{"id":154851,"date":"2026-08-12T09:00:37","date_gmt":"2026-08-12T07:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154851"},"modified":"2026-08-12T09:37:25","modified_gmt":"2026-08-12T07:37:25","slug":"leichtes-spiel-fuer-mindestlohn-preller-wann-kommt-endlich-das-maxivermoegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154851","title":{"rendered":"Leichtes Spiel f\u00fcr Mindestlohn-Preller: Wann kommt endlich das Maxiverm\u00f6gen?"},"content":{"rendered":"<p>Die Gesetzliche Lohnuntergrenze wird gem&auml;&szlig; einer DGB-Auswertung systematisch unterlaufen, und der Gesamtschaden in zehn Jahren bel&auml;uft sich auf 64 Milliarden Euro. &Uuml;ber ein Kontrollsystem, das zum Betrug einl&auml;dt, und eine Bundesregierung, die Arme noch &auml;rmer und Reiche noch reicher macht. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs gibt da diesen Irrglauben unter konservativen Politikern und Vertretern der Wirtschaft, wonach der gesetzliche Mindestlohn eine Wohltat sei. Von wegen: Den einfachen arbeitenden Menschen wird mehr gegeben, als eigentlich n&ouml;tig w&auml;re, damit sie es besser haben, als es ihnen angesichts ihres Leistungspotenzials eigentlich zusteht &ndash; ein bisschen Caritas &agrave; la Kapitalismus eben. Das ist in doppelter Hinsicht Quatsch. Denn erstens braucht es aus Sicht der Betroffenen eine Untergrenze bei der Bezahlung, damit sie lebens- beziehungsweise schlicht &uuml;berlebensf&auml;hig bleiben und nicht physisch zerfallen. Und zweitens, eng damit verbunden, dient sie dem unternehmerischen Zweck, die Arbeitskraft des &bdquo;unteren&ldquo; Teils der Bev&ouml;lkerung zu erhalten.<\/p><p>Aus marxistischer Sicht ist der Mindestlohn dann auch kein Geschenk des Kapitals, sondern ein Mittel, um die Reproduktion der Arbeiterklasse zu gew&auml;hrleisten. Damit die Werkt&auml;tigen weiterhin kr&auml;ftig malochen k&ouml;nnen, um den Reichtum ihrer Ausbeuter zu mehren. W&uuml;rde man sie stattdessen auf breiter Front mit Hungerl&ouml;hnen ins Elend st&uuml;rzen, fielen sie nicht nur als Produzenten, sondern auch als Konsumenten der Waren und Dienstleistungen aus, mit deren Verkauf die Kapitalisten ihre Profite erwirtschaften. Insofern ist der Mindestlohn ein Arrangement, von dem beide Seiten etwas haben und das hilft, das System und die gesellschaftliche Ordnung zu stabilisieren, indem extreme soziale Krisen und m&ouml;gliche Massenaufst&auml;nde verhindert werden.<\/p><p><strong>64 Milliarden Euro Verlust<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich leuchtet das nicht allen ein. Und was in der Gesamtsicht Sinn ergeben mag, muss auch l&auml;ngst nicht jeder einzelne Kapitalist zu seinem Leitbild machen. Tats&auml;chlich handeln sogar ziemlich viele Unternehmer in Deutschland den gesetzlichen Vorgaben aktiv und vors&auml;tzlich zuwider. &Uuml;ber das Ausma&szlig; der Verfehlungen legt eine am Montag vorgelegte Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Zeugnis ab. Der <a href=\"https:\/\/www.dgb.de\/fileadmin\/download_center\/Studien\/20260805_Auswertung_Mindestlohnbetrug.pdf\">exklusiven Auswertung<\/a> zufolge haben zwischen 2015 und 2024 pro Jahr rund zwei Millionen Besch&auml;ftigte nicht das ihnen gem&auml;&szlig; Mindestlohngesetz zustehende Arbeitsentgelt erhalten. Bei insgesamt etwas mehr als sechs Millionen Menschen, die gegenw&auml;rtig der Regelung unterliegen, wird damit jeder dritte Betroffene von seinem Chef &uuml;bervorteilt.<\/p><p>Der Schaden der Leidtragenden, sprich ihre Lohneinbu&szlig;en, bel&auml;uft sich nach den Berechnungen &uuml;ber besagten Zeitraum auf netto 35 Milliarden Euro. Grundlage der DGB-Untersuchung sind Daten aus dem sogenannten Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) &ndash; einer Langzeitbefragung von rund 30.000 Menschen in 20.000 Haushalten. Aus Angaben zu Arbeitszeit und Verdienst konnten die Forscher ableiten, bei wie vielen Menschen der jeweils g&uuml;ltige Mindestlohn j&auml;hrlich unterschritten wurde und in welcher Gr&ouml;&szlig;enordnung. Im Schnitt wurden die Betroffenen um 1,70 bis 2,40 Euro pro Stunde gebracht.<\/p><p><strong>Angst vor Jobverlust<\/strong><\/p><p>Den Schaden hat nicht nur der Einzelne, sondern ebenso die Allgemeinheit. So entgingen dem Fiskus zirka sieben Milliarden Euro an Einkommenssteuern. Die Ausf&auml;lle der Sozialversicherungen &ndash; Kranken-, Pflege- und Rentenkassen &ndash; beziffert der DGB mit 22 Milliarden Euro. Alles in allem summieren sich die Verluste f&uuml;r Besch&auml;ftigte und das Gemeinwesen auf 64 Milliarden Euro in einer Dekade, w&auml;hrend sich die fraglichen Firmen in n&auml;mlicher Gr&ouml;&szlig;enordnung bereichern konnten.<\/p><p>Wie sind sie dabei vorgegangen? Zum Beispiel schreiben Unternehmer zwar die Monatsl&ouml;hne in den Vertrag, aber nicht die daf&uuml;r zu leistenden Arbeitsstunden. Oder sie setzen ein St&uuml;ckpensum, das sich nur durch unbezahlte &Uuml;berstunden erf&uuml;llen l&auml;sst. Manche Chefs stellen ihren Angestellten Material- oder Essenskosten zu &uuml;berh&ouml;hten Preisen in Rechnung und ziehen diese vom Lohn ab. Andere operieren mit Scheinselbstst&auml;ndigkeit, willk&uuml;rlichen Abrufzeiten oder t&auml;uschen eine Insolvenz vor. Beliebt ist auch die Masche, Besch&auml;ftigte zu Praktikanten zu deklarieren, weil f&uuml;r die nicht zwingend der Mindestlohn f&auml;llig wird.<\/p><p>Besonders verbreitet ist der Missbrauch in der Gastronomie, im Hotelgewerbe, Handel und in der Landwirtschaft. Nur sehr selten wenden sich die Betrogenen an die Beh&ouml;rden oder die &Ouml;ffentlichkeit. Zu gro&szlig; ist laut DGB die &bdquo;Scham&ldquo; sowie die &bdquo;Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes&ldquo;. Mithin gibt es sogar einvernehmliche Absprachen zwischen Werkt&auml;tigen und Chefetage zur Bezahlung unterhalb des Mindestlohns.<\/p><p><strong>&bdquo;Kein Kavaliersdelikt&ldquo;<\/strong><\/p><p>F&uuml;r den stellvertretenden DGB-Bundesvorsitzenden Stefan K&ouml;rzell sind <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/finanzen\/karriere\/arbeitsrecht\/keine-arbeitszeit-angegeben-akkordlohn-wochenlang-unbezahlte-arbeit-die-dreistesten-tricks-mit-denen-chefs-den-mindestlohn-umgehen_id_8387560.html\">solche und andere Tricks<\/a> &bdquo;kein Kavaliersdelikt&ldquo;, wie er per <a href=\"https:\/\/www.dgb.de\/presse\/pressemitteilungen\/agenturzitat\/dgb-auswertung-mindestlohnbetrug-kostet-die-gesellschaft-64-milliarden-euro\/\">Medienmitteilung<\/a> klarstellte. &bdquo;Wer den Sozialstaat st&auml;rken will, muss Lohnraub konsequent bek&auml;mpfen, statt die Rechnung denjenigen aufzub&uuml;rden, die jeden Tag arbeiten und trotzdem oft kaum &uuml;ber die Runden kommen.&ldquo;<\/p><p>Ausdr&uuml;cklich verwies der Gewerkschafter auf die massiven sozialen Einschnitte, die die Bundesregierung bereits in die Wege geleitet hat und noch plant. W&auml;hrend das passiere, &bdquo;lassen kriminelle Arbeitgeber Milliarden in ihren eigenen Taschen verschwinden, die eigentlich den Besch&auml;ftigten, den Sozialversicherungen und dem Staat zustehen&ldquo;, so K&ouml;rzell. Mit diesem Geld k&ouml;nne man die Renten und die Krankenversicherung st&auml;rken, Kitas und Schulen finanzieren und dringend notwendige Investitionen erm&ouml;glichen, so K&ouml;rzell.<\/p><p><strong>Laissez-faire<\/strong><\/p><p>Allerdings mangelt es augenscheinlich an der Bereitschaft, sich das Geld zur&uuml;ckzuholen beziehungsweise ein Umfeld zu schaffen, das von krummen Machenschaften abschreckt. Nach Recherchen des DGB l&auml;sst sich ein Pr&uuml;fer pro Betrieb statistisch einmal in 140 Jahren blicken. Bei der zust&auml;ndigen Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) gelten aktuell rund 2.500 Planstellen als unbesetzt. Bundesweit &uuml;berpr&uuml;fte die FKS im Vorjahr nur knapp 26.000 Betriebe, wobei in rund 6.200 F&auml;llen Verfahren wegen mutma&szlig;licher Verst&ouml;&szlig;e eingeleitet und 25,4 Millionen Euro an Bu&szlig;geldern verh&auml;ngt wurden. Gleichwohl teilte die Beh&ouml;rde zuletzt mit, &bdquo;gut aufgestellt&ldquo; zu sein und &bdquo;erfolgreich&ldquo; zu arbeiten.<\/p><p>Erfolgreich f&uuml;r wen? Dabei ist die Personalnot bei der Beh&ouml;rde sowie der Justiz l&auml;ngst notorisch und hat sich in den zur&uuml;ckliegenden Jahren sukzessive zugespitzt. Wiederholte Beteuerungen seitens verschiedener Bundesregierungen, die Zust&auml;nde zu verbessern, blieben stets folgenlos. Auch bei zahlenm&auml;&szlig;iger Vollbesetzung bliebe das Kontrollnetz so grobmaschig, dass selbst dickste Fische noch durchflutschen. Alles in allem mutet die Gangart seit L&auml;ngerem nicht wie hartes Durchgreifen an, sondern eher wie Laissez-faire &ndash; &bdquo;lass die Betr&uuml;ger mal machen&ldquo;. Die Vorg&auml;nge &auml;hneln der Zur&uuml;ckhaltung, mit der hierzulande Delikten wie Steuerhinterziehung und anderen Finanzmauscheleien begegnet wird. Legend&auml;r ein Fall in Hessen vor knapp 20 Jahren: Der Erfolg beim Aufsp&uuml;ren von Schwarzgeldfl&uuml;ssen nach Liechtenstein war vier Steuerfahndern irgendwann <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/einfach-verrueckt-erklaert-11412804.html\">so sehr zu Kopf gestiegen<\/a>, dass man sie f&uuml;r paranoid erkl&auml;ren lie&szlig; und in den Zwangsruhestand versetzte. Erst sehr viel sp&auml;ter wurden sie rehabilitiert.<\/p><p><strong>Acht Millionen mehr Arme<\/strong><\/p><p>DGB-Vize K&ouml;rzell forderte am Montag &bdquo;ein umfassendes Ma&szlig;nahmenpaket zur St&auml;rkung der Rechtsdurchsetzung&ldquo;. Die FKS-Kapazit&auml;ten m&uuml;ssten zwecks risikoorientierter Pr&uuml;fungen und verdachtsunabh&auml;ngiger Kontrollen deutlich ausgebaut werden. Ferner brauche es schnelle und wirksame Sanktionen, ein verbessertes Whistleblowersystem sowie weitere Schwerpunktstaatsanwaltschaften.<\/p><p>Der Appell ist redlich. Aber an wen richtet er sich? An eine Koalition, die sich anschickt, ein Programm der Sozialdemontage ins Werk zu setzen, wie es die BRD noch nicht erlebt hat? Die Partei Die Linke pr&auml;sentierte am Montag eine vorl&auml;ufige <a href=\"https:\/\/www.die-linke.de\/start\/presse\/detail\/news\/sozialabbau-bilanz\/\">&bdquo;Sozialabbau-Bilanz&ldquo;<\/a>. Nach &bdquo;vorsichtiger Sch&auml;tzung&ldquo; drohten demnach durch die K&uuml;rzungen bei Gesundheit, Rente, Pflege und in anderen Bereichen der sozialen Daseinsvorsoge acht Millionen Menschen mehr im Land &uuml;ber kurz oder lang zu verarmen. Zitat: &bdquo;Jede einzelne dieser Ma&szlig;nahmen geht zu Lasten der arbeitenden Menschen und der Armen, um Steuererh&ouml;hungen f&uuml;r Multimillion&auml;re und Konzerne zu vermeiden.&ldquo;<\/p><p><strong>Auf die Stra&szlig;e!<\/strong><\/p><p>Das trifft den wunden Punkt. Wann endlich kommt nach dem Mindestlohn, der dazu noch in gro&szlig;em Stil unterlaufen wird, das Maxiverm&ouml;gen? Sprich: Ein Deckel, der das Anh&auml;ufen von Reichtum begrenzt, den Prozess jahrzehntelanger Umverteilung von unten nach oben umkehrt und so die Wiederkehr eines wenigstens halbwegs gerechten und solidarischen Gemeinwesens erm&ouml;glicht.<\/p><p>Bei den gesellschaftlichen Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen erscheint das illusorisch. Aber wer nicht k&auml;mpft, hat bekanntlich schon verloren. Immerhin tut sich etwas: Unter dem Motto <a href=\"https:\/\/www.die-linke.de\/mitmachen\/kampagnen\/es-reicht-das-leben-bezahlbar-machen\/\">&bdquo;Es reicht! Das Leben bezahlbar machen&ldquo;<\/a> ist in den kommenden Wochen vielerorts zu Protesten gegen den Kahlschlagskurs von Union und SPD aufgerufen. Was daraus wird, bleibt abzuwarten.<\/p><p>Nur Massen auf der Stra&szlig;e k&ouml;nnen die Regierenden zum Umdenken bringen. So, wie auch der Mindestlohn mittels Drucks von unten durchgesetzt wurde. Man stelle sich vor, Millionen Menschen arbeiteten heute noch f&uuml;r unter 8,50 Euro pro Stunde. Deutschland w&auml;re jetzt schon eine Elendshochburg. Ob die Herrschenden daraus gelernt haben? Man zweifelt &hellip;<\/p><p><small>Titelbild: Steidi\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/f1612338e8e34be6aec6a39fcba5d5e4\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gesetzliche Lohnuntergrenze wird gem&auml;&szlig; einer DGB-Auswertung systematisch unterlaufen, und der Gesamtschaden in zehn Jahren bel&auml;uft sich auf 64 Milliarden Euro. &Uuml;ber ein Kontrollsystem, das zum Betrug einl&auml;dt, und eine Bundesregierung, die Arme noch &auml;rmer und Reiche noch reicher macht. 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