{"id":154112,"date":"2026-07-24T11:00:31","date_gmt":"2026-07-24T09:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154112"},"modified":"2026-07-24T13:06:51","modified_gmt":"2026-07-24T11:06:51","slug":"ein-tragisches-buch-warum-ich-geschworen-habe-fuer-mein-land-zu-kaempfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154112","title":{"rendered":"Ein tragisches Buch: \u201eWarum ich geschworen habe, f\u00fcr mein Land zu k\u00e4mpfen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>David Matei<\/strong> hat ein Buch geschrieben. Es ist ein tragisches Buch geworden. Nicht, weil es den Titel &bdquo;Deutschland ist es wert: Warum ich geschworen habe, f&uuml;r mein Land zu k&auml;mpfen&ldquo; tr&auml;gt, sondern weil es Zeile f&uuml;r Zeile zeigt, was passiert, wenn ein Autor seine Grundhaltung auf Ignoranz und Unwissen st&uuml;tzt. W&auml;hrend im Hintergrund ein hochkomplexer geopolitischer Konflikt zwischen der NATO und Russland abl&auml;uft, l&auml;sst sich das schwierige Thema Landesverteidigung nicht mit einem Buch erfassen, das alles ausklammert, was nicht ins Weltbild passt. Unfreiwillig wird das Buch zum Abbild einer 160 Seiten umfassenden Gegenwartsdiagnose. Borniertheit und intellektuelle Laxheit fluten den Debattenraum, &Uuml;berzeugungen verdr&auml;ngen fundierte Argumente. Die Tragik des Buches ist zugleich eine Tragik dieser Zeit. Eine Rezension von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nTrag&ouml;die und Kom&ouml;die liegen im Leben bisweilen eng zusammen. Dem Buch von Matei w&uuml;nscht man, dass sich in ihm neben der Tragik, die es ausmacht, auch die Kom&ouml;die widerspiegelt. Das w&uuml;nscht man dem Buch deshalb, weil es geradezu schmerzhaft ist, Seite f&uuml;r Seite mitansehen zu m&uuml;ssen, wie ein junger Mann, der zu einem wichtigen Thema eine feste &Uuml;berzeugung hat, mit jedem Denkansatz an der Mauer seiner eigenen Weltsicht h&auml;ngen bleibt &ndash; ohne es zu merken. Er sieht weder die Mauer, die sein Denken umgibt, noch erahnt er, dass es &bdquo;Mauerbauer&ldquo; gibt. Er wirkt wie eine Figur aus einem Videospiel, die sich im Rahmen ihrer einprogrammierten, vorgegebenen Muster bewegt, aber nicht begreift, dass es da drau&szlig;en, au&szlig;erhalb dieser k&uuml;nstlich geschaffenen Computerwelt, noch eine andere Welt gibt, die aus gesch&auml;ftlichen Interessen, Programmierern und Spielern besteht.<\/p><p>Die Tragik entsteht, weil da einer ist, der sich im Grunde genommen &bdquo;nur&ldquo; seines Verstandes bedienen m&uuml;sste; der bereit sein m&uuml;sste, die Perspektive zu wechseln und &uuml;ber den Tellerrand seiner &Uuml;berzeugungen hinauszuschauen. Doch es passiert nicht &ndash; nicht bei seinem <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/reel\/DHV2_nRR7yZ\/?hl=de\">Auftritt in der Sendung &bdquo;Hart aber Fair&rdquo;<\/a> (die komplette Sendung gibt es nicht mehr online), nicht in seinen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/@sicherheitspolitik\">Videos auf YouTube<\/a>, nicht auf Seite 1 seines Buches und auch nicht auf Seite 160, mit der das Buch abschlie&szlig;t.<\/p><p>Kurz vor Ende des Buches schreibt Matei, noch von den Beobachtungen einer Ukraine-Reise gepr&auml;gt: &bdquo;Ich brauche keine Argumente mehr&ldquo;, denn er habe gesehen, was es bedeute, wenn ein Land angegriffen werde. Seine Position an dieser Stelle: ein Sinnbild f&uuml;r das ganze Buch.<\/p><p>Wer zum Krieg eine fundierte Position vertreten will, muss sich alle Seiten anh&ouml;ren &ndash; und am besten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108252\">beide Seiten der Front besuchen<\/a>. Von einem Besuch in den russisch eroberten Gebieten, von dem inneren Krieg mit rund 14.000 Toten in der Ukraine vor der russischen Invasion, von dem Schrecken der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130268\">bei lebendigem Leibe verbrannten B&uuml;rger im Gewerkschaftshaus in Odessa<\/a> hat das Buch nichts zu erz&auml;hlen.<\/p><p>Tragisch ist Mateis Buch gewiss nicht deshalb, weil er die Auffassung vertritt, dass es doch wichtig und ehrenhaft sei, die Alten, die Schwachen, also alle die, die bei einem Krieg nicht k&auml;mpfen k&ouml;nnen, zu verteidigen. Im Gegenteil, diese Auffassung verdient Respekt &ndash; so, wie man jedem Soldaten Respekt entgegenbringen darf, der bereit ist, das eigene Leben zum Schutz und zum Wohl des Landes und seiner Mitmenschen riskieren zu wollen. Darauf baut Matei. Daf&uuml;r wirbt er. Doch mit Mateis Anspruch, darzulegen, warum er geschworen hat, sein Land zu verteidigen, beginnt die Tragik.<\/p><p>Denn auch wenn sich Soldaten mit guten Absichten leicht respektieren lassen: Schwer f&auml;llt es, Soldaten zu respektieren, die sich vor den Karren einer machtelit&auml;ren Politik spannen lassen, die sie weder verstehen noch verstehen wollen. Und da setzt sich die Tragik in Mateis Buch fort.<\/p><p>Matei, der mit &uuml;ber 440.000 Followern als einer der reichweitenst&auml;rksten Influencer zum Thema Sicherheitspolitik in Deutschland gilt, legt seine Sicht auf eine Weise dar, die erkennen l&auml;sst, dass nichts von dem kritischen Wissen, das die Menschheit aus den Kriege umgebenden <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/irak-krieg-nach-der-l%C3%BCge-folgte-der-v%C3%B6lkerrechtsbruch\/a-64942299\">L&uuml;gen<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/panorama\/archiv\/2000\/Enthuellungen-eines-Insiders-Scharpings-Propaganda-im-Kosovo-Krieg,erste7422.html\">Manipulationen<\/a> und der <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2022\/05\/01\/world\/europe\/ghost-kyiv-ukraine-myth.html\">Propaganda<\/a> in Erfahrung bringen konnte, bei ihm angekommen ist.<\/p><p>Matei hat einen Schl&uuml;ssel zum Verstehen vor Augen. Er nimmt diesen Schl&uuml;ssel sogar in seine H&auml;nde &ndash; und doch begreift er nicht, wie sich das Schloss damit &ouml;ffnen l&auml;sst.<\/p><p>Er zitiert Erich Maria Remarques Anti-Kriegsroman &bdquo;Im Westen nichts Neues&ldquo; und schreibt dann, dass doch heute alles anders sei als damals, dass die Bundeswehr doch dem Leitbild der &bdquo;Staatsb&uuml;rger in Uniform&ldquo; folge und ein Bundeswehrsoldat &bdquo;nicht Objekt des Staates&ldquo; sei, &bdquo;sondern Subjekt seiner eigenen moralischen Urteilskraft&ldquo;.<\/p><p>Gewiss, Papier ist geduldig. Und dem Leser ringt das Buch alles an Geduld ab, was sich aufbringen l&auml;sst.<\/p><p>Soldaten, die sich an ihrem Verstand und ihrem Gewissen orientierten, die sich also der Corona-Impfung widersetzt haben und drastisch bestraft wurden, d&uuml;rften einen anderen Standpunkt vertreten (<a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/nach-corona-impfpflicht-bei-bundeswehr-ungeimpfter-soldat-tritt-gefaengnis-strafe-an-2237578\">Gef&auml;ngnis f&uuml;r Soldaten: Wer bis 13 Uhr nicht geimpft war, galt als Befehlsverweigerer<\/a>) als Matei. Und wir reden hier von Vorkommnissen in Friedenszeiten. Dar&uuml;ber, wie es in Kriegszeiten aussehen wird, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=129326\">sollten keine Illusionen bestehen<\/a>.<\/p><p>Und so geht es in dem Buch weiter: Matei l&auml;sst sich &uuml;ber Freiheit, Demokratie und &uuml;ber Chancengleichheit aus. Gl&uuml;hend benennt er die sch&ouml;nen Seiten seines Landes &ndash; allerdings wie einer, der noch nie auf seinem Bildungsweg auch nur <em>ein<\/em> &ndash; im besten demokratischen Sinne &ndash; herrschaftskritisches Buch in der Hand gehalten hat. Ein Land und seine Machtverh&auml;ltnisse zu verstehen mit der Brille intellektueller Provinzialit&auml;t: ein schwieriges Unterfangen.<\/p><p>Er spricht von Demokratie &ndash; aber die aus bald einem Jahrhundert zusammengetragenen <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/0-1-Das-Imperium-der-Milliardaere\/1711\">Erkenntnisse<\/a> einer kritischen <a href=\"https:\/\/www.dampfboot-verlag.de\/de\/autorin\/krysmanski-hans-juergen\">Machtstruktur<\/a>&ndash; und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46147\">Elitenforschung<\/a>, in denen oft genug die <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Die-Machtelite\/1486\">Unterschiede zwischen einer Demokratie auf dem Papier und der Realit&auml;t herausgerabreitet wurden<\/a>, sind an ihm vorbeigegangen.<\/p><p>Er versteht nicht die <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Machteliten-Von-der-grossen-Illusion-des-pluralistischen-Liberalismus-3265780.html?seite=all\">Komplexit&auml;t realer Machtverh&auml;ltnisse in formal demokratischen Systemen<\/a> &ndash; so wenig, wie er nicht begriffen hat, dass es in Demokratien neben dem &ndash; sagen wir &ndash; guten Staat bisweilen auch einen b&ouml;sen Tiefenstaat geben kann. Er sieht die saubere Hand des Staates &ndash; aber nicht seine dreckige.<\/p><p>Vielleicht w&uuml;rde er bei dem &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/geschichte\/gdgm\/Die-Wahrheit-ueber-Celler-Loch-kommt-ans-Licht,geschichte114.html\">Celler Loch<\/a>&ldquo; oder bei den, nennen wir es: &bdquo;Staatsstr&ouml;mungen&ldquo;, die das <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Ulrich-Chaussy-ueber-das-Oktoberfest-Attentat-und-die-NSU-Mordserie-3367546.html?seite=all\">Oktoberfest-Attentat<\/a> oder den &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/buback-bruder-rechnet-mit-deutschland-ab-keine-offene-ermittlung_id_2059842.html\">Fall Buback<\/a>&ldquo; umgeben, mit den Schultern zucken. Vielleicht hat er noch nie in seinem Leben als ehemaliger Soldat oder Staatsb&uuml;rger von &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/die-dunkle-seite-des-westens-a-4c36b621-0002-0001-0000-000039997525\">Gladio<\/a>&ldquo; geh&ouml;rt. Vielleicht reibt er sich bei Hinweisen auf die &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PzWF2791gAM&amp;list=PL6J1OzLHamQ9J3RY1ZIt1fKwL6hgsu__o&amp;index=1\">Geheimarmeen der NATO<\/a>&ldquo; verwundert die Augen, so wie er vermutlich nicht so recht wei&szlig;, was die Schl&uuml;sse sind, die ein kritischer Analyst aus der Iran-Contra-Aff&auml;re ziehen sollte.<\/p><p>Daf&uuml;r sitzt das Feindbild. Die &bdquo;B&ouml;sen&ldquo; &ndash; das sind die anderen. Matei spricht von den &bdquo;Putins dieser Welt&ldquo;, doch er begreift nicht: Tiefenpolitik ist kein Western, worin die Guten die wei&szlig;en und die B&ouml;sen die schwarzen H&uuml;te tragen. In der Politik gehen viele buchst&auml;blich &uuml;ber Leichen &ndash; l&auml;ngst nicht nur die mit den Monstermasken.<\/p><p>W&auml;hrend die <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/kriegspropaganda-eingespannt-wie-2000-strandesel-a-161658.html\">Brutkastenl&uuml;ge<\/a> vorgetragen wurde, waren die H&uuml;te der &bdquo;Guten&ldquo; so wei&szlig;, noch wei&szlig;er ging es gar nicht. W&auml;hrend im Vietnamkrieg die Zivilbev&ouml;lkerung Agent Orange ausgesetzt war &ndash; <a href=\"https:\/\/www.amnesty.de\/informieren\/amnesty-journal\/vietnam-vietnamkrieg-usa-agent-orange-vergiftung-dioxin-spaetfolgen-boeden-waelder-fluesse-alles-ist-vergiftet\">mit furchtbaren Konsequenzen bis heute<\/a> &ndash;, redeten Pr&auml;sidenten und Politiker von der &bdquo;Verteidigung der Demokratie&ldquo;.<\/p><p>Der Ukraine-Krieg geht in Mateis Buch aus einer Art Akt Putin&lsquo;scher Selbstzeugung hervor &ndash; so wie vermutlich alle Kriege f&uuml;r ihn von einem b&ouml;sen Machthaber ausgehen m&uuml;ssen. Die Frage etwa, seit wann <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2024\/02\/25\/world\/europe\/cia-ukraine-intelligence-russia-war.html\">die CIA in der Ukraine agiert<\/a>, und vor allem auch warum, taucht selbstverst&auml;ndlich nicht auf. Was damals auf dem Maidan passiert ist, <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/nach-corona-impfpflicht-bei-bundeswehr-ungeimpfter-soldat-tritt-gefaengnis-strafe-an-2237578\">wer die Scharfsch&uuml;tzen waren<\/a> &ndash; irrelevant f&uuml;r die staatstragende Erz&auml;hlung von dem &bdquo;Feind&ldquo; im Osten. <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/die-zeit-der-farbrevolutionen-beginnt-vor-25-jahren-mit-dem-milosevic-sturz\">Farbenrevolutionen<\/a>? <a href=\"https:\/\/mondediplo.com\/outside-in\/us-interference\">Politik des Regimewechsels<\/a>? <a href=\"https:\/\/x.com\/GUnderground_TV\/status\/2079960786894761987\">Verdeckte Operationen<\/a> zum Sturz von unliebsamen Regierungen? Das &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jR1eRtHNqpI\">Schachmatt: Strategien einer Revolution<\/a>&ldquo;? Egal. Warum begann Deutschlands Weg in den <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/panorama\/archiv\/2000\/Enthuellungen-eines-Insiders-Scharpings-Propaganda-im-Kosovo-Krieg,erste7422.html\">Kosovo-Krieg<\/a> mit einer <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9jZecyCuz3E\">L&uuml;ge<\/a>? Der Scheuklappenblick macht es nicht m&ouml;glich, <a href=\"https:\/\/www.washingtoninstitute.org\/policy-analysis\/long-sad-history-us-regime-change-promises\">dergleichen<\/a> sinnverstehend zu erfassen.<\/p><p>Von daher: Kein Wort zu der enormen geostrategischen Bedeutung der Ukraine f&uuml;r die westliche Geo- und Machtpolitik. Warum sich an Brzezi&#324;skis &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2012\/juli\/warum-der-westen-russland-braucht\">The Grand Chessboard<\/a>&ldquo; erinnern? Warum begreifen wollen, welche geostrategische Scharnierfunktion ein Staat wie die Ukraine im Kampf um Machtr&auml;ume zwischen den USA und Russland hat?<\/p><p>Dennoch: Matei will &bdquo;informieren&ldquo;. Er war als Jugendoffizier an Schulen, aber hat er auch etwas &uuml;ber Feindbildproduktion in Deutschland erz&auml;hlt? Wei&szlig; er &uuml;berhaupt etwas &uuml;ber die <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ylUtMxtGoLI\">Feindbildproduktion<\/a> aufseiten der Guten?<\/p><p>Matei erz&auml;hlt von einem ukrainischen Freund, der in Deutschland Kirchenasyl beantragte, der sich dann entschieden hat, in der ukrainischen Armee zu k&auml;mpfen, von russischen Soldaten gefangen genommen und nach traumatischen Erlebnissen wieder freikam. Eine traurige Geschichte. Sie emotionalisiert. Sie hilft aber nicht dabei, die tiefenpolitischen Entstehungszusammenh&auml;nge des Krieges zu erfassen. Sie tr&auml;gt nicht dazu bei, zu verstehen, warum Politiker von einem m&ouml;glichen Krieg mit Russland sprechen. Im Gegenteil: Emotionalisierte Erz&auml;hlungen &uuml;ber Opfer und Gr&auml;ueltaten dienen schnell zur emotionalen Aufstachelung. Die Warheit ist: Krieg ist die H&ouml;lle. Auf allen Seiten gibt es Barbarei. Deshalb fluten Vern&uuml;nftige keine Schlachtfelder mit Waffen, sondern sagen laut und deutlich: Die Waffen nieder! &ndash; zu allen Kriegsparteien, auch zu Russland und der Ukraine. Wer Butscha anprangert und &uuml;ber die Verbrechen der <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/jahreschronik\/a-331554.html\">Tiger Force<\/a> in der Vergangenheit schweigt, erweckt den Eindruck, nur eine Seite tue B&ouml;ses. Im besten Fall ist derjenige unwissend, im schlimmsten Fall betreibt er Propaganda.<\/p><p>Die gro&szlig;e Tragik des Buches entfaltet sich in Mateis &bdquo;st&auml;rkstem Argument&ldquo;. Ist Deutschland mit seinen &uuml;berragenden kulturellen Leistungen, mit seinen netten Menschen (die notorischen Denunzianten seien ausgenommen), mit seinen sch&ouml;nen Landschaften, aber vor allem auch seine Lebensbedingungen, von denen B&uuml;rger in anderen L&auml;ndern nur tr&auml;umen k&ouml;nnen, es nicht wert, verteidigt zu werden?<\/p><p>Mit Vorstellungen dieser Art betritt Matei die Arena der Diskussion. Leider dokumentieren sie die intellektuelle Untererfassung des Problems. Nicht, weil diese Ansichten falsch w&auml;ren, nein, nein &ndash; sondern weil sie am Kern des Problems vorbeigehen.<\/p><p>Wie kann einer in der Diskussion &uuml;ber die &bdquo;Wehrf&auml;higkeit&ldquo; des Landes die guten Lebensbedingungen Deutschlands in den Vordergrund r&uuml;cken, wenn es um eine eiskalte Geopolitik geht, die dabei ist, einen dritten Weltkrieg zu entfachen?<\/p><p>Deutschland befindet sich in einer Situation, in der der Kanzler in seiner Regierungserkl&auml;rung davon sprach, Deutschland solle zur <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2025\/kw20-de-regierungserklaerung-merz-1064956?enodia=eyJleHAiOjE3ODQ1NzI1ODYsImNvbnRlbnQiOnRydWUsImF1ZCI6ImF1dGgiLCJIb3N0Ijoid3d3LmJ1bmRlc3RhZy5kZSIsIlNvdXJjZUlQIjoiODYuMTA0LjI0OS4yMjQiLCJDb25maWdJRCI6IjhkYWRjZTEyNWZkMmMzOTMyYjk0M2I1MmU5ZDJjZDY1MDU3NTRlMTYyMjEyYTJjZTFiYjVhZjE1YzBkNGJiZmUifQ==.YG25z6oOV5hxcnaAaOqxLmtcX-N_SM0ARh7qUiiT4PE=\">&bdquo;konventionell st&auml;rksten Armee Europas werden&ldquo;<\/a>. Die Politik will &uuml;ber eine Billion f&uuml;r die &bdquo;Verteidigungsf&auml;higkeit&ldquo; des Landes ausgeben. Politiker ziehen Deutschland immer tiefer in einen geopolitisch motivierten, hochgef&auml;hrlichen <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/ukraine-krise\/interview-mit-michel-wyss-es-ist-der-erste-stellevertreter-krieg-zwischen-russland-und-der-nato-in-europa_id_94392173.html\">Stellvertreterkrieg<\/a> hinein. Der Verteidigungsminister spricht davon, Deutschland solle &bdquo;kriegst&uuml;chtig&ldquo; werden. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=127039\">Kriegst&uuml;chtig<\/a>, diesen Begriff gebraucht Matei mehrmals selbst in seinem Buch &ndash; mit einer allenfalls sehr leisen Kritik zwischen den Zeilen.<\/p><p>M&uuml;sste er, Matei, der doch so sehr auf die Erz&auml;hlung vom Staatsb&uuml;rger in Uniform setzt, nicht Sturm laufen in Anbetracht des Unheils, das sich im Land ausbreitet? M&uuml;sste er nicht seine Stimme erheben, seine Reichweite nutzen und davon erz&auml;hlen, wie manipulativ das Wort kriegst&uuml;chtig ist, wie es sich aus einem negativ besetzten Ausdruck &ndash; &bdquo;Krieg&ldquo; &ndash; mit einem positiv besetzten &ndash; &bdquo;t&uuml;chtig&ldquo; bzw. auch: &bdquo;Tugend&ldquo; &ndash; verbindet und so das Furchtbare zu legitimieren versucht? M&uuml;sste er nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufzeigen, wie die <a href=\"https:\/\/x.com\/matze2001\/status\/1913817981848572247\">Nazis diesen Begriff gebraucht haben<\/a>, um das Volk aufzuhetzen? M&uuml;sste er nicht als Offizier der Reserve Pistorius pers&ouml;nlich und &ouml;ffentlich f&uuml;r die Wiedereinf&uuml;hrung dieses Begriffs entgegentreten? M&uuml;sste er nicht als m&uuml;ndiger, kluger B&uuml;rger in Uniform die Politik an die historische Schuld Deutschlands und an die Millionen von der Wehrmacht get&ouml;teten sowjetischen Soldaten erinnern? M&uuml;sste er nicht laut aussprechen, dass es niemals mehr dazu kommen darf, dass sich deutsche und russische Soldaten auf den Schlachtfeldern gegen&uuml;berstehen?<\/p><p>Wie hat Matei reagiert, als der Au&szlig;enminister der Bundesrepublik sagte: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/kuenftiger-aussenminister-wadephul-russland-wird-immer-ein-feind-fuer-uns-bleiben-2320148\">Russland wird immer ein Feind f&uuml;r uns bleiben<\/a>&ldquo;? Mit &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9ul1gzUk1GY\">Laufen gehen mit dem Au&szlig;enminister<\/a>&ldquo;? M&uuml;sste er, Matei, der auf Seite 35 &bdquo;Zwangsrekrutierungen&ldquo; f&uuml;r die russische Armee in der Ostukraine anprangert und von einer &bdquo;perversen&ldquo; Situation spricht, nicht Sturm laufen bei den <a href=\"https:\/\/x.com\/Glenn_Diesen\/status\/2070918510474121470\">furchtbaren<\/a> Videos, die von <a href=\"https:\/\/x.com\/ernst_klaus\/status\/2069339990769754228\">Zwangsrekrutierungen<\/a> durch die Ukraine zu sehen sind? Warum prangert er nicht mit seinem Zugang zur Politik und mit seiner Reichweite die barbarische &bdquo;<a href=\"https:\/\/busification.org\/\">Busifizierung<\/a>&ldquo; an?<\/p><p><strong>Hier hinschauen, da wegschauen? Wo ist der Mut des &bdquo;B&uuml;rgers in Uniform&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Wer das Buch Mateis aufmerksam liest, bekommt eine Ahnung, wie es um diesen Mut fernab der lauwarmen Worte steht.<\/p><p>&Ouml;ffnen wir Kapitel 7. Es tr&auml;gt den Titel: &bdquo;D&uuml;rfen wir unsere Heimat lieben? Die Sache mit dem Patriotismus&ldquo;. Darin beleuchtet Matei seine eigene Einstellung zur &bdquo;Heimat&ldquo; und merkt an mehreren Stellen etwas kleinlaut an, dass es in Deutschland problematisch sei, so einfach dar&uuml;ber zu sprechen. Er sp&uuml;re, dass ein Satz wie &bdquo;Ich liebe Deutschland&ldquo; eben &bdquo;nicht so ganz geschmeidig&ldquo; &uuml;ber seine Lippen gehe. Es falle ihm &bdquo;nicht so leicht&ldquo;, seine Beziehung zu Deutschland mit Liebe auszudr&uuml;cken, weil &bdquo;Pathos und Patriotismus in unserem Land argw&ouml;hnisch be&auml;ugt&ldquo; w&uuml;rden. Bei der Frage der <em>BILD-Zeitung<\/em>, ob Matei ein Patriot sei, habe er &bdquo;instinktiv&ldquo; gesp&uuml;rt, dass ihm &bdquo;diese Frage unangenehm war&ldquo;. In seiner Antwort habe er &bdquo;geschwurbelt&ldquo;.<\/p><p><strong>Unfreiwillig dekonstruiert Matei sich selbst &ndash; aber auch das erkennt er nicht<\/strong><\/p><p>Erneut stolpert er &uuml;ber einen Schl&uuml;ssel &ndash; einen Schl&uuml;ssel zum &Ouml;ffnen eines Gedankenraums, der davon erz&auml;hlt, dass es eine, sagen wir: &bdquo;unsichtbare Macht&ldquo; gibt, die Druck aus&uuml;bt und bestimmt, wo die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109070\">Grenzen des Sagbaren<\/a> liegen. Matei sp&uuml;rt diese Macht, wie er sagt: &bdquo;instinktiv&ldquo;, und auf der Verstandesebene hat er erfasst, dass es in Deutschland aus gewissen Gr&uuml;nden problematisch ist, sich zur Vaterlandsliebe freim&uuml;tig zu bekennen.<\/p><p>Nun l&auml;sst sich diesem &bdquo;unsichtbaren Einfluss&ldquo; auf unser Denken ja in <em>diesem<\/em> Falle &ndash; aus bekannten Gr&uuml;nden &ndash; durchaus etwas Positives abgewinnen. Nur: Wenn es diese Einfl&uuml;sse bei den Themen Heimat und Patriotismus gibt, gibt es sie dann vielleicht auch bei anderen Themen (vielleicht beim Thema Russland)? Woher kommt eigentlich diese &bdquo;Macht&ldquo;? Wer steht hinter ihr? Wer formt sie? Wie kann sie sich als Barrieren beim Denken und Sprechen in unseren Geist einschleichen?<\/p><p>W&uuml;rde Matei von dem Schl&uuml;ssel, den er in seiner Hand h&auml;lt, Gebrauch machen: Diese Fragen f&uuml;hrten ihn an einen Denkstandort, von dem aus ein anderes Buch entst&uuml;nde als jenes, das er vorgelegt hat. Hat er, der an der Bundeswehrakademie Journalistik, Wirtschaft und evangelische Theologie studiert hat, nichts aus den Bereichen einer kritischen Gesellschaftswissenschaft gelernt?<\/p><p>Eine Frage dr&auml;ngt sich auf: Warum stellt sich Matei nicht ohne dieses &bdquo;instinktive&ldquo; Gef&uuml;hl an prominenter Stelle vor die Kameras und bekennt: &bdquo;Ich liebe mein Vaterland!&ldquo;? Weil er dann wom&ouml;glich aus der Diskussion ausgeschlossen w&uuml;rde?<\/p><p>Der ausgebildete Gebirgsj&auml;ger, der K&auml;mpfer, der bereit sein will, Deutschland in einem Krieg zu verteidigen: F&uuml;rchtet er etwa, in einem freien Land, in einer Demokratie, zu sagen, was er denkt? F&uuml;rchtet er den Einfluss jener Macht, die sich dann in dem ach so freien Diskussionsraum zeigt, wenn die Grenzen des Sagbaren &uuml;berschritten werden?<\/p><p>Matei schreibt in dem Buch, was er auch bei &bdquo;Hart aber Fair&ldquo; gesagt hat, n&auml;mlich, dass seine Tochter in diesem Land &bdquo;fast kostenlos&ldquo; vom Kindergarten bis zum Studium lernen k&ouml;nne, &bdquo;und zwar nicht, was sie denken muss, sondern was sie denken will&ldquo;.<\/p><p>Jeder auch nur halbwegs kritische Soziologe w&uuml;rde an dieser Stelle widersprechen. Hat der Autor jemals dar&uuml;ber nachgedacht, wie beschnitten, wie begrenzt, wie eingeengt das Denken selbst in sogenannten &bdquo;freien Gesellschaften&ldquo; ist? Was unter der &bdquo;Standortgebundenheit des Denkens&ldquo; zu verstehen ist? Oder dar&uuml;ber, wie sich gesellschaftliche Wirklichkeit konstruiert und was diese Konstruktion mit Macht- und Unterdr&uuml;ckungsverh&auml;ltnissen zu tun hat? Was wei&szlig; er &uuml;ber die innere Konstituierung von Staaten und jener Macht, die sich schon vor der Gr&uuml;ndung eines Staates formiert und ihre Stempel Institutionen &ndash; insbesondere den Bildungseinrichtungen &ndash; aufdr&uuml;ckt? Wer so nebenbei anmerkt, dass ein Mensch beim Gang durch die Bildungseinrichtungen doch &bdquo;frei&ldquo; denken kann, hat nicht begriffen, welche unsichtbaren sozialisatorische Einfl&uuml;sse und welche Machtmechanismen ihn durchdrungen haben und umgeben. Kurzum: Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um ein Pl&auml;doyer zum Thema &bdquo;Freiheit&ldquo; zu halten.<\/p><p>Die Tragik, sie ist wieder zu sp&uuml;ren. Matei wirft den Schl&uuml;ssel weg. Stattdessen zitiert er die &bdquo;Zukunftsforscherin&ldquo; Florence Gaub, die &ndash; Achtung, man muss sich diesen Unsinn auf der Zunge zergehen lassen &ndash; Zukunft beschreibt &bdquo;als eine Geschichte, die Gesellschaften &uuml;ber sich selbst erz&auml;hlen&ldquo;.<\/p><p>F&uuml;rs Protokoll: Es gibt keine Gesellschaft, die die Macht hat, &bdquo;Geschichten&ldquo; &uuml;ber sich zu erz&auml;hlen. Die vergangene, die gegenw&auml;rtige und die zuk&uuml;nftige &bdquo;Geschichte&ldquo; einer Gesellschaft erz&auml;hlen jene, die mit der offiziellen Macht im R&uuml;cken eine machtelit&auml;r gepr&auml;gte Version von Geschichte erz&auml;hlen.<\/p><p>Dass Matei Gaub zitiert, also jene deutsch-franz&ouml;sische Politikwissenschaftlerin, die Forschungsdirektorin des NATO-Verteidigungskollegs in Rom ist und bei &bdquo;Markus Lanz&ldquo; sagte: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82944\">&bdquo;Wir d&uuml;rfen nicht vergessen, auch wenn Russen europ&auml;isch aussehen, dass es keine Europ&auml;er sind&ldquo;<\/a>, die nebenbei auch noch anmerkte, dass Russen einen anderen &bdquo;Bezug zu Tod haben&ldquo;, verleiht dem Trauerspiel des Buches einen Klang f&uuml;r sich. Und dieser Klang hallt nach.<\/p><p>Freim&uuml;tig erz&auml;hlt Matei, dass er irgendwann eine E-Mail vom B&uuml;ro des NATO-Generalsekret&auml;rs erhalten habe &ndash; mit einer Einladung zur 75-Jahr-Feier des Milit&auml;rb&uuml;ndnisses in Washington. &bdquo;Nat&uuml;rlich nahm ich die Einladung an&ldquo;, schreibt er und schildert, dass er in &bdquo;einem Regierungsflieger der Luftwaffe&ldquo; zu dem Treffen fliegen durfte.<\/p><p>Im weiteren Verlauf erf&auml;hrt der Leser auch, dass &bdquo;ein transatlantischer Thinktank&ldquo; eine &bdquo;Begegnung zwischen deutschen und amerikanischen politischen Content Creators organisiert&ldquo; hat und von Begegnungen mit Akteuren, die &bdquo;Sicherheitspolitik nicht kommentieren, sondern machen&ldquo;. Um welche Denkfabrik es sich gehandelt hat, schreibt Matei allerdings nicht.<\/p><p>Matei, das sei erkl&auml;rend angemerkt, versteht sich selbst als &bdquo;Content Creator&ldquo;, also als einer, der Inhalte erstellt und bei TikTok und anderen Online-Kan&auml;len ver&ouml;ffentlicht.<\/p><p>Der Autor wird zu einer tragischen Figur. Mitleid dr&auml;ngt sich auf. Doch ist es angebracht? Matei hat ein Buch ver&ouml;ffentlicht, das in verblendeter ideologischer Komplizenschaft einer Politik zuarbeitet, die ganz Europa in den Abgrund des Krieges zu rei&szlig;en droht. Matei will die Tragik nicht &ndash; aber bringt sie mit seiner Positionierung hervor. Der Autor scheint nicht im Ansatz zu begreifen, warum er sich in einem hochkar&auml;tigen sicherheitspolitischen Umfeld &uuml;berhaupt bewegen darf &hellip;<\/p><p>Beim Lesen des Buches werden Erinnerungen an tragische Figuren aus der Literatur wach, die in ihrer Verblendung zum Abbild ideologischer Borniertheit geworden sind, wie etwa das Pferd &bdquo;Boxer&ldquo; aus George Orwells Roman &bdquo;Animal Farm&ldquo;. Boxer glaubt blind bis zu seinem Ende an die Doktrin der herrschenden Schweine. Selbst als das Pferd verkauft und zur Schlachtbank gebracht wird, begreift es immer noch nicht, welches &uuml;bles &bdquo;Spiel&ldquo; die Schweine spielen.<\/p><p>Erinnerungen an Paul B&auml;umer bahnen sich ihren Weg, den Protagonisten aus &bdquo;Im Westen nichts Neues&ldquo;, der zumindest am Anfang im naiven Glauben daran, dass dieser Krieg im Sinne des Vaterlandes sein w&uuml;rde, mit &Uuml;berzeugung zur Armee rannte.<\/p><p>Die verblendeten Figuren in der Literatur, die die sie umgebenden komplexen, destruktiven Machtstrukturen nicht erkennen und getrieben sind von der &Uuml;berzeugung, f&uuml;r die gute, die gerechte Sache zu handeln, sind zahlreich.<\/p><p>Ob die Captains in James Jones&lsquo; &bdquo;Der schmale Grat&ldquo;; die Soldaten und Mitl&auml;ufer in Joseph Hellers &bdquo;Catch 22&ldquo; oder im zivilen Bereich Heinrich Manns &bdquo;Untertan&ldquo; usw.: In der Literatur und in Filmen wird der Typus des stolzen, scheinklugen, doch fest an die &bdquo;gute Sache&ldquo; glaubenden Irrl&auml;ufers, der weder die Instrumentalisierung seiner selbst noch die sich ergebenden zerst&ouml;rerischen Folgen erkennt, immer wieder thematisiert. Diese Figuren haben keine Ahnung von der gro&szlig;en, sie umgebenden Maschinerie, in die sie als kleines Zahnr&auml;dchen eingebaut wurden. Sie erfassen nicht ihre Begrenztheit und was die Erbauer und die Betreiber der Maschinerie im Schilde f&uuml;hren. Ihr naiver Blick ist nicht in der Lage, die Objektivit&auml;t der &auml;u&szlig;eren Situation zu begreifen. Sie verstehen nicht die dreckigen Dynamiken in den &bdquo;Fabrikhallen&ldquo;, den Weichenstellungen auf dem &bdquo;Werksgel&auml;nde&ldquo; und den schmierigen Absichten und den eiskalten Profitberechnungen in den B&uuml;ros der Chefs.<\/p><p><strong>Zahnr&auml;der dienen in ihrer N&uuml;tzlichkeit &ndash; und wenn sie ausgenutzt sind, werden sie ersetzt<\/strong><\/p><p>In Mateis Buch l&auml;sst sich eine bemerkenswerte, aber unbeabsichtigte Pointe finden. Zum Schluss taucht sie auf, oder genauer: nicht auf der letzten Seite, sondern ganz hinten auf dem Klappenumschlag. Dort steht oben Mateis Name und es finden sich Angaben zu ihm als Autor. Sein Name steht dort, wie er auch vorne auf dem Titel und auf der Seite des Buches steht. Allerdings: Unter seinen Angaben ist noch ein zweiter Name angef&uuml;hrt: Simon Biallowons. Und die Leser erfahren, Biallowons &bdquo;ist studierter Philosoph und Absolvent der katholischen Journalistenschule ifp. Er (&hellip;) berichtete als Reporter (&hellip;) aus vielen L&auml;ndern&ldquo; und &bdquo;ist Verfasser mehrerer Bestseller und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer sowie Cheflektor des Verlags Herder&ldquo;, bei dem dieses Buch erschien. <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/autoren\/b\/simon-biallowons\/\">Biallowons<\/a> taucht als &bdquo;Mitwirkender&ldquo; bzw. Autor bei B&uuml;chern etwa von Anselm Gr&uuml;n, Felix Neureuther oder als Herausgeber eines Buchs von Papst Franziskus auf. Anders gesagt: Das ist jemand, der schreiben kann.<\/p><p>Beim Lesen war es zu erahnen. Nicht, weil das Buch sprachlich und stilistisch sauber geschliffen ist. Schlie&szlig;lich &ndash; Gott sei Dank! &ndash; gibt es gute Lektoren, die die rauen Ecken und Enden an jedem Manuskript abklopfen. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie Matei seine Geschichte erz&auml;hlt und seinen Standpunkt darlegt, dass fr&uuml;h beim Lesen die Frage auftauchte: Hat Matei das Buch allein geschrieben? Nicht, dass es ein stilistisches Feuerwerk ist, aber so gut, wie es geschrieben ist, muss ein ehemaliger Bundeswehrsoldat erst einmal schreiben k&ouml;nnen, denkt man sich. Auch wenn nur Mateis Name auf dem Titel steht: Offensichtlich gab es beim Schreiben Sch&uuml;tzenhilfe.<\/p><p>Dies setzt die Tragik noch beim Schlusspunkt fort. Die Beschr&auml;nktheit des Buches st&uuml;tzt sich damit nicht nur auf die Schultern einer Person. Hat denn nicht einmal der Cheflektor <a href=\"https:\/\/familienunternehmen.eu\/familienunternehmen-herder-simon-biallowons-philipp-lindinger\/\">eines traditionsreichen Verlages<\/a> erkannt, wie sich dieses Buch in seiner politischen Naivit&auml;t verf&auml;ngt?<\/p><p>Die gro&szlig;en Medien sind derweil voll des Lobes, und deutlich wird: Die Tragik des Buches ist zugleich die Tragik dieser Zeit. Unfreiwillig wird das Buch zum Abbild einer 160 Seiten umfassenden Gegenwartsdiagnose. Borniertheit und intellektuelle Laxheit fluten den Debattenraum, &Uuml;berzeugungen verdr&auml;ngen fundierte Argumente. Und auf diesem Niveau bewegen sich weite Teile der Mainstreammedien, der bekannten Kulturproduktion. Das gute, kluge, kritische zuvor Gedachte wirkt in weiten Teilen der &ouml;ffentlichen Diskussion wie ausgel&ouml;scht.<\/p><p>Es bedarf keiner Perspektivierung mehr. Warum auch soll die riesengro&szlig;e Zahl an kriegskritischen Erkenntnissen ber&uuml;cksichtigt werden, wenn &bdquo;wir&ldquo; doch dieses Mal zu &bdquo;einhundert Prozent&ldquo; die &bdquo;Guten&ldquo; sind? Wenn doch dieses Mal tats&auml;chlich Vaterlandsliebe und die Bereitschaft zum &bdquo;Schutz&ldquo; der Heimat angebracht sind, weil der &bdquo;b&ouml;se&ldquo; Feind jetzt, endlich, ehrlich im Osten auszumachen ist? Weil es doch dieses Mal bei den &bdquo;Guten&ldquo; keine Propaganda gibt und &ndash; zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit &ndash; die Politik ihre Soldaten aus reinstem Herzen und mit den besten Absichten f&uuml;r alle an die &bdquo;Ostfront&ldquo; schickt? Und der milit&auml;risch-industrielle Komplex ohnehin nur eine Wahnvorstellung von Eisenhower war, oder wie?<\/p><p>Mateis Buch, das erw&auml;hnt er mehrmals, kann als eine Art Kontrapunkt zum Buch von Ole Nymoen <a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/ole-nymoen-warum-ich-niemals-fuer-mein-land-kaempfen-wuerde-9783499017551?srsltid=AfmBOoocNAax6qpAhRJGELAP-qobzxOVacTCIVt7fRM6i6kc4sPulJcP\">&bdquo;Warum ich niemals f&uuml;r mein Land k&auml;mpfen w&uuml;rde: Gegen die Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo;<\/a> verstanden werden. Nach der Lekt&uuml;re beider B&uuml;cher l&auml;sst sich sagen: Das ist verstiegen, anma&szlig;end. Nymoens Buch &uuml;berzeugt mit origin&auml;ren Gedanken und der Kraft von Argumenten. Mateis Buch ist <em>davon<\/em> so weit entfernt, dass Welten dazwischen liegen.<\/p><p>Dem Autor sei gew&uuml;nscht, dass er an irgendeiner Stelle seines Lebens ein Aha-Erlebnis haben wird; dass er, wie er auf Seite 122 schreibt, einen &bdquo;kurzen Riss&ldquo; in <em>der<\/em> &ndash; oder besser: <em>seiner<\/em> &ndash; &bdquo;Realit&auml;t&ldquo; erlebt; dass er &ndash; irgendwie &ndash; begreift: Wenn Politiker von Krieg und Feinden reden, dann sind Propaganda und Manipulation allgegenw&auml;rtig; dass die hehre Absicht, seine Familie und seine Freunde zu sch&uuml;tzen, gerade <em>nicht<\/em> durch die Vorstellung von einem Kampf an der Kriegsfront erf&uuml;llt werden kann, sondern durch die Bereitschaft, seine Stimme <em>f&uuml;r<\/em> den Frieden <em>vor <\/em>dem Krieg einzusetzen.<\/p><p>Was glaubt Matei eigentlich &ndash; und dazu m&uuml;sste er als &bdquo;Fachmann des Krieges&ldquo; eine klare Sicht haben &ndash;, was bei einem hei&szlig;en Krieg zwischen der NATO und Russland passieren w&uuml;rde? Glaubt er wirklich, dass es dann hier noch etwas zu verteidigen geben w&uuml;rde? Vielleicht wird er verstehen, wenn er an &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/wir-europaeer-sollen-uns-opfern-a-884bc9b8-0002-0001-0000-000013495258\">Wintex Cimex<\/a>&ldquo; zur&uuml;ckdenkt.<\/p><p>An die Front zu gehen und zu k&auml;mpfen, daf&uuml;r mag es Mut ben&ouml;tigen. Hunderte Millionen von Soldaten haben diesen Mut in der Geschichte der Menschheit aufgebracht. Das Ergebnis ist bekannt.<\/p><p>Den Mut aber, die eigenen &Uuml;berzeugungen schonungslos zu hinterfragen (nicht als Lippenbekenntnis, wie auf Seite 10) und seinen eigenen Standpunkt zu &auml;ndern, Fehler einzugestehen und umzukehren &ndash; den haben nur wenige. M&ouml;ge er diesen Mut haben.<\/p><p><em>Lesetipp<\/em><\/p><p><em>David Matei: <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/politik-wirtschaft\/shop\/p4\/94964-deutschland-ist-es-wert-klappenbroschur\/\">Deutschland ist es wert: Warum ich geschworen habe f&uuml;r mein Land zu k&auml;mpfen<\/a>. Freiburg im Breisgau 2026, Verlag Herder, Taschenbuch, 160 Seiten, ISBN 978-3451073779, 18 Euro.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: <\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/9336494c3fd4489ca909d56211e3b7f9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>David Matei<\/strong> hat ein Buch geschrieben. Es ist ein tragisches Buch geworden. Nicht, weil es den Titel &bdquo;Deutschland ist es wert: Warum ich geschworen habe, f&uuml;r mein Land zu k&auml;mpfen&ldquo; tr&auml;gt, sondern weil es Zeile f&uuml;r Zeile zeigt, was passiert, wenn ein Autor seine Grundhaltung auf Ignoranz und Unwissen st&uuml;tzt. 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