, die den Anbietern dennoch eine eintr&auml;gliche Rendite einbringen w&uuml;rden. Wenn da nicht die schamlose Gier und wenn da nicht die eigenartige Unt&auml;tigkeit der staatlichen Institutionen w&auml;ren. Mieten, Energie, Pharma, Pflege, Bildung, &Ouml;ffentlicher Nah- und Fernverkehr, Kultur, Lebensmittel und so weiter. &Uuml;berall zeigt die Richtung diverser Preis-Grafiken nur nach oben.<\/p><p>Ich fahre an die Tankstelle und denke an den Spruch &bdquo;ich will nur mal schauen&ldquo;. Ich muss aber tanken. Das ist eine Situation der N&ouml;tigung, entweder\/oder, die vom Anbieter ausgenutzt wird. Der Staat, hier das Kartellamt, pr&uuml;ft &ndash; und unternimmt nichts.<\/p><p>Bella Italia. Wie sch&ouml;n, dass es Bad-Betreiber wie Ricci gibt, die f&uuml;r ihre G&auml;ste da sind, die das Prinzip &sbquo;Leben und leben lassen&lsquo; kennen und denen es nicht egal ist, wie es den Mitmenschen geht. Das ist mal eine gute Nachricht. Moderate Preise &uuml;berall w&auml;re eine weitere.<\/p><p><small>Titelbild: POV_artist \/ Shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal etwas anderes inmitten der vielen Nachrichten zum Emp&ouml;ren, der ern&uuml;chternden Erkenntnis der B&uuml;rger, dass alles schlechter wird und dass es immer noch schlimmer geht &ndash; erfreut f&uuml;r den Moment, wenn gute Nachrichten wie Lichtblicke den Alltag erhellen. Einen solchen hatte ich jetzt, und er zeigte mir, dass es nicht viel braucht, das Leben gegen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154094\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":154095,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,150],"tags":[1112,577,3271],"class_list":["post-154094","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-verbraucherschutz","tag-buergerrechte","tag-italien","tag-preisdeckel"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/shutterstock_2660727799.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154094","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=154094"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154094\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":154107,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154094\/revisions\/154107"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/154095"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=154094"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=154094"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=154094"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}