{"id":154944,"date":"2026-08-14T10:00:16","date_gmt":"2026-08-14T08:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154944"},"modified":"2026-08-14T10:28:35","modified_gmt":"2026-08-14T08:28:35","slug":"verteidigung-braucht-keinen-hass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154944","title":{"rendered":"Verteidigung braucht keinen Hass"},"content":{"rendered":"<p>Der russische Historiker <strong>Artjom Drabkin<\/strong> dar&uuml;ber, wie man auf den Aufruf, Russen zu t&ouml;ten, reagieren muss. Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 8. August 2026 stellte der Korrespondent der deutschen Zeitung <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em>, Michael Martens, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz von Wolodymyr Selenskyj und Aleksandar Vu&#269;i&#263; in Belgrad folgende Frage: &bdquo;Was genau k&ouml;nnen wir, die Europ&auml;er, tun, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu t&ouml;ten? &hellip; Mehr russische Soldaten nat&uuml;rlich.&ldquo; Die Pr&auml;zisierung folgte nach einer kurzen Pause. Diese &ouml;ffentlich ge&auml;u&szlig;erte Formulierung zeigt, wie weit sich die Grenze des Sagbaren verschoben hat. Der deutsche Journalist nennt die Nationalit&auml;t noch vor dem milit&auml;rischen Status. Er spricht weder von der Beendigung des Krieges noch vom Schutz von Zivilisten oder auch nur von der Niederlage der gegnerischen Armee. Sein praktischer Erfolgsindikator wird zur nackten Zahl get&ouml;teter Russen. Und das geschieht vor laufenden Kameras, auf einer internationalen Pressekonferenz, im Namen &bdquo;unserer, der Europ&auml;er&ldquo;.<\/p><p>Und sofort fanden sich bei uns Stimmen, die bedauerten, dass unsere Vorfahren &bdquo;mit Deutschland nicht zu Ende gearbeitet&ldquo; h&auml;tten. Der Historiker und Direktor der Stiftung &bdquo;Historisches Ged&auml;chtnis&ldquo;, Alexander Djukow, schreibt dazu: &bdquo;Nach 1945 haben wir unsere Arbeit mit Deutschland katastrophal nicht zu Ende gebracht. Man hat der DDR die Reparationen erlassen, nationalsozialistische Verbrecher begnadigt und als Geste des guten Willens an die BRD &uuml;bergeben, und &uuml;ber den nationalsozialistischen V&ouml;lkermord hat man mit maximal ged&auml;mpfter Stimme gesprochen, um den Internationalismus und die weltweite Solidarit&auml;t nicht zu ersch&uuml;ttern. Und das Ergebnis sehen wir genau jetzt: Die Worte &sbquo;Russen t&ouml;ten&lsquo; rufen keine Panik und kein Entsetzen vor der Vergeltung hervor &ndash; sondern den Wunsch, sich daran zu beteiligen. Eine Vergeltung hat ja nicht stattgefunden, man hat alle verschont, alle freigelassen, allen vergeben, 1945 noch Lebensmittel verteilt und sie sp&auml;ter mit Gas unterst&uuml;tzt. Es gibt keinen Grund zur Panik. Nun, wenn es nicht gelingt, alle Russen zu t&ouml;ten &ndash; die &Uuml;briggebliebenen werden es ja wieder verzeihen.&ldquo;<\/p><p>Wer, wenn nicht die Generation des Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieges, die in Auschwitz und Berlin stand, die durch verbrannte D&ouml;rfer und an Massengr&auml;bern vorbeiging, h&auml;tte ein Recht auf Rache gehabt? H&auml;tten sie alle Deutschen bis zum &bdquo;siebten Glied&ldquo; vernichten k&ouml;nnen? Sie h&auml;tten es gekonnt. Sie hatten das volle moralische Recht dazu.<\/p><p>Und sie haben es nicht getan. Darin liegt eine weitere gro&szlig;e Heldentat: Sie hielten ihren Namen rein. Sie stellten sich nicht mit den Nationalsozialisten auf dieselbe Stufe. Sie verwandelten den gro&szlig;en Sieg nicht in einen Rachefeldzug. Sie haben vergeben, so wie wir zu vergeben wissen.<\/p><p>Genau in dieser F&auml;higkeit &ndash; zu Vergeben &ndash; liegt die St&auml;rke unseres Volkes, sein innerer Auftrag und sein Unterschied zu allen anderen. Deshalb werden wir gehasst; deshalb bleiben wir f&uuml;r sie Fremde und werden es auch immer bleiben. Keinesfalls darf man jenen gro&szlig;en Akt der Vergebung als Fehler bezeichnen, den unsere Vorfahren dem deutschen Volk nach dem Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieg entgegenbrachten. Barmherzigkeit kann kein Fehler sein. Der Fehler bestand vielmehr darin, die Vergebung mit Ged&auml;chtnislosigkeit und die Gro&szlig;m&uuml;tigkeit mit Wehrlosigkeit zu verwechseln.<\/p><p>Zu lange &ndash; &uuml;ber 30 Jahre lang &ndash; hat das moderne Russland versucht, von au&szlig;en die Best&auml;tigung seiner kulturellen und historischen Vollwertigkeit zu erhalten. Wir fragten, ob man uns als Teil des Westens beziehungsweise Europas[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] betrachte, ob wir den dortigen Vorstellungen von einer &bdquo;ordentlichen&ldquo; Nation entspr&auml;chen, ob man uns endlich in eine sogenannte europ&auml;ische Gemeinschaft aufzunehmen bereit sei. Doch eine Familie, in die man sich jahrzehntelang erst betteln muss, ist keine Familie, sondern eine Aufnahmekommission. Russland braucht kein fremdes Echtheitszertifikat, um zu existieren. Seine Einzigartigkeit bedeutet keine &Uuml;berlegenheit &uuml;ber andere V&ouml;lker. Einzigartigkeit ist kein Privileg, sondern Verantwortung. Sie gr&uuml;ndet in unserer Geschichte, unserer Kultur, dem Ma&szlig;stab des Durchlebten und in jener moralischen Entscheidung, die das Land in den entscheidenden Momenten trifft.<\/p><p>Sich nicht l&auml;nger um diesen Westen zu bem&uuml;hen, bedeutet jedoch nicht, sich von Europa im geographischen oder kulturellen Sinne abzuschlie&szlig;en. Im Gegenteil: Russland muss der europ&auml;ischen Kultur, der Wissenschaft, den Menschen und dem Dialog offenbleiben. Doch wenn wir Europa bei uns empfangen, dann nicht als Bittsteller, der auf Einlass hofft, sondern als Herr im eigenen Haus.<\/p><p>Michael Martens hat gefragt, wie man helfen k&ouml;nne, mehr Russen zu t&ouml;ten. Wir m&uuml;ssen diese Frage vernehmen. Nicht, um mit gleicher M&uuml;nze und gegenseitigem Hass zu antworten. Und auch nicht, um das Ganze einmal mehr hinunterzuschlucken, zu vergessen und so zu tun, als sei nichts geschehen.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen uns erinnern &ndash; an Auschwitz und Babij Jar, an Chatyn und die Leningrader Blockade, an Millionen get&ouml;tete Kriegsgefangene, an die verbrannten D&ouml;rfer in Russland, Belarus und in der Ukraine. Wir m&uuml;ssen uns erinnern, um nicht wieder in die Illusion einer angehenden &bdquo;Freundschaft&ldquo; zu verfallen, damit sich endlich die einfache Wahrheit ins Unterbewusstsein brennt: Bei der erstbesten Gelegenheit werden sie kommen, um uns zu t&ouml;ten. Schlicht und einfach, weil wir nicht sie sind. Und weil wir es niemals sein werden.<\/p><p>Deshalb k&ouml;nnen wir auf den Aufruf, &bdquo;mehr Russen zu t&ouml;ten&ldquo;, unm&ouml;glich mit dem Aufruf antworten, mehr Deutsche, Ukrainer oder Europ&auml;er zu t&ouml;ten. Wenn wir die Sprache der kollektiven Vernichtung &uuml;bernehmen, legitimieren wir exakt jene Ideologie, die wir 1945 besiegt haben. Man kann und muss das eigene Land verteidigen, den bewaffneten Gegner im Gefecht zerschlagen, Kriegsverbrecher vor Gericht stellen und Gerechtigkeit einfordern &ndash; aber man darf niemals ein ganzes Volk zur Freiwild-Zielscheibe erkl&auml;ren.<\/p><p>Genau so braucht die Welt uns. Wenn wir diesen inneren Kompass preisgeben, &uuml;berleben wir weder als Nation noch als Staat. Denn wir w&uuml;rden nicht einfach nur eine Facette unserer Geschichte verlieren &ndash; wir w&uuml;rden uns selbst verlieren. Unsere Antwort muss eine andere sein: Wir erinnern uns. Wir wissen, wie man vergibt, aber wir werden Vergebung nie wieder mit Vergessenheit verwechseln. Wir sind zu Barmherzigkeit f&auml;hig, aber wir geben niemals das Recht auf Selbstverteidigung auf. Wir erkl&auml;ren keine V&ouml;lker zu Feindbildern &ndash; und wir gestatten es niemandem, ein solches Feindbild aus uns zu machen.<\/p><p>Wir sind nicht sie. Und genau deshalb d&uuml;rfen wir niemals wie sie werden.<\/p><p><em>Artjom Drabkin, Direktor der Stiftung &bdquo;Ich erinnere mich&ldquo;, Mitglied des Wissenschaftsrats der Russischen Historischen Gesellschaft (RVIO)<\/em><\/p><p><em>Der Meinungsbeitrag ist auf dem russischen Wirtschaftsnachrichtenportal <a href=\"https:\/\/www.kommersant.ru\/doc\/8876975?from=author_3\">Kommersant.ru<\/a> erschienen.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: privat<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/1e7afc9c3d094cf48a396418c874e911\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <strong>Anmerkung der Redaktion:<\/strong> Im russischen Original wird hier wie im allgemeinen Sprachgebrauch h&auml;ufig das Wort &bdquo;Europa&ldquo; (&#1045;&#1074;&#1088;&#1086;&#1087;&#1072;) verwendet, wenn vom politisch-institutionellen Westen oder den westlichen Eliten die Rede ist. Dies ist nicht als Absage an den europ&auml;ischen Kontinent oder dessen gemeinsame Kultur zu verstehen, sondern meint den Bruch mit den an der NATO und Br&uuml;ssel ausgerichteten Machtstrukturen, w&auml;hrend Russland sich selbst weiterhin als Teil der europ&auml;ischen Kultur begreift.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der russische Historiker <strong>Artjom Drabkin<\/strong> dar&uuml;ber, wie man auf den Aufruf, Russen zu t&ouml;ten, reagieren muss. 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