{"id":154552,"date":"2026-08-04T14:00:16","date_gmt":"2026-08-04T12:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154552"},"modified":"2026-08-04T14:01:25","modified_gmt":"2026-08-04T12:01:25","slug":"stimmen-gegen-den-kriegskurs-kleiner-protest-grosse-befuerchtungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154552","title":{"rendered":"Stimmen gegen den Kriegskurs: Kleiner Protest, gro\u00dfe Bef\u00fcrchtungen"},"content":{"rendered":"<p>Trotz &uuml;berschaubarer Zahlen rei&szlig;t der B&uuml;rgerprotest gegen die Aufr&uuml;stungspolitik in Berlin nicht ab: Unter dem Banner von &bdquo;Wir sind viele&ldquo; setzten Demonstranten am Wochenende ein weiteres Zeichen gegen die Eskalationsspirale. &Eacute;va P&eacute;li und Tilo Gr&auml;ser waren f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> vor Ort, sprachen mit Teilnehmern &uuml;ber ihre Motive und lokale R&uuml;stungsgefahren und dokumentierten die zentralen Reden von der B&uuml;hne. Ein Bericht von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Regen, Regierungsviertel und schwindende Zahlen<\/strong><\/p><p>Am Samstag, dem 1. August 2026, versammelten sich trotz Dauerregens mehrere Hundert Menschen im Berliner Regierungsviertel, um gegen die Au&szlig;en- und Militarisierungspolitik der Bundesregierung zu demonstrieren. Hauptorganisator der Kundgebung war das B&uuml;ndnis &bdquo;Wir sind viele&ldquo;, unterst&uuml;tzt von der Berliner Friedenskoordination (FriKo), dem BSW-Landesverband Berlin sowie weiteren zivilgesellschaftlichen Gruppen.<\/p><p>Die Aktion kn&uuml;pft an eine mehrj&auml;hrige Protestreihe an, die im Sommer 2020 ihren Anfang nahm. W&auml;hrend die damaligen Gro&szlig;demonstrationen auf dem H&ouml;hepunkt der Bewegungen Zehn- bis Hunderttausende auf die Stra&szlig;e brachten, fiel die Beteiligung diesmal &uuml;berschaubar aus: Die Polizei z&auml;hlte rund 600 Teilnehmende &ndash; ein deutlicher R&uuml;ckgang gegen&uuml;ber den Anfangsjahren.<\/p><p><strong>Vier Forderungen an der Schnittstelle von Krieg und Sozialem<\/strong><\/p><p>Unter dem Motto &bdquo;Frieden, Freiheit und Grundrechte&ldquo; begann die Kundgebung am Platz des 18. M&auml;rz vor dem Brandenburger Tor. Der anschlie&szlig;ende Demonstrationszug f&uuml;hrte durch die Innenstadt zum Alexanderplatz und kehrte f&uuml;r die Abschlusskundgebung zum Ausgangspunkt zur&uuml;ck.<\/p><p>Auf Transparenten und Flyern formulierten die Demonstranten vier zentrale Schwerpunkte:<\/p><ul>\n<li><strong>R&uuml;stungsstopp &amp; Diplomatie:<\/strong> Sofortiger Exportstopp f&uuml;r Waffen und die R&uuml;ckkehr zu Verhandlungsl&ouml;sungen statt anhaltender Aufr&uuml;stung.<\/li>\n<li><strong>Infrastruktur &amp; Souver&auml;nit&auml;t:<\/strong> Keine Bereitstellung deutscher Logistik f&uuml;r Milit&auml;reins&auml;tze Washingtons (mit explizitem Verweis auf den US-amerikanischen St&uuml;tzpunkt Ramstein).<\/li>\n<li><strong>Sozialstaat vor Milit&auml;r:<\/strong> Ende der Aufr&uuml;stungsprogramme auf Kosten von Gesundheit, Pflege und sozialer Infrastruktur.<\/li>\n<li><strong>Aufarbeitung:<\/strong> Umfassende Aufarbeitung der Corona-Ma&szlig;nahmen sowie der gesellschaftlichen Spaltungen der vergangenen Jahre.<\/li>\n<\/ul><p>Vom besorgten Anwohner &uuml;ber Gewerkschafter und Juristen bis hin zum Parteivertreter im Rampenlicht: Der Protest versammelte ganz unterschiedliche Akteure.<\/p><p><strong>Stimmen vom Demonstrationszug: Die Sorge vor der Eskalation vor der eigenen Haust&uuml;r<\/strong><\/p><p>Auf der Demonstration berichteten viele Teilnehmer, wie sehr die eigene Biografie und das direkte Umfeld ihren Blick auf den Kriegskurs pr&auml;gen.<\/p><p><strong>Vom R&uuml;stungsstandort Schrobenhausen nach Berlin<\/strong><\/p><p>So auch Ekkehard (72), Facharzt f&uuml;r Urologie. Seine ersten 35 Lebensjahre verbrachte er nahe Bautzen in der damaligen DDR, heute lebt er im oberbayerischen Schrobenhausen. Ihn treibt auch die Sorge vor einer milit&auml;rischen Eskalation an seinem Wohnort um. Der Grund: In Schrobenhausen stellt der europ&auml;ische Raketenhersteller MBDA unter anderem den Taurus-Marschflugk&ouml;rper her.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260801-Ekkehard_Eva.jpeg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260801-Ekkehard_Eva.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><blockquote><p>\n&bdquo;Ich bin Arzt, dem Leben und der Gesundheit verpflichtet &ndash; nicht dem Krieg und der Waffenindustrie. In Schrobenhausen wird der Taurus gebaut, und momentan entsteht eine Fertigungsst&auml;tte f&uuml;r Patriot-Abwehrsysteme. Man versenkt Unmengen an Beton im Wald. Damit werden wir bei einem Konflikt garantiert zu einem der wichtigsten Zielobjekte f&uuml;r Russland. Es ist f&uuml;r mich entsetzlich, daran zu denken.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ekkehard zieht Parallelen zum Kalten Krieg und wirft der aktuellen F&uuml;hrung in Berlin ein fundamentales Versagen vor:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe 35 Jahre im Osten gelebt und die Konfrontation zweier Milit&auml;rbl&ouml;cke miterlebt. Damals standen sich SS-20 und Pershing II gegen&uuml;ber. Doch man hat verhandelt, die Diplomatie bem&uuml;ht und es kam zur Abr&uuml;stung. Heute erleben wir genau das Gegenteil &ndash; unsere Politik erweist sich f&uuml;r mich als unf&auml;hig, ein Land zu f&uuml;hren, dessen B&uuml;rger eigentlich den Frieden wollen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Auch beim gesellschaftlichen Klima zieht der Mediziner klare Trennlinien zwischen Ost und West. In Bayern trifft er nach eigener Wahrnehmung immer wieder auf tr&auml;ge Wohlstandsbequemlichkeit. Seiner alten Heimat bescheinigt er hingegen eine gewachsene, wache Protestkultur &ndash; gepr&auml;gt von der Bereitschaft, Kante zu zeigen und Unmut direkt auf die Stra&szlig;e zu tragen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Osten ist f&uuml;r mich wesentlich aufgeweckter. Es macht mich stolz, zu sehen, dass in Orten wie Bischofswerda die 200. Montagsdemonstration stattfindet. Ich versuche, diese Gedanken auch in Bayern weiterzutragen. Aber dort ist das alles f&uuml;r viele noch sehr weit weg, das Leben ist bequem. Ich f&uuml;rchte fast, es muss den Menschen erst schlechter gehen, damit ein Umdenken stattfindet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Ursache f&uuml;r die verhaltene Mobilisierung in westlichen Gro&szlig;st&auml;dten verortet Ekkehard vor allem in der Berichterstattung. Umso mehr sieht er die Zivilgesellschaft in der Pflicht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ursache sind ganz sicher die Mainstream-Medien, die immer noch die K&ouml;pfe beherrschen. Solange der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Auftrag laut Staatsvertrag nicht erf&uuml;llt, kann man nicht mit einem Umdenken rechnen. Politiker sind heute oft nur Marionetten. Es liegt an uns als Volk, wieder zu m&uuml;ndigen B&uuml;rgern zu werden und das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der gesellschaftliche Dissens reicht bis in die eigenen Familien. Umso intensiver bringt sich der 72-J&auml;hrige in Schrobenhausen ein. Seit &uuml;ber vier Jahren organisiert er monatliche Informationsabende mit Gastreferenten aus der Aufkl&auml;rungs- und Friedensbewegung &ndash; mit beachtlicher Resonanz im l&auml;ndlichen Raum:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir f&uuml;llen regelm&auml;&szlig;ig S&auml;le mit 200 bis &uuml;ber 300 Menschen. Zuletzt hatte ich eine 85-j&auml;hrige &Auml;rztin aus Bremen zu Gast; das Video der Veranstaltung wurde online bereits &uuml;ber 20.000-mal aufgerufen. Das zeigt mir: Das Bed&uuml;rfnis nach Aufkl&auml;rung ist da &ndash; man muss die R&auml;ume im Lokalen selbst schaffen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;Lieber lerne ich Russisch&ldquo;: Dialog statt Grabenk&auml;mpfe<\/strong><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260801-Nils_Eva.jpeg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260801-Nils_Eva.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Dass die Friedensbewegung auch von langj&auml;hrigen Aktivisten getragen wird, zeigt das Beispiel von Nils (49) aus Konstanz. Er demonstriert bereits seit den Montagsmahnwachen von 2014 f&uuml;r den Frieden. Diesmal tr&auml;gt er ein Schild mit der Aufschrift &bdquo;Lieber lerne ich Russisch, als zur Waffe zu greifen&ldquo;. F&uuml;r ihn steht der Dialog zwischen den V&ouml;lkern an erster Stelle:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sprache ist das Bindeglied zwischen Menschen und Kulturen. Die einfachen B&uuml;rger wollen eigentlich nie Krieg gegeneinander f&uuml;hren &ndash; Kriege wollen immer nur die an der Macht. Das habe ich 2008 in Georgien w&auml;hrend des kurzen Krieges selbst erlebt: Kein Georgier, den ich traf, hat schlecht &uuml;ber die russische Bev&ouml;lkerung gesprochen, obwohl die Regierungen gegeneinander k&auml;mpften.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zudem warnt Nils eindringlich vor Grabenk&auml;mpfen innerhalb der Opposition gegen den R&uuml;stungskurs. Um handlungsf&auml;hig zu bleiben, m&uuml;ssten ideologische Trennlinien &uuml;berwunden werden:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Gegen die Friedensbewegung wird seit Jahren mit dem Mittel der Zersplitterung gearbeitet. Wir m&uuml;ssen aufh&ouml;ren, uns gegenseitig abzugrenzen. Ob links oder rechts &ndash; die einfache Bev&ouml;lkerung will Frieden. Es kommt darauf an, das Verbindende zu betonen statt die k&uuml;nstliche Spaltung mitzumachen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Vom Feuerwehrmann zum Friedensaktivisten: Ethik statt Existenzangst<\/strong><\/p><p>Wie sehr die Motivation vieler Demonstranten im beruflichen Ethikverst&auml;ndnis wurzelt, zeigt das Beispiel von Martin (66) aus Berlin. Er war jahrzehntelang als Berufsfeuerwehrmann auch im Rettungsdienst im Einsatz. Dass er heute auf der Friedensdemonstration steht, sieht er als direkte Verl&auml;ngerung seiner fr&uuml;heren Aufgabe, Leben zu sch&uuml;tzen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als Feuerwehrmann und Retter war es meine Lebensaufgabe, Menschen zu sch&uuml;tzen. Was wir in den letzten Jahren erlebt haben und jetzt in der Kriegspolitik fortgesetzt sehen, steht dazu in einem totalen Widerspruch. Man kann Krieg schlichtweg nicht als Argument f&uuml;r Frieden nutzen &ndash; das widerspricht sich in sich selbst.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dass die B&uuml;rgerproteste in den letzten Monaten phasenweise kleiner geworden sind, erkl&auml;rt der 66-J&auml;hrige vor allem mit dem enormen Druck auf kritische Stimmen im Alltagsleben:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Neben einer gewissen Demonstrationsm&uuml;digkeit ist es vor allem die Angst, die viele Menschen ausbremst. Wer im staatsnahen Dienst arbeitet oder &ouml;ffentlich Kritik &uuml;bt, riskiert heute ganz real den Arbeitsplatz, die Wohnung oder Praxisr&auml;ume. Diese Existenzangst treibt viele ins Private zur&uuml;ck. F&uuml;r mich pers&ouml;nlich ist Wegsehen aber keine Option &ndash; schon wegen der Verantwortung f&uuml;r unsere Kinder und Enkelkinder.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Vom Waggonbau zur Waffenschmiede: Wut in der Lausitz<\/strong><\/p><p>Der G&ouml;rlitzer Burkhard (Jg. 1971) reiste gemeinsam mit acht Mitstreitern per Bahn nach Berlin. Im Gespr&auml;ch zeigte er sich entt&auml;uscht &uuml;ber die &uuml;berschaubare Beteiligung. Angesichts der f&uuml;r ihn akuten Kriegsgefahr empfinde er Wut &uuml;ber die Passivit&auml;t vieler Mitb&uuml;rger:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Diese Gleichg&uuml;ltigkeit, diese Interessenlosigkeit in dieser Gesellschaft allgemein kotzt mich nur noch an.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ein zentrales Anliegen ist f&uuml;r ihn die Entwicklung in seiner s&auml;chsischen Heimat im Dreil&auml;ndereck. Er kritisiert scharf die Transformation des G&ouml;rlitzer Traditionsstandorts: Der Schienenfahrzeugbau, der seit 1849 die Stadt pr&auml;gte, wird schrittweise beendet &ndash; stattdessen &uuml;bernimmt der deutsch-franz&ouml;sische R&uuml;stungskonzern KNDS das Werk, um dort k&uuml;nftig Komponenten f&uuml;r Milit&auml;rfahrzeuge wie den Radpanzer Boxer herzustellen.<\/p><p>F&uuml;r Burkhard entlarvt das die Doppelmoral der Politik: W&auml;hrend sie &ouml;ffentlich die Verkehrswende beschw&ouml;rt, opfert sie Industriearbeitspl&auml;tze auf der Schiene und baut Standorte zu Waffenschmieden um. Die Belegschaft, die diesen Schwenk f&uuml;r den Joberhalt mittr&auml;gt, sieht er kritisch. Zwar gebe es Anwohner, die den Kurs hinterfragen, viele d&auml;chten jedoch rein pragmatisch an ihre Existenz: &bdquo;Sie agieren praktisch als Opportunisten.&ldquo;<\/p><p><strong>Tief sitzendes Misstrauen: &bdquo;F&uuml;rs Volk bleibt wenig &uuml;brig&ldquo;<\/strong><\/p><p>Auch Grit (55) nimmt regelm&auml;&szlig;ig an Kundgebungen der Friedenskoordination (FriKo) und des B&uuml;ndnisses Sahra Wagenknecht (BSW) teil. Die aktuelle Lage bereitet ihr tiefgehende Sorgen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Furchtbar. Ich habe Angst vor der Zukunft, muss ich ganz ehrlich sagen, wenn ich diese Kriegst&uuml;chtigkeit von unserer Regierung sehe, die auch so uneinsichtig ist. Ich habe manchmal das Gef&uuml;hl, die wissen gar nicht, was die provozieren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260801-Transparent-Panzer_Tilo.jpeg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260801-Transparent-Panzer_Tilo.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Dass trotz der angespannten Weltlage vergleichsweise wenige Menschen protestieren, f&uuml;hrt Grit auf eine breite Gleichg&uuml;ltigkeit und tiefe Entfremdung von der Politik zur&uuml;ck. Viele B&uuml;rger lebten schlicht in den Tag hinein oder wendeten sich frustriert ab: &bdquo;Egal was man w&auml;hlt, f&uuml;rs Volk bleibt wenig &uuml;brig.&ldquo;<\/p><p>Ihre Sichtweise pr&auml;gt auch die eigene Biografie: Als 18-J&auml;hrige erlebte sie die Wendezeit. Das pauschal negative Bild, das oft &uuml;ber die DDR gezeichnet werde, decke sich nicht mit ihrer Wahrnehmung, da sie dort eine beh&uuml;tete Kindheit verbracht habe.<\/p><p>F&uuml;r einen Kurswechsel fordert Grit eine R&uuml;ckkehr zu diplomatischen Initiativen und eine ehrliche Debatte: &bdquo;Diplomatie, ganz gro&szlig;geschrieben. Die L&uuml;gen in der Regierung m&uuml;ssen aufh&ouml;ren.&ldquo;<\/p><p>Kritisch blickt sie auf die Berichterstattung &uuml;ber Verhandlungsangebote sowie auf die historische Entwicklung des Westens. Dass diplomatische Vorst&ouml;&szlig;e aus Moskau in der Berichterstattung oft &uuml;bergangen oder verzerrt dargestellt w&uuml;rden, mache sie fassungslos. Vor allem die stetige Osterweiterung &ndash; &bdquo;dass die NATO-L&auml;nder sich verdoppelt haben, obwohl das eigentlich nicht sein sollte&ldquo; &ndash; sch&uuml;re bei ihr schlussendlich nur eines: gro&szlig;e Zukunftsangst.<\/p><p><strong>&Uuml;berzeugungsarbeit im Alltag: &bdquo;Frieden ist das h&ouml;chste Gut&ldquo;<\/strong><\/p><p>Auch aus dem s&uuml;ddeutschen Raum reisten Demonstranten an die Spree. Annegreth aus Melchingen auf der Schw&auml;bischen Alb unterstrich im Gespr&auml;ch die fundamentale Bedeutung des Protests: Frieden sei schlichtweg das h&ouml;chste Gut, &bdquo;und wenn wir erst die Ruhe finden auf dem Friedhof, ist es zu sp&auml;t&ldquo;.<\/p><p>Auf die &uuml;berschaubare Teilnehmerzahl in der Hauptstadt angesprochen, setzt Annegreth auf pers&ouml;nliche &Uuml;berzeugungsarbeit und Reichweite im Alltag. Man m&uuml;sse &bdquo;einfach erz&auml;hlen und auch posten, dass einem der Frieden wichtig ist, und alle Leute einladen &ndash; auch die Kinder&ldquo;, um wieder mehr Menschen auf die Stra&szlig;e zu bewegen.<\/p><p>Gegenwind oder Anfeindungen im &ouml;ffentlichen Raum schrecken sie dabei nicht ab. Wenn sie auf Kritik st&ouml;&szlig;t, suche sie stets das kl&auml;rende Gespr&auml;ch:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich erkl&auml;re dann immer, dass ich Russland nicht als Feind sehe und dass es nicht sein kann, dass unsere Regierung zur Kriegst&uuml;chtigkeit aufruft, denn das ist scheinheilig.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>F&uuml;r sie stehe au&szlig;er Frage, dass der Einsatz f&uuml;r gewaltfreie L&ouml;sungen der einzig richtige Weg bleibe.<\/p><p><strong>Grundsatzkritik von der Hauptb&uuml;hne<\/strong><\/p><p>Neben den Demonstranten auf der Stra&szlig;e formulierten die Rednerinnen und Redner auf der Hauptb&uuml;hne am Brandenburger Tor eine fundamentale Kritik an der aktuellen Au&szlig;en-, Sicherheits- und Sozialpolitik der Bundesregierung.<\/p><p><strong>Aufruf der Moderation: Selbstverantwortung statt Lobbypolitik<\/strong><\/p><p>Das Moderationsteam der Kundgebung &ndash; Oliver Schindler und seine Co-Sprecherin Selale &ndash; pl&auml;dierte im gemeinsamen Er&ouml;ffnungsaufruf f&uuml;r eine grundlegende gesellschaftliche Transformation. Sie warfen der Politik ein Totalversagen vor, da sie bevorzugt Konzern- und Lobbyinteressen bediene. Als Konsequenz forderten sie eine Dezentralisierung und die &Uuml;bernahme von Selbstverantwortung durch die B&uuml;rger:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Durch das Totalversagen unserer Politik, die lieber Lobbyisten gl&uuml;cklich macht als die Menschen in unserem Land, bleibt uns nichts anderes &uuml;brig, als die Aufgaben als Menschheitsfamilie selbst in die Hand zu nehmen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Neben der Forderung nach der Stilllegung der Waffenindustrie rief die Moderation dazu auf, k&uuml;nstliche gesellschaftliche Spaltungen zu &uuml;berwinden und Vorbild im Dialog zu sein: &bdquo;Lasst uns Vorbild sein und reden statt schie&szlig;en, miteinander statt &uuml;bereinander.&ldquo;<\/p><p><strong>J&uuml;rgen Todenh&ouml;fer: Appell zur Befehlsverweigerung<\/strong><\/p><p>Der Publizist und ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete J&uuml;rgen Todenh&ouml;fer zog eine scharfe Bilanz der deutschen Au&szlig;enpolitik und warf der Bundesregierung vor, den verfassungsm&auml;&szlig;igen Friedensauftrag des Grundgesetzes zu missachten. Die Lieferung von Waffen in laufende Konflikte bezeichnete er explizit als &bdquo;Beihilfe zum Mord&ldquo;.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260801-Todenhoefer_Tilo.jpeg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260801-Todenhoefer_Tilo.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Scharfe Kritik &uuml;bte Todenh&ouml;fer an der Bundesanwaltschaft, die eine von ihm erstattete Strafanzeige gegen die Bundesregierung wegen Waffenlieferungen nicht weiterverfolgt habe. Unter Berufung auf das Legalit&auml;tsprinzip und die N&uuml;rnberger Prozesse erinnerte er an die Pflicht zur Ermittlung bei schweren V&ouml;lkerrechtsverbrechen. In einem eindringlichen Appell wandte er sich direkt an die Soldaten der Bundeswehr:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Diese Befehlsverweigerung bei der Unterst&uuml;tzung von Angriffskriegen ist nicht nur euer Recht, sondern nach einer ernsthaften Gewissenspr&uuml;fung eure moralische Pflicht. Ihr seid zur Verteidigung Deutschlands da und nicht zur Unterst&uuml;tzung von Angriffskriegen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Soldaten m&uuml;ssten jegliche Mitwirkung an v&ouml;lkerrechtswidrigen Operationen sowie den Schutz logistischer Drehscheiben wie dem US-amerikanischen St&uuml;tzpunkt Ramstein verweigern. Als historisches Vorbild nannte er den ehemaligen Major Florian Pfaff.<\/p><p><strong>Alexander King (BSW): Warnung vor &bdquo;mentaler Mobilmachung&ldquo;<\/strong><\/p><p>Auch Alexander King, Landesvorsitzender des B&uuml;ndnisses Sahra Wagenknecht (BSW) in Berlin, r&uuml;ckte die innenpolitischen Folgen des Aufr&uuml;stungskurses in den Mittelpunkt. Er verwies darauf, dass dreistellige Milliardensummen f&uuml;r das Milit&auml;r durch K&uuml;rzungen im Gesundheitssystem, der Pflege und beim Wohnen erkauft w&uuml;rden:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das d&uuml;rfen alles die Pfleger und die Angestellten ausbaden &ndash; und wir d&uuml;rfen es mit unserer Gesundheit bezahlen. Das ist eine Sauerei!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>King warnte zudem vor einer schleichenden Wiedereinf&uuml;hrung der Wehrpflicht und einer &bdquo;mentalen Mobilmachung&ldquo; an Schulen. Er wandte sich gegen Versuche des Geschichtsrevisionismus &ndash; etwa bez&uuml;glich der Umdeutung sowjetischer Ehrenm&auml;ler &ndash; und forderte den Erhalt von Kulturinstitutionen wie dem Russischen Haus in Berlin. Die Grundrechtseinschr&auml;nkungen w&auml;hrend der Corona-Pandemie bezeichnete er r&uuml;ckblickend als &bdquo;Probelauf f&uuml;r die Generalmobilmachung gegen Russland und f&uuml;r die Gleichschaltung unserer Gesellschaft&ldquo;.<\/p><p><strong>Barbara Majd Amin (GEW): Aufruf f&uuml;r den Protestherbst<\/strong><\/p><p>Den gewerkschaftlichen Blickwinkel brachte Barbara Majd Amin ein &ndash; im Namen der Berliner Friedenskoordination (FriKo) und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie konterte die Aufr&uuml;stungspl&auml;ne der Bundesregierung direkt und verkn&uuml;pfte Milit&auml;rausgaben unverbl&uuml;mt mit Einsparungen im Sozialbereich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nein, Herr Merz! Und nein, Herr Klingbeil, beides, st&auml;rkste konventionelle Armee und F&uuml;hrungsmacht, das wollen wir nicht.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ihre Forderungen: R&uuml;stungsexporte sofort stoppen, die R&uuml;stungsproduktion einfrieren und den Sozialstaat sch&uuml;tzen. Statt abzuwarten, richtete sie den Blick nach vorn und mobilisierte f&uuml;r den anstehenden Protestherbst &ndash; vom Antikriegstag am 1. September &uuml;ber den Sch&uuml;lerstreik gegen die Wehrpflicht am 25. September bis hin zu den bundesweiten DGB-Aktionen.<\/p><p><strong>Gabriele Gysi: Absage an die &bdquo;kognitive Kriegsf&uuml;hrung&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Regisseurin und Autorin Gabriele Gysi blickte aus kulturkritischer Perspektive auf das Geschehen und warf den westlichen Eliten eine zielgerichtete &bdquo;kognitive Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; vor. Wer Diplomatie verweigere und in starre Feindbilder verfalle, verspiele fahrl&auml;ssig die Chance auf ein friedliches Europa:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Russland verstehen lernen w&auml;re eine Aufgabe f&uuml;r Br&uuml;ssel. [&hellip;] Wer siegen will, braucht Feinde. Die Kehrseite westlicher Politik ist un&uuml;bersehbar, denn die Ablehnung von Diplomatie hei&szlig;t Krieg.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260801-Gysi_Eva.jpeg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260801-Gysi_Eva.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Gysi warnte vor einem verf&auml;lschten Freiheitsbegriff, der zur blo&szlig;en &bdquo;Freiheit zur Macht&ldquo; verkomme. Eindringlich appellierte sie an das Publikum, der milit&auml;rischen Eskalation auf allen Ebenen die Gefolgschaft zu entziehen: &bdquo;Wir alle d&uuml;rfen nicht in unserem Namen morden lassen. Sagen wir Nein zum Krieg!&ldquo;<\/p><p><small>Titelbild: &copy; Eva Peli<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/00e42be6b3e444268c0371fdc0376256\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz &uuml;berschaubarer Zahlen rei&szlig;t der B&uuml;rgerprotest gegen die Aufr&uuml;stungspolitik in Berlin nicht ab: Unter dem Banner von &bdquo;Wir sind viele&ldquo; setzten Demonstranten am Wochenende ein weiteres Zeichen gegen die Eskalationsspirale. &Eacute;va P&eacute;li und Tilo Gr&auml;ser waren f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> vor Ort, sprachen mit Teilnehmern &uuml;ber ihre Motive und lokale R&uuml;stungsgefahren und dokumentierten die zentralen Reden<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154552\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":154553,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,170,211],"tags":[282,3293,3240,1120,418,2301,893,633,906,2507,1703,2433,1509,2037],"class_list":["post-154552","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-friedenspolitik","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","tag-buergerproteste","tag-bellizismus","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-friedensbewegung","tag-grundgesetz","tag-konfrontationspolitik","tag-militarisierung","tag-politikerverdrossenheit","tag-ruestungsindustrie","tag-streitkultur","tag-voelkerrecht","tag-wehrdienst","tag-ziviler-ungehorsam","tag-zukunftsangst"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/260801-Ekkehard_Eva.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154552","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=154552"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154552\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":154558,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154552\/revisions\/154558"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/154553"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=154552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=154552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=154552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}