{"id":154513,"date":"2026-08-03T13:36:25","date_gmt":"2026-08-03T11:36:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154513"},"modified":"2026-08-03T14:35:10","modified_gmt":"2026-08-03T12:35:10","slug":"ceuta-an-pedro-sanchez-wird-ein-exempel-statuiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154513","title":{"rendered":"Ceuta \u2013 an Pedro Sanchez wird ein Exempel statuiert"},"content":{"rendered":"<p>Sie gingen so schnell und unerwartet, wie sie kamen &ndash; rund 60.000 meist junge Marokkaner, die am Freitag die spanische Enklave Ceuta &uuml;berrannten. W&auml;hrend vor allem rechte deutsche Medien bereits vollkommen irreal von einem &bdquo;zweiten 2015&ldquo; schwadronierten, standen ihnen die Regierungen der EU-Staaten und die EU selbst in Sachen mangelnder Redlichkeit in nichts nach. Nicht Marokko, das diesen Ansturm mindestens billigend in Kauf genommen, wenn nicht gar aktiv provoziert hat, sondern Spanien stand pl&ouml;tzlich im Fokus der Kritik. Das ist kein Zufall, hat Spaniens Ministerpr&auml;sident Pedro Sanchez sich doch zum neuen &bdquo;Lieblingsfeind&ldquo; der USA und Israels gemacht. Das Wochenende hat gezeigt: Mit Solidarit&auml;t aus Europa darf er nicht rechnen. Ein Kommentar von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWas im deutschen Bl&auml;tterwald als Teil der &bdquo;Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo; oder gar als &bdquo;zweites 2015&ldquo; bezeichnet wurde, hat bei n&auml;herer Betrachtung mit der Fl&uuml;chtlingspolitik relativ wenig zu tun. Ceuta ist ein &Uuml;berbleibsel der Kolonialzeit und des Imperialismus &ndash; eine kleine spanische Enklave an der K&uuml;ste Nordafrikas, umgeben von marokkanischem Staatsgebiet. Ceuta ist Teil der EU, aber nicht des Schengenraums. Zu vergleichen ist es daher mit Gebieten wie Franz&ouml;sisch-Guyana, einem franz&ouml;sischen &Uuml;berseedepartement in S&uuml;damerika, das gr&ouml;&szlig;er als Bayern ist, oder der Insel R&eacute;union mitten im Indischen Ozean. Wer sich legal oder illegal in Ceuta aufh&auml;lt, kann sich nicht frei und ohne Kontrolle in der EU bewegen, wie es beispielsweise AfD-Politiker am Wochenende <a href=\"https:\/\/x.com\/PetrBystronAfD\/status\/2083153108318703970\">gerne suggerierten<\/a>. Zwischen Ceuta und dem Schengenraum befindet sich immer noch das Mittelmeer &ndash; f&uuml;r die 60.000 Marokkaner ohne Visum f&uuml;r den Schengenraum ein &uuml;berwindbares Hindernis.<\/p><p>Wie kommt es dann, dass nicht nur die AfD, sondern die Regierungen der EU-Staaten diesen simplen Fakt, der eigentlich bekannt sein sollte, ignorierten? Italien hatte nichts Besseres zu tun, als das Schengen-Abkommen mit Spanien erst einmal auszusetzen &ndash; was &uuml;brigens rechtlich eigentlich gar nicht m&ouml;glich ist. D&auml;nemark, Finnland und Schweden forderten die EU gar auf, Spanien aus dem Schengen-Raum auszuschlie&szlig;en &ndash; auch das ist rechtlich gar nicht m&ouml;glich. Gleichzeitig beschwerten sich 21 EU-Regierungschefs, darunter nat&uuml;rlich auch mal wieder Friedrich Merz, in einem Brief &uuml;ber Spanien &ndash; es w&uuml;rde &bdquo;Anreize&ldquo; f&uuml;r Migranten setzen, illegal in die EU einzufallen. Auch das ist Unsinn, ging die Zahl der illegalen Grenz&uuml;bertritte im letzten Jahr nach Spanien doch <a href=\"https:\/\/www.dsn.gob.es\/ca\/node\/29394\">um 43 Prozent zur&uuml;ck<\/a>.<\/p><p>Auf den ersten Blick erstaunlich ist es, dass die Kritik der EU-Regierungschefs sich blitzschnell ausgerechnet auf Spanien und dessen Regierungschef Sanchez und nicht auf Marokko fokussierte. Dabei berichten selbst westliche &bdquo;Qualit&auml;tsmedien&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2026\/aug\/02\/ceuta-border-crossing-spain-morocco\">wie der <em>Guardian<\/em><\/a> davon, dass die marokkanische Polizei die vermeintlichen Fl&uuml;chtlinge aktiv zum Grenz&uuml;bertritt nach Ceuta animiert hat. Nicht verifizierbare Videos, die in den sozialen Netzwerken kursieren, zeigen sogar, dass die M&auml;nner, die sp&auml;ter die Grenze &uuml;berschritten, unter Aufsicht der marokkanischen Sicherheitsbeh&ouml;rden in ganzen LKW-Ladungen bis kurz vor die Grenze gebracht wurden. Das gesamte Wochenende &uuml;ber gab es jedoch kein kritisches Wort seitens der EU oder der EU-Regierungschefs an die marokkanische Regierung.<\/p><p>Das ist schon seltsam. Wir erinnern uns: Als Wei&szlig;russland 2021 aktiv Fl&uuml;chtlingen dabei half, die Grenzen nach Polen zu &uuml;berqueren, wurden zahlreiche wei&szlig;russische Offizielle und einige Unternehmen, die darin involviert waren, von der EU sanktioniert. Kein EU-Politiker w&auml;re damals auf die Idee gekommen, Polen zu kritisieren oder gar aus dem Schengenraum auszuschlie&szlig;en. Warum also die T&auml;ter-Opfer-Umkehr im Falle Marokkos und Spanien?<\/p><p>Zum einen: Anders als Wei&szlig;russland ist Marokko vor allem f&uuml;r Frankreich und Deutschland mittlerweile ein ungemein wichtiger Wirtschaftspartner. Unsere Unternehmen profitieren von den billigen L&ouml;hnen im Land und sind damit f&uuml;r die Armut, die sicher Triebfeder f&uuml;r die am Wochenende instrumentalisierten Marokkaner ist, mitverantwortlich. Oder wussten Sie, dass das Auto, das in der EU in den letzten beiden Jahren am meisten verkauft wurde, der Dacia Sandero, nahezu ausschlie&szlig;lich in den Renault-Werken in Casablanca und Tanger mit Dumpingl&ouml;hnen gefertigt wird? Wussten Sie, dass beispielsweise die Elektroverkabelung f&uuml;r viele Marken aus dem VW-Konzern von Zulieferern aus Marokko stammt? Nun wissen Sie es. <\/p><p>Aber die Wirtschaftsbeziehungen sind nur ein Punkt, der wahrscheinlich noch nicht einmal der wichtigste Faktor f&uuml;r die mangelnde Solidarit&auml;t Europas mit Spanien ist. Spanien hat sich mit seiner Au&szlig;enpolitik vielmehr viele Feinde gemacht. Pedro Sanchez war es, der als einziger europ&auml;ischer Staatschef den israelischen Vernichtungskrieg in Gaza fr&uuml;h und massiv kritisierte. Er war es auch, der den amerikanisch-israelischen Angriffskrieg gegen Iran als V&ouml;lkerrechtsbruch bezeichnete und den USA untersagte, ihre Milit&auml;rbasen auf spanischem Gebiet und den spanischen Luftraum f&uuml;r ihren Krieg zu benutzen. Spanien ist unter Sanchez bekanntlich auch das einzige NATO-Land, das sich der Forderung widersetzt hat, f&uuml;nf Prozent der Wirtschaftskraft in die R&uuml;stung zu stecken. Damit ist er zu Trumps neuem Lieblingsfeind geworden &hellip; und hat dabei von der EU und allen voran Friedrich Merz nullkommanull Solidarit&auml;t bekommen.<\/p><p>Schaut man sich die regionale geostrategische Situation an, vertieft sich dieses Bild. Unter Pedro Sanchez hat Spanien seine Beziehungen zu Algerien verbessert. Algerien ist ein Unterst&uuml;tzer der Pal&auml;stinenser. Marokko wiederum ist einer der engsten Verb&uuml;ndeten der USA und Israels &ndash; sp&auml;testens seit den 2020 von Donald Trump vermittelten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abraham_Accords_Declaration\">&bdquo;Abrahams Accords&ldquo;<\/a>. Seitdem unterst&uuml;tzen die USA Marokkos Anspruch auf die Westsahara &ndash; einem weiteren Konflikt um ehemalige koloniale Gebiete Spaniens, bei dem Marokko der &bdquo;Frente Polisario&ldquo; gegen&uuml;bersteht, einer Bewegung, die von Algerien milit&auml;risch unterst&uuml;tzt wird und mit der sich Spanien unter Sanchez angen&auml;hert hat.<\/p><p>Selbst die spanischen Enklaven auf dem nordafrikanischen Festland sind eine stetige geostrategische Spannungsquelle, die die USA im j&uuml;ngsten Konflikt mit Spanien anheizen. Erst vor wenigen Wochen hat der US-Kongressausschuss <a href=\"https:\/\/www.moroccoworldnews.com\/2026\/05\/289832\/us-congressional-committee-describes-ceuta-melilla-as-located-in-moroccan-territory\/\">auf Betreiben von Mario Diaz-Balart<\/a> &ndash; einem guten politischen Freund des US-Au&szlig;enministers Marco Rubio &ndash; den marokkanischen Anspruch auf die Enklaven Ceuta und Melilla verteidigt und Marokko mit einer <a href=\"https:\/\/www.govinfo.gov\/content\/pkg\/CRPT-119hrpt631\/pdf\/CRPT-119hrpt631.pdf\">Gesetzesvorlage<\/a> die Unterst&uuml;tzung bei der Durchsetzung dieser Anspr&uuml;che versichert.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260803_Ceuta-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260803_Ceuta-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small><em>NATIONAL SECURITY, DEPARTMENT OF STATE, AND RELATED PROGRAMS APPROPRIATIONS BILL, 2027<\/em><\/small><\/p><p>Wenn man nun eins und eins zusammenz&auml;hlt, kann sich durchaus der Verdacht aufdr&auml;ngen, dass der Ansturm auf Ceuta nicht nur mit der R&uuml;ckendeckung Marokkos, sondern auch mit der R&uuml;ckendeckung der USA und wohl auch Israels geschah. Es wirkt fast wie ein Exempel, das man an einem westlichen Regierungschef statuieren wollte, der sich offen gegen die Forderungen der USA und gegen die Kriege der USA und Israels stellt.<\/p><p>Wenn man nun sieht, wie sich die EU und die EU-Staaten in dieser Frage positionieren, wird klar, wo sie wirklich stehen, wenn es um den Konflikt eines EU-Staates mit den USA geht &ndash; auf Seiten der USA. Die ganzen Sonntagsreden &uuml;ber europ&auml;ische Solidarit&auml;t k&ouml;nnen damit wohl endg&uuml;ltig entsorgt werden.<\/p><p><small>Titelbild: OSCAR GONZALEZ FUENTES\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/e482bda3c21e4556b953b085dafc3d34\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie gingen so schnell und unerwartet, wie sie kamen &ndash; rund 60.000 meist junge Marokkaner, die am Freitag die spanische Enklave Ceuta &uuml;berrannten. 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