{"id":154400,"date":"2026-07-31T10:31:34","date_gmt":"2026-07-31T08:31:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154400"},"modified":"2026-07-31T11:20:58","modified_gmt":"2026-07-31T09:20:58","slug":"gute-antikriegslieder-sterben-leider-nie-sie-warten-auf-den-naechsten-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154400","title":{"rendered":"Gute Antikriegslieder sterben leider nie \u2013 sie warten auf den n\u00e4chsten Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Unsere Geschichtsb&uuml;cher erz&auml;hlen gerne von Gener&auml;len, Feldherren, K&ouml;nigen und Pr&auml;sidenten, die Kriege f&uuml;hren, gewinnen und verlieren. Doch sie sind es nicht, die elend in Sch&uuml;tzengr&auml;ben kauern und denen die Gliedma&szlig;en von einer feindlichen Kugel weggerissen werden. F&uuml;r das Schicksal der &bdquo;Johnnys&ldquo;, die mit Trommeln und Versprechungen gek&ouml;dert und dann im Milit&auml;r gebrochen und in Kriegen verheizt werden, ist nicht die Geschichtsschreibung, sondern die Kunst zust&auml;ndig. Ein solches Kunstwerk ist das zeitlose Antikriegslied &bdquo;Johnny I Hardly Knew Ye&ldquo;, das ich Ihnen heute im Rahmen des Projekts <a href=\"https:\/\/friedensnoten.de\/\">&bdquo;Friedensnoten&ldquo;<\/a> in der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=T-kBZjoWGNg&amp;list=RDT-kBZjoWGNg\">eindringlichen Version<\/a> von Benjamin Luxon und Bill Crofut[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154400#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] vorstellen will. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Unsere &Uuml;bersicht zu den &bdquo;Friedensnoten&ldquo; der NachDenkSeiten (wird fortw&auml;hrend erg&auml;nzt) <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154396\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"100%\" height=\"auto\" style=\"aspect-ratio: 16 \/ 9\" src=\"\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/T-kBZjoWGNg?si=e2nduGi1otUeR_NR\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p>Die Geschichte ist schnell erz&auml;hlt. Ein irischer Soldat kehrt aus einem Kolonialkrieg der britischen Armee zu seiner Braut zur&uuml;ck. Doch zur&uuml;ckgekehrt ist eigentlich nur noch eine H&uuml;lle. Denn was da zur&uuml;ckkehrt, ist kaum wiederzuerkennen: keine Arme, keine Beine, die Augen erloschen, &bdquo;an eyeless, boneless, chickenless egg&rdquo;, einer, den man mit einer Bettelschale an die Stra&szlig;e setzen muss. Der Refrain ist ebenso schlicht wie vernichtend: &bdquo;Johnny, I hardly knew ye.&ldquo; Johnny, ich habe dich kaum wiedererkannt. Mehr muss man &uuml;ber den Krieg eigentlich nicht sagen.<\/p><p>Die Legende sagt, dass dieses Lied bereits im 18. Jahrhundert als trotzige Antwort auf die Anwerbungsversuche der britischen Armee von der irischen Landbev&ouml;lkerung gesungen wurde. Historisch l&auml;sst sich das jedoch nicht belegen. Die &bdquo;wahre&ldquo; Geschichte des Liedes ist jedoch noch interessanter. Die Musik des Liedes stammt vom 1863 geschriebenen amerikanischen Kriegslied <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NKaZyaypgJA\">&bdquo;When Johnny Comes Marching Home&ldquo;<\/a> &ndash; ein, wie man heute sagen w&uuml;rde, schmissiges Werbelied, mit dem beide Seiten im amerikanischen B&uuml;rgerkrieg Freiwillige f&uuml;r die Armee rekrutierten. Im Text geht es darum, wie der Soldat Johnny stolz aus dem Krieg zur&uuml;ckkehrt und f&uuml;r seine Heldentaten bewundert und bejubelt wird. Cineasten d&uuml;rfte das Lied vor allem aus Kubricks Meisterwerk <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=snTaSJk0n_Y\">&bdquo;Dr. Seltsam&ldquo; bekannt sein<\/a>, in dem es in der ikonischen Szene gespielt wird, in der die Amerikaner die erste Atombombe auf Russland abwerfen.<\/p><p>Aus diesem vor Pathos triefenden Kriegslied machte der englische Kabarettist Joseph B. Geoghegan 1867 eine makabere Groteske f&uuml;r die damals popul&auml;ren Music Halls. Auch in seinem Text geht es um &bdquo;Johnny&ldquo;, nur dass sein Johnny nicht ruhmreich aus dem Krieg zur&uuml;ckkehrt und bewundert, sondern als gebrochenes, verunstaltetes menschliches Wrack von seiner Braut betrauert und verh&ouml;hnt wird. &Uuml;ber die Jahre wurde aus dem bitteren Music-Hall-St&uuml;ck eines der eindringlichsten Antikriegslieder &uuml;berhaupt. Weltber&uuml;hmt wurde es 1961 in der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4VoOovy0ZNs\">Version der Clancy Brothers<\/a>, die zu einer fr&uuml;hen Hymne der amerikanischen Antikriegsbewegung wurde. Als Lied gegen den Vietnamkrieg wurde es sp&auml;ter <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PRszba5m7iA\">von Joan Baez adaptiert<\/a>. Die wohl bekannteste zeitgen&ouml;ssische Version ist die musikalisch krachende <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=QEUmJR3-Um8\">Interpretation der Dropkick Murphys<\/a>.<\/p><p>All diese Interpretation h&auml;tten zweifelsohne einen eigenen Text verdient. Die f&uuml;r mich alles &uuml;berragende Version ist jedoch die 1986 entstandene Interpretation des Liedes durch den britischen Operns&auml;nger Benjamin Luxon, begleitet vom amerikanischen Folkmusiker Bill Crofut auf dem Banjo.<\/p><p>Die meisten Versionen des Liedes setzen auf die Energie des irischen Folks oder den mitrei&szlig;enden Refrain. Luxon und Crofut gehen einen v&ouml;llig anderen Weg. Benjamin Luxon singt nicht. Er erz&auml;hlt. Seine dunkle Baritonstimme besitzt eine &uuml;berw&auml;ltigende Wucht. Jede Zeile klingt, als w&uuml;rde sie sich unter ihrem eigenen Gewicht biegen. Wo andere S&auml;nger Pathos suchen, findet Luxon Menschlichkeit und Emotionen. Mit jeder Zeile steigert sich die von ihm verk&ouml;rperte Braut mehr in den Horror hinein, der sich vor ihr in Form des zur&uuml;ckkehrenden Johnny auftut. Aus Klage wird Verzweiflung. Aus Verzweiflung wird Wut und schlie&szlig;lich Resignation. Das ist der Krieg.<\/p><p>Bill Crofuts sparsame Begleitung verst&auml;rkt diesen Eindruck. Keine &uuml;berladene Instrumentierung, keine dramatischen Effekte. Nur gen&uuml;gend Raum, damit jedes Wort wirken kann. Unterst&uuml;tzt wird diese Wirkung durch das minimalistische B&uuml;hnenbild und die sparsame Beleuchtung. So entsteht eine beklemmende Intimit&auml;t, die man bei kaum einer anderen musikalischen Darbietung findet. Die Musik dr&auml;ngt sich nie vor den Text &ndash; sie tr&auml;gt ihn. Und im Hintergrund erinnert das &bdquo;Trommeln&ldquo; des Banjos immer wieder daran, worum es geht &ndash; sie trommeln f&uuml;r den Krieg. Sie trommeln, um auch Dich zu holen. Das fr&ouml;hliche Hurra der Anwerbung, nur dass es jetzt &uuml;ber einen Mann ohne Arme und Beine gesungen wird. Das Lied l&auml;sst die Trommel weitertrommeln, w&auml;hrend es zeigt, was sie angerichtet hat. Eine perfidere, eine genauere Konstruktion hat die Antikriegskunst nie hervorgebracht.<\/p><p>Man stelle sich das Lied in einer anderen Interpretation vor: Dasselbe Lied, hochglanzpoliert, mit anschwellenden Streichern und einem Chor im Finale. Es w&auml;re ertr&auml;glich. Es w&auml;re &bdquo;sch&ouml;n&ldquo;. Und genau das darf es nicht sein. Luxon und Crofut verweigern uns den Trost. Sie lassen das &bdquo;chickenless egg&rdquo; nackt im Raum stehen, so wie der Pazifist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Friedrich\">Ernst Friedrich<\/a> 1924 in seinem Bildband <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krieg_dem_Kriege\">&bdquo;Krieg dem Kriege!&rdquo;<\/a> die zerschossenen Gesichter der Weltkriegsversehrten nackt auf die Seiten legte &ndash; ohne Bildunterschrift, ohne Deutung, ohne Weichzeichner. Man kann vor beidem die Augen verschlie&szlig;en. Aber man kann hinterher nicht sagen, man habe es nicht gesehen.<\/p><p>Moderne Kriegspropaganda arbeitet mit Satellitenbildern, Frontverl&auml;ufen und Prozentzahlen. Sie spricht &uuml;ber Verteidigungsausgaben, Waffensysteme und B&uuml;ndnisverpflichtungen. Das einzelne Schicksal verschwindet hinter abstrakten Begriffen. <em>Johnny I Hardly Knew Ye<\/em> macht genau das Gegenteil. Es reduziert den Krieg auf einen einzigen Menschen. Und pl&ouml;tzlich wird alles sichtbar.<\/p><p>Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Lied auch nach mehr als 150 Jahren nichts von seiner Kraft verloren hat. Es erinnert uns daran, dass hinter jeder strategischen Debatte irgendwann ein Johnny steht. Einer, der fortgeht. Und einer, den man &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; kaum noch wiedererkennt.<\/p><p>Das macht das Lied aktueller denn je. Auch heute h&ouml;ren wir die &bdquo;Drums and Guns&ldquo;, auch heute werden in Deutschland die Johnnys, die bei uns eher Kevin oder Mohammed hei&szlig;en, mit Pathos und haltlosen Versprechungen f&uuml;r die Armee rekrutiert. Werden auch sie einst gebrochen und verunstaltet zur ihrer Geliebten zur&uuml;ckkehren?<\/p><p>Darauf hat die Version von Joan Baez die richtige Antwort. Anders als im Original endet diese Version mit den Zeilen &hellip;<\/p><p><em>They&rsquo;re rolling out the guns again, hurroo, hurroo<\/em><br>\n<em>They&rsquo;re rolling out the guns again, hurroo, hurroo<\/em><br>\n<em>They&rsquo;re rolling out the guns again<\/em><br>\n<em>But they won&rsquo;t take back our sons again<\/em><br>\n<em>No they&rsquo;ll never take back our sons again<\/em><br>\n<em>Johnny, I&rsquo;m swearing to ye.<\/em><\/p><p>Und dieser Schwur sollte nicht ungeh&ouml;rt bleiben.<\/p><p><small>Titelbild: Ole Feldb&aelig;k, Ole Justesen: Danmarks Historie: Kolonierne i Asien og Afrika, Politikens Forlag, Kobenhavn 1980 \/ Screenshot dansingbear207 via YouTube<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Benjamin Luxon (vocals) and Bill Crofut (Banjo) on &ldquo;Folksongs at Tanglewood&rdquo; &ndash; Omega Records OCD3003<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/e482bda3c21e4556b953b085dafc3d34\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Geschichtsb&uuml;cher erz&auml;hlen gerne von Gener&auml;len, Feldherren, K&ouml;nigen und Pr&auml;sidenten, die Kriege f&uuml;hren, gewinnen und verlieren. 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