{"id":154620,"date":"2026-08-06T10:00:27","date_gmt":"2026-08-06T08:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154620"},"modified":"2026-08-06T11:55:43","modified_gmt":"2026-08-06T09:55:43","slug":"russlands-bedrohung-gefahren-einer-sich-selbst-erfuellenden-prophezeiung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154620","title":{"rendered":"Russlands Bedrohung \u2013 Gefahren einer sich selbst erf\u00fcllenden Prophezeiung"},"content":{"rendered":"<p>Dass Deutschland, dass Europa mit hoher Wahrscheinlichkeit demn&auml;chst von Russland angegriffen wird, wird uns nahezu t&auml;glich durch Politik, Thinktanks, Medien und Bundeswehr erkl&auml;rt. Irgendwann zwischen 2026 und 2030 sei es vermutlich so weit. Ist das wirklich so? Auf welche Quellen beziehen sich derartige Aussagen? Wird hier nicht vielmehr der Boden f&uuml;r eine sich selbst erf&uuml;llende Prophezeiung geebnet? Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4488\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-154620-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260809-Russlands-Bedrohung-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260809-Russlands-Bedrohung-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260809-Russlands-Bedrohung-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260809-Russlands-Bedrohung-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=154620-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260809-Russlands-Bedrohung-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260809-Russlands-Bedrohung-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.politico.eu\/article\/we-must-be-ready-to-fight-germany-army-chief-christian-freuding-warns-of-rising-russia-threat\/\">&bdquo;We must be ready to fight&ldquo;<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/general-christian-freuding-wir-sind-bereit-fuer-den-fight-tonight-110786858.html\">&bdquo;Wir sind bereit f&uuml;r den Fight tonight&ldquo;<\/a>: Solche martialischen Spr&uuml;che aus dem Munde des Inspekteurs des Heeres und somit des h&ouml;chsten Soldaten des deutschen Heeres sind alles andere als beruhigend. Selbstverst&auml;ndlich sollte eine Armee verteidigungsf&auml;hig oder -t&uuml;chtig sein &ndash; die Wahrung der inneren und &auml;u&szlig;eren Sicherheit geh&ouml;rt zu den Kernaufgaben einer Staatlichkeit. Nur die Wortwahl, wie &bdquo;kriegst&uuml;chtig&ldquo; statt verteidigungsf&auml;hig, verweist auf ein anachronistisches Denken, das wir als f&uuml;r Deutschland &uuml;berwunden geglaubt hatten &ndash; aber eben nur geglaubt.<\/p><p>Auch der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, spricht von einer <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=99gp2_23ZrY\">eklatanten Bedrohung<\/a>: &bdquo;Ich glaube, es war in den 40 Jahren, in denen ich Soldat bin, noch nie so bedrohlich wie jetzt gerade. Wir sehen aus Russland heraus eine Bedrohung (&hellip;).&ldquo; Wenn wir 40 Jahre zur&uuml;ckschauen, befanden wir uns noch im Kalten Krieg mit dem Ostblock. Dieser Hinweis Breuers soll die Qualit&auml;t der Bedrohungslage verdeutlichen.<\/p><p>Nicht minder die <a href=\"https:\/\/nato.diplo.de\/nato-de\/01-natostatements\/2777142-2777142?enodia=eyJleHAiOjE3ODU3NDM2MjIsImNvbnRlbnQiOnRydWUsImF1ZCI6ImF1dGgiLCJIb3N0IjoibmF0by5kaXBsby5kZSIsIlNvdXJjZUlQIjoiMTcyLjk0Ljg4LjI4IiwiQ29uZmlnSUQiOiI4ZGFkY2UxMjVmZDJjMzkzMmI5NDNiNTJlOWQyY2Q2NTA1NzU0ZTE2MjIxMmEyY2UxYmI1YWYxNWMwZDRiYmZlIn0=.yzxa8GibyA3j_5RvSEciXix-sOQa-tCVlfXgO7it1ds=\">NATO-Gipfelerkl&auml;rung<\/a> vor wenigen Wochen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Um der langfristigen Bedrohung der euroatlantischen Sicherheit und Stabilit&auml;t durch Russland sowie der anhaltenden Bedrohung durch den Terrorismus zu begegnen, setzen die Verb&uuml;ndeten die in Den Haag gegebenen Verteidigungszusagen um.<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Aufz&auml;hlung an Bedrohungsrhetorik aus Politik und Medien lie&szlig;e sich m&uuml;helos fortsetzen. Diplomatie, Frieden, Abr&uuml;stung, legitime Sicherheitsinteressen sind schlichtweg keine Begriffe mehr in Politik, Medien und Milit&auml;r. Worte sind in Schrift oder verbale Laute gefasste Gedanken &ndash; so wird gedacht und so wird schlie&szlig;lich gehandelt. Nur, ist die Bedrohungslage tats&auml;chlich so wie behauptet? Wie viel Wahrheit oder wie viel Alarmismus stecken dahinter, wie gro&szlig; ist die Gefahr der self-fulfilling prophecy, der selbsterf&uuml;llenden Prophezeiung?<\/p><p><strong>Absicht und F&auml;higkeiten<\/strong><\/p><p>Die Beurteilung bzw. die Einsch&auml;tzung der Gefahren und Bedrohungen eines Landes findet in der Regel auf der Grundlage zweier Kategorien statt: die Absicht sowie die F&auml;higkeiten des potenziellen Gegners. Anhand dieser Kategorien wird idealerweise gemessen, ob eine akute, konkrete oder auch nur abstrakte Bedrohung besteht. Aber selbstverst&auml;ndlich k&ouml;nnen Einsch&auml;tzungen auch irrational und ideologisch determiniert sein &ndash; der Feind wird zum &bdquo;ewigen Feind&ldquo; erkl&auml;rt, die Fakten werden so lange interpretiert, bis sie in das ideologische Bild passen.<\/p><p align=\"CENTER\"><strong>a. Absicht<\/strong><\/p><p>Haben die russische F&uuml;hrung oder die russischen Sicherheitskr&auml;fte die Absicht, Europa milit&auml;risch anzugreifen?<\/p><p>Die Einsch&auml;tzung &uuml;ber die Absicht eines Landes gestaltet sich schwierig. Man kann schlichtweg nicht in die K&ouml;pfe der Entscheider im Kreml hineinschauen. Allerdings existieren meines Wissens nach keine belastbaren Aussagen von relevanten Politikentscheidern, die einen Angriff auf europ&auml;ische Staaten ge&auml;u&szlig;ert h&auml;tten. Auch der Politrambo und stellvertretende Vorsitzende des<strong> <\/strong>Sicherheitsrates der Russischen F&ouml;deration, Dmitri Anatoljewitsch Medwedew, &auml;u&szlig;ert sich zwar sehr radikal, aber er entscheidet nicht. Ebenso wenig der radikale Journalist Wladimir Solowjow, der sich in seinem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/shorts\/ai9DiRnclc8\">Interview mit Roger K&ouml;ppel<\/a> in der Weltwoche besonders absurd &auml;u&szlig;erte <em>(&bdquo;Ich bin f&uuml;r den Einsatz von Atomwaffen. (&hellip;) Nur so kann man euch dazu bringen, zuzuh&ouml;ren<\/em>&ldquo;). Auch die offen einsehbaren russischen sicherheits- und verteidigungsrelevanten Dokumente geben keine Hinweise darauf.<\/p><p>Wer Gegenteiliges behauptet, muss auch konkret liefern und nicht wild spekulieren.<\/p><p>Ein Hinweis allerdings ist die Aufr&uuml;stung Russlands sowie die Ausrichtung des russischen Milit&auml;rs Richtung Westen. Dies stellt tats&auml;chlich einen ernsten Bewertungsfaktor dar, dazu sp&auml;ter.<\/p><p>Absichten sind immer gekoppelt an Interessen. Auf welcher Interessengrundlage sollte Russland andere europ&auml;ische Staaten wie Polen, Deutschland oder Italien angreifen? Was g&auml;be es dort zu holen, was Russland nicht selbst hat? Rohstoffe? Industrie? Dienstleistungen? &bdquo;Unsere Werte&ldquo;?<\/p><p>Russland als der gr&ouml;&szlig;te Fl&auml;chenstaat der Welt verf&uuml;gt &uuml;ber ausreichend Rohstoffe nahezu aller Art. Es exportiert diese weltweit. Industrie? Insbesondere die deutsche Politik nimmt die Deindustrialisierung unseres Landes billigend in Kauf, blo&szlig; um keine g&uuml;nstigen russischen Energietr&auml;ger mehr zu importieren &ndash; t&auml;glich gehen mittelst&auml;ndische Unternehmen in &uuml;berdurchschnittlichen Zahlen insolvent. Und Konzerne entlassen massenhaft Mitarbeiter oder verlagern ihre Produktionsst&auml;tten in andere L&auml;nder mit g&uuml;nstigeren Energiepreisen und weniger B&uuml;rokratie. Demgegen&uuml;ber baut Russland seine eigene Industrie notgedrungen durch die EU-Sanktionspolitik auf. Dass notwendige Know-how bezieht das Land unter anderem in enger Kooperation mit China. Dienstleistungen? Welche sollen das sein? Westliche Berater oder Manager? Davon gab es im Russland der 1990er-Jahre viele. Haben sie das Land stabilisiert? Hat Russland nicht zwischenzeitlich selbst eine eigene &ouml;konomische Elite aufgebaut? Und &bdquo;unsere Werte&ldquo;? &bdquo;Unsere Werte&ldquo; als Exportschlager? Viele dieser &bdquo;unserer Werte&ldquo; lehnt Russland kategorisch ab. Dass kann man bedauern oder auch nicht, es &auml;ndert nichts daran, dass Russland seine Kultur und seine Werte als selbstst&auml;ndige Errungenschaften versteht. Kurzum, meiner Einsch&auml;tzung nach gibt es wenig, was Russland aus dem Rest Europas als so erstrebenswert betrachtet, als dass es daf&uuml;r einen &ndash; nicht gewinnbaren &ndash; konventionellen Eroberungskrieg f&uuml;hren w&uuml;rde.<\/p><p>Der russische Angriff auf die Ukraine ist nicht als argumentative Blaupause geeignet, um daraus einen Angriff auf den Rest Europas abzuleiten. Sehr vieles spricht daf&uuml;r, dass der russische Angriffskrieg priorit&auml;r sicherheitspolitisch motiviert gewesen ist &ndash; Stichwort: Verhinderung der NATO-Osterweiterung um die Ukraine &ndash;, nicht imperial im Sinne von Territorialkontrolle oder gar -gewinn. Kein Geringerer als der damalige NATO-Generalsekretar &auml;u&szlig;erte genau dies in einem <a href=\"https:\/\/www.nato.int\/en\/news-and-events\/events\/transcripts\/2023\/09\/07\/opening-remarks\">Vortrag in Br&uuml;ssel am 7. September 2023<\/a> (&bdquo;<em>Er&ouml;ffnungsrede von NATO-Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg bei der gemeinsamen Sitzung des Ausschusses f&uuml;r ausw&auml;rtige Angelegenheiten (AFET) und des Unterausschusses f&uuml;r Sicherheit und Verteidigung (SEDE) des Europ&auml;ischen Parlaments, gefolgt von einem Meinungsaustausch mit Mitgliedern des Europ&auml;ischen Parlaments<\/em>&ldquo;), ohne zu kapieren, dass er gerade selbst das westliche Narrativ vom imperialen Russland als Hauptmotiv f&uuml;r den Krieg zerlegt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Hintergrund war, dass Pr&auml;sident Putin im Herbst 2021 einen Vertragsentwurf vorlegte &ndash; und tats&auml;chlich auch &uuml;bermittelte &ndash;, dessen Unterzeichnung durch die NATO er forderte, um einen Verzicht auf weitere NATO-Erweiterungen zu besiegeln. Genau das hatte er uns geschickt. Es war die Bedingung daf&uuml;r, nicht in die Ukraine einzumarschieren. Nat&uuml;rlich haben wir das nicht unterzeichnet.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Gegenteil geschah. Er wollte, dass wir das Versprechen abgeben, die NATO niemals zu erweitern. Er verlangte, dass wir unsere milit&auml;rische Infrastruktur aus all jenen B&uuml;ndnisstaaten abziehen, die der NATO seit 1997 beigetreten waren &ndash; also aus der H&auml;lfte des B&uuml;ndnisses, aus ganz Mittel- und Osteuropa; wir sollten die NATO aus diesem Teil unseres B&uuml;ndnisses zur&uuml;ckziehen und damit eine Art Mitgliedschaft zweiter Klasse einf&uuml;hren. Das haben wir abgelehnt.<\/em><\/p>\n<p><em>Also zog er in den Krieg, um eine weitere NATO-Ausdehnung in die N&auml;he seiner Grenzen zu verhindern.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die beiden von Stoltenberg erw&auml;hnten Briefe Moskaus <a href=\"https:\/\/mid.ru\/ru\/foreign_policy\/rso\/nato\/1790803\/?lang=en\">an die NATO<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.mid.ru\/ru\/foreign_policy\/rso\/nato\/1790818\/?lang=en\">an die USA<\/a> vom Dezember 2021 belegen die priorit&auml;r sicherheitspolitische Motivlage ein weiteres Mal.<\/p><p>Die Antwort der NATO wurde eingestuft, d.h. nicht der &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich gemacht. Die spanische Tageszeitung <em>El Pais<\/em> hat den Inhalt angeblich im Original &uuml;ber Umwege erhalten und abgedruckt bzw. <a href=\"https:\/\/elpais.com\/infografias\/2022\/02\/respuesta_otan\/respuesta_otan_eeuu.pdf\">online gestellt<\/a>. Auch hatte <em>Politico<\/em> eine <a href=\"https:\/\/www.politico.eu\/article\/us-delivers-written-reply-to-russia-on-security-demands\/\">kurze Zusammenfassung\/Auswertung<\/a> vorgenommen.<\/p><p>Mit dem Angriff im Februar 2022 ging es Moskau wohl eher darum, den prowestlichen Maidan-Putsch (Regime Change) von 2014, der die Ukraine in die westliche Einflusszone integrierte, wieder umzukehren &ndash; mithin einen von au&szlig;en milit&auml;risch basierten Gegenputsch umzusetzen, um entweder eine neutrale oder prorussische Regierung zu installieren. So soll sich auch, laut des ehemaligen Generalinspekteurs Harald Kujat, der ukrainische Pr&auml;sident Wolodymyr Selenskyj selbst <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=upemKBx89OU\">ge&auml;u&szlig;ert haben<\/a>. Das strategische Ziel war es wohl, einen r&auml;umlichen Puffer zwischen der NATO und Russland zu re-etablieren statt eine unmittelbare NATO-Russland-Grenze zu akzeptieren. Daf&uuml;r spricht auch die geringe Anzahl an eingesetztem russischen Milit&auml;rpersonal und Material. Der anf&auml;ngliche Einsatz von seinerzeit rund 170.000 Soldaten ist schlichtweg nicht ausreichend, um die Ukraine zu &uuml;berrollen &ndash; das ist absurd.<\/p><p>Als der Gegenputsch nach wenigen Tagen scheiterte, wurde Russland mit einer brutalen Weisheit konfrontiert:<\/p><p>Der preu&szlig;ische General Helmuth von Moltke beschrieb diese Realit&auml;t in Anlehnung an den Kriegsphilosophen und ebenfalls preu&szlig;ischen Generalmajor Carl von Clausewitz:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit &uuml;ber das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus<\/em>&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Von Clausewitz selbst formulierte es wie folgt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>So stimmt sich im Kriege durch den Einflu&szlig; unz&auml;hliger kleiner Umst&auml;nde, die auf dem Papier nie geh&ouml;rig in Betrachtung kommen k&ouml;nnen, alles herab, und man bleibt weit hinter dem Ziel<\/em>.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Kurzum: Nach dem ersten Schuss l&auml;uft alles anders als geplant. Was also sollte Russland tun &ndash; R&uuml;ckzug?<\/p><p>Unter humanistischem Aspekt w&uuml;rden Hunderttausende von Menschen auf beiden Seiten der Konfliktlinie weiterleben. Dieser Aspekt z&auml;hlt jedoch leider in der Politik nur als Sekund&auml;rinteresse. Das Prim&auml;rinteresse der gegenw&auml;rtigen Politik ist, wie seit jeher in der Geschichte von Staaten, das Interesse der Macht, der Machtspielchen. Und unter diesem politischen Aspekt h&auml;tte Russland nicht nur nichts gewonnen, sondern vielmehr eine Menge an Nachteilen hinnehmen m&uuml;ssen: angefangen mit einem eklatanten Reputationsverlust seiner milit&auml;rischen Machtprojektionsf&auml;higkeiten vor der eigenen Haust&uuml;r, dem Statusverlust als Ordnungsmacht im postsowjetischen Raum. Russland als &bdquo;Riese auf t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en&ldquo;, wie es im 19. Und 20. Jahrhundert immer wieder mal aus dem Rest Europas beschrieben wurde.<\/p><p>Die westlichen Sanktionspakete w&auml;ren vermutlich dennoch verabschiedet worden, und innenpolitisch w&auml;re Putin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erledigt gewesen.<\/p><p>Also musste Plan B her: Die Eskalation des Krieges &uuml;ber die beiden abtr&uuml;nnigen Gebiete Lugansk\/Luhansk und Donezk hinaus. Dieser Plan B wurde umso entschlossener verfolgt, als dass die Istanbuler Friedensverhandlungen im Fr&uuml;hjahr 20222 auf amerikanisch-britische &bdquo;Empfehlungen&ldquo; hin seitens der Ukraine abgebrochen wurden.<\/p><p>Die Territorialambitionen scheinen also letztlich eine Folge der gescheiterten Gegen-Regimewechsel-Operation Russlands in der Ukraine zu sein &ndash; mit fortan neuen Zielen: so viel ukrainisches Territorium mit russischsprachiger Bev&ouml;lkerung wie m&ouml;glich zu erobern (Pufferraum) und die Restukraine sowie ihre milit&auml;rischen Potenziale personell und materiell so weit wie m&ouml;glich zu &bdquo;reduzieren&ldquo;. Dieser Krieg mit seiner f&uuml;rchterlichen Eigendynamik auf dem ukrainischen Schlachtfeld ist aufgrund wechselnder Parameter, wie bereits erw&auml;hnt, nicht als Blaupause f&uuml;r eine Bedrohungsbehauptung f&uuml;r den Rest Europas geeignet.<\/p><p align=\"CENTER\"><strong>b. F&auml;higkeiten<\/strong><\/p><p>Die milit&auml;rischen F&auml;higkeiten Russlands im konventionellen Bereich sind denen der NATO weit unterlegen. Selbst die europ&auml;ischen NATO-Staaten liegen quantitativ im materiellen sowie personellen Bereich weit vor Russland. Aufschlussreich ist hierzu die erste und mittlerweile zweite Auflage des <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.de\/frieden\/kraeftevergleich-nato-russland\">Kr&auml;ftevergleichs von Greenpeace<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.de\/publikationen\/Europa_allein_zu_Haus.pdf\">die Studie selbst<\/a>. Russland hat es nach vielen Jahren Krieg und einem Personaleinsatz von rund 800.000 Soldaten immer noch nicht geschafft, drei von vier Regionen der Ukraine vollst&auml;ndig zu erobern. Russland w&auml;re nicht einmal in der Lage, die Ukraine als Ganzes zu besetzen und dauerhaft erfolgreich zu kontrollieren &ndash; geschweige denn Polen, Deutschland oder den Rest Europas. Diese Vorstellungen sind schlichtweg faktenfrei. Auch hier die Forderung an jene &bdquo;Experten&ldquo;, handfeste Fakten f&uuml;r das Gegenteil zu liefern.<\/p><p>Es ist allerdings auch richtig, dass nicht nur die technischen F&auml;higkeiten und personellen Gr&ouml;&szlig;en von Armeen etwas &uuml;ber ihre operativen F&auml;higkeiten aussagen, sondern auch ihre Kampferfahrungen. Und &uuml;ber diese verf&uuml;gen die russischen und die ukrainischen Streitkr&auml;fte nach vier Jahren zweifellos. Dennoch ist nicht davon auszugehen, dass die operativen F&auml;higkeiten trotz hoher Kampferfahrungen im konventionellen Bereich ausreichend f&uuml;r ein erfolgreiches milit&auml;risches Abenteuer gegen die NATO w&auml;ren.<\/p><p>Auch ist der Einsatz nuklearer F&auml;higkeiten gegen&uuml;ber Europa f&uuml;r einen Eroberungskrieg Nonsens. Was will man erobern, wenn man ein Territorium zuvor nuklear ausgel&ouml;scht hat? Worin soll der Sinn bestehen? Es sei denn, die Ausl&ouml;schung selbst, nicht die Eroberung, w&auml;re die Absicht. Der Preis w&auml;re indes zu hoch, denn auch Frankreich und Gro&szlig;britannien verf&uuml;gen &uuml;ber Atomwaffen (nukleare Zweitschlagsoption), wenn auch nicht in der Gr&ouml;&szlig;enordnung der Russischen F&ouml;deration, aber hinreichend, um einen nichtakzeptablen Preis f&uuml;r Russland zu schaffen. Und ob in diesem Falle die USA nicht doch eingreifen w&uuml;rden, ist offen.<\/p><p><strong>J&auml;hrliche Bedrohungseinsch&auml;tzung<\/strong><\/p><p>Die NATO arbeitet st&auml;ndig an der Einsch&auml;tzung der Bedrohungslage. Allerdings erhebt sie nicht selbst die Aufkl&auml;rungsdaten, sondern ihre Mitgliedstaaten. Diese Informationen werden dann zu einem einheitlichen Bericht verfasst, so der damalige Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzender des NATO-Milit&auml;rausschusses, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=upemKBx89OU\">Harald Kujat<\/a>. Die USA seien die absolut f&uuml;hrende Nation in der NATO, was auch ihre Aufkl&auml;rungskapazit&auml;ten zu Bedrohungsanalysen betreffe. Und hierbei verweist Kujat auf den <a href=\"https:\/\/archive.dni.gov\/files\/ODNI\/documents\/assessments\/ATA-2025-Unclassified-Report.pdf\">&bdquo;Annual Threat Assessment of the U.S. Intelligence Community&ldquo;<\/a>, also den gemeinsamen Jahresbericht aller US-Nachrichtendienste.<\/p><p>Aus dem Bericht sind keine Absichten eines russischen Angriffs auf die NATO zu entnehmen. Zwar wird recht allgemein von strategischen Rivalit&auml;ten zwischen den USA und Russland gesprochen und werden auch die F&auml;higkeiten des russischen Milit&auml;rs analysiert. Eine direkte Bedrohung in Form erkennbarer Absichten Russlands gegen&uuml;ber Europa respektive der NATO wird jedoch nirgends in der Analyse erw&auml;hnt.<\/p><p><strong>Gefahr der self-fulfilling prophecy<\/strong><\/p><p>Der russische Krieg gegen die Ukraine ist zweifellos auch und vor allem ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen mit der wachsenden Dynamik eines direkten Krieges.<\/p><p>In der russischen Perzeption wird zunehmend von diesem direkten Krieg statt von einem Stellvertreterkrieg gesprochen. Entscheidend sind nicht nur die Fakten, sondern auch die &ndash; ideologisch gefilterten &ndash; Wahrnehmungen von Bedrohungen. Offensichtlich scheint man in Moskau davon auszugehen, dass das ukrainische Hinterland im Sinne der milit&auml;rischen Logistik Europa sei. Die russische Seite bewertet das betr&auml;chtliche Engagement des Westens auf Seiten der Ukraine als Krieg des Westens gegen Russland. Die massiven Lieferungen von R&uuml;stungsg&uuml;tern, Finanzspritzen und operativer Unterst&uuml;tzung in Form von Aufkl&auml;rungs- und Zieldaten betrachtet Russland als eindeutigen Beweis. Die massiven Aufr&uuml;stungsabsichten (f&uuml;nf Prozent des BIP f&uuml;r die NATO-Mitgliedsstaaten) und Optimierung einer milit&auml;risch nutzbaren Transportinfrastruktur (Gleise, Stra&szlig;en und Br&uuml;cken Richtung Osten, Deutschland als NATO-Logistikdrehscheibe) werden als existenzielle Bedrohung perzipiert &ndash; und die russischen Aufr&uuml;stungsma&szlig;nahmen als defensive R&uuml;ckversicherung gegen eine in den Augen Russlands westlichen Bedrohung.<\/p><p>Umgekehrt wird die Aufr&uuml;stung der russischen Streitkr&auml;fte beispielsweise von Carsten Breuer, dem amtierenden Generalinspekteur der Bundeswehr, als f&uuml;r den Krieg gegen die Ukraine &uuml;berdimensioniert bewertet, ebenso die <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/deutschland-welt\/general-carsten-breuer-lage-nie-so-bedrohlich-wie-jetzt-gerade,UgYpiG9\">Ausrichtung der milit&auml;rischen Infrastruktur Russland gen Westen<\/a>. Diese Fakten &ndash; neben der hybriden Kriegsf&uuml;hrung Russlands gegen den Westen &ndash; bilden die Grundlage f&uuml;r Breuers Einsch&auml;tzung, dass Russland den Westen in den n&auml;chsten Jahren angreifen k&ouml;nnte.<\/p><p>Auf beiden Seiten besteht die Wahrnehmung, die andere Seite stelle angesichts ihrer Aufr&uuml;stung und Rhetorik eine wachsende Bedrohung dar, gegen die nur noch Aufr&uuml;stung als Abschreckung helfe. Auf beiden Seiten werden die Aufr&uuml;stung und die Man&ouml;ver der anderen Seite als Beweis f&uuml;r eine Aggressionsabsicht interpretiert. Und damit befinden wir uns mitten in dem sogenannten Sicherheitsdilemma: gegenseitige Fehlperzeptionen, Aufr&uuml;stungsspirale und wachsende Gefahr realer milit&auml;rischer Zusammenst&ouml;&szlig;e. Das Sicherheitsdilemma kann, wenn es nicht durch diplomatische Initiativen und vertrauensbildende Ma&szlig;nahmen entsch&auml;rft wird, zur self-fulling prophecy, zur selbsterf&uuml;llenden Prophezeiung werden: Aus der (Fehl-)Perzeption (die andere Seite bedroht uns) entsteht ein spezifisches Verhalten (wir m&uuml;ssen auch aufr&uuml;sten und ggf. zuerst zuschlagen als Akt der &bdquo;pr&auml;ventiven Verteidigung&ldquo;). Und letztlich tritt genau der (Kriegs)Fall ein, den man angeblich auf jeder Seite vermeiden wollte. Er tritt nicht ein, weil die jeweilige Seite es so wollte, sondern weil die jeweilige Seite die ma&szlig;lose Aufr&uuml;stung und den Schritt zur &bdquo;pr&auml;ventiven Verteidigung&ldquo;, also den Schritt in den Krieg, als alternativlos betrachtet. Damit wird der Weg von der d&uuml;steren Prophezeiung zur d&uuml;steren Wirklichkeit beschritten.<\/p><p><small>Titelbild: OnePixelStudio \/ Shutterstock<\/small><em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass Deutschland, dass Europa mit hoher Wahrscheinlichkeit demn&auml;chst von Russland angegriffen wird, wird uns nahezu t&auml;glich durch Politik, Thinktanks, Medien und Bundeswehr erkl&auml;rt. Irgendwann zwischen 2026 und 2030 sei es vermutlich so weit. Ist das wirklich so? Auf welche Quellen beziehen sich derartige Aussagen? Wird hier nicht vielmehr der Boden f&uuml;r eine sich selbst erf&uuml;llende<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154620\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":154622,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,172,171],"tags":[2035,3293,3260,2301,2591,893,466,259,2794,260,2377],"class_list":["post-154620","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-aufruestung","category-militaereinsaetzekriege","tag-abschreckungsstrategie","tag-bellizismus","tag-feindbild","tag-konfrontationspolitik","tag-kujat-harald","tag-militarisierung","tag-nato","tag-russland","tag-stellvertreterkrieg","tag-ukraine","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/shutterstock_2330777419.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154620","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=154620"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154620\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":154640,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154620\/revisions\/154640"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/154622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=154620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=154620"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=154620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}