{"id":154455,"date":"2026-08-01T14:00:52","date_gmt":"2026-08-01T12:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154455"},"modified":"2026-07-31T17:30:30","modified_gmt":"2026-07-31T15:30:30","slug":"anthologie-mut-zum-widerspruch-erfahrungsberichte-die-schaudern-lassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154455","title":{"rendered":"Anthologie \u201eMut zum Widerspruch\u201c \u2013 Erfahrungsberichte, die schaudern lassen"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren sind wieder autorit&auml;re Tendenzen zu beobachten. Sie gehen nicht nur von staatlichen Institutionen aus, sondern auch von Leitmedien und der sogenannten Zivilgesellschaft, hinter der sich meist ideologisch verh&auml;rtete Aktivisten verbergen. Diese Instanzen geben vor, wie man zu sprechen, zu denken und zu handeln hat. Wer diese Gebote nicht befolgt, wird bek&auml;mpft, bisweilen mit rabiaten Mitteln. Der Konformit&auml;tsdruck ist gro&szlig; geworden, und immer weniger Menschen wollen oder k&ouml;nnen ihm standhalten. Breitfl&auml;chige Anpassung birgt jedoch Gefahren, f&uuml;r Individuum und Gesellschaft. Widerspruch muss sein, damit Demokratie gedeihen kann. Daf&uuml;r pl&auml;diert eine Anthologie aus dem Hause <a href=\"https:\/\/discorso.ch\/products\/mut-zum-widerspruch-dissidenten-der-alternativlosigkeit-berichten?variant=52057326879058\">discorso<\/a>. Eine Rezension von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Buch, herausgegeben von Wolfgang St&ouml;lzle und G&uuml;nter Roth, markiert einen historischen Kipppunkt westlicher Gesellschaften im neuen Jahrtausend, indem es Erfahrungsberichte versammelt, in denen der autorit&auml;re Geist der Gegenwart in seiner lebendigen Gestalt erkennbar wird. Der Titel ist Programm: <a href=\"https:\/\/discorso.ch\/products\/mut-zum-widerspruch-dissidenten-der-alternativlosigkeit-berichten?variant=52057326879058\">&bdquo;Mut zum Widerspruch&ldquo;<\/a>. Einerseits ein Appell an alle, die mit der gesellschaftspolitischen Entwicklung hadern, andererseits die Akzentuierung einer Charaktereigenschaft aller Autoren, die in dieser Anthologie jeweils ihre pers&ouml;nliche Geschichte erz&auml;hlen.<\/p><p>Unter ihnen befinden sich prominente Namen, deren F&auml;lle bereits in den Leitmedien f&uuml;r Aufmerksamkeit sorgten &ndash; Christian Dettmar zum Beispiel. Der ehemalige Richter am Amtsgericht Weimar hatte w&auml;hrend der Corona-Krise in einem Urteil zum staatlichen Maskenzwang zugunsten der Eltern entschieden und wurde daf&uuml;r sp&auml;ter selbst verurteilt, wegen angeblicher Rechtsbeugung. Die Folgen waren katastrophal: Dettmar verlor seinen Beamtenstatus sowie seinen Pensionsanspruch. Der Gerichtsstreit war langwierig und kraftraubend. Der ehemalige Richter schildert ihn entlang markanter Stationen und geht dabei auf mehrere Hausdurchsuchungen ein, die ein besonders grelles Licht auf den heutigen Polizeistaat werfen.<\/p><p>Diese drohen mittlerweile allen Dissidenten, selbst einfachen B&uuml;rgern, die in den sozialen Medien satirische Memes posten. Wer im &ouml;ffentlichen Dienst oder in gesellschaftlich angesehenen Berufen arbeitet, muss mit ihnen sogar rechnen, insbesondere &Auml;rzte und Mediziner. Wenn sie der herrschenden Meinung widersprechen, kommt es zu Diffamierung, Mobbing, Schikane oder gar Strafverfolgung. Der ehemalige Professor f&uuml;r Allgemeinmedizin Andreas S&ouml;nnichsen, der Psychologe Harald Walach und die &Auml;rztin Carola Javid-Kistel k&ouml;nnen davon ein Lied singen. Alle drei kritisierten die Corona-Politik und mussten daf&uuml;r bezahlen, mit psychischen Qualen.<\/p><p>In ihren Beitr&auml;gen schildern sie zwar so objektiv wie m&ouml;glich, wie sie ins Kreuzfeuer gerieten, doch zwischen den Zeilen schimmert durch, dass die Vorf&auml;lle emotionale Spuren hinterlassen haben. Wie sollte es auch anders sein, wenn, wie im Fall Javid-Kistels, Leitmedien-Journalisten faire Berichterstattung vorheucheln und dann die Tatsachen doch verdrehen; wenn Beamte in der eigenen Praxis eine Razzia durchf&uuml;hren; wenn berufsrechtliche Ermittlungsverfahren eingeleitet werden; wenn man inhaftiert wird; wenn, wie Walach und S&ouml;nnichsen erleben mussten, die Universit&auml;t unter fadenscheinigen Gr&uuml;nden das Arbeitsverh&auml;ltnis beendet.<\/p><p>Der akademische Betrieb scheint heute ohnehin ein ganz hei&szlig;es Pflaster zu sein. Einst Hort freien Denkens und Redens, entwickelt sich die Universit&auml;t zum Schlachtfeld, auf dem die Cancel Culture tobt. Das gleiche Schicksal wie Walach und S&ouml;nnichsen hat den Medienwissenschaftler Michael Meyen, die Politikwissenschaftlerin Ulrike Gu&eacute;rot und die Juristin Alessandra Asteriti ereilt. Der Fall der Letzteren zeigt, dass sich das Problem der Cancel Culture nicht nur auf Themen wie Corona oder Ukraine-Krieg beschr&auml;nkt. Asteriti wagte es, die &bdquo;Ideologie der Gender-Identit&auml;t&ldquo; zu kritisieren, musste dann aber feststellen, dass diese die akademische Welt fest im Griff hat. Schnell wurde sie zum Ziel von Drohmails und Beleidigungen, die vor allem in den sozialen Medien auf sie einprasselten. Asteriti wurde aus der akademischen Welt herausgeekelt und ist dort heute, wie sie in ihrem Beitrag schreibt, verbrannt und &bdquo;unvermittelbar&ldquo;.<\/p><p>Von &auml;hnlichen Erfahrungen berichten die Herausgeber Wolfgang St&ouml;lzle und G&uuml;nter Roth. Beide Professoren bekamen an ihren Universit&auml;ten Probleme, nachdem sie Bedenken gegen die Corona-Politik ge&auml;u&szlig;ert hatten &ndash; und schieden schlie&szlig;lich aus. Der Historiker Daniele Ganser hatte diese Erfahrungen bereits vor knapp 20 Jahren machen m&uuml;ssen, wegen Zweifeln an der offiziellen Darstellung des 9\/11-Anschlags. &bdquo;Es l&auml;uft immer gleich ab&ldquo;, schreibt er in seinem Beitrag: &bdquo;Abweichende Meinungen werden nicht toleriert. Wenn sich trotzdem jemand traut, den vorgegebenen Diskursraum zu verlassen, wird er diffamiert und riskiert, die Stelle zu verlieren.&ldquo;<\/p><p>Allerdings kann es f&uuml;r &bdquo;Querdenker&ldquo; auch abseits von Universit&auml;t und Medizin unangenehm werden. Die Herausgeber haben unterschiedliche F&auml;lle gesammelt und diese in drei gro&szlig;e Gruppen gegliedert. Einer davon hei&szlig;t &bdquo;Widerspruch in Staat und Kirche&ldquo;. Hier erz&auml;hlen der Soldat Alexander Bittner und der Pfarrer Martin Michaelis ihre Geschichten. W&auml;hrend Letzterer zun&auml;chst durch Kritik an der Corona-Politik und Kandidatur auf der Stadtratsliste der AfD in Quedlinburg in Ungnade fiel, wurde Bittner seine Impfverweigerung zum Verh&auml;ngnis. Der Preis war hoch: Bittner musste vier Monate im Gef&auml;ngnis verbringen, Michaelis verlor seine Beauftragung als Pfarrer.<\/p><p>Es sind schauderhafte Geschichten, 17 an der Zahl, erz&auml;hlt von Menschen aus Deutschland, &Ouml;sterreich und der Schweiz. So unterschiedlich wie ihre F&auml;lle ist auch der Stil, in dem sie diese wiedergeben, mal mit gegenderten Verrenkungen, mal mit R&uuml;ckblenden, mal ausf&uuml;hrlich und detailliert, mal essayistisch. Teilweise lesen sie sich wie ein Thriller, in dem die Protagonisten zu Gejagten werden und eine Horrorreise durchmachen, aber ihren Mut bis zum Schluss nicht verlieren. Daf&uuml;r geb&uuml;hrt ihnen Respekt. W&auml;hrend andere bei weitaus schw&auml;cherem Gegenwind umfallen, beweisen sie bis heute R&uuml;ckgrat.<\/p><p>Ihre Schicksale sind aufr&uuml;ttelnd, sie f&uuml;hren vor Augen, was in den westlichen Gesellschaften seit geraumer Zeit schiefl&auml;uft und dass diese zunehmend Gefahr laufen, ihre demokratischen Grundprinzipien zu verraten. Obwohl die Autoren &uuml;ber ihre Erfahrungen im Kreuzfeuer staatlicher und &ouml;ffentlicher Institutionen berichten, skizzieren sie zugleich Mechanismen, in denen zum Vorschein kommt, inwiefern Politik, Lobbygruppen und Pharmaunternehmen Macht auf Bereiche aus&uuml;ben, aus denen sie sich eigentlich heraushalten m&uuml;ssten. Dass sie dabei Erfolg haben, liegt auch an der Bereitschaft vieler, sich nicht gegen deren Einfluss zu wehren, sondern von ihm zu profitieren. Die Anthologie zeigt aber, dass es auch anders geht, vor allem, dass es wichtig ist, damit Staatsgewalt tats&auml;chlich vom Volk ausgeht und nicht von Parteien, Pharmaunternehmen oder Ideologen.<\/p><p>Vermutlich wird dieses Buch erst in zehn oder zwanzig Jahren die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient. Noch sind die Ereignisse zu frisch, als dass die gro&szlig;e Masse Interesse daf&uuml;r zeigt. Mut zum Widerspruch muss man aber schon jetzt zeigen, zumindest aber &uuml;ben. Daf&uuml;r ist die Anthologie eine geeignete Handreichung, eine Inspirationsquelle, die reichlich Impulse gibt. &bdquo;Der bevormundende Staat&ldquo;, lautet einer aus dem Mund des Wissenschaftsphilosophen Michael Esfeld, &bdquo;ist auf Angst-Narrative angewiesen, um die Menschen zu g&auml;ngeln und von Selbstbestimmung abzuhalten.&ldquo; Aber nicht Herrschaft bilde den Stoff, aus dem die Erfolgsgeschichte unserer Zivilisation gestrickt sei, sondern die spontane Ordnung, &bdquo;die aus den freiwilligen Interaktionen der Menschen und ihren sozialen Bindungen hervorgeht, wenn alle Menschen ihre F&auml;higkeiten frei entfalten k&ouml;nnen&ldquo;.<\/p><p><em>Dr. Wolfgang St&ouml;lzle &amp; Prof. Dr. rer. soc. G&uuml;nter Roth (Hrsg.): Mut zum Widerspruch &ndash; Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten. Basel 2025, discorso Verlagsgenossenschaft, gebundenes Buch, 400 Seiten, ISBN 978-3999700007, 29,80 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren sind wieder autorit&auml;re Tendenzen zu beobachten. Sie gehen nicht nur von staatlichen Institutionen aus, sondern auch von Leitmedien und der sogenannten Zivilgesellschaft, hinter der sich meist ideologisch verh&auml;rtete Aktivisten verbergen. Diese Instanzen geben vor, wie man zu sprechen, zu denken und zu handeln hat. Wer diese Gebote nicht befolgt, wird bek&auml;mpft, bisweilen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154455\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":154456,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,208,11],"tags":[2938,3041,3058,930,3468,2269,309],"class_list":["post-154455","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-rezensionen","category-strategien-der-meinungsmache","tag-autoritarismus","tag-cancel-culture","tag-diffamierung","tag-justiz","tag-kuendigung","tag-konformitaetsdruck","tag-repressionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/260801_widerspruch.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=154455"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154455\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":154459,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154455\/revisions\/154459"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/154456"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=154455"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=154455"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=154455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}