{"id":155074,"date":"2026-08-18T12:00:36","date_gmt":"2026-08-18T10:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155074"},"modified":"2026-08-18T16:04:23","modified_gmt":"2026-08-18T14:04:23","slug":"hier-spricht-minsk-wir-sind-keine-wilden-barbaren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155074","title":{"rendered":"Hier spricht Minsk: \u201eWir sind keine wilden Barbaren\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ob an der belarussisch-lettischen Grenze oder im spanischen Ceuta: Die Migrationskrise erhitzt erneut die politische Debatte an den R&auml;ndern der Europ&auml;ischen Union. Doch wie blickt die andere Seite auf das Geschehen? Ein im deutschsprachigen Raum seltenes Interview mit dem belarussischen Vize-Au&szlig;enminister Igor Sekreta liefert eine Innenansicht, die im Westen systematisch ausgeblendet wird. Der Spitzendiplomat kontert den Vorwurf einer &bdquo;hybriden Aggression&ldquo;, kritisiert die verfehlte westliche Interventionspolitik im Nahen Osten und fragt provokant: Warum sollte Belarus die EU-Au&szlig;engrenzen sch&uuml;tzen, w&auml;hrend es selbst unter h&auml;rtesten Sanktionen leidet? Ein erhellender, ungesch&ouml;nter Blick auf die Wurzeln der Krise, die Folgen der Sanktionspolitik und eine dringende Mahnung vor einer unkontrollierten milit&auml;rischen Eskalation in Europa. Mit <strong>Igor Sekreta<\/strong> sprach und das Gespr&auml;ch aus dem Russischen &uuml;bersetzte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4233\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-155074-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260818_Hier_spricht_Minsk_Wir_sind_keine_wilden_Barbaren_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260818_Hier_spricht_Minsk_Wir_sind_keine_wilden_Barbaren_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260818_Hier_spricht_Minsk_Wir_sind_keine_wilden_Barbaren_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260818_Hier_spricht_Minsk_Wir_sind_keine_wilden_Barbaren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=155074-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260818_Hier_spricht_Minsk_Wir_sind_keine_wilden_Barbaren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260818_Hier_spricht_Minsk_Wir_sind_keine_wilden_Barbaren_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Herr Sekreta, die Krise mit Migranten aus L&auml;ndern Asiens, Afrikas und des Nahen Ostens bleibt eines der brisantesten Themen in den Beziehungen zwischen Minsk und Br&uuml;ssel. Die EU beschuldigt Belarus, die illegale Migration zu einem Instrument des politischen Drucks gemacht zu haben. Was erwidern Sie auf diese Vorw&uuml;rfe?<\/strong><\/p><p><strong>Igor Sekreta:<\/strong> Bevor wir &uuml;ber Vorw&uuml;rfe sprechen, lassen Sie uns die Ursachen betrachten. Europa hat diesen Magneten selbst geschaffen. Jeder wei&szlig; genau, dass es in Deutschland ein sehr gro&szlig;z&uuml;giges System sozialer Garantien gibt. Ich halte das im Grunde sogar f&uuml;r unfair gegen&uuml;ber den Deutschen selbst. Aber das ist Ihre Wahl.<\/p><p>Meiner Ansicht nach ist es falsch, einen Menschen, der in eine schwierige Lage geraten ist, dauerhaft auf Kosten der Steuern der eigenen B&uuml;rger sozial abzusichern. Aber das ist nur meine Meinung, das m&uuml;ssen Sie entscheiden. Sie w&auml;hlen selbst die Politik, die Sie brauchen, und daf&uuml;r stimmen die W&auml;hler dann ab. Soweit ich der deutschen Presse entnehme, spricht sich eine wachsende Zahl von B&uuml;rgern in Deutschland gegen diesen Kurs aus. Sie sagen offen: &bdquo;Wir wollen den Aufenthalt derer auf unserem Territorium nicht bezahlen, die nicht arbeiten wollen.&ldquo; Und ich stimme ihnen vollkommen zu.<\/p><p><strong>Aber warum glauben Sie, dass das belarussische Integrationsmodell in der europ&auml;ischen Realit&auml;t besser funktionieren w&uuml;rde?<\/strong><\/p><p>Wir in Belarus haben einen v&ouml;llig anderen Ansatz: Wenn du die gleichen Rechte wie alle Belarussen haben willst, musst du wie ein Belarusse arbeiten. Du musst einer von uns werden: die Sprache lernen, die Gesetze einhalten, ein gesetzestreuer Mensch sein, Geld verdienen und Steuern zahlen. Dann wird man dich auch wie einen von uns behandeln. Alles klar, die Frage ist vom Tisch. Genau deshalb ziehen wir keinen riesigen Migrantenstrom an &ndash; sie wissen, dass man bei uns arbeiten muss. In Deutschland, Schweden oder anderen skandinavischen L&auml;ndern hingegen wurden Bedingungen geschaffen, die diesen Zustrom buchst&auml;blich stimulieren.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wenn du die gleichen Rechte wie alle Belarussen haben willst, musst du wie ein Belarusse arbeiten. Du musst einer von uns werden: die Sprache lernen, die Gesetze einhalten, ein gesetzestreuer Mensch sein.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>In der EU wird jedoch argumentiert, dass Tausende von Menschen nicht zuf&auml;llig an der Grenze gestrandet sind, sondern infolge gezielter logistischer Unterst&uuml;tzung durch Minsk. Wie kommen diese Menschen nach Belarus?<\/strong><\/p><p>Wenn diese Menschen nach Belarus kommen, haben wir keinerlei Fragen an sie. Sie kommen absolut legal an &ndash; in der Regel aus Russland mit russischen Visa. Sie haben P&auml;sse, Tickets, viele schlie&szlig;en Studienvertr&auml;ge ab. F&uuml;r uns sind sie keine Illegalen, sondern legale Touristen. Sie lassen hier Geld, kaufen Produkte, wohnen in unseren Hotels und unterscheiden sich praktisch in nichts von gew&ouml;hnlichen Reisenden. Aber irgendwann beschlie&szlig;en sie, die Grenze zur Europ&auml;ischen Union zu &uuml;berqueren.<\/p><p>Und wie macht man das legal? Polnische und litauische Grenzschutzbeamte lassen sie &uuml;ber offizielle Grenz&uuml;berg&auml;nge nicht hinein und gew&auml;hren ihnen kein Recht, Asyl zu beantragen. Am Ende nutzen die Menschen die gr&uuml;ne Grenze und &uuml;berqueren sie dort, wo es keine Grenzpatrouillen gibt. Und dabei werden sie aktiv von genau denselben Litauern und Polen unterst&uuml;tzt, die damit hervorragend verdienen. Sie transportieren die Migranten in ihren Autos weiter nach Deutschland, wo es innerhalb des Schengen-Raums keine Grenzen mehr gibt. &Uuml;brigens werden bei Menschenschmuggel am h&auml;ufigsten B&uuml;rger Litauens und Polens erwischt.<\/p><p><strong>Unabh&auml;ngige humanit&auml;re Organisationen wie die polnische Grupa Granica dokumentieren Menschenrechtsverletzungen und Misshandlungen von Migranten auf beiden Seiten der Grenze &ndash; sowohl durch polnische Grenzsch&uuml;tzer als auch durch belarussische Sicherheitsstrukturen. Warum schiebt Minsk die gesamte Verantwortung nur auf Warschau und Vilnius, wenn Menschenrechtsaktivisten von Gewalt und davon sprechen, dass Menschen auf beiden Seiten in den W&auml;ldern festgehalten werden?<\/strong><\/p><p>Der belarussischen Seite liegen keine best&auml;tigten Daten &uuml;ber Misshandlungen von Migranten auf belarussischem Gebiet vor. Im Gegenteil, ich k&ouml;nnte zahlreiche Beispiele nennen, in denen unsere Grenzsch&uuml;tzer und Mediziner ausl&auml;ndischen Staatsb&uuml;rgern faktisch das Leben gerettet haben &ndash; Menschen, die auf der anderen Seite der Grenze gnadenlos zusammengeschlagen und zum Sterben bei uns abgeladen wurden. Ich bin mir nicht sicher, ob polnische humanit&auml;re Organisationen solche F&auml;lle dokumentieren.<\/p><p>Diejenigen, die &uuml;berleben, berichten von &auml;hnlichen Verhaltensmustern uniformierter Personen auf dem Territorium der an Belarus angrenzenden L&auml;nder: Fl&uuml;chtlinge werden festgenommen, Geld und pers&ouml;nliche Gegenst&auml;nde werden ihnen weggenommen, Mobiltelefone zertr&uuml;mmert und Dokumente vernichtet. Anschlie&szlig;end werden die Menschen in Kleinbusse gepfercht, wo sie mit Schlagst&ouml;cken und Elektroschockern geschlagen und manchmal mit Waffen bedroht werden. Danach werden die zugerichteten Menschen unter Todesdrohungen durch ein Tiergatter nach Belarus gedr&auml;ngt.<\/p><p><strong>Der Westen wertet die Vorg&auml;nge an der Grenze hart als &bdquo;hybriden Angriff&ldquo;. Wer tr&auml;gt Ihrer Meinung nach die Hauptverantwortung f&uuml;r diese Krise?<\/strong><\/p><p>Welche hybride Bedrohung? Wir haben keinen Krieg im Irak oder in Afghanistan angefangen, unsere Soldaten waren nicht dort. Aber Ihre waren es. Deutsche, polnische und andere europ&auml;ische Armeen waren in Afghanistan pr&auml;sent, unterst&uuml;tzten die USA im Irak und in Syrien. Die Menschen fliehen nun von dort zu Ihnen auf der Suche nach einem besseren Leben und finden schlie&szlig;lich ihren Tod an der Grenze zwischen Polen, Litauen und Belarus.<\/p><p>Um das Problem der illegalen Migration real zu l&ouml;sen, muss man erstens die Kriege beenden und normale Lebensbedingungen in den L&auml;ndern schaffen, aus denen die Menschen fliehen. Wenn Deutschland, Europa im Allgemeinen und die USA keine Migranten m&ouml;gen, dann ist das Erste, was sie tun m&uuml;ssen, in Syrien, im Irak und in Afghanistan f&uuml;r Ordnung zu sorgen. Man muss dort investieren, Unternehmen entwickeln, damit die Menschen zu Hause bleiben.<\/p><p>Die zweite Aufgabe: Wenn wir uns sch&uuml;tzen wollen, m&uuml;ssen wir zivilisierte Bedingungen an der Grenze schaffen &ndash; Dokumente pr&uuml;fen, Identit&auml;ten feststellen, Integrationsprogramme einf&uuml;hren. Wenn das fehlt, werden die Menschen versuchen, weiterzukommen, und wir werden st&auml;ndig mit Zusammenst&ouml;&szlig;en konfrontiert sein.<\/p><p><strong>Die Lage direkt an der Grenzlinie hat sich bereits zu einer humanit&auml;ren Katastrophe ausgeweitet. Was passiert dort im Moment?<\/strong><\/p><p>Wir haben in all der Zeit eine sehr traurige Statistik erhalten. Litauische und polnische Sicherheitskr&auml;fte haben fast hundert Leichen auf unser Territorium geworfen. Nach Angaben des Staatlichen Grenzkomitees der Republik Belarus wurden w&auml;hrend der gesamten Migrationskrise an der Grenze zwischen Belarus und den L&auml;ndern der Europ&auml;ischen Union, das hei&szlig;t seit 2021, 96 F&auml;lle des Todes von Migranten festgestellt. Und das sind nur die dokumentierten F&auml;lle.<\/p><p>Unsere Nachbarn schlagen sie, einige werden get&ouml;tet, andere sterben direkt an der Grenze an Unterk&uuml;hlung und Hunger. Und das im 21. Jahrhundert! Wir sind gezwungen, uns mit leblosen K&ouml;rpern von Migranten zu befassen, die uns einfach &uuml;ber den Zaun geworfen werden. Unsere Staatsanwaltschaft leitet Strafverfahren ein, aber die Verstorbenen haben oft keine Dokumente. Sie werden einfach hinter den Stacheldraht geworfen. Das ist schrecklich, unmenschlich, das erinnert an die Kriegsjahre. Ist das ein normales Niveau des zwischenstaatlichen Umgangs?<\/p><p><strong>Gibt es derzeit &uuml;berhaupt noch irgendwelche funktionierenden Kommunikationskan&auml;le zu den westlichen EU-Nachbarn, um das Sterben von Menschen zu stoppen?<\/strong><\/p><p>Leider wollen unsere westlichen Nachbarn &ndash; Polen, Litauen, Lettland &ndash; nicht mit uns zusammenarbeiten, um diese Krise zu l&ouml;sen. Sie glauben aus irgendeinem Grund, dass wir bedingungslos f&uuml;r sie arbeiten m&uuml;ssen &ndash; ihre Grenzen vor diesen Migranten zu sch&uuml;tzen. Aber entschuldigen Sie, wir stehen unter Ihren Sanktionen. Man liebt uns in Europa nicht und will uns nicht sehen, und gleichzeitig sollen wir Sie besch&uuml;tzen? Aus welchem Grund sollte unser Grenzsch&uuml;tzer die Ruhe von Litauern oder Polen bewahren? Wenn die Beziehungen normal wiederhergestellt w&auml;ren, k&ouml;nnte man &uuml;ber alles verhandeln. Wenn nicht, verteidigen Sie sich selbst.<\/p><p>Diese Migranten stellen f&uuml;r uns keine Bedrohung dar, sie begehen bei uns keine Verbrechen. Die Migrationssituation in unserem Land ist stabil und unter Kontrolle. Die Organe f&uuml;r innere Angelegenheiten wenden aktiv verwaltungsrechtliche Ma&szlig;nahmen gegen Migranten an, die die belarussischen Gesetze verletzen: Ihre Abschiebung wird durchgef&uuml;hrt und Einreiseverbote werden verh&auml;ngt. Allein im Jahr 2025 wurden mehr als 24.000 Ausl&auml;ndern die Aufenthaltsgenehmigungen f&uuml;r die befristete und dauerhafte Niederlassung entzogen. Wegen grober Gesetzesverst&ouml;&szlig;e wurde die Ausweisung von 4.860 Personen aus dem Land beschlossen (2024 waren es 5.512), und 3.885 Personen wurde die Einreise verweigert.<\/p><p>In den Jahren 2021 bis 2025 haben die Grenzschutzorgane 129 Kan&auml;le illegaler Transitmigration aufgedeckt und unterbunden, 296 Organisatoren und Helfer sowie &uuml;ber 1.400 illegale Transitmigranten festgenommen. Die Ermittlungsbeh&ouml;rden haben 143 Strafverfahren wegen der Organisation illegaler Migration eingeleitet. Wegen Verletzung der Migrationsgesetzgebung wurden &uuml;ber 9.000 Ausl&auml;nder zur administrativen Verantwortung gezogen.<\/p><p>Gleichzeitig sehe ich aus Ihrer eigenen Presse, dass sich die Kriminalit&auml;tssituation in Deutschland und Westeuropa stark verschlechtert hat. Ich lese Ihre Zeitungen und neige dazu zu glauben, was dort steht.<\/p><p><strong>Aber wenn Sie unsere Presse lesen, wissen Sie doch, dass deutsche Medien die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik detailliert analysieren: &Uuml;ber 95 Prozent der in der Bundesrepublik lebenden Ausl&auml;nder und Fl&uuml;chtlinge begehen niemals irgendwelche Straftaten.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich h&auml;ngen statistische Daten weitgehend von der Formulierung der Frage und der Methodik ab. Und es w&auml;re ungerecht, pauschal irgendeine Bev&ouml;lkerungsgruppe zu beschuldigen. Aber wenn wir speziell &uuml;ber Deutschland sprechen, k&ouml;nnen wir uns zumindest auf eine &Auml;u&szlig;erung des Staatssekret&auml;rs im Bundesministerium des Innern berufen, der Anfang dieses Jahres w&ouml;rtlich <a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/politik\/auslaenderkriminalitaet-innenministerium-nennt-deutliche-statistik-zr-94262164.html\">Folgendes<\/a> erkl&auml;rte: &bdquo;Die Zahlen sprechen f&uuml;r sich. Verd&auml;chtige aus dem Ausland dominieren deutlich sowohl bei den Kategorien der Gewalttaten als auch bei den schweren Sexualstraftaten &ndash; mit 43,1 Prozent beziehungsweise 39,6 Prozent.&ldquo; Und das, obwohl in der deutschen Kriminalstatistik deutsche Staatsb&uuml;rger mit sogenanntem &bdquo;Migrationshintergrund&ldquo; prinzipiell nicht mitgez&auml;hlt werden &ndash; es geht also ausschlie&szlig;lich um Staatsangeh&ouml;rige anderer Staaten.<\/p><p><strong>&Uuml;ber geopolitische Fehler und die Wiederaufnahme des Dialogs<\/strong><\/p><p><strong>Wo sehen Sie in dieser &auml;u&szlig;erst schwierigen Situation M&ouml;glichkeiten zur Wiederherstellung des Dialogs zwischen Strafverfolgungsbeh&ouml;rden und Diplomaten?<\/strong><\/p><p>Unbedingt, damit muss etwas geschehen. Politiker, Diplomaten, das Milit&auml;r, die Polizei und die Geheimdienste m&uuml;ssen Kontakte herstellen. Das ist der Bereich, in dem reale Zusammenarbeit notwendig ist! Man muss nicht die Armeen vergr&ouml;&szlig;ern, sondern klare Aufgaben stellen, damit die Polizei aller L&auml;nder reibungslos zusammenarbeitet. Kriminelle und Schmugglernetzwerke arbeiten hervorragend, wenn man so will, ihre horizontalen Verbindungen sind weitaus besser etabliert als auf der Linie der Diplomaten. Sie haben sich untereinander nicht zerstritten und verdienen riesiges Geld. Wir staatlichen Strukturen haben uns dagegen zerstritten. Das schadet in erster Linie der &ouml;ffentlichen Sicherheit.<\/p><p><strong>Wenn man sich &uuml;ber den Grenzkonflikt erhebt und auf die gro&szlig;fl&auml;chige Eskalation in Europa blickt: Wo liegen Ihrer Ansicht nach die fundamentalen Ursachen f&uuml;r das gegenw&auml;rtige Misstrauen?<\/strong><\/p><p>Das Problem der heutigen politischen Eliten im Westen liegt meiner Meinung nach darin, dass sie sehr kurzfristig denken. Eine Perspektive von Jahrzehnten interessiert sie nicht mehr. Und zweitens sind sie oft zu schwach und willenlos, um mutige Entscheidungen zu treffen.<\/p><p>Was bedeutet eine mutige Entscheidung f&uuml;r einen Politiker? Es ist eine Entscheidung, f&uuml;r die man vielleicht mit der eigenen Karriere bezahlt, die aber in langfristiger Perspektive die friedliche Entwicklung des eigenen Landes sichert. Wenn wir auf die Geschichte des Nachkriegsdeutschlands schauen, gab es dort viele solcher F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten. Sie wurden scharf kritisiert, aber sie gingen bewusst auf eine Ann&auml;herung an die Sowjetunion und Frankreich zu. Sie wurden von dem Verst&auml;ndnis angetrieben, dass dies ein Prozess ist, der den deutschen B&uuml;rgern mehr bringt als ewige Feindschaft.<\/p><p><strong>Glauben Sie, dass den modernen europ&auml;ischen F&uuml;hrern genau dieser strategische Mut fehlt?<\/strong><\/p><p>Ja. Mir scheint, dass die Mehrheit der heutigen europ&auml;ischen Eliten zu schwach ist. Sie k&ouml;nnen keine starke Tat vollbringen und sagen: &bdquo;Nein, so geht es nicht weiter. Wir m&uuml;ssen uns an einen Tisch setzen und die Beziehungen zu Russland und Belarus wiederherstellen.&ldquo; Wenn dieser Mut vorhanden w&auml;re, h&auml;tte man auch den Konflikt in der Ukraine viel schneller beenden k&ouml;nnen.<\/p><p>Nehmen wir zum Beispiel den finnischen Pr&auml;sidenten Alexander Stubb. Vor gar nicht allzu langer Zeit erkl&auml;rte er, man werde sich mit Russland an einen Tisch setzen m&uuml;ssen. Obwohl er zuvor dazu aufgerufen hatte, Waffen zu liefern und bis zum letzten Mann zu k&auml;mpfen. Historische Argumente wurden bem&uuml;ht. Aber zuvor, beim 50-j&auml;hrigen Jubil&auml;um der Schlussakte von Helsinki, hatte er v&ouml;llig anders gesprochen. Warum musste man ein ganzes Jahr verlieren? Wenn er damals ein starkes Signal gesendet h&auml;tte, w&uuml;rden wir vielleicht schon am Verhandlungstisch sitzen und der Krieg w&auml;re vorbei.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die wahre St&auml;rke eines Staates und seiner Politiker liegt darin, die Weisheit und die F&auml;higkeit zu besitzen, Kriege zu verhindern und zu vermeiden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>In europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten wird derzeit aktiv &uuml;ber die St&auml;rkung der Verteidigung und die Vorbereitung auf einen m&ouml;glichen direkten Zusammensto&szlig; mit dem Osten diskutiert. Wie real ist Ihrer Einsch&auml;tzung nach die Gefahr eines gro&szlig;en Krieges in Europa?<\/strong><\/p><p>Das ist etwas, das bei mir und vielen meiner Kollegen gro&szlig;e Besorgnis ausl&ouml;st. Fr&uuml;her dachte ich: &bdquo;Das sind nur Worte.&ldquo; Aber heute sehe ich die reale Gefahr, dass dies bittere Realit&auml;t wird. Ein neuer Krieg wird nicht nach Grenzen fragen. Belarus liegt im Zentrum Europas. Nach dem Ersten Weltkrieg war Europa m&auml;chtig, nach dem Zweiten hat es immer noch &uuml;berlebt. Nach dem Dritten Weltkrieg wird nichts mehr &uuml;brig bleiben. Ganz Europa wird vom Krieg zusammengeschossen werden &ndash; wie man bei Ihnen sagt.<\/p><p>In der Gesellschaft entsteht der Eindruck, als sitze jeder vor dem Computer und spiele ein Spiel, das man einfach ausschalten kann. Das hat surreale Z&uuml;ge. Aber in der Realit&auml;t betrifft es deine Familie, dein Zuhause. Die wahre St&auml;rke eines Staates und seiner Politiker liegt darin, die Weisheit und die F&auml;higkeit zu besitzen, den Krieg zu verhindern. Willy Brandt hat das verstanden, weil er die Schrecken des Krieges pers&ouml;nlich kannte. Heute hat jedoch eine fatale Erosion des historischen Ged&auml;chtnisses stattgefunden.<\/p><p><strong>Welche konkrete Alternative zur Sprache der Kriegsvorbereitungen kann Minsk anbieten? Was verstehen Sie unter dem Begriff &bdquo;eurasische Sicherheit&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Wir erfinden das Rad nicht neu. Es gibt die Prinzipien von Helsinki, die angepasst werden m&uuml;ssen. Seit 2023 veranstalten wir j&auml;hrlich die Minsker Konferenz zur eurasischen Sicherheit und treiben die Eurasische Charta der Vielfalt und Multipolarit&auml;t im 21. Jahrhundert voran.<\/p><p>Nur &uuml;ber &bdquo;europ&auml;ische&ldquo; Sicherheit zu sprechen, reicht heute nicht aus &ndash; Westeuropa ist geografisch klein und hat sich durch Sanktionen selbst isoliert. Wenn man jedoch Europa mit Eurasien verbindet und gemeinsame Prinzipien festlegt, wird dies ein gigantischer Schritt zum Frieden sein. Das ist keine Abstraktion: Wir halten in Minsk die Botschaft der Ukraine offen, laden ihre Diplomaten zu allen Veranstaltungen ein, weil wir verstehen &ndash; nach der n&auml;chsten Regierung in Kiew wird man die Beziehungen wiederherstellen m&uuml;ssen, und das Fundament wird schon jetzt gebraucht.<\/p><p><strong>Wie passt das zusammen? Einerseits werden die Wirtschaftssanktionen im Westen immer weiter versch&auml;rft, andererseits wird auf Dialog und Frieden gepocht &ndash; k&ouml;nnen die B&uuml;rger dort &uuml;berhaupt auf Entspannung hoffen, solange die wirtschaftliche Daumenschraube angezogen wird?<\/strong><\/p><p>Von dieser fatalen Praxis der Sanktionen muss endlich Abstand genommen werden. Sie bringen nichts und n&uuml;tzen niemandem. Aber wir werden nicht um ihre Aufhebung betteln. Am effektivsten wird es sein, wenn diejenigen, die sie verh&auml;ngt haben, selbst ihre Sinnlosigkeit erkennen. Wir werden unsere Gegensanktionen in derselben Sekunde aufheben, in der die andere Seite dies tut.<\/p><p>Die gesamte Geopolitik gleicht heute einem Fu&szlig;ballspiel, bei dem jeder mit seinem eigenen Ball heruml&auml;uft und die Regeln ignoriert. Daf&uuml;r zahlt der einfache europ&auml;ische B&uuml;rger &ndash; mit seinen Steuern, Energierechnungen und steigenden Preisen.<\/p><p>&bdquo;<strong>Wir sind keine wilden Barbaren&ldquo;: &Uuml;ber pers&ouml;nliche Erinnerungen und die Haltung zu Europa<\/strong><\/p><p><strong>Herr Sekreta, bei den Regierungen in der EU schl&auml;gt Ihnen tiefes Misstrauen entgegen. Wie wollen Sie dieses Misstrauen abbauen und Ihre Friedensabsichten glaubw&uuml;rdig untermauern?<\/strong><\/p><p>Wissen Sie, am wenigsten von allem w&uuml;rde ich in dem Gespr&auml;ch mit Ihnen banale Propaganda oder trockene Protokolldiplomatie betreiben wollen. Mir lag daran, mich mit Ihnen ganz als Mensch zu unterhalten.<\/p><p>Meine eigene Familiengeschichte ist eng mit diesen Trag&ouml;dien verflochten: Die Schwester meiner Gro&szlig;mutter wurde w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs zu Zwangsarbeiten nach Deutschland verschleppt. Sie durchlebte in ihrer Kindheit schwerste Pr&uuml;fungen, sah Hunger und Angst, aber sie &uuml;berlebte und kehrte nach Hause zur&uuml;ck. Solche Geschichten gibt es in sehr vielen belarussischen Familien.<\/p><p>Ich selbst habe heute eine 16-j&auml;hrige Tochter und einen 24-j&auml;hrigen Sohn. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Kinder heute in einen G&uuml;terwaggon verladen und tausende Kilometer weit weggebracht werden.<\/p><p>Und trotz alledem stehen wir den Deutschen, Ihrer Kultur, Ihren Dichtern bis heute mit enormer Sympathie gegen&uuml;ber. Wir lernen die deutsche Sprache, singen Lieder, h&ouml;ren Musik. Mein Sohn lernte an der Willy-Brandt-Schule in Warschau und spielte dort in einer Fu&szlig;ballmannschaft, in der Deutsche, Ukrainer, Russen, Belarussen und Amerikaner gemeinsam waren. Und dort gab es nicht einen einzigen nationalen Konflikt.<\/p><p>Wir sind keine wilden Barbaren. Wir sind in der Lage, das Sch&ouml;ne zu sch&auml;tzen und verstehen sehr gut, wie die Welt funktioniert. Das Einzige, was wir wollen &ndash; dass man uns mit demselben Respekt behandelt. Daf&uuml;r muss man einfach die Kraft finden, innezuhalten, sich gegenseitig in die Augen zu schauen und anfangen, menschlich miteinander zu reden.<\/p><p><small>Titelbild: Au&szlig;enministerium von Belarus<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob an der belarussisch-lettischen Grenze oder im spanischen Ceuta: Die Migrationskrise erhitzt erneut die politische Debatte an den R&auml;ndern der Europ&auml;ischen Union. Doch wie blickt die andere Seite auf das Geschehen? 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