{"id":154771,"date":"2026-08-10T09:00:18","date_gmt":"2026-08-10T07:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154771"},"modified":"2026-08-10T09:35:17","modified_gmt":"2026-08-10T07:35:17","slug":"berliner-wahlkampf-bunte-seifenblasen-und-ein-weisser-elefant","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154771","title":{"rendered":"Berliner Wahlkampf: Bunte Seifenblasen und ein wei\u00dfer Elefant"},"content":{"rendered":"<p>Der Wahlkampf ist in Berlin jetzt auch offiziell er&ouml;ffnet. Seit einer Woche d&uuml;rfen die laut Parteiangaben insgesamt bis zu 300.000 Wahlplakate aufgeh&auml;ngt werden. 17 Parteien wurden zur Wahl des Abgeordnetenhauses zugelassen, davon einige aber nur in einzelnen Bezirken, weil sie f&uuml;r eine landesweite Kandidatur nicht gen&uuml;gend Unterst&uuml;tzungsunterschriften sammeln konnten. Es gibt ferner Parteien, die nur an einzelnen Wahlen zu den Bezirksvertretungen teilnehmen. Das politische Spektrum ist gro&szlig; und reicht von der neofaschistischen NPD-Nachfolgepartei &bdquo;Die Heimat&ldquo; bis zur marxistisch-leninistisch orientierten DKP. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs gibt massive Zweifel, ob die gigantische und teure Materialschlacht an den Laternen und Plakat-Stelltafeln der Stadt heutzutage &uuml;berhaupt noch einen relevanten Einfluss auf das Wahlverhalten hat. Die meisten gro&szlig;en Parteien nutzen das vor allem, um ihre Spitzen- und jeweiligen Direktkandidaten in Szene zu setzen, und dokumentieren das ausgiebig in allen Social-Media-Kan&auml;len mit kleinen Videos und Fotostrecken, auf denen zu sehen ist, wie der Chef oder die Chefin pers&ouml;nlich ein Plakat an eine Laterne knotet.<\/p><p>Zumindest in den innerst&auml;dtischen Quartieren pr&auml;gen die Plakate &ndash; manchmal bis zu f&uuml;nf &uuml;bereinander &ndash; derzeit das Stadtbild, auch in Nebenstra&szlig;en. Wenn ich mein Wohnhaus verlasse, f&auml;llt der Blick zun&auml;chst auf das Konterfei der Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp, versehen mit der Botschaft &bdquo;B&uuml;rgermeisterin f&uuml;r Berlin&rdquo;. Es folgt der SPD-Spitzenmann Steffen Krach mit der &ndash; angesichts der desastr&ouml;sen Umfragewerte recht vermessenen &ndash; Ank&uuml;ndigung &bdquo;Der n&auml;chste Regierende&rdquo;. Zwei Laternen weiter versuchen es die Gr&uuml;nen mit einer durchaus mehrheitsf&auml;higen Losung: &bdquo;Schulstress abbauen&rdquo;. Die CDU fokussiert sich hier auf ihren Direktkandidaten, von dem ich &ndash; und da werde ich nicht der Einzige sein &ndash; noch nie etwas geh&ouml;rt habe und der in meinem rot-gr&uuml;n-dominierten Wahlkreis in Moabit auch keine Chance hat. Nichts habe ich in dem Kiez von der AfD gesehen, die wohl realisiert hat, dass hier eh nix f&uuml;r sie zu holen ist.<\/p><p>Vergleichsweise schrill pr&auml;sentieren sich einige Kleinparteien. Die neoliberalen Hipster von VOLT fordern &bdquo;Unf*cking Berlin&rdquo;. Und der Varoufakis-Fanklub Mera 25, der nur f&uuml;r die Bezirkswahlen antritt, verk&uuml;ndet: &bdquo;Berlin brennt f&uuml;r Genossenschaften in Arbeiter*innenhand&rdquo;. Ein paar Stra&szlig;en weiter gibt es von der FDP die ultimative L&ouml;sung der Wohnungskrise: &bdquo;Berlin geht besser &ndash; von der Miete zum Eigentum&ldquo;. Womit sie immerhin auf das zentrale Thema des Berliner Wahlkampfes eingehen.<\/p><p>Das tun die anderen Parteien auch, sowohl auf einigen Plakaten als auch in den Wahlprogrammen. Auch hier ein sehr gro&szlig;es Spektrum, von marktradikal (Mietenregulierungen abschaffen, Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen f&ouml;rdern) &uuml;ber irgendwie &bdquo;mehr Mieterschutz&rdquo; bis zur Vergesellschaftung gro&szlig;er Wohnungskonzerne und einem gro&szlig;en kommunalen Wohnungsbauprogramm. Darauf setzen vor allem Die Linke und &ndash; etwas abgeschw&auml;cht &ndash; auch die Gr&uuml;nen und das BSW.<\/p><p>Weitere Wahlkampfschwerpunkte sind Berliner Dauerbrenner wie marode Schulen, verrottende Infrastruktur, Verkehrschaos, allgemeine Verwahrlosung der Stadt, Sicherheit, Kriminalit&auml;tsbek&auml;mpfung und &ndash; bei den meisten Parteien eher nachrangig und floskelhaft &ndash; Klimaschutz bzw. -anpassung. Dazu noch ein bisschen queere Vielfalt, Integration und lebendige Kultur.<\/p><p><strong>Wer kann das alles bezahlen?<\/strong><\/p><p>Doch &uuml;ber den gro&szlig;en wei&szlig;en Elefanten in der Stadtpolitik wird kaum geredet. Denn f&uuml;r fast alle genannten Punkte w&auml;ren erhebliche Investitionen notwendig und werden auch versprochen. Aber wie sollen die eigentlich bezahlt werden? Berlin sitzt nicht nur auf einem gro&szlig;en, tendenziell wachsenden Schuldenberg von derzeit rund 67 Milliarden Euro. Schon jetzt weist die Haushaltsplanung erhebliche Deckungsl&uuml;cken auf, und dem aktuellen &bdquo;Sparhaushalt&ldquo; werden weitere mit entsprechend massiven K&uuml;rzungen folgen. Zumal die unmittelbaren Sozialausgaben aufgrund der &ndash; auch vom Bund durch diverse Einschnitte befeuerten &ndash; wachsenden Armut in der Stadt weiter steigen werden und bestimmte Risiken wie etwa die vom Bundesverfassungsgericht verf&uuml;gte, milliardenschwere <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/wirtschaft\/beitrag\/2026\/05\/beamte-berlin-besoldung-nachzahlung-kosten-verdoppelt-.html\">Nachzahlung von Beamtenbesoldungen<\/a> noch gar nicht genau bezifferbar sind. Dazu kommt, dass die allgemeinen Rahmenbedingungen alles andere als rosig sind, sei es die allgemeine Wirtschaftsflaute, sei es der riesige Investitionsstau bei der Infrastruktur.<\/p><p>Nat&uuml;rlich g&auml;be es Spielr&auml;ume f&uuml;r Einnahmeerh&ouml;hungen, etwa bei der Grundsteuer, der Grunderwerbssteuer, dem Gewerbesteuerhebesatz und lokalen Verbrauchssteuern und Geb&uuml;hren &ndash; was aber zum einen Risiken in Bezug auf die Standortkonkurrenz mit Brandenburg birgt und zum anderen ohnehin nicht reichen w&uuml;rde, um strukturelle Defizite auszugleichen. Und es gibt auch Spielr&auml;ume f&uuml;r die Aufnahme weiterer Schulden, die nicht unmittelbar haushaltswirksam w&auml;ren, etwa durch Sonderverm&ouml;gen, aber das ist nicht so einfach und vor allem recht limitiert.<\/p><p>Ferner kann eine neue Landesregierung nat&uuml;rlich Umschichtungen im Haushalt vornehmen und neue Priorit&auml;ten setzen. Aber der zu verteilende Kuchen wird dadurch nicht gr&ouml;&szlig;er und der sehr gro&szlig;e Anteil von unantastbaren Pflichtausgaben nicht kleiner. Plastisch formuliert: Selbst eine mit absoluter Mehrheit ausgestattete linke Alleinregierung k&ouml;nnte in der kommenden Legislaturperiode ihre Forderungen und Ank&uuml;ndigungen in zentralen Bereichen &ndash; wie Wohnungsbau, Bildung, Infrastruktur, soziale Daseinsvorsorge, Klimaschutz usw. &ndash; nicht ann&auml;hernd umsetzen.<\/p><p>Doch dar&uuml;ber wird im Wahlkampf recht wenig geredet, und wenn, dann meist in Form bunter Seifenblasen. Selbst der CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers, der kurzfristig seinen aufgrund einer desastr&ouml;sen Pannenserie zum R&uuml;cktritt gen&ouml;tigten Parteifreund und noch amtierenden Regierenden B&uuml;rgermeister Kai Wegner <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153667\">ersetzen musste<\/a>, hat seinen Tonfall jetzt etwas ge&auml;ndert. Zwar betont Evers, der sich als Finanzsenator im aktuellen Senat als beinharter &bdquo;Haushaltssanierer&rdquo; profilierte, nach wie vor, dass einige &bdquo;harte Jahre&ldquo; vor uns liegen und alles, was jetzt gefordert werde, unter &bdquo;Finanzierungsvorbehalt&ldquo; stehe. Aber mittelfristig stehe Berlin vor einer &bdquo;gro&szlig;en Zukunft&ldquo;, wenn es jetzt gelinge, eine Macht&uuml;bernahme der &bdquo;Linksextremisten&ldquo; zu verhindern.<\/p><p>Ob das als Agenda ausreicht, um die laut Umfragen arg gerupfte CDU, die bei den letzten Wahlen mit 28,2 Prozent einen nahezu triumphalen Erdrutschsieg errang, wieder zur st&auml;rksten Partei in Berlin zu machen, ist zwar noch offen, aber eher zweifelhaft. Noch d&uuml;sterer sieht es f&uuml;r die SPD und ihren aus Niedersachsen importierten Frontmann Steffen Krach (&bdquo;Der n&auml;chste Regierende&ldquo;) aus. Die d&uuml;mpelt in den Umfragen bei 12 bis 13 Prozent. Vorne liegt derzeit die Linke, die offensichtlich von ihrer klaren Fokussierung auf das Thema Mieten\/Wohnen (incl. Vergesellschaftung) profitiert und auch ihr fr&uuml;heres Image als &bdquo;K&uuml;mmererpartei&rdquo; mit zahlreichen Beratungsangeboten und Haust&uuml;rwahlkampf revitalisiert hat. Es folgen CDU, AfD und Gr&uuml;ne, aber alles dicht beieinander, und das kann sich alles noch verschieben.<\/p><p><strong>Krieg und Aufr&uuml;stung spielen kaum eine Rolle<\/strong><\/p><p>Die AfD hat es im Wahlkampf vergleichsweise einfach. Sie profitiert zum einen von dem enormen allgemeinen Frust &uuml;ber die &bdquo;Altparteien&rdquo; im Bund und auch in der Stadt. Und sie bietet f&uuml;r alle Probleme der Stadt eine einfache, griffige L&ouml;sung an: Aufnahmestopp f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge und &bdquo;Remigration&rdquo; m&ouml;glichst vieler hier bereits lebender Migranten. Denn dann w&uuml;rde sich auch das mit der Wohnungsnot, der Verwahrlosung, der Kriminalit&auml;t und dem Schulchaos regeln lassen, versichert die Partei. Das k&ouml;nnte f&uuml;r ein Wahlergebnis von +\/-20 Prozent reichen, denn das neoliberale und reaktion&auml;re Kleingedruckte im AfD-Programm liest eh niemand.<\/p><p>Die Gr&uuml;nen haben im innerst&auml;dtischen Bereich schon lange eine sehr stabile W&auml;hlerbasis. Punkten k&ouml;nnen sie vor allem &ndash; aktuell befeuert durch die Hitzewellen &ndash; mit dem Klimathema und einer &Ouml;PNV- und fahrradzentrierten Verkehrspolitik. Aber auch im Bereich Wohnen\/Mieten sind sie ganz gut am Ball. Dass sie auf Bundesebene mit an vorderster Front der Kriegstreiber stehen, scheint ihnen kaum zu schaden.<\/p><p>Ohnehin spielt der Themenkomplex Krieg\/Aufr&uuml;stung und die damit verbundenen massiven Einschnitte bei der gesamten sozialen Daseinsvorsorge im Berliner Wahlkampf eine vergleichsweise geringe Rolle. Darunter leidet vor allem das BSW, das die Friedensfrage und entsprechend eindeutige Positionen nach wie vor in den Mittelpunkt seiner Aktivit&auml;ten stellt, was sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal ist.<\/p><p>Doch die Resonanz f&uuml;r diese Themen hat bedauerlicherweise &ndash; und das nicht erst seit diesem Wahlkampf &ndash; deutlich nachgelassen, und die stadtpolitische Kompetenz des BSW ist eher &uuml;berschaubar. Die Partei, die bei den Bundestagswahlen vor einem Jahr in Berlin noch 6,7 Prozent der Stimmen erhielt, klebt in den Umfragen seit Monaten wie eingemauert zwischen drei und vier Prozent und hat wohl nur wenig Chancen, in das Abgeordnetenhaus einzuziehen. Das gilt auch f&uuml;r die FDP, aber die braucht hier nun wirklich niemand.<\/p><p>Vier Parteien liefern sich also ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Wahlsieg. Auf Rang 5 wird dann die SPD folgen. Alle anderen Parteien werden voraussichtlich an der F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rde scheitern. So offen das Rennen an der Spitze auch ist &ndash; nach der Wahl wird es lediglich zwei Optionen f&uuml;r Regierungskoalitionen geben: Linke\/Gr&uuml;ne\/SPD oder CDU\/Gr&uuml;ne\/SPD. In den Koalitionsverhandlungen beginnt dann das gro&szlig;e Entsorgen der eigenen Wahlversprechen. Und irgendwann gibt es dann einen blumigen Koalitionsvertrag, der in vielen Kapiteln &auml;hnlich wertlos wie die Wahlprogramme sein wird &ndash; weil ja eh alles unter &bdquo;Finanzierungsvorbehalt&ldquo; steht.<\/p><p>Derzeit spricht einiges f&uuml;r eine Regierung ohne die Linke, denn deren Vorsitzende Ines Schwerdtner hat die Umsetzung der bereits vor f&uuml;nf Jahren in einem Volksentscheid beschlossenen Vergesellschaftung gro&szlig;er Wohnungskonzerne j&uuml;ngst zur unverhandelbaren Bedingung f&uuml;r ein Regierungsb&uuml;ndnis erkl&auml;rt &ndash; was die SPD prompt ebenso kategorisch ablehnte. Allerdings hat sich die Linke in den vergangenen Jahren stets als &auml;u&szlig;erst flexibel erwiesen, wenn Regierungsbeteiligungen winken.<\/p><p>Die Urnenwahl findet am 20. September statt. Bereits vorher kann man per Briefwahl abstimmen, was voraussichtlich rund 45 Prozent aller Wahlteilnehmer machen werden. F&uuml;r die ganz Ungeduldigen geht es aber schon jetzt los. Ab Montag (10. August) kann man &ndash; auch ohne Wahlbenachrichtigung, Personalausweis reicht &ndash; in seinem Bezirkswahlamt seine drei Stimmen (Erst- und Zweitstimme Abgeordnetenhaus und Bezirkswahl) abgeben. Das werde ich auch machen, dann habe ich das ganze Theater irgendwie hinter mir.<\/p><p><small>Titelbild: TaLaNoVa \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/fc2c97ffcf314e319d739c97349b711e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wahlkampf ist in Berlin jetzt auch offiziell er&ouml;ffnet. 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