{"id":154236,"date":"2026-07-28T10:00:23","date_gmt":"2026-07-28T08:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154236"},"modified":"2026-07-28T10:21:35","modified_gmt":"2026-07-28T08:21:35","slug":"quo-vadis-afd-chrupalla-buch-friedensbewegung-und-mittelschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154236","title":{"rendered":"Quo vadis, AfD? \u2013 Chrupalla-Buch, Friedensbewegung und Mittelschichten"},"content":{"rendered":"<p>Seitdem &bdquo;links&rdquo; nicht mehr f&uuml;r Frieden steht und &bdquo;rechts&rdquo; nicht mehr f&uuml;r Krieg gegen Russland, ist Jahrmarkt im Himmel der Wortverdreher. Wer Raketen auf Moskau fordert, ist &bdquo;gem&auml;&szlig;igte Mitte&rdquo;. Wer Meinungsfreiheit will, ist &bdquo;Extremist&rdquo;. Faschisten, die nationale Sozialisten erschie&szlig;en lie&szlig;en, werden zu &bdquo;nationalen Sozialisten&rdquo; umgem&uuml;nzt und Hitler gar zum Kommunisten. Die Babylonier brauchten dazu noch einen hohen Turm, dem Magazin <em>Focus<\/em> reicht ein mittlerer Immobilienh&auml;ndler: Rainer Zitelmann. Der altmaoistische FDPler hat dort Tino Chrupallas Biographie &bdquo;Handwerk-Meister-Politik&rdquo; als zu &bdquo;links&rdquo; verrissen. Von <strong>Diether Dehm<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEin Geheimnis der Popularit&auml;t von AfD und Tino Chrupalla &ndash; aber auch der dortigen Streitigkeiten &ndash; liegt im Mythos &bdquo;Mittelstand&rdquo; (= KMU), welcher zu 96 Prozent aus Klein- und Kleinstunternehmen besteht, aber kulturell in Angestellte und Arbeiterschaft hineinstrahlt. Linke, aber auch CDU- und FDP-Eliten nannten ihn jahrzehntelang hochn&auml;sig &bdquo;Spie&szlig;- oder Kleinb&uuml;rgertum&rdquo; &ndash; was die klassenspezifische Zuordnung so kompliziert macht: Diese Mittelschichten sind &bdquo;soziale Zwitter&rdquo;, bringen zwar viel Arbeitskraft ein, besitzen aber auch kleines, meist fremdfinanziertes Produktivkapital.<\/p><p>Den linkspopul&auml;ren Fronten in Spanien, Frankreich und in der italienischen Partisanenbewegung war es &uuml;ber Jahrzehnte gelungen, weite Teile dieser Selbstst&auml;ndigen an die Arbeiterbewegung zu binden &ndash; in Deutschland nur selten. Ernst Bloch rief der deutschen Linken zu: Kampflos, Genossen, habt ihr das Kleinb&uuml;rgertum dem Faschismus &uuml;berlassen.<\/p><p>Mit dem Zusammenbruch des &bdquo;realen Sozialismus&rdquo;, mit KI und dem R&uuml;ckgang von Flie&szlig;band und Werkhallen ist die Arbeiterbewegung nicht eben in ihre Bl&uuml;tejahre getreten, kulturell zun&auml;chst gar in den Hintergrund. Ehrliche Linkskr&auml;fte (nicht die Etikettenschwindler &auml;hnlichen Namens) agierten seit 1989 zunehmend &ndash; in Ermangelung eines Besseren &ndash; in B&uuml;ndnisformationen mit friedensorientierten und konzernkritischen Teilen von Kleinunternehmern und mit F&uuml;hrungspersonal aus dem Mittelstand. Zumal Gewerkschaftsf&uuml;hrungen von NATO-besessenen, rechten SPDlerinnen und SPDlern okkupiert wurden. Die rosa-gr&uuml;ne W&auml;hlerschaft war unter SPD, Gr&uuml;nen und &bdquo;Links&rdquo;partei aufgeteilt, aber zusammen zu Raketen gegen Russland verleitet worden. Nachdem das BSW zun&auml;chst als Tr&auml;ger &uuml;bergro&szlig;er Hoffnungen eingeknickt war, wuchs die AfD so zur st&auml;rksten Partei &ndash; auch mit den meisten Arbeiterstimmen.<\/p><p>Tino Chrupallas Biographie spiegelt diesen Aufstieg, glaubhaft und mitunter charismatisch. Weniger im Geiste Ostdeutschlands als dem eines bodenst&auml;ndigen Gewerbetreibenden: wie er als Maler zum Meister und Handwerksunternehmer und schlie&szlig;lich zum Parteivorsitzenden wuchs. Wie er k&uuml;rzlich gegen den V&ouml;lkermord der israelischen Armee und gegen den US-&Uuml;berfall auf den Iran Mehrheitsbeschl&uuml;sse in der AfD zustande gebracht hat. Wie er die Sch&uuml;lerbewegung gegen Wehrpflicht unterst&uuml;tzte und als Kreistagsabgeordneter von G&ouml;rlitz die Bundeswehr von Propagandaveranstaltungen in Schulen fernhielt.<\/p><p>Weshalb sogar SPD-Professor Wolfgang Schr&ouml;der j&uuml;ngst konzedieren musste: &bdquo;Chrupalla ist mindestens so wichtig wie Weidel &hellip; er ist ein Asset f&uuml;r diese Partei &hellip; Welche Partei hat schon einen Handwerksmeister als Vorsitzenden?&rdquo;<\/p><p>Aber genau so jemanden versuchen fr&uuml;here CDU-Kader in westdeutschen AfD-Eliten ver&auml;chtlich zu machen. Die hatten der menschlichen Arbeitskraft und dem Sozialstaat noch nie sonderlichen Respekt gezollt. Vor und auf dem letzten AfD-Bundesparteitag suchten sie mit unterirdischen Netzwerken Chrupalla loszuwerden &ndash; was misslang. Dann stellte Chrupalla seine Biographie vor. Westdeutsche Geschichtsrevisionisten wie Rainer Zitelmann, der Hitler schon als sozialistischen Revolution&auml;r bezeichnet hatte, ging das geh&ouml;rig auf den Zeiger.<\/p><p>Zitelmann warf im <em>Focus<\/em> (23. Juli 2026) Chrupalla dessen linke Vorbilder vor: den SPD-Handwerksmeister Friedrich Ebert, den CDU-Kapitalismuskritiker Jakob Kaiser, den Brechtfan und Werkzeugmacher Norbert Bl&uuml;m und &ndash; Gott-sei-bei-uns &ndash; Brandts Mitmacher der neuen Ostpolitik: Egon Bahr.<\/p><p>Dann zitiert Zitelmann die <em>Neue Z&uuml;richer Zeitung<\/em> vom 17. Juli 2026, welche nun wieder die netanjahufreundliche <em>Junge Freiheit<\/em> zitiert, die &sbquo;FAZ f&uuml;r Arme&lsquo; im AfD-Umfeld:<\/p><p>&bdquo;Laut &uuml;bereinstimmenden Recherchen der ,Jungen Freiheit&lsquo; war es eben diese Offenheit nach links, die Chrupalla in Konflikt mit seiner eigenen Fraktion gebracht hatte. Demzufolge habe Chrupalla versucht, die fr&uuml;here Bundestagsabgeordnete der Linkspartei und Ex-BSW-Politikerin Zaklin Nasti&#263; als Grundsatzreferentin der AfD-Bundestagsfraktion zu installieren. Ihre Skepsis gegen&uuml;ber den USA und der Nato d&uuml;rfte ihm imponiert haben. Chrupalla sei aber am Betriebsrat der Fraktion gescheitert, der ein Veto gegen ihre Einstellung eingelegt habe&ldquo; (NZZ).<\/p><p>Der NATO-freundliche Fraktionsbetriebsrat war mit dem Veto weit &uuml;ber die Kompetenzen einer Bundestags-Sozial-Vertretung hinausgegangen &ndash; und hatte dies dann auch noch innerhalb von Minuten triumphierend an die <em>Junge Freiheit (JF)<\/em> durchgestochen. Die <em>JF<\/em> will mit aller Macht die AfD in eine schwarz-blaue Koalition treiben. Stets &auml;rgert sich die <em>JF<\/em> darum &uuml;ber CDU-Abgrenzer gegen die AfD &ndash; und freut sich, wenn der s&auml;chsische CDU-MP Kretschmer f&uuml;r brandmauerbefreite Gespr&auml;che mit der AfD wirbt. Brandmaurer <u>im BSW<\/u> hingegen bereiten der <em>JF<\/em> gro&szlig;en Spa&szlig;.<\/p><p>Ganz im Gegensatz zur <em>JF<\/em> agiert das leserstarke Magazin <em>Compact<\/em> im AfD-Umfeld: nicht f&uuml;r CDU-Kooperation, sondern f&uuml;r eine Friedensbewegung <u>mit<\/u> dem BSW. Vor zwei Jahren w&uuml;nschte sich J&uuml;rgen Els&auml;sser auf dem Titelblatt seines <em>Compact<\/em> Sahra Wagenknecht als Bundeskanzlerin. Das war aber vor den Koalitionen in Th&uuml;ringen und Brandenburg.<\/p><p>Nun will <em>Compact<\/em> au&szlig;erparlamentarisch und im Landtag von Sachsen-Anhalt auch mehr Kooperation von AfD mit dem um die f&uuml;nf Prozent ringenden BSW. J&uuml;rgen Els&auml;sser lobt dessen Spitzenkandidatin, die Historik-Dozentin an der Uni Halle, Dr. Claudia Wittig, als &bdquo;Ausnahmetalent in bisherigen Linksformationen&rdquo; &ndash; zumal Wittig lange schon mit ihrem BSW-Landesverband gegen sture Brandmaurerei argumentiert.<\/p><p>Aber so, wie Alexander Gauland vor zehn Jahren die AfD &bdquo;einen g&auml;rigen Haufen&rdquo; genannt hatte (was wohl bis heute zutrifft), g&auml;rt es nun auch im BSW. Oskar Lafontaine nannte j&uuml;ngst die Au&szlig;enpolitik der AfD sogar &bdquo;links&rdquo;, Fabio De Masi bezeichnete die CDU-SPD-Koalitionen des BSW in Th&uuml;ringen und Brandenburg bei &bdquo;Lanz&ldquo; als &bdquo;Anf&auml;ngerfehler&rdquo;, wollte in Sachsen-Anhalt keinen CDU-Ministerpr&auml;sidenten w&auml;hlen und forderte sogar in einem Offenen Brief die AfD zu einem &bdquo;Rede-Duell&rdquo; auf. Flugs bot <em>Compact<\/em> daf&uuml;r eine B&uuml;hne auf seinem Sommerfest am 22. August: f&uuml;r Claudia Wittig mit dem sachsen-anhaltinischen AfD-Fraktionsvorsitzenden Oliver Kirchner (der in seiner Freizeit Arbeiterlieder singt). Hernach aber prasselten Erpressungen auf Claudia Wittig nieder. Halbprominente BSWler, denen das alles zu pl&ouml;tzlich kam, sollen wohl mit &ouml;ffentlichem Austritt w&auml;hrend des laufenden BSW-Wahlkampfs gedroht haben, also mit schwerstm&ouml;glichem Schaden. Mit R&uuml;cksicht darauf musste Claudia Wittig schlie&szlig;lich ihre Gespr&auml;chsbeteiligung zur&uuml;ckziehen. Ein R&uuml;ckschlag auch beim Bau einer breiteren Friedensfront!<\/p><p>In all dem G&auml;ren geht es nun Tino Chrupalla (&bdquo;Ich bin kein Libert&auml;rer, der alles dem Markt &uuml;berantworten m&ouml;chte&rdquo;) nicht nur um Sachsen-Anhalt am 6. September, um eine Perspektive seiner Partei bei <u>west<\/u>deutschen Landtagswahlen oder nur um die n&auml;chste Bundestagswahl. Es d&uuml;rfte ihm auch um Deutschlands Zukunft in einer friedlicheren, sozialeren Welt gehen, um eine breitere Friedensbewegung. Nicht umsonst &auml;rgert sich Zitelmann also &uuml;ber Chrupallas Inanspruchnahme von Egon Bahr (der &bdquo;&hellip; kritisierte den Nato-Doppelbeschluss und schw&auml;chte den Westen&rdquo;, Zitelmann). Auch Chrupallas Sympathien f&uuml;r Norbert Bl&uuml;m mag Zitelmann so gar nicht. Denn Bl&uuml;m hatte den &bdquo;Finanzkapitalismus&rdquo; abgelehnt, weil dieser ein Angriff auf ehrliche Arbeit sei und &bdquo;die Welt regiert&rdquo;.<\/p><p>Aber aktuell treten in antikolonialistisch-multipolaren Bev&ouml;lkerungsbewegungen der BRICS-Staaten auch Mittelschichten aus dem Schatten von Wallstreet und Pentagon. Chinas KP demonstriert dabei einen wohl alternativlosen Ritt auf dem Tiger: Seine Unternehmen agieren weltweit erfolgreich unter Hegemonie einer Partei mit der roten Fahne.<\/p><p>Peter Gauweiler, &auml;hnlich wie Tino Chrupalla ein anderer konservativer Weitblicker (der sich selbst immer noch &bdquo;einen Rechten&rdquo; nennt), sagte k&uuml;rzlich in einem bemerkenswerten Referat <a href=\"https:\/\/www.peter-gauweiler.de\/\">peter-gauweiler.de<\/a> auf Einladung des chinesischen Generalkonsulats in M&uuml;nchen anl&auml;sslich des 105. Gr&uuml;ndungstages der KP Chinas: &bdquo;Die gro&szlig;e Aufgabe besteht darin, unterschiedliche Ordnungen und Entwicklungswege nicht zwangsl&auml;ufig zu feindlichen Antagonismen werden zu lassen &hellip; die anderen als Negativ-Gruppe zu diffamieren.&rdquo;<\/p><p>Will Deutschland nun einen dritten Weltkrieg gegen BRICS &ndash; oder wieder &bdquo;ein Volk der guten Nachbarn&rdquo; werden? Dazu m&uuml;sste der unipolar-militaristische US-W&uuml;rgegriff von BlackRock &amp; Co. und dessen Medien hierzulande erstmal gelockert sein. Aber das bedarf einer derart komplizierten politischen Breite wie die in den BRICS-Staaten &ndash; hierzulande!<\/p><p>Genau darum ist Chrupalla zur Zielscheibe transatlantischer Hetzbrigaden geworden &ndash; in und au&szlig;erhalb der AfD. Denn wer Friedenshoffnungen in einem Volk kaputt machen will, muss erstmal deren personelle und organisatorische St&uuml;tzen stutzen: die popul&auml;ren Hoffnungstr&auml;ger. Also mal ehrlich: Sollte es unter den f&uuml;hrenden drei westlichen Geheimdiensten CIA, Mossad und BND eine Umfrage &uuml;ber den aktuell gef&auml;hrlichsten &bdquo;Staatsfeind&rdquo; im Lande geben, dann m&uuml;ssten wohl Wagenknecht, Lafontaine und wir Autoren der <em>NachDenkSeiten<\/em> kurz beiseitetreten: The Winner is Tino Chrupalla.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seitdem &bdquo;links&rdquo; nicht mehr f&uuml;r Frieden steht und &bdquo;rechts&rdquo; nicht mehr f&uuml;r Krieg gegen Russland, ist Jahrmarkt im Himmel der Wortverdreher. Wer Raketen auf Moskau fordert, ist &bdquo;gem&auml;&szlig;igte Mitte&rdquo;. Wer Meinungsfreiheit will, ist &bdquo;Extremist&rdquo;. Faschisten, die nationale Sozialisten erschie&szlig;en lie&szlig;en, werden zu &bdquo;nationalen Sozialisten&rdquo; umgem&uuml;nzt und Hitler gar zum Kommunisten. 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