{"id":15497,"date":"2012-12-18T12:46:11","date_gmt":"2012-12-18T11:46:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15497"},"modified":"2015-05-11T08:25:38","modified_gmt":"2015-05-11T06:25:38","slug":"angela-merkel-ungeschminkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15497","title":{"rendered":"Angela Merkel ungeschminkt"},"content":{"rendered":"<p>Angela Merkel ist beim Volk beliebt. Die Medien haben ihr das realit&auml;tsferne Image der &bdquo;Mutti&ldquo; verliehen, die sich treusorgend aber stets auch mit der gebotenen Strenge um ihre Familie k&uuml;mmert. So etwas kommt bei den W&auml;hlern offensichtlich an und Merkel gibt sich auch redlich M&uuml;he, dieses Image nicht dadurch zu zerst&ouml;ren, dass sie auch einmal sagt, was sie denkt. Ausnahmen von dieser Regel sind rar. Eine solche Ausnahme stellt das <a href=\"http:\/\/www.ft.com\/cms\/s\/0\/8cc0f584-45fa-11e2-b7ba-00144feabdc0.html\">Interview<\/a> dar, dass Merkel zu Beginn der Woche der britischen Financial Times gegeben hat. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Wenn Europa heute sieben Prozent der Weltbev&ouml;lkerung ausmacht, etwa 25 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet und damit 50 Prozent der weltweiten Sozialkosten finanzieren muss, dann ist es offensichtlich, dass es k&uuml;nftig sehr hart arbeiten muss, um seinen Wohlstand und Lebensstil zu erhalten. Wir alle m&uuml;ssen aufh&ouml;ren, jedes Jahr mehr auszugeben als wir einnehmen.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Angela Merkel in der <a href=\"http:\/\/www.ft.com\/cms\/s\/0\/8cc0f584-45fa-11e2-b7ba-00144feabdc0.html\">Financial Times<\/a> <\/p><p>Wie definiert die Kanzlerin eigentlich &bdquo;Wohlstand&ldquo;? Der Duden definiert &bdquo;Wohlstand&ldquo; als &bdquo;Ma&szlig; an Wohlhabenheit, die jemandem wirtschaftliche Sicherheit gibt&ldquo; und trifft damit den Kern. Nimmt man Frau Merkel w&ouml;rtlich, gef&auml;hrdet demnach das Sozialsystem die sozi&ouml;konomische Sicherheit der Bev&ouml;lkerung. Das ist freilich absurd, doch Angela Merkels &ouml;konomisches Weltbild war auch in der Vergangenheit stets von Absurdit&auml;ten durchzogen &ndash; man muss hier nur an die &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/36\/36405\/1.html\">schw&auml;bische Hausfrau<\/a>&ldquo; als volkswirtschaftliches Leitbild denken. Angela Merkel begeht hier gleich zwei Denkfehler. <\/p><p><strong>Denkfehler Nummer Eins: Die Tortenanalogie<\/strong><\/p><p>Offenbar versteht die Physikerin Merkel nicht den Unterschied zwischen absoluten und relativen Gr&ouml;&szlig;en. F&uuml;r den Wohlstand des Individuums ist es vollkommen irrelevant, ob andere Volkswirtschaften schneller wachsen als die heimische. Wenn ein deutscher B&uuml;rger kaufkraftbereinigt jedes Jahr einen Einkommenszuwachs verbuchen k&ouml;nnte, spielt es in diesem Zusammenhang &uuml;berhaupt keine Rolle, ob die chinesische, die indische oder die brasilianische Volkswirtschaft schrumpft, stagniert oder w&auml;chst. Vom relativen Anteil der deutschen Volkswirtschaft am globalen Bruttoinlandsprodukt kann sich niemand etwas kaufen. W&auml;re es anders, m&uuml;ssten wir Care-Pakete nach D&auml;nemark, Luxemburg oder in die Schweiz schicken, deren Anteil am globalen Bruttosozialprodukt merklich kleiner als der deutsche ist. Das reichste deutsche Bundesland ist ja auch nicht Nordrhein-Westfahlen, sondern Angela Merkels Geburtsort, die Hansestadt Hamburg. <\/p><p>F&uuml;r Angela Merkel ist die zu verteilende Torte immer gleich gro&szlig;, es geht lediglich darum, wie gro&szlig; das eigene Tortenst&uuml;ck im Vergleich zu den anderen Tortenst&uuml;cken ist. Als Physikerin w&uuml;rde sie wahrscheinlich sagen, dass es ihr ausschlie&szlig;lich um das Bogenma&szlig; des eigenen Tortenst&uuml;cks geht. Doch so funktioniert Volkswirtschaft nicht. 1950 hatte Westeuropa einen Anteil von 26,3% des globalen Bruttoinlandsprodukts, heute sind es weniger als zwanzig Prozent &ndash; dennoch w&uuml;rde niemand, der klaren Verstandes ist, daraus schlie&szlig;en, dass es uns heute schlechter geht als 1950. Wenn man sich einmal den Aufholbedarf von r&uuml;ckst&auml;ndigeren Volkswirtschaften wie China oder Indien vor Augen h&auml;lt, w&auml;re es auch mehr als bemerkenswert, wenn diese Volkswirtschaften langsamer wachsen w&uuml;rden als das hochentwickelte Westeuropa. Das wei&szlig; freilich auch Frau Merkel. Was bezweckt sie also mit ihrem schiefen Vergleich?<\/p><p><strong>Denkfehler Nummer Zwei: Der Sozialstaat gef&auml;hrdet den Wohlstand<\/strong><\/p><p>Auch wenn Angela Merkel hohe Zustimmungswerte genie&szlig;t, h&auml;lt die Bev&ouml;lkerung nicht viel von einem Abbau des Sozialstaats. Wer die Axt an den Sozialstaat legen will, ohne politischen Selbstmord zu begehen, muss daher eine Notwendigkeit konstruieren, die so nicht vorhanden ist. Und Angela Merkel ist bekanntlich die Gro&szlig;meisterin der Alternativlosigkeiten. Was k&auml;me da gelegener, als ein Wettbewerb, den Deutschland und Europa gar nicht gewinnen k&ouml;nnen? Nat&uuml;rlich werden die europ&auml;ischen Volkswirtschaften auch auf mittlere und lange Sicht langsamer wachsen als die der Schwellenl&auml;nder. Wer den Sozialstaat abbauen will, muss diese &ndash; an sich vollkommen unproblematische &ndash; Entwicklung nur als Problem darstellen. Und genau das ist Merkels Ziel.<\/p><p>Merkels These, der Sozialstaat gef&auml;hrde den Wohlstand und wir k&ouml;nnten ihn uns wegen der aufholenden Volkswirtschaften in den Schwellenl&auml;ndern nicht mehr leisten, entbehrt freilich jeglicher Grundlage. Der Sozialstaat ist nicht der Feind unseres Wohlstands, sondern dessen Basis. Um wessen Wohlstand geht es der Kanzlerin? Um den Wohlstand der oberen Zehntausend? Oder um den Wohlstand der Bev&ouml;lkerung? Sollte es ihr um den Wohlstand der Bev&ouml;lkerung gehen, sind ihre Aussagen schlicht abstrus. <\/p><p>Will man der Kanzlerin nicht Dummheit unterstellen, muss man also davon ausgehen, dass es ihr eben nicht um den Wohlstand der Bev&ouml;lkerung, sondern um den Wohlstand der oberen Zehntausend geht. Ob &bdquo;Mutti&ldquo; immer noch so beliebt w&auml;re, wenn ihre ungeschminkten Ansichten einer breiten Masse bekannt w&auml;ren? <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/578497ad3bec464bafdce78ac004738e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angela Merkel ist beim Volk beliebt. Die Medien haben ihr das realit&auml;tsferne Image der &bdquo;Mutti&ldquo; verliehen, die sich treusorgend aber stets auch mit der gebotenen Strenge um ihre Familie k&uuml;mmert. 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