{"id":154858,"date":"2026-08-12T10:00:16","date_gmt":"2026-08-12T08:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154858"},"modified":"2026-08-12T14:42:37","modified_gmt":"2026-08-12T12:42:37","slug":"wir-machen-die-spaltung-der-gesellschaft-nicht-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154858","title":{"rendered":"\u201eWir machen die Spaltung der Gesellschaft nicht mit\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gespr&auml;ch mit der BSW-Politikerin und Historikerin <strong>Dr. Claudia Wittig<\/strong> zur Wahl in Sachsen-Anhalt. Im ersten Teil geht es um die Instrumentalisierung von Geschichte, wahre Demokratief&ouml;rderung und das Verh&auml;ltnis ihrer Partei zur AfD. Wittig ist eine der zwei Spitzenkandidatinnen im Wahlkampf, der aktuell in der hei&szlig;en Phase ist. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7127\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-154858-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260812_Wir_machen_die_Spaltung_der_Gesellschaft_nicht_mit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260812_Wir_machen_die_Spaltung_der_Gesellschaft_nicht_mit_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260812_Wir_machen_die_Spaltung_der_Gesellschaft_nicht_mit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260812_Wir_machen_die_Spaltung_der_Gesellschaft_nicht_mit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=154858-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260812_Wir_machen_die_Spaltung_der_Gesellschaft_nicht_mit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260812_Wir_machen_die_Spaltung_der_Gesellschaft_nicht_mit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Wir ver&ouml;ffentlichen das Gespr&auml;ch in zwei Teilen, dies ist Teil 1.<\/strong><\/p><p><em>(Teil 2 erscheint morgen)<\/em><\/p><p><strong>Maike Gosch: Ich habe bei meiner Vorbereitung auf das Gespr&auml;ch erfahren, dass Sie Historikerin sind, mit einem Schwerpunkt auf der Mittelalterforschung, und im Rahmen Ihrer akademischen Laufbahn auch viele Auslandsaufenthalte in Frankreich, D&auml;nemark, Gro&szlig;britannien und Belgien absolviert haben. Eine Frage, die sich mir in diesem Zusammenhang aufdr&auml;ngt, ist: Wie hat Ihre Besch&auml;ftigung mit dem Mittelalter, in den deutschen Gebieten und Europa, Ihre Sicht auf Politik und Demokratie gepr&auml;gt?<\/strong><\/p><p><strong>Claudia Wittig:<\/strong> Das ist tats&auml;chlich eine ziemlich gute Frage. Ich muss das in zwei Teilen beantworten. Das eine ist die Medi&auml;vistik, das andere ist das methodische Arbeiten als Historikerin, das, glaube ich, noch einen gr&ouml;&szlig;eren Einfluss auf mein politisches Denken hatte.<\/p><p>Zun&auml;chst die Medi&auml;vistik: Diese hat mir gezeigt, dass es eigentlich immer und sehr viel fr&uuml;her, als wir vermutet haben, Versuche gegeben hat, politische Mitbestimmung auszuhandeln. Es sind bereits im Mittelalter und eigentlich zu jeder Zeit Versuche unternommen worden, von verschiedenen Gruppen auf verschiedene Weisen, eigene Interessen durchzusetzen, Macht zu sichern, Privilegien zu bekommen, manchmal sehr indirekt, manchmal blutig. Gerade wenn man sich anschaut, wie bestimmte Gilden oder auch das Stadtb&uuml;rgertum versucht haben, Einfluss zu erk&auml;mpfen, dann erkennt man eine ganze Reihe von Strukturen, die sich bis heute fortsetzen.<\/p><p>Das andere ist die politische Kommunikation. Es gibt ein sch&ouml;nes Buch dar&uuml;ber von Philip Manow: &bdquo;Im Schatten des K&ouml;nigs &ndash; Die politische Anatomie demokratischer Repr&auml;sentation&ldquo;, das zeigt, dass ganz besonders die politische Kommunikation sich eigentlich &uuml;ber die Jahrhunderte gar nicht so sehr ge&auml;ndert hat. Das Private und das Politische flie&szlig;en noch immer zusammen, Politiker sind immer auch Identifikationsfiguren. Die Person eines Politikers ist nicht von seiner Funktion zu trennen. Ich habe in meinem ersten Buch dar&uuml;ber geschrieben, wie sich Adel als politische Klasse herausgebildet hat, und zwar &uuml;ber den Anspruch einer moralischen Superiorit&auml;t (Monografie: <em>Learning to be Noble in the Middle Ages. Moral Education in North-Western Europe<\/em>, 2021). Da kommt ja die Idee einer Aristokratie &uuml;berhaupt her, es ist die &bdquo;Herrschaft der Besten&ldquo;, und das war als moralisches Urteil gemeint. Die Vorstellung, dass Politiker moralisch bessere Menschen sind, klingt heute geradezu absurd. Im Gegenteil, man geht heute eher davon aus, dass Politiker alle moralisch verdorben sind. Die historische Besch&auml;ftigung mit dem Thema hat mich zu der &Uuml;berzeugung gebracht, dass Politiker wieder eine gro&szlig;e Integrit&auml;t mitbringen sollten und das auch eingefordert werden muss.<\/p><p>Den noch gr&ouml;&szlig;eren Einfluss auf mein politisches Denken hatte aber das Methodische. Ich bin als Historikerin darauf trainiert, spezifische Entwicklungen immer in einem gr&ouml;&szlig;eren Kontext zu betrachten und zu fragen: Was sind die Machtverh&auml;ltnisse, die dahinterstehen? Welche Gruppen haben hier gerade die Z&uuml;gel in der Hand und in wessen Interesse sind die Dinge, die geschehen? Das ist eine Sichtweise, die auch in der Politik sehr n&uuml;tzlich ist. Also, das Denken in gr&ouml;&szlig;eren Zusammenh&auml;ngen und nicht nur das Reagieren auf kurzfristige Symptome. Wenn man die Machtverh&auml;ltnisse und die gesellschaftlichen Strukturen immer mitdenkt, kann man langfristigere L&ouml;sungen erarbeiten und die Konsequenzen besser absch&auml;tzen.<\/p><p>Und es gibt ja eine ganze Reihe von aktuellen Konflikten, bei denen Geschichte und Vorgeschichte aktiv ausgeblendet werden. Beim Krieg in der Ukraine zum Beispiel, wo das Mitdenken der historischen Entwicklungen, die zum Krieg gef&uuml;hrt haben, beinahe schon verboten ist.<\/p><p>Man sieht zum Beispiel im Krieg Israels in Gaza, dass da Geschichte als Waffe benutzt und von bestimmten Gruppen monopolisiert wird. Das finde ich als Historikerin nat&uuml;rlich sehr spannend, zu sehen, welchen Einfluss Geschichte hier auf das konkrete politische Geschehen und sogar auf das Leben und Sterben von Menschen hat.<\/p><p><strong>Diese intellektuelle Flexibilit&auml;t haben viele Leute aktuell scheinbar nicht. Ich glaube, das ist besonders in Deutschland ein Problem, wo wir ganz oft eine Verk&uuml;rzung der historischen Geschichten und Erz&auml;hlmuster haben, auf die Situation im Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegszeit oder nur die Zeit seit 1990, was zum Beispiel den Osten Deutschlands angeht. Es gibt aus meiner Sicht eine starke Tendenz hierzulande, sich ganz stark nur auf bestimmte Zeitausschnitte zu konzentrieren und mithilfe von ihnen die Gegenwart zu interpretieren. Dies wird unbewusst oder bewusst getan, weil es jeweils gerade politisch n&uuml;tzlich ist, f&uuml;r bestimmte Ziele und Zwecke. Sich aber in der Wahl der historischen Betrachtungsweisen sozusagen geschmeidig zu halten und den Diskurs wieder zu &ouml;ffnen, ist, glaube ich, eine sehr n&uuml;tzliche F&auml;higkeit und auch eine untersch&auml;tzte.<\/strong><\/p><p>Ein anderer Aspekt, der dazukommt, ist, dass wir unser politisches System, aus dem heraus wir aktuell denken und arbeiten, immer als gegeben hinnehmen &ndash; als sei das eine Art Naturgesetz. Jetzt sind wir eben in der parlamentarischen Demokratie, in der Repr&auml;sentation auf eine ganz bestimmte Weise gedacht wird, Parteien auf eine bestimmte Weise die Bewerber vorsortieren, in einer sehr spezifischen Form von Demokratie, in der alle vier Jahre ein Kreuz gemacht wird und das gen&uuml;gt. Wenn man sich aber mit politischer Ideengeschichte besch&auml;ftigt und die Hintergr&uuml;nde betrachtet, aus denen heraus Systeme und Strukturen gewachsen sind, dann wird einem bewusst, dass es auch ganz anders sein k&ouml;nnte, dass es andere Ans&auml;tze, andere Vorschl&auml;ge und Modelle gab, wie man Gesellschaft und Zusammenleben organisieren k&ouml;nnte.<\/p><p>Das er&ouml;ffnet einem dann die M&ouml;glichkeit, sich zu fragen: Wenn sich so viele Menschen aktuell von der Politik gar nicht abgeholt oder von Politikern repr&auml;sentiert f&uuml;hlen, vielleicht muss man dann mal ganz neu dar&uuml;ber nachdenken, wie man Mitbestimmung organisiert? Das aktuelle politische System ist nicht die einzig denkbare politische Organisationsform, sondern aus bestimmten historischen und politischen Kontexten hervorgegangen, bei denen auch immer bestimmte Machtinteressen im Hintergrund standen.<\/p><p><strong>Da sind wir schon bei einem sehr wichtigen und aktuellen Thema, n&auml;mlich dem Zustand unserer Demokratie und dem Demokratieverst&auml;ndnis oder auch der Demokratieverdrossenheit der Bev&ouml;lkerung. Wie lauten hierzu Ihre Vorschl&auml;ge oder auch die Ideen oder Impulse des BSW?<\/strong><\/p><p>Da haben wir als Partei und auch ich als Person eine ganze Reihe von Ideen f&uuml;r Stellschrauben, an denen man drehen und Verbesserungen herbeif&uuml;hren kann. Ich fange mal mit einer ganz aktuellen an: Der Staat nimmt sich das Recht, immer mehr Informationen &uuml;ber seine B&uuml;rger zu sammeln, ist aber selbst gleichzeitig immer weniger bereit, die Bev&ouml;lkerung dar&uuml;ber zu informieren und ihr Zugang zu den Informationen dar&uuml;ber zu geben, wie er selbst agiert. Es sollte genau andersrum sein: Die B&uuml;rger haben einen Anspruch darauf, nachzuvollziehen, was die M&auml;chtigen gerade mit der Macht tun, die die B&uuml;rger ihnen nur auf Zeit verliehen haben.<\/p><p>Und gleichzeitig geht es den Staat eigentlich &uuml;berhaupt nichts an, was die B&uuml;rger so tun, abgesehen von strafrechtlich relevanten Zusammenh&auml;ngen. Regierungen und Verwaltung sollten keinen Zugriff auf private und politische Informationen der B&uuml;rger haben. Dieses Verh&auml;ltnis muss als Allererstes wieder vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e gestellt werden. Politische Meinungsbildung und auch die Kontrolle der Macht, die die B&uuml;rger aus&uuml;ben sollen und worauf sie ein Recht haben, kann &uuml;berhaupt nur funktionieren, wenn die B&uuml;rger in der Lage sind, nachzuvollziehen, was die M&auml;chtigen &uuml;berhaupt treiben.<\/p><p>Ein anderer Punkt ist, dass es uns nicht ausreichen kann, einmal alle vier Jahre ein Kreuz machen und das politische Beteiligung zu nennen. Das ist aus unserer Sicht das absolute Minimum, aber darin darf es sich nicht ersch&ouml;pfen.<\/p><p>Hier schlagen wir eine ganze Reihe von Ver&auml;nderungen vor. Wir fordern unbedingt verbindliche Volksentscheide wie z. B. f&uuml;r alle Entscheidungen, die Krieg und Frieden betreffen. Ebenso f&uuml;r die Privatisierung von Grund und Boden, von Ressourcen oder von Betrieben, die noch in Staatshand sind. In alle politischen Entscheidungen, in denen Grundlegendes ausgehandelt wird, die irreversibel sind, wollen wir sehr viel mehr B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger einbeziehen. Es gibt zwar bereits jetzt immer mal wieder parlamentarische Befragungen, wo irgendjemand aus der Bev&ouml;lkerung symbolisch angeh&ouml;rt wird, aber mit den Informationen geschieht in der Regel nichts. Die verschwinden dann einfach in irgendwelchen Schubladen. Da kann sich die Regierung dann B&uuml;rgern&auml;he auf die Fahnen schreiben, aber es besteht keinerlei Verbindlichkeit, und das wollen wir &auml;ndern.<\/p><p>Wir haben daher auch unseren Vorschlag von einer &bdquo;B&uuml;rgerregierung&ldquo; entwickelt. Die Idee ist, dass alle Personengruppen, die von einer politischen Entscheidung betroffen sind, auch in den Entscheidungsfindungsprozess einbezogen werden. Bei einer Entscheidung &uuml;ber das Gesundheitssystem sollten zum Beispiel auch Pflegekr&auml;fte und Patientenvertreter am Tisch sitzen, damit man von vornherein tragf&auml;hige L&ouml;sungen schaffen kann. Wir wollen nicht l&auml;nger eine Gruppe gegen die andere ausspielen, sondern tats&auml;chlich mal versuchen &ndash; und das sollte Politik ja eigentlich sein &ndash;, etwas auszuhandeln, das f&uuml;r alle tragbar ist. Das w&uuml;rde auch dazu f&uuml;hren, dass Entscheidungen eben nicht bei den ver&auml;nderten Mehrheitsverh&auml;ltnissen nach der n&auml;chsten Wahl gleich wieder &uuml;ber Bord geworfen werden m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Die Demokratie retten, die Demokratie verbessern wollen ja gef&uuml;hlt gerade alle. Da gibt es ja auch den Begriff &bdquo;Unsere Demokratie&ldquo; und viele F&ouml;rderprogramme wie &bdquo;Demokratie leben!&ldquo;, die sich das auf die Fahnen schreiben. Wie unterscheidet sich der Ansatz des BSW oder Ihr eigener Ansatz von diesen Initiativen und Versuchen der etablierten oder Altparteien und anderer gesellschaftlicher Gruppen und NGOs?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst mal haben wir den Eindruck, dass jedes Mal, wenn von &bdquo;Unserer Demokratie&ldquo; gesprochen wird, in der Regel demokratische Errungenschaften zur&uuml;ckgebaut werden sollen. Wenn die Demokratie &bdquo;wehrhaft&ldquo; gemacht werden soll, dann oftmals gegen Personen oder Gruppen, die einfach schwierige Ansichten haben, mit denen man sich lieber nicht befassen m&ouml;chte.<\/p><p>Unter den Demokratief&ouml;rderprogrammen gibt es immer auch Projekte, die wirklich gute und wichtige Arbeit machen, aber wir haben den Eindruck, dass der Staat unter dem Deckmantel von Demokratief&ouml;rderung sehr stark in die Zivilgesellschaft und in die politische Meinungsbildung eingreift, und das in einem Ma&szlig;, das absolut unzul&auml;ssig ist.<\/p><p>Unser Ansatz dagegen ist, dass Demokratief&ouml;rderung vorrangig R&auml;ume schaffen soll, in denen gerade Menschen mit unterschiedlichen Ansichten aufeinandertreffen und sich austauschen k&ouml;nnen. Das k&ouml;nnten zum Beispiel hier in Sachsen-Anhalt im l&auml;ndlichen Raum einfach Vereine sein. Das kann auch einfach in Schulen stattfinden, die sozial besser durchmischt sind, sodass Sch&uuml;ler auch Kontakt mit Kindern aus anderen Familienverh&auml;ltnissen und mit einem anderen sozialen oder kulturellen Hintergrund h&auml;tten. Wir wollen so Menschen zusammenzubringen und ihnen die M&ouml;glichkeit zu geben, zu verstehen, dass jemand mit einem anderen Hintergrund notgedrungen auch zu anderen politischen Schlussfolgerungen kommt &ndash; das halte ich f&uuml;r die wichtigste Demokratief&ouml;rderung.<\/p><p>Dagegen haben NGOs, die regierungsfinanziert die Opposition bek&auml;mpfen oder eine bestimmte, oft sehr eng gefasste politische Agenda vertreten, meiner Ansicht nach nichts mit Demokratief&ouml;rderung zu tun. Das ist einfach staatlich bezuschusste Meinungsmache.<\/p><p>Hier sollte es neue und ganz klare Kriterien geben, wie Gelder in diesem Bereich verteilt werden. Aktuell wird das ja von den Ministerien bzw. deren Mitarbeitern selbst entschieden &ndash; nach sehr intransparenten Ma&szlig;st&auml;ben. Gelder f&uuml;r Demokratief&ouml;rderung sollten zuerst in Debattenformate, Dialogm&ouml;glichkeiten und eben R&auml;ume zum Austausch und zum kritischen Diskurs gesteckt werden. Und sie sollten komplett von bestimmten politischen Agenden entkoppelt sein. Die aktuelle einseitige F&ouml;rderung nach politischer Haltung ist meiner Ansicht nach nicht zu rechtfertigen.<\/p><p><strong>Dann kommen wir zu einem der hei&szlig;esten Themen, welches diesen Wahlkampf und auch generell die politische Landschaft in Deutschland zurzeit bestimmt, und das ist der Umgang mit und das Verh&auml;ltnis zur AfD. Da spielt ja das BSW eine ganz interessante, vielleicht Mittlerrolle, wenn man das so sagen kann. Wie positioniert sich hier Ihre Partei? Und hat sich die Haltung in letzter Zeit &ndash; vielleicht auch vor dem Hintergrund der steigenden Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die AfD in der Bev&ouml;lkerung &ndash; noch mal gewandelt?<\/strong><\/p><p>Wir haben immer gesagt, dass wir die Brandmauer f&uuml;r unn&uuml;tz, sogar sch&auml;dlich halten. Solche Scharaden wie k&uuml;rzlich im s&auml;chsischen Landtag, als die Gr&uuml;nen am liebsten ihren Antrag zur&uuml;ckgezogen h&auml;tten, weil BSW und AfD zugestimmt haben, zeigen ja, wie absurd es ist, sich nur Mehrheiten bei den &bdquo;Richtigen&ldquo; zu holen. Das machen wir nicht mit. In Sachsen-Anhalt kristallisiert sich au&szlig;erdem heraus, dass es eine gro&szlig;e Koalition aus CDU, Linke und wom&ouml;glich SPD und Gr&uuml;nen geben k&ouml;nnte, wenn die reinkommen. Die haben keine gemeinsame politische Linie, au&szlig;er die AfD verhindern zu wollen. Wenn das passiert, haben wir weitere f&uuml;nf Jahre Stillstand und Blockade im Land. Das k&ouml;nnen wir uns schlicht nicht leisten!<\/p><p>Wir haben deshalb einen Vorschlag gemacht. Wir haben die aus unserer Sicht sechs wichtigsten Projekte f&uuml;r unser Land benannt &ndash; Bildungsoffensive, Pflegegeld, g&uuml;nstige Energiepreise, Reform des &Ouml;RR, innere Sicherheit und Meinungsfreiheit. Um die umzusetzen, arbeiten wir mit denen zusammen, die das mit uns machen, egal wer es ist. Daran erkennt man deutlich, dass wir uns das mit wechselnden Mehrheiten vorstellen. Da m&uuml;ssen die anderen Parteien Farbe bekennen: Einiges w&auml;re gut mit Linken und Gr&uuml;nen machbar, anderes mit CDU oder AfD &ndash; wir werden ja sehen, wer sich bewegt und mit uns Politik macht und wer sich in seinem Block verschanzt. Wenn die AfD sich auf uns zubewegt, dann arbeiten wir nat&uuml;rlich mit ihnen zusammen.<\/p><p><strong>Es gab ja da auch vor Kurzem einen &bdquo;Aufreger&ldquo;, nachdem Sie zugesagt hatten, an dem Sommerfest der Zeitschrift <em>Compact<\/em> teilzunehmen, und dort im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit einem AfD-Politiker diskutieren wollten, was Sie dann aber auf Druck von verschiedenen Seiten abgesagt haben. Warum hatten Sie sich urspr&uuml;nglich dazu bereit erkl&auml;rt?<\/strong><\/p><p>Das war mir ein sehr gro&szlig;es Anliegen und ich bin nach wie vor der &Uuml;berzeugung, dass es eine gute Sache ist, die Menschen da abzuholen, wo sie sind. In Sachsen-Anhalt sind es aktuell etwa 41 Prozent der Menschen, die die AfD w&auml;hlen wollen, und ich erlebe hier t&auml;glich, insbesondere in den kleinen und mittelgro&szlig;en St&auml;dten, dass diese Leute der AfD nicht unbedingt die L&ouml;sung aller ihrer Probleme zutrauen, sondern diese Wahl eher als Ausdrucksmittel ihrer Frustration verstehen. Viele von ihnen sind auch Menschen, die zuvor gar nicht gew&auml;hlt haben und die zutiefst entt&auml;uscht davon sind, wie sie nach der Wende h&auml;ngengelassen worden sind. Und ich m&ouml;chte diese Menschen gerne zur&uuml;ckholen und ihnen zeigen, dass man nicht AfD w&auml;hlen muss, um dem Establishment eins auszuwischen. Es gibt mit uns ein politisches Angebot au&szlig;erhalb der AfD, das f&uuml;r einen ganz klaren Politikwechsel steht.<\/p><p>Wir wollen keine Politik von oben nach unten mehr, die die Menschen nicht mit ins Boot holt. Wir haben deshalb von Anfang an ganz klar gesagt, dass wir den CDU-Ministerpr&auml;sidenten nicht w&auml;hlen werden und dass wir auch in keine Koalition mit den Altparteien gehen &ndash; um ganz klarzumachen, dass wir ein &bdquo;Weiter so&ldquo; nicht unterst&uuml;tzen werden.<\/p><p>Wir machen die Spaltung der Gesellschaft nicht mit. Wir stehen aber auch nicht in der Mitte &ndash; dieser Begriff ist ja viel zu vorbelastet; die b&uuml;rgerliche Mitte hat ihre eigene Radikalisierung vollzogen. Nicht zuletzt ist es die sogenannte Mitte, die gerade den h&auml;rtesten Kriegskurs f&auml;hrt. Inhaltlich unterscheiden sich die Parteien zwischen CDU und Gr&uuml;nen kaum noch, deshalb machen sie hier auch gerade f&uuml;reinander Werbung. SPD und Gr&uuml;ne m&uuml;ssen noch in den Landtag gehievt werden, um die CDU zu st&uuml;tzen. &bdquo;Strategisch w&auml;hlen&ldquo; nennt man das, es hei&szlig;t aber faktisch, die Machtverh&auml;ltnisse genau so beizubehalten.<\/p><p><strong>Jetzt kann das BSW in den aktuellen Prognosen in Sachsen-Anhalt auch nur etwa vier Prozent der Stimmen f&uuml;r sich gewinnen. Scheinbar &uuml;berzeugt die W&auml;hler diese sachpolitische und b&uuml;rgernahe Herangehensweise Ihrer Partei auch noch nicht so sehr. Wie erkl&auml;ren Sie sich das? Und gibt es &uuml;berhaupt noch einen Platz f&uuml;r das BSW zwischen &ndash; grob gesagt &ndash; der Partei Die Linke und der AfD, und wie w&uuml;rden sie diesen Platz definieren?<\/strong><\/p><p>In den letzten beiden Umfragen stand bei uns eine F&uuml;nf! Aber es ist richtig, unser Ansatz ist schon ein bisschen gew&ouml;hnungsbed&uuml;rftig f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit, die so lange immer wieder geh&ouml;rt hat, dass man entweder f&uuml;r die Altparteien stimmt oder als einzigen Weg des Protests die AfD w&auml;hlt. Nicht jeder vertraut unserer Idee, wieder in der Sache zu entscheiden, sich f&uuml;r jedes Projekt neue Mehrheiten zu suchen. Dazu geh&ouml;rt ein bisschen Mut. Wenn wir erstmal im Landtag sind, wird sich schnell zeigen, dass das der bessere Weg ist.<\/p><p><strong>Ende Teil 1<\/strong><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154771\">Berliner Wahlkampf: Bunte Seifenblasen und ein wei&szlig;er Elefant<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154326\">Die AfD kritisiert die R&uuml;stungsausgaben? Die Botschaft h&ouml;r&rsquo; ich wohl, allein mir fehlt der Glaube<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154236\">Quo vadis, AfD? &ndash; Chrupalla-Buch, Friedensbewegung und Mittelschichten<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153185\">BSW-Brief bei Weidel &ndash; De Masi bei Lanz<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143503\">Quo vadis, BSW?<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/f781b0bb1e4243e98f20aa133d14d144\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr&auml;ch mit der BSW-Politikerin und Historikerin <strong>Dr. Claudia Wittig<\/strong> zur Wahl in Sachsen-Anhalt. Im ersten Teil geht es um die Instrumentalisierung von Geschichte, wahre Demokratief&ouml;rderung und das Verh&auml;ltnis ihrer Partei zur AfD. Wittig ist eine der zwei Spitzenkandidatinnen im Wahlkampf, der aktuell in der hei&szlig;en Phase ist. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154858\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":154859,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,3444,209,190],"tags":[1904,2961,1163,846,1464,1347,467],"class_list":["post-154858","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-bsw","category-interviews","category-wahlen","tag-direkte-demokratie","tag-extreme-mitte","tag-meinungspluralismus","tag-sachsen-anhalt","tag-volksabstimmung","tag-wahlkampf","tag-wahlprognose"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/260811-Titelbild_Claudia-Wittig.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154858","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=154858"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154858\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":154884,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/154858\/revisions\/154884"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/154859"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=154858"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=154858"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=154858"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}