{"id":154531,"date":"2026-08-04T09:00:54","date_gmt":"2026-08-04T07:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154531"},"modified":"2026-08-04T09:38:05","modified_gmt":"2026-08-04T07:38:05","slug":"museumsreifes-grundgesetz-stadt-bochum-macht-aus-konzernkritikern-kriminelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154531","title":{"rendered":"Museumsreifes Grundgesetz: Stadt Bochum macht aus Konzernkritikern Kriminelle"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es um Profitmaximierung geht, schie&szlig;t Vonovia gerne und h&auml;ufig &uuml;ber die Grenzen des Rechts hinaus. Eine Gruppe musikalischer Aktivisten wollte das in einem Bochumer Museum zum Thema machen, einschlie&szlig;lich M&ouml;glichkeiten legitimer Gegenwehr wie Enteignung zwecks Vergesellschaftung. Das passte den Stadtoberen nicht, die Veranstaltung wurde kurzerhand abgeblasen, auch zwecks &bdquo;Schutz&ldquo; von Kunst- und Meinungsfreiheit &ndash; und dem von Abzockern und Spekulanten. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWer bei Vonovia wohnt, macht Aktion&auml;re froh. Europas f&uuml;hrender Immobilienkonzern verf&uuml;gt bundesweit &uuml;ber 470.000 Wohneinheiten. 2025 zahlte jeder dieser Haushalte <a href=\"https:\/\/www.surplusmagazin.de\/vonovia-166-euro-pro-mietwohnung-dividende\/\">im Schnitt 166 Euro monatlich<\/a> an die Anteilseigner des deutschen Wohnungsgiganten. Eine Milliarde Euro wanderten so direkt in die Taschen von Profiteuren, etwa jener, die ihr Geld durch den US-Verm&ouml;gensverwalter BlackRock vermehren lassen. Der z&auml;hlt zu den gr&ouml;&szlig;ten institutionellen Anlegern und war bekanntlich der fr&uuml;here Br&ouml;tchengeber des amtierenden Bundeskanzlers.<\/p><p>Hauptsache, die Gewinne sprudeln und die Dividende stimmt. St&auml;ndige Mieterh&ouml;hungen, rechtswidrige Preisaufschl&auml;ge durch konstruierte <a href=\"https:\/\/www.berliner-mieterverein.de\/magazin\/online\/mm0126\/landgerichtsurteil.htm\">&bdquo;Wohnwerterh&ouml;hungsmerkmale&ldquo;<\/a> wie g&uuml;nstige &Ouml;PNV-Anbindung oder gute Nahversorgung, intransparente Nebenkostenabrechnungen und verschleppte Reparaturen geh&ouml;ren zum Gesch&auml;ftsmodell. Die Partei Die Linke scheut sich nicht, &uuml;ber den &bdquo;Kopf der Mietmafia&ldquo; zu &auml;tzen. Das zu sagen, ist qua Richterspruch vom Januar gestattet. Von Birgit Stenzel, Rechtsanw&auml;ltin und Beraterin beim Berliner Mieterverein, ist der Satz &uuml;berliefert: <a href=\"https:\/\/taz.de\/Linke-ueber-Vonovia\/!6176747\/\">&bdquo;Vonovia ist mein Lieblingsgegner, gegen die gewinnt man fast immer.&ldquo;<\/a><\/p><p><strong>Verleumdungen, &uuml;ble Nachrede?<\/strong><\/p><p>Sind all das gute Gr&uuml;nde f&uuml;r Kritik? Und sollte die Kritik &ouml;ffentlich ge&auml;u&szlig;ert werden k&ouml;nnen? Damit die Ausw&uuml;chse von Geld, Profitgier und extensiver Marktmacht diskutiert werden. Nat&uuml;rlich! Eigentlich war genau das das Anliegen der Aktionsgruppe Lebenslaute, die unter dem Motto &bdquo;klassische Musik &ndash; politische Aktion&ldquo; in Erscheinung tritt. F&uuml;r kommenden Freitag hatte die Initiative zum Konzertabend &bdquo;Viva la Musica &ndash; enteignet Vonovia&ldquo; ins Kunstmuseum Bochum geladen. Neben musikalischen Darbietungen sollte es dabei Redebeitr&auml;ge zu Wohnungsnot, Verdr&auml;ngung und den Verwertungsstrategien gro&szlig;er Immobilienkonzerne geben. Der Termin war fest verabredet und auf der Webseite des Museums angek&uuml;ndigt.<\/p><p>Dann folgte vor wenigen Tagen der R&uuml;ckzieher, wurde pl&ouml;tzlich <a href=\"https:\/\/www.lebenslaute.net\/\">&bdquo;die bereits best&auml;tigte Reservierung gek&uuml;ndigt&ldquo;<\/a>, wie die Aktivisten in einer Mitteilung schreiben. &bdquo;Grunds&auml;tzlich bef&uuml;rworten wir ihre Veranstaltung&ldquo;, hei&szlig;t es in der Begr&uuml;ndung des Museums von Museumsdirektorin Noor Mertens, die den <em>NachDenkSeiten<\/em> vorliegt. Auch eine allgemeine Kritik an Wohnungsunternehmen und die Thematisierung von Wohnungsnot &bdquo;w&auml;re f&uuml;r uns in Ordnung gewesen&ldquo;. Nicht okay soll indes der zentrale &bdquo;Bezug zu Vonovia&ldquo; sein, damit verbundene &bdquo;Tatsachenbehauptungen&ldquo;, &bdquo;negative Werturteile&ldquo; und die M&ouml;glichkeit von &bdquo;Verleumdungen&ldquo; und &bdquo;&uuml;bler Nachrede&ldquo;. Ein st&auml;dtisches Kunstmuseum k&ouml;nne nicht zulassen, &bdquo;dass die genannten Straftatbest&auml;nde in seinen R&auml;umen verwirklicht werden&ldquo;.<\/p><p><strong>Keine Kunst im Kunstmuseum<\/strong><\/p><p>Im Verlauf des Schreibens wird deutlich, dass die Stadtverwaltung, mutma&szlig;lich in Person des Kulturdezernenten Dietmar Dieckmann (SPD), die Absage veranlasst hat. Zitat: &bdquo;Die Stadt Bochum lehnt es ab, dass in ihren R&auml;umen Diffamierungen von namentlich genannten Unternehmen stattfindet&ldquo; (sic). Vonovia ist ein bedeutender Werbekunde der Stadt, dazu Hauptsponsor des ans&auml;ssigen Fu&szlig;ballclubs VfL. Der Verdacht liegt nahe, dass hier ein Konzern, der seine Profite ma&szlig;geblich durch, sehr h&auml;ufig auch gerichtlich beanstandete, Abzockermethoden &bdquo;erwirtschaftet&ldquo;, gegen &ouml;ffentliche Kritik abgeschirmt werden soll. Oder anders: Eine eigentlich gemeinwohlorientierte Kultureinrichtung sperrt augenscheinlich Kritik an einem m&auml;chtigen gesellschaftlichen Akteur aus, dem Gemeinwohlinteressen nichts wert sind, weil f&uuml;r ihn gesch&auml;ftssch&auml;digend.<\/p><p>&bdquo;Die Stadt Bochum macht sich damit zum Erf&uuml;llungsgehilfen wirtschaftlicher Interessen&ldquo;, beklagte Viola Forte von Lebenslaute. Der Vorgang zeige, &bdquo;wie gro&szlig; der Einfluss solcher Unternehmen inzwischen ist&ldquo; und &bdquo;wie &ouml;ffentlicher Raum und verfassungsrechtlich gesch&uuml;tzte Freiheiten unter Druck geraten&ldquo;. Dass ausgerechnet in einem &bdquo;Kunstmuseum die Kunstfreiheit eingeschr&auml;nkt wird&ldquo;, sei ein &bdquo;politischer Skandal&ldquo;. Das sieht auch Maria Trautmann so, die f&uuml;r Die Linke in der Bochumer Ratsfraktion sitzt. Wohnungsnot, Verdr&auml;ngung und Mietenexplosion seien &bdquo;reale Probleme, von denen uns viele Menschen bei Gespr&auml;chen an der Haust&uuml;r berichten&ldquo;. Angesichts der bundesweiten Begrenzungen der Kunstfreiheit sei es ein <a href=\"https:\/\/www.bo-alternativ.de\/2026\/07\/31\/solidaritaet-mit-lebenslaute\/\">&bdquo;fatales Signal, wenn eine Veranstaltung zu diesen Themen in einer kommunalen Kulturinstitution zensiert wird&ldquo;<\/a>.<\/p><p><strong>&Ouml;ffentlicher Ausverkauf<\/strong><\/p><p>Vonovia selbst stellt sich freilich gerne als Wohlt&auml;ter dar. Der Leitspruch: <a href=\"https:\/\/www.vonovia.de\/\">&bdquo;Wir geben Menschen ein Zuhause.&ldquo;<\/a> Pure Heuchelei: Die Versorgung der Allgemeinheit mit ausreichendem und bezahlbarem Wohnraum w&uuml;rde die Bilanzen verhageln. Das Unternehmen zehrt von der Knappheit an Wohnraum, weil sich so die Preise hochtreiben lassen. 2025 legten die Vonovia-Mieten im Mittel um 4,1 Prozent zu. In dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung wird es im laufenden Jahr weitergehen. J&uuml;ngst k&uuml;ndigte das Unternehmen f&uuml;r Berlin <a href=\"https:\/\/www.mietervereinigung-berlin.de\/news\/vonovia-mieterhoehung-berlin-2026.html\">Preisaufschl&auml;ge von 4,8 Prozent<\/a> an.<\/p><p>Mit Neubau geizt der Immobilienriese. Stattdessen holt beziehungsweise presst er aus alten Best&auml;nden das Maximum heraus, zuhauf mit unlauteren Mitteln. Aber die wenigsten Mieter wehren sich, weil sie Angst haben, ihr Heim zu verlieren. Juristische Niederlagen sind f&uuml;r den Global Player aus Bochum verkraftbare Ausrutscher, die am Gesamtsieg nichts &auml;ndern. Dabei ist Vonovia ein politisch gemachter Empork&ouml;mmling, hervorgegangen aus der Privatisierungswelle der sp&auml;ten 1990er-Jahre, als immense &ouml;ffentliche Wohnungsbest&auml;nde aus &bdquo;Spargr&uuml;nden&ldquo; an Private ver&auml;u&szlig;ert wurden. Vor allem in Berlin gelangte der Konzern (beziehungsweise seine Vorl&auml;ufer) zum kleinen Preis an Hunderttausende Wohnungen, die sich in der Folge vielfach bezahlt gemacht haben.<\/p><p><strong>Enteignungsvereiteler<\/strong><\/p><p>Die Hauptstadt ist heute auch das Hauptquartier der Gegenwehr. Die Initiative &bdquo;Deutsche Wohnen &amp; Co enteignen&ldquo; will in einem zweiten Anlauf die Vergesellschaftung gro&szlig;er Wohnungsbest&auml;nde per Volksentscheid durchsetzen. Enteignung ist eine Option des Grundgesetzes, die allerdings die Bundesregierung auf Landesebene ausschlie&szlig;en will, wie die <em>NachDenkSeiten<\/em> zuletzt <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153654\">hier berichteten<\/a>. &bdquo;Ich hatte jetzt vor Kurzem meinen Investoren-Round-Table mit der Bundesbauministerin in Frankfurt, wo allein drei Investoren gesagt haben, dass sie jetzt Zusagen in Berlin zur&uuml;ckziehen und hier nicht in den Wohnungsbau investieren&ldquo;, lie&szlig; Finanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil dazu verlauten.<\/p><p>Wenn Konzernbosse so viel &bdquo;Mitsprache&ldquo; auf Bundesebene genie&szlig;en, erscheint Liebedienerei eines st&auml;dtischen Kulturdezernenten wie eine Selbstverst&auml;ndlichkeit. &bdquo;Bef&uuml;rchtet die Stadt, dass Vonovia den Sponsoringvertrag bez&uuml;glich des Ruhr-Stadions nicht verl&auml;ngern k&ouml;nnte, wenn das politische Umfeld nicht mehr freundlich genug erscheint?&ldquo;, fragt sich Aichard Hoffmann von der Bochumer Sektion des globalisierungskritischen Netzwerks ATTAC. Inzwischen m&uuml;sse noch dem Letzten klar geworden sein, dass der &ouml;ffentliche Ausverkauf ein Fehler gewesen sei. &bdquo;Also muss man auch dar&uuml;ber diskutieren d&uuml;rfen, wie diese Wohnungen wieder unter &ouml;ffentlich Kontrolle zu bringen sind&ldquo;, bemerkte er in einer <a href=\"https:\/\/www.attac-netzwerk.de\/bochum\/was-ist-sonst-noch-los#c150370\">Stellungnahme<\/a>.<\/p><p><strong>Dann eben Radau<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die Stadt erf&uuml;llt das wohl einen Straftatbestand. &bdquo;Welchen Gefahren aufgrund welcher Tatsachen will die Stadt Bochum vorbeugen&ldquo;, fragt sich der Leser eines Berichts von <a href=\"https:\/\/www.bo-alternativ.de\/2026\/07\/30\/stadt-bochum-verbietet-konzert-im-kunstmuseum-wegen-kritik-an-vonovia\/\">&bdquo;Bochum in Bewegung&ldquo;<\/a>. Sein Fazit: &bdquo;Gef&auml;hrder gibt es in der Stadtverwaltung. Gef&auml;hrder von Kunst- und Meinungsfreiheit.&ldquo; Einen guten Rat hat Hoffmann von ATTAC parat: &bdquo;Die Verantwortlichen sollten vielleicht mal ab und zu die Zeitung lesen, dann w&uuml;ssten sie, dass sie mit Vonovia zwar einen Konzern von bedeutender Gr&ouml;&szlig;e, aber auch einen riesigen Problemschaffer f&uuml;r Hunderttausende Mieterinnen und Mieter in der Stadt haben.&ldquo;<\/p><p>Apropos Probleme: Wegen des Rauswurfs mobilisiert Lebenslaute zum Protest. Im <a href=\"https:\/\/www.lebenslaute.net\/\">Aufruf<\/a> hei&szlig;t es: &bdquo;Sie lassen uns nicht rein, deswegen davor: Kundgebung f&uuml;r die Kunstfreiheit 19 Uhr vor dem Kunstmuseum Goetheplatz Bochum!&ldquo; Man w&uuml;nscht den Damen und Herren &bdquo;Kunstbesch&uuml;tzern&ldquo; massenweise Zaung&auml;ste &hellip;<\/p><p><small>Titelbild: Heide Pinkall\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/a5b36bdadeb74614b93b819df2329af3\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es um Profitmaximierung geht, schie&szlig;t Vonovia gerne und h&auml;ufig &uuml;ber die Grenzen des Rechts hinaus. Eine Gruppe musikalischer Aktivisten wollte das in einem Bochumer Museum zum Thema machen, einschlie&szlig;lich M&ouml;glichkeiten legitimer Gegenwehr wie Enteignung zwecks Vergesellschaftung. 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