{"id":154206,"date":"2026-07-27T10:00:02","date_gmt":"2026-07-27T08:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154206"},"modified":"2026-07-27T09:43:44","modified_gmt":"2026-07-27T07:43:44","slug":"der-sturz-von-chefanklaeger-karim-khan-ist-ein-putsch-gegen-das-voelkerrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154206","title":{"rendered":"Der Sturz von Chefankl\u00e4ger Karim Khan ist ein Putsch gegen das V\u00f6lkerrecht"},"content":{"rendered":"<p>Karim Khan beantragte als erster Chefankl&auml;ger des Internationalen Strafgerichtshofs einen Haftbefehl gegen Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. Kurz danach wurden Vorw&uuml;rfe mutma&szlig;licher sexueller &Uuml;bergriffe gegen ihn bekannt. Am 24. Juli wurde &uuml;ber seine Absetzung entschieden. Was als blo&szlig;e Personalentscheidung erscheint, ist ein Frontalangriff auf das V&ouml;lkerrecht. Kann politischer Druck den obersten Ankl&auml;ger der Welt zu Fall bringen, weil seine Ermittlungen m&auml;chtigen Staaten zu nahe gekommen sind? Von <strong>Manuel Loomans<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Anmerkung der Redaktion: Der Artikel gibt den Stand <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/internationaler-strafgerichtshof-khan-absetzung-100.html\">vor der Absetzung<\/a> wieder, was aber an den Inhalten nichts &auml;ndert. <\/em><\/p><p><em>Lesen Sie dazu auch: Maike Gosch &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137061\">Sex, L&uuml;gen und Kriegsverbrechen: Der Internationale Strafgerichtshof im Kreuzfeuer von Politik und Geheimdiensten<\/a><\/em><\/p><p>Im Sechzehntelfinale der Fu&szlig;ballweltmeisterschaft sah US-St&uuml;rmer Folarin Balogun nach einem Foulspiel die Rote Karte und war damit automatisch f&uuml;r das Achtelfinale gesperrt. Wenige Stunden sp&auml;ter telefonierte US-Pr&auml;sident Donald Trump mit FIFA-Pr&auml;sident Gianni Infantino &ndash; kurz darauf wurde die Sperre aufgehoben. Ein Skandal, der &uuml;ber den Fu&szlig;ball hinaus die Frage aufwirft, ob internationale Spielregeln f&uuml;r alle gleicherma&szlig;en gelten.<\/p><p>Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) basiert auf dem R&ouml;mischen Statut &ndash; einem internationalen Vertrag, dem bislang 124 Staaten beigetreten sind. Sie haben sich damit verpflichtet, die Entscheidungen des Gerichts anzuerkennen und zu unterst&uuml;tzen. Anders als der Internationale Gerichtshof entscheidet der IStGH nicht &uuml;ber Streitigkeiten zwischen Staaten, sondern verfolgt Einzelpersonen wegen schwerster V&ouml;lkerrechtsverbrechen.<\/p><p>Schon bei der Gr&uuml;ndung 1998 in Rom versuchten die USA, Sonderregeln f&uuml;r ihre Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter durchzusetzen &ndash; ohne Erfolg. Bei der Schlussabstimmung stimmten 120 Staaten f&uuml;r das Statut, dagegen nur die USA, Israel, China, Irak, Libyen, Katar und Jemen. Kurz darauf begannen die USA, den Gerichtshof aktiv zu bek&auml;mpfen. Zwar unterzeichneten sie das Statut zun&auml;chst, zogen ihre Unterschrift unter Pr&auml;sident George W. Bush jedoch wieder zur&uuml;ck &ndash; ein diplomatisch beispielloser Schritt. An dieser ablehnenden Haltung &auml;nderte sich auch unter Obama, Trump und Biden nichts.<\/p><p>Diese Haltung eskalierte jedoch mit Trumps zweiter Amtszeit und dem Haftbefehl gegen die israelische F&uuml;hrung zu einem offenen Konflikt mit dem IStGH. In einer k&uuml;rzlich ver&ouml;ffentlichten Stellungnahme drohte US-Au&szlig;enminister Marco Rubio, den IStGH &bdquo;Ziegelstein f&uuml;r Ziegelstein&ldquo; auseinanderzunehmen. Zugleich stellte er Staaten, die den Gerichtshof weiterhin unterst&uuml;tzen, finanzielle und politische Konsequenzen in Aussicht, sollten sie die &bdquo;falsche Autorit&auml;t des IStGH&ldquo; nicht zur&uuml;ckweisen. Am 13. Juli weitete das US-Au&szlig;enministerium seine Ma&szlig;nahmen gegen den IStGH und seine Unterst&uuml;tzer aus, um Staaten zum Austritt aus dem Gerichtshof zu bewegen und Verb&uuml;ndete zu &bdquo;&auml;hnlichen Ma&szlig;nahmen&ldquo; aufzurufen.<\/p><p>In weiten Teilen Afrikas gilt der Internationale Strafgerichtshof bis heute als Instrument westlicher Machtpolitik. Hintergrund ist, dass sich seine Ermittlungen &uuml;ber viele Jahre fast ausschlie&szlig;lich gegen afrikanische Staats- und Milizenf&uuml;hrer richteten, w&auml;hrend Verantwortliche m&auml;chtiger Staaten kaum ins Visier gerieten. Der Vorwurf selektiver Justiz pr&auml;gt bis heute das Bild des Gerichts. Vor diesem Hintergrund hinterlegten Burkina Faso, Mali und Niger im Juni 2026 ihre Austrittserkl&auml;rungen bei den Vereinten Nationen. Die Regierungen der drei Sahelstaaten bezeichneten den IStGH als Werkzeug &bdquo;neokolonialer Repression&ldquo; und warfen ihm politische Parteilichkeit vor. Der Austritt wird im Juni 2027 wirksam.<\/p><p><strong>Haftbefehle als Ablenkung von Missbrauchsvorw&uuml;rfen gegen Khan?<\/strong><\/p><p>In der internationalen Berichterstattung entsteht vielfach der Eindruck, Karim Khan k&ouml;nne sein Amt wegen der gegen ihn erhobenen Vorw&uuml;rfe mutma&szlig;licher sexueller &Uuml;bergriffe verlieren. Auch scheint sich Israels Vorwurf durchzusetzen, Khan habe den Antrag auf Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu im Mai 2024 lediglich gestellt, um von den Vorw&uuml;rfen gegen seine Person abzulenken.<\/p><p>Ein Blick auf die Chronologie l&auml;sst diese Darstellung fragw&uuml;rdig erscheinen. Bereits wenige Wochen nach dem 7. Oktober 2023 leitete der IStGH Ermittlungen gegen israelische und f&uuml;hrende Hamas-Vertreter ein. Khan reiste nach Israel und in die pal&auml;stinensischen Gebiete, um Beweise zu sichern. Im Januar 2024 berief er ein unabh&auml;ngiges Expertengremium aus renommierten V&ouml;lkerrechtlern ein, das die Beweislage und die rechtlichen Voraussetzungen f&uuml;r Haftbefehle pr&uuml;fen sollte. Zu den Mitgliedern geh&ouml;rten unter anderem der Holocaust&uuml;berlebende und Richter Theodor Meron, die Menschenrechtsanw&auml;ltin Amal Clooney, der fr&uuml;here IStGH-Richter Sir Adrian Fulford, Baroness Helena Kennedy KC, Danny Friedman und Elizabeth Wilmshurst. Das Gremium kam einstimmig zu dem Schluss, dass die Antr&auml;ge auf Haftbefehle auf Recht und Beweisen beruhen.<\/p><p>Vor der Ver&ouml;ffentlichung informierte Khan mehrere f&uuml;hrende westliche Politiker &uuml;ber die geplanten Haftbefehle. Nach sp&auml;teren Recherchen von <em>Le Monde<\/em> bezeichnete der damalige britische Au&szlig;enminister David Cameron den Antrag gegen Benjamin Netanjahu und Yoav Gallant als &bdquo;Wasserstoffbombe&ldquo; und warnte, Gro&szlig;britannien k&ouml;nne seine Unterst&uuml;tzung f&uuml;r den Gerichtshof sowie finanzielle Mittel &uuml;berdenken, falls Khan an seinem Kurs festhalte. Auch US-Au&szlig;enminister Antony Blinken und die deutsche Staatssekret&auml;rin Susanne Baumann versuchten demnach, Khan von den Haftbefehlen abzubringen.<\/p><p>Erst Anfang Mai 2024 wurden die Vorw&uuml;rfe gegen Khan intern erhoben &ndash; Monate, nachdem die Ermittlungen bereits begonnen hatten und das unabh&auml;ngige Expertengremium seine Arbeit aufgenommen hatte. Wenig sp&auml;ter trat genau das ein, wovor die ehemaligen IStGH-Richter Howard Morrison und Cuno Tarfusser im Juni 2025 warnten: Der Umgang mit den Vorw&uuml;rfen gef&auml;hrde die Unabh&auml;ngigkeit des Gerichts. Sie kritisierten, dass Khans Name bereits vor einer formellen Beschwerde &ouml;ffentlich gemacht und &bdquo;nicht &uuml;berpr&uuml;fte Anschuldigungen&ldquo; verbreitet worden seien, die &bdquo;offensichtlich darauf abzielen, das Ergebnis zu beeinflussen&ldquo; und ein faires Verfahren zu untergraben.<\/p><p>Chefankl&auml;ger Karim Khan erkl&auml;rte sich trotz der gegen ihn erhobenen Vorw&uuml;rfe bereit, uneingeschr&auml;nkt mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten, und lie&szlig; sein Amt vor&uuml;bergehend ruhen. Die Versammlung der Vertragsstaaten des Internationalen Strafgerichtshofs (ASP) beauftragte daraufhin einen unabh&auml;ngigen Untersuchungsmechanismus mit der Pr&uuml;fung der Vorw&uuml;rfe. Nach monatelangen Ermittlungen und der Auswertung von mehr als 5.000 Seiten an Unterlagen gelangten die Ermittler einstimmig zu dem Schluss, dass sich die gegen Khan erhobenen Vorw&uuml;rfe nicht best&auml;tigen lie&szlig;en.<\/p><p>Ungeachtet dieser Bewertung wurde Karim Khan am 8. Juni dieses Jahres von seinen Aufgaben entbunden. Die Suspendierung erfolgte nur wenige Wochen vor der entscheidenden Abstimmung &uuml;ber seine m&ouml;gliche Amtsenthebung und scheint damit ein deutliches Signal an die Vertreter der Mitgliedsstaaten zu senden. Am 24. Juli werden die Vertreter der bis zu 125 Vertragsstaaten des Internationalen Strafgerichtshofs in einer Sondersitzung dar&uuml;ber entscheiden, ob Chefankl&auml;ger Karim Khan dauerhaft seines Amtes enthoben wird.<\/p><p>Ausgerechnet wenige Tage vor der geplanten Abstimmung &uuml;ber Khans Absetzung erhob die unter dem Pseudonym &bdquo;Sarah&ldquo; auftretende Mitarbeiterin ihre Vorw&uuml;rfe erstmals &ouml;ffentlich &ndash; in einem CNN-Interview. Sie schilderte, Khan sei w&auml;hrend einer Dienstreise in ihr Hotelzimmer gekommen und habe sich zu ihr ins Bett gelegt. Aus Angst habe sie sich schlafend gestellt und regungslos verharrt. Dennoch habe Khan sie unsittlich ber&uuml;hrt. &bdquo;Wenn jemand glaubt, dass eine Person schl&auml;ft, kann das niemals einvernehmlich sein&ldquo;, sagte sie. Khan weist die Vorw&uuml;rfe zur&uuml;ck und bestreitet jeden sexuellen Kontakt.<\/p><p><strong>IStGH-Mitarbeiter sehen die Unabh&auml;ngigkeit des Gerichts gef&auml;hrdet<\/strong><\/p><p>Wie gro&szlig; der Druck hinter den Kulissen sein muss, zeigt ein weiterer bemerkenswerter Vorgang: Ende Juni dieses Jahres, nur wenige Wochen vor der Abstimmung, &auml;nderte die Versammlung der Vertragsstaaten (ASP) die Regeln der Abstimmung. Statt des urspr&uuml;nglich vorgesehenen zweistufigen Verfahrens mit einer Zweidrittelmehrheit f&uuml;r die Feststellung schwerwiegenden Fehlverhaltens gen&uuml;gt nun eine einzige Abstimmung mit einfacher Mehrheit, um Khan schwerwiegendes Fehlverhalten vorzuwerfen und ihn aus dem Amt zu entfernen. Die H&uuml;rde f&uuml;r seine Amtsenthebung wurde damit kurz vor der Entscheidung erheblich gesenkt.<\/p><p>Scharfe Kritik am Vorgehen der Versammlung der Vertragsstaaten &uuml;bten der ehemalige Richter und Vizepr&auml;sident des Internationalen Strafgerichtshofs, Cuno Tarfusser, sowie der V&ouml;lkerrechtsprofessor Sergey Vasiliev. In einem gemeinsamen Beitrag bei <em>Al Jazeera<\/em>, erschienen Anfang M&auml;rz dieses Jahres, warnten sie davor, politische Entscheidungen an die Stelle einer unabh&auml;ngigen juristischen Bewertung treten zu lassen. W&ouml;rtlich schreiben sie: &bdquo;Politische Entscheidungen d&uuml;rfen eine rechtliche Bewertung, die nach h&ouml;chsten Ma&szlig;st&auml;ben richterlicher Kompetenz, Unabh&auml;ngigkeit und Unparteilichkeit vorgenommen wurde, weder ersetzen noch verdr&auml;ngen.&ldquo; Gesch&auml;he dies dennoch, entst&uuml;nde zwangsl&auml;ufig der Eindruck, dass rechtliche Verfahren lediglich als Fassade f&uuml;r willk&uuml;rliche Machtaus&uuml;bung dienten. Zudem warnten sie: &bdquo;Das Gespenst eines Schauprozesses steht im Raum.&ldquo;<\/p><p>Bereits Anfang April 2026 regte sich Widerstand aus dem Inneren des Internationalen Strafgerichtshofs. In einem Schreiben an die Versammlung der Vertragsstaaten bezeichnete sich eine Gruppe von Mitarbeitern des B&uuml;ros des Chefankl&auml;gers als die &bdquo;schweigende Mehrheit&ldquo;. Man habe sich bislang aus &bdquo;uneingeschr&auml;nktem Respekt vor dem Verfahren&ldquo; nicht &ouml;ffentlich ge&auml;u&szlig;ert. Nun warnen die Verfasser jedoch vor politisierten Eingriffen und externem Druck, der darauf abziele, &bdquo;die Unabh&auml;ngigkeit und Objektivit&auml;t eines gerichtlichen Verfahrens zu beeinflussen&ldquo;. Zugleich w&uuml;rdigen sie Khans F&uuml;hrung und sprechen von &bdquo;beispiellosen Erfolgen&ldquo; des Ankl&auml;gerb&uuml;ros unter seiner Leitung.<\/p><p>Obwohl die unabh&auml;ngigen Untersuchungen die gegen Karim Khan erhobenen Vorw&uuml;rfe nach seiner Darstellung nicht best&auml;tigten, droht ihm nun dennoch die Absetzung als Chefankl&auml;ger. Mit seinen Haftbefehlen gegen Benjamin Netanjahu und Joaw Galant geriet Khan in scharfen Konflikt mit mehreren westlichen Staaten.<\/p><p>Einer der gravierendsten Eingriffe auf die Souver&auml;nit&auml;t des Internationalen Strafgerichtshofs und seiner Entscheidungsfindung ist das Verh&auml;ngen von Sanktionen. Am 6. Februar 2025 verabschiedete US-Pr&auml;sident Donald Trump ein Sanktionspaket gegen den Internationalen Strafgerichtshof und Chefankl&auml;ger Karim Khan. Diese Ma&szlig;nahmen der Sanktionierung sehen unter anderem das Einfrieren von Verm&ouml;genswerten sowie Einreiseverbote f&uuml;r Funktion&auml;re, Mitarbeiter und Beauftragte des Gerichtshofs und deren unmittelbare Familienangeh&ouml;rige vor. Karim Khan wird darin namentlich aufgef&uuml;hrt.<\/p><p>Den Sanktionen war bereits erheblicher politischer Druck vorausgegangen &ndash; etwa, als in einem Brief, datiert auf Ende April 2024, zw&ouml;lf US-Senatoren, darunter der sp&auml;tere Au&szlig;enminister Marco Rubio, den Chefankl&auml;ger eindringlich vor Haftbefehlen gegen die israelische F&uuml;hrung warnten: &bdquo;Sollten Sie einen Haftbefehl gegen die israelische F&uuml;hrung anstreben, werden wir dies nicht nur als Bedrohung der Souver&auml;nit&auml;t Israels, sondern auch der Souver&auml;nit&auml;t der Vereinigten Staaten verstehen. [&hellip;] Wenn Sie Israel ins Visier nehmen, nehmen wir Sie ins Visier. [&hellip;] Sie wurden gewarnt.&ldquo;<\/p><p><strong>Israels geheimer Krieg gegen den IStGH<\/strong><\/p><p>Der Fall Khan zeigt, wie stark internationale Strafjustiz unter politischen Druck geraten kann. Kritiker sehen in den Vorg&auml;ngen eine Mischung aus Rufsch&auml;digung, institutionellen Machtk&auml;mpfen und politischer Einflussnahme. Doch damit endet der Konflikt nicht. Hinter den Kulissen wird inzwischen zu noch weitreichenderen Mitteln gegriffen.<\/p><p>Den Zorn Israels hatte bereits Khans Vorg&auml;ngerin Fatou Bensouda auf sich gezogen, nachdem sie 2015 eine Untersuchung zur Lage in Pal&auml;stina eingeleitet hatte.<\/p><p>Eines Morgens standen, wie Bensouda erst Ende Mai dieses Jahres gegen&uuml;ber <em>Al Jazeera<\/em> berichtete, zwei unbekannte M&auml;nner vor ihrem Privathaus in Den Haag und &uuml;berreichten ihr einen Umschlag mit 500 Dollar. Sie wies das Geld zur&uuml;ck, die M&auml;nner stiegen in ihren Mietwagen und fuhren davon. Sp&auml;tere Recherchen ergaben nach ihren Angaben, dass es sich mutma&szlig;lich um zwei israelische Agenten handelte. Bensouda wertete den Vorfall als gezielten Einsch&uuml;chterungsversuch und als Botschaft: Wir wissen, wo Sie wohnen.<\/p><p>Noch bemerkenswerter verlief ein Treffen im Jahr 2018. Am Rande einer Unterredung mit dem kongolesischen Pr&auml;sidenten Joseph Kabila trat in einem Hotelzimmer pl&ouml;tzlich der damalige Mossad-Chef Yossi Cohen aus einem Nebenraum. In einem Vieraugengespr&auml;ch machte er Bensouda unmissverst&auml;ndlich klar, dass Israel nicht wolle, &bdquo;dass die Untersuchungen in Pal&auml;stina fortgesetzt werden&ldquo;. In den folgenden Jahren suchte Cohen wiederholt den pers&ouml;nlichen Kontakt &ndash; zun&auml;chst mit Schmeicheleien, sp&auml;ter mit unverhohlenen Drohungen. So soll er Bensouda gewarnt haben, sie solle sich &bdquo;nicht auf Dinge einlassen, die Ihre Sicherheit oder die Ihrer Familie gef&auml;hrden k&ouml;nnten&ldquo;, so ein Bericht des <em>Guardian<\/em> von Ende Mai 2024.<\/p><p>Nach Recherchen des <em>Guardian<\/em> soll der israelische Geheimdienst &uuml;ber Jahre eine Kampagne aus &Uuml;berwachung, Einsch&uuml;chterung und Manipulation gegen Chefankl&auml;gerin Fatou Bensouda gef&uuml;hrt haben. Demnach seien auch Mitglieder ihrer Familie ausspioniert und unter Druck gesetzt worden.<\/p><p>Mit ihrem Nachfolger Karim Khan setzte sich die Konfrontation fort. Nachdem Khan Haftbefehle gegen Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, den damaligen Verteidigungsminister Joaw Gallant sowie gegen drei Hamas-F&uuml;hrer beantragt hatte, versch&auml;rfte sich der Ton weiter. Netanjahu erkl&auml;rte, Israel f&uuml;hre einen Krieg an sieben Fronten: gegen die Hamas, die Hisbollah, die Huthi, Milizen im Irak und in Syrien, den Iran, bewaffnete Gruppen im Westjordanland &ndash; und gegen den Internationalen Strafgerichtshof.<\/p><p>Wie weit dieser Konflikt reichte, legen weitere Medienberichte nahe. Am 1. Mai 2025, als Khans Antrag auf Haftbefehle unmittelbar bevorstand, traf er im Hotel des Indes in Den Haag den britisch-israelischen Strafverteidiger Nicholas Kaufman. Am Vortag hatte Kaufman den fr&uuml;heren stellvertretenden israelischen Generalstaatsanwalt und Netanjahu-Berater Roy Schoenberg getroffen. Nach Khans Gespr&auml;chsnotizen stellte Kaufman sich als autorisiert dar, einen Vorschlag von Netanjahu und Gallant zu &uuml;bermitteln. Khan m&uuml;sse einen Weg finden, &bdquo;vom Baum herunterzuklettern&ldquo;, indem er die Haftbefehle zur&uuml;cknehme. Andernfalls habe Kaufman gewarnt: &bdquo;Sie werden Sie vernichten und sie werden den Gerichtshof zerst&ouml;ren.&ldquo; Kaufman bestreitet sowohl, im Auftrag der israelischen Regierung gehandelt zu haben, als auch, diese Drohung ausgesprochen zu haben.<\/p><p>Genau vor einer Politisierung des Gerichts warnen der ehemalige Richter und Zweite Vizepr&auml;sident des Internationalen Strafgerichtshofs, Cuno Tarfusser, sowie der V&ouml;lkerrechtsprofessor Sergey Vasiliev in einem Gastbeitrag bei <em>Al Jazeera<\/em> im M&auml;rz dieses Jahres. Sie schreiben, der Eindruck, juristische Verfahren dienten lediglich als Deckmantel f&uuml;r willk&uuml;rliche Machtaus&uuml;bung, sei kaum noch von der Hand zu weisen. Tarfusser spricht sogar von einem &bdquo;Putsch&ldquo; gegen den Internationalen Strafgerichtshof.<\/p><p>Dieser Putsch gegen den Internationalen Strafgerichtshof bestand aus einer Kette politischer Eingriffe. Dazu geh&ouml;ren Sanktionen durch die US-Administration, mutma&szlig;liche Intrigen gegen den ISTGH-Chefankl&auml;ger, aber der wahrscheinlich gravierendste Eingriff ist der Einsatz von Geheimdiensten.<\/p><p>&bdquo;Dies ist ein Moment, in dem sowohl ich als auch der Internationale Strafgerichtshof einer Vielzahl von Angriffen und Bedrohungen ausgesetzt sind&ldquo;, erkl&auml;rte Karim Khan gegen&uuml;ber dem <em>Guardian<\/em> im Oktober 2024. Wer hinter diesen Bedrohungen steht, sagt Khan &ouml;ffentlich kaum. Auff&auml;llig ist jedoch, dass auch seine Vorg&auml;ngerin Fatou Bensouda jahrelang schwieg. Erst im Mai 2024 wurde durch Recherchen des <em>Guardian<\/em> bekannt, dass sie nach eigenen Angaben &uuml;ber Jahre hinweg Ziel einer Einsch&uuml;chterungskampagne des israelischen Geheimdienstes gewesen sein soll.<\/p><p><strong>Israelischer Geheimdienst: &bdquo;Khan ist der langweiligste Mann der Welt&ldquo;<\/strong><\/p><p>In einem CNN-Interview am 20. Mai 2024 &ndash; dem Tag, an dem Khan die Haftbefehle beantragte &ndash; machte er den politischen Druck auf den Internationalen Strafgerichtshof erneut &ouml;ffentlich. Ein nicht namentlich genannter gew&auml;hlter Amtstr&auml;ger habe ihm in einem pers&ouml;nlichen Gespr&auml;ch erkl&auml;rt: &bdquo;Dieser Gerichtshof wurde f&uuml;r Afrika und Verbrecher wie Putin geschaffen.&ldquo;<\/p><p>Auf konkrete Sicherheitsbedenken deuten weitere Berichte hin. Demnach traf sich Khan Anfang Mai 2024 mit Pieter Jaap Aalbersberg, dem Nationalen Koordinator der Niederlande f&uuml;r Sicherheit und Terrorismusbek&auml;mpfung. Dabei soll es unter anderem um eine Versch&auml;rfung der Sicherheitsma&szlig;nahmen f&uuml;r den Internationalen Strafgerichtshof sowie um mutma&szlig;liche Aktivit&auml;ten des israelischen Geheimdienstes in Den Haag gegangen sein.<\/p><p>Auch die britische Zeitung <em>The Guardian<\/em> berichtete im Oktober 2024, dass &bdquo;der israelische Geheimdienst &uuml;ber einen Zeitraum von neun Jahren versuchte, das B&uuml;ro des ISTGH-Chefankl&auml;gers zu untergraben, zu beeinflussen und angeblich einzusch&uuml;chtern.&ldquo; In einem Interview mit <em>Al Arabiya English<\/em> am 26. Juni deutete Karim Khan au&szlig;erdem an, dass es Bestrebungen gebe, Personen wie &bdquo;UN-Sonderberichterstattern, Francesca Albanese oder Richtern des IStGH oder mich selbst&ldquo; einzusch&uuml;chtern. Auf eine entsprechende Nachfrage im Interview mit <em>Middle East Eye<\/em> Anfang Mai best&auml;tigte Khan schlie&szlig;lich, dass er von &bdquo;Teilen des israelischen Geheimdienstes engmaschig &uuml;berwacht werde.&ldquo; Zugleich erkl&auml;rte er, er habe &bdquo;die zust&auml;ndigen Beh&ouml;rden dar&uuml;ber informiert&ldquo; und k&ouml;nne &bdquo;das nicht weiter kommentieren&rdquo;.<\/p><p>Nach Recherchen des <em>+972 Magazine<\/em> vom Mai 2024 lie&szlig; Israels Geheimdienstapparat den Internationalen Strafgerichtshof &uuml;ber Jahre systematisch &uuml;berwachen, um laufende Ermittlungen fr&uuml;hzeitig auszusp&auml;hen und zu beeinflussen. Im Fokus stand dabei auch Chefankl&auml;ger Karim Khan. Nach Angaben einer israelischen Geheimdienstquelle wollten die Dienste vor allem verstehen, &bdquo;was Khan denkt&ldquo;. Seine Reisen und Kontakte wurden genau verfolgt. &Uuml;ber ihn sagte dieselbe Quelle: &bdquo;Khan ist der langweiligste Mann der Welt, &uuml;ber den man Informationen sammeln kann, weil er so geradlinig wie ein Lineal ist.&ldquo;<\/p><p>Nach Angaben von <em>+972<\/em> soll Premierminister Benjamin Netanjahu die Geheimdienstoperation geradezu &bdquo;besessen&ldquo; verfolgt und pers&ouml;nlich Anweisungen zur Ausforschung des IStGH erteilt haben. Ein Geheimdienst-Whistleblower schilderte gegen&uuml;ber dem Magazin, Justizministerium, Milit&auml;rjuristen, Shin Bet und der Nationale Sicherheitsrat h&auml;tten den Gerichtshof als &bdquo;Krieg&ldquo; betrachtet, der gef&uuml;hrt werden m&uuml;sse. Ziel der Operation sei gewesen, Ermittlungen des IStGH zu mutma&szlig;lichen Kriegsverbrechen zu vereiteln, weil sie Israels internationales Ansehen zu besch&auml;digen drohten.<\/p><p>Es bleibt festzuhalten: Die zahlreichen Berichte &uuml;ber &Uuml;berwachung, Drohungen, diplomatischen Druck, Sanktionen und Versuche politischer Einflussnahme zeichnen das Bild einer beispiellosen Auseinandersetzung um die Unabh&auml;ngigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs. Am 24. Juli entscheidet sich deshalb nicht nur die Zukunft von Chefankl&auml;ger Karim Khan. Die Abstimmung wird auch zu einem Test f&uuml;r die Glaubw&uuml;rdigkeit des internationalen V&ouml;lkerrechts. Zeigt sich, dass politischer Druck &uuml;ber juristische Ma&szlig;st&auml;be siegt, w&auml;re dies ein schwerer Schlag f&uuml;r die Idee einer unabh&auml;ngigen internationalen Strafjustiz.<\/p><p><small>Titelbild: lev radin \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karim Khan beantragte als erster Chefankl&auml;ger des Internationalen Strafgerichtshofs einen Haftbefehl gegen Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. Kurz danach wurden Vorw&uuml;rfe mutma&szlig;licher sexueller &Uuml;bergriffe gegen ihn bekannt. Am 24. Juli wurde &uuml;ber seine Absetzung entschieden. Was als blo&szlig;e Personalentscheidung erscheint, ist ein Frontalangriff auf das V&ouml;lkerrecht. 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