{"id":155222,"date":"2026-08-21T13:26:26","date_gmt":"2026-08-21T11:26:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155222"},"modified":"2026-08-21T14:52:39","modified_gmt":"2026-08-21T12:52:39","slug":"der-kalte-blick-der-nzz-auf-arme-mieter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155222","title":{"rendered":"Der kalte Blick der NZZ auf arme Mieter"},"content":{"rendered":"<p>Wohnen ist f&uuml;r viele Haushalte zu teuer geworden und besonders stark trifft es Menschen mit niedrigen Einkommen. Aber daraus folgt doch wohl nicht, dass der Staat sich zur&uuml;ckziehen sollte. Im Gegenteil, denn gerade <em>weil<\/em> der Wohnungsmarkt funktioniert, wie M&auml;rkte eben funktionieren, braucht es politische Grenzen. Die <em>NZZ<\/em> hatte dazu k&uuml;rzlich eine ganz andere Meinung. Ein Kommentar von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Arme Mieter zahlen den Preis des Marktes<\/strong><\/p><p>Der Journalist Cornelius Welp der <em>NZZ<\/em> verstieg sich am 11. August in einem <a href=\"https:\/\/link.nzz.ch\/v1\/emailview?q=tuuOniNwzjsd9UO6V57U_Zps3Yy9zsglktDG0BveFFZMKQ-CdWQqzWPc46luShKE8nFhPPkpzdWTYb7DpFg82aWi1Sk6xrm0uEbmvJ2PEekBB3UDd5LyXfd28iS7nUWTUcCzzGG5r57t9XeNVm_sQE1mfQkXb0JXtKvfNPE2bR.NfXGfIn2VwTuIdpDrlw-MBOWBSwxL6qT8sc2Ylt_nDU04GbbH148epv3C9eZLtavq1pIGWvVZrVm4Xz.u5mevQQckqrHXw&amp;event_date=2026-08-11&amp;event_time=1786423980\">Newsletter<\/a> an seine Abonnenten zu der k&uuml;hnen Behauptung, &bdquo;Staatliche Eingriffe machen Wohnen nur teurer&ldquo;, und diagnostizierte messerscharf: <\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>&Auml;rmere Haushalte zahlen besonders viel<\/em>.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Damit hat Cornelius Welp aus der Wirtschaftsredaktion der <em>NZZ Deutschland<\/em> nat&uuml;rlich recht, zieht aber dann daraus die falschen Schl&uuml;sse. <\/p><p>Wohnen ist f&uuml;r viele Haushalte zu teuer geworden und besonders stark trifft es Menschen mit niedrigen Einkommen. Aber daraus folgt doch wohl nicht, dass der Staat sich zur&uuml;ckziehen sollte. Im Gegenteil, denn gerade <em>weil<\/em> der Wohnungsmarkt funktioniert, wie M&auml;rkte eben funktionieren, braucht es politische Grenzen. Auf die ethisch-moralischen Grenzen der Eigent&uuml;mer k&ouml;nnen wir in der Regel nicht vertrauen, auch wenn es bestimmt positive Ausnahmen gibt. Um in der anonymisierenden Sprache der Wirtschaft zu bleiben: M&auml;rkte verteilen Wohnungen nicht danach, wer sie am dringendsten braucht, sondern danach, wer sie bezahlen kann. <\/p><p><strong>&Auml;rmere Haushalte zahlen besonders viel<\/strong><\/p><p>Die Belastung ist inzwischen nicht mehr mit dem Hinweis auf einen durchschnittlichen Anteil der Wohnkosten am Einkommen zu beschreiben. Nach einer im Juni 2026 ver&ouml;ffentlichten Studie des Instituts Wohnen und Umwelt im Auftrag des Deutschen Mieterbundes geh&ouml;ren 42 Prozent beziehungsweise 8,3 Millionen Mieterhaushalte zum unteren Einkommensdrittel. Ihre durchschnittliche Wohnkostenbelastung liegt bei 48 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens. Mindestens 6,6 Millionen[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Mieterhaushalte m&uuml;ssen 30 Prozent oder mehr ihres Nettoeinkommens f&uuml;r das Wohnen aufbringen.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Das ist keine kleine Marktverwerfung, sondern bedeutet f&uuml;r einen erheblichen Teil der Bev&ouml;lkerung, dass fast die H&auml;lfte des verf&uuml;gbaren Einkommens bereits durch die Wohnung gebunden ist. Wer 5.000 Euro netto verdient und 30 Prozent f&uuml;r das Wohnen ausgibt, hat noch 3.500 Euro &uuml;brig. Wer 1.500 Euro verdient und 48 Prozent f&uuml;r das Wohnen aufbringen muss, hat 780 Euro &uuml;brig. <\/p><p>Allein schon der gleiche Prozentsatz w&auml;re bereits problematisch. Die gleiche Belastung in Euro ist es erst recht. Genau deshalb ist die Vorstellung, steigende Mieten seien vor allem ein Signal an Investoren, grob irref&uuml;hrend. F&uuml;r den Investor bedeutet eine steigende Miete eine h&ouml;here Rendite. F&uuml;r geringf&uuml;gig entlohnte B&uuml;rger bedeutet sie weniger Geld f&uuml;r Lebensmittel, Energie, Mobilit&auml;t oder Kinder.<\/p><p>Der Preis ist derselbe, aber die Schadenswirkung ist betr&auml;chtlich f&uuml;r untere Einkommensgruppen.<\/p><p><strong>Der Markt kennt keine soziale Dringlichkeit<\/strong><\/p><p>Die <em>NZZ<\/em> argumentiert, steigende Renditen seien m&ouml;glich, wenn Mieter bereit seien, h&ouml;here Mieten zu bezahlen. Das sende ein Signal: Hier lohne es sich zu wohnen &ndash; und deshalb auch zu bauen. Das mag in bestimmten Kreisen elegant klingen, aber f&uuml;r die in Wahlkampfreden immer vielbeschworene hart arbeitende Bev&ouml;lkerung klingt das v&ouml;llig abgehoben, wenn Zahlungsf&auml;higkeit mit Bedarf verwechselt wird.<\/p><p>Wenn in einer Stadt eine Krankenschwester, ein Busfahrer oder ein Rentner eine Wohnung braucht, konkurrieren sie nicht mit ihren Bed&uuml;rfnissen um Wohnraum. Sie konkurrieren mit den Einkommen anderer Wohnungssuchender. Wer mehr zahlen kann, gewinnt. Das h&auml;tte auch Cornelius Welp auffallen k&ouml;nnen. Noch einmal zum Mitschreiben: Das ist kein Versagen des Marktes &ndash; es ist seine Funktion. <\/p><p>Und genau deshalb ist ein Marktpreis auch kein moralisch neutrales Ma&szlig; f&uuml;r die Frage, wer eine Wohnung bekommen soll. So ein Marktpreis sagt nichts dar&uuml;ber aus, ob eine Familie mit Kindern, eine alleinstehende Rentnerin oder ein geringf&uuml;gig entlohnter Mensch die Wohnung dringender ben&ouml;tigt, er sagt nur, wer den h&ouml;heren Preis bezahlen kann. Das ist keine positive Selbstregulierung, sondern sozialdarwinistische Diskriminierung.<\/p><p><strong>Mehr Wohnungen &ndash; aber f&uuml;r wen?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich braucht Berlin mehr Wohnungen. Auch die Berliner Linke[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] bestreitet den Bedarf an Neubau nicht. Ihr Wahlprogramm setzt ausdr&uuml;cklich auf ein kommunales Wohnungsbauprogramm, die landeseigenen Wohnungsunternehmen und den Ausbau kommunaler und gemeinwohlorientierter Wohnungsbest&auml;nde. Die landeseigenen Unternehmen bewirtschafteten Ende 2025 bereits 404.170 Wohnungen[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] in Berlin.<\/p><p>Der Streit beginnt doch wohl bei der Frage, welche Art von Wohnungen gebaut werden und wem sie anschlie&szlig;end geh&ouml;ren sollen. Nicht jede zus&auml;tzliche Wohnung ist automatisch eine zus&auml;tzliche bezahlbare Wohnung. Wenn auf einem teuren Grundst&uuml;ck eine Eigentumswohnung f&uuml;r 800.000 Euro entsteht, ist sie f&uuml;r Menschen mit einem Nettoeinkommen von 1.500 Euro gar nicht existent. Ein Neubau als Luxuswohnung auf den Markt gekommene Immobilie l&ouml;st nicht ein einziges Problem f&uuml;r all diejenigen, die gerade am unteren Ende der kapitalistischen Nahrungskette stehen.<\/p><p><strong>Regulierung ist kein Selbstzweck<\/strong><\/p><p>Die <em>NZZ<\/em> verweist auf die Mietpreisbremse. Sie habe zwar den Mietanstieg begrenzt, zugleich aber Ausweichreaktionen wie m&ouml;blierte Vermietungen beg&uuml;nstigt. Daraus wird ein allgemeines Muster abgeleitet: Regulierung produziere neue Regulierung, B&uuml;rokratie schrecke Vermieter und Investoren ab. Das Problem daran ist nicht die Beobachtung, dass Regulierung Fehler haben kann &ndash; nat&uuml;rlich kann sie das.<\/p><p>Das Problem ist der Schluss, der daraus gezogen wird. Wenn eine Regel Schlupfl&ouml;cher hat, ist die Antwort doch wohl nicht der Verzicht auf die Regel. Man kann ja vielleicht auch mal auf die menschenfreundliche Idee kommen, solche Schlupfl&ouml;cher zu schlie&szlig;en.<\/p><p>Das genau geschieht beim Berliner Modell. Die Linke will beispielsweise gegen m&ouml;blierte Kurzzeitvermietungen vorgehen, illegale Mieten systematisch erfassen, Mietwucher verfolgen und zu viel gezahlte Miete zur&uuml;ckfordern. Sie fordert zudem ein Landesamt f&uuml;r Mieterschutz und einen &ouml;ffentlichen &Uuml;berblick &uuml;ber Eigent&uuml;mer, Mieth&ouml;hen und Vermietungsformen. So wird nicht der Markt abgeschafft, sondern eine Ma&szlig;nahme ergriffen, ihn dort zu begrenzen, wo die Verhandlungsmacht der Eigent&uuml;mer gegen&uuml;ber dem Mieter besonders ungleich verteilt ist. Es ist eine Hilfestellung f&uuml;r Eigent&uuml;mer, Investoren und Vermieter, ihre dissozialen Impulse zu kontrollieren.<\/p><p><strong>Der schw&auml;chste Marktteilnehmer ist nicht der Investor<\/strong><\/p><p>Auf einem funktionierenden Markt k&ouml;nnen beide Seiten ausweichen. Der Verk&auml;ufer kann sein Produkt behalten und der K&auml;ufer kann verzichten oder einen anderen Anbieter suchen. Beim Wohnen funktioniert das so nicht. Eine Familie kann nicht einfach aufh&ouml;ren, zu wohnen, und ein alleinstehender Rentner kann nicht beliebig in eine andere Stadt ziehen. <\/p><p>Wer dann endlich nach monatelanger Suche eine Wohnung gefunden hat, verf&uuml;gt gegen&uuml;ber dem Vermieter &uuml;ber eine sehr geringe Verhandlungsmacht, denn der Mieter braucht die Wohnung zeitnah, w&auml;hrend der Vermieter auf den n&auml;chsten Interessenten in Ruhe warten kann. Deshalb gibt es im Mietrecht &uuml;berhaupt Schutzvorschriften. Nicht weil der Staat den Markt nicht verstanden h&auml;tte, sondern gerade <em>weil<\/em> er verstanden hat, dass ein Wohnungsmarkt besondere Machtverh&auml;ltnisse erzeugt.<\/p><p><strong>Wer die Miete nicht bezahlen kann, hat Sendepause<\/strong><\/p><p>&bdquo;Steigende Renditen f&uuml;r Vermieter sind nur m&ouml;glich, wenn Mieter bereit sind, h&ouml;here Mieten zu bezahlen.&ldquo; hei&szlig;t es im Newsletter. Ja, aber das war ja nie die Frage. &bdquo;Das sendet ein Signal: Hier lohnt es sich zu wohnen &ndash; und auch zu bauen. Der Zusammenhang ist eigentlich ganz einfach zu verstehen. Man muss es nur wollen.&ldquo;, f&uuml;hrt Cornelius Welp aus. <\/p><p>Nein, und nochmal nein! <em>Man muss es nur k&ouml;nnen! <\/em><\/p><p>Der Sozialverband VdK hat bereits 2025 vor K&uuml;rzungen bei den Wohnkosten im damaligen B&uuml;rgergeld gewarnt. Die &ouml;rtlichen Obergrenzen seien vielerorts niedriger als die tats&auml;chlichen Mieten auf dem Wohnungsmarkt. Die Folge: Haushalte m&uuml;ssten die Differenz teilweise aus ihrem ohnehin knappen Regelsatz bezahlen. <\/p><p>Was soll ein Mensch tun, wenn es keine Wohnung zum amtlich vorgesehenen Preis gibt?<\/p><ul>\n<li>Noch weniger essen? <\/li>\n<li>Eine schlechtere Wohnung nehmen? <\/li>\n<li>Den Wohnort wechseln? <\/li>\n<li>Die Differenz aus dem Existenzminimum bezahlen? <\/li>\n<li>Oder am Ende die Wohnung verlieren?<\/li>\n<\/ul><p>Der VdK warnt ausdr&uuml;cklich davor, bei den Kosten der Unterkunft in der Grundsicherung und im B&uuml;rgergeld zu k&uuml;rzen. Stattdessen fordert er mehr Sozialwohnungen, eine St&auml;rkung der gemeinwohlorientierten Wohnungswirtschaft und einen konsequenten Ausbau des sozialen und barrierefreien Wohnungsbaus. Wohnen bezeichnet der Verband als Grundrecht und &bdquo;wesentlichen Bestandteil der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge&ldquo;.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>][<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><p>Auch der Deutsche Mieterbund warnt davor, die Lasten der Wohnungskrise auf die Schw&auml;chsten abzuw&auml;lzen. Schon heute m&uuml;ssen viele Leistungsberechtigte die Differenz zwischen den tats&auml;chlichen und den anerkannten Wohnkosten aus ihrem Regelsatz finanzieren &ndash; nach Angaben des Mieterbundes durchschnittlich rund 116 Euro monatlich. Die geplante Deckelung der &uuml;bernommenen Wohnkosten auf das 1,5-Fache der &ouml;rtlichen Mietobergrenze bereits ab dem ersten Tag des Leistungsbezugs k&ouml;nne zu Zahlungsr&uuml;ckst&auml;nden f&uuml;hren und das Risiko eines Wohnungsverlustes erh&ouml;hen. Das ist die praktische Erfahrung von Verb&auml;nden, die t&auml;glich mit den Folgen des Wohnungsmarktes konfrontiert sind.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p><strong>Wohngeld kann die Wohnungskrise nicht l&ouml;sen<\/strong><\/p><p>Eine h&auml;ufige Antwort auf steigende Mieten lautet: Dann muss der Staat eben die Haushalte unterst&uuml;tzen. Das mag den Betroffenen kurzfristig helfen, die bereits eine Wohnung haben, aber Wohngeld schafft keine neuen Quartiere. Wenn der Staat h&ouml;here Mieten durch h&ouml;here Transfers kompensiert, ohne das Angebot an dauerhaft bezahlbarem Wohnraum auszuweiten oder die Mietentwicklung zu begrenzen, flie&szlig;t ein Teil der zus&auml;tzlichen Kaufkraft letztlich in einen weiterhin knappen Wohnungsmarkt. Letztlich subventioniert der Staat dann nicht allein den Mieter. Er t&auml;uscht auch eine Zahlungsf&auml;higkeit der Mieter vor, die es gar nicht gibt, und h&auml;lt im Spiel der Marktkr&auml;fte den Preis k&uuml;nstlich oben. <\/p><p>Genau deshalb kritisiert auch das Berliner Linke-Wahlprogramm das Wohngeld als Subventionierung zu hoher Mieten, h&auml;lt es aber bis zu einer wirksamen Begrenzung der Mieten f&uuml;r notwendig.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen uns fragen, warum ausgerechnet der Staat dauerhaft immer h&ouml;here Mieten mit immer h&ouml;heren Sozialleistungen ausgleichen soll, statt daf&uuml;r zu sorgen, dass bezahlbarer Wohnraum entsteht!<\/p><p><strong>Sozialer Wohnungsbau ist keine Nostalgie<\/strong><\/p><p>Der Deutsche Mieterbund spricht von einem strukturellen Versagen von Markt und Politik und bezeichnet die Wohnungsnot als eine der zentralen sozialen Krisen der Gegenwart. Deutschland ist ein Mieterland: 2024 lebten 52,8 Prozent der Bev&ouml;lkerung zur Miete. Rund sechs Millionen Mieterinnen und Mieter &ndash; 13,2 Prozent &ndash; waren durch ihre Wohnkosten extrem belastet.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Auch der VdK[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] fordert einen konsequenten Ausbau des sozialen und barrierefreien Wohnungsbaus. Besonders Familien, &auml;ltere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Auszubildende, Studierende und geringf&uuml;gig entlohnte Menschen seien betroffen. Der entscheidende Unterschied zwischen einem Markt, der Wohnungen als Anlageobjekte behandelt, und einer Wohnungspolitik, die Wohnen als Teil der Daseinsvorsorge versteht, ist ein zutiefst moralischer.<\/p><p><strong>Wem geh&ouml;rt die Wohnung?<\/strong><\/p><p>Damit kommt man zur heikelsten Frage der NZZ-Kritik &ndash; zur Vergesellschaftung. Die Berliner Linke verweist darauf, dass sich beim Volksentscheid 2021 rund 59,1 Prozent der g&uuml;ltig Abstimmenden f&uuml;r die Vergesellschaftung der Best&auml;nde gro&szlig;er privater Wohnungsunternehmen ausgesprochen haben. Sie will rund 220.000 Wohnungen in die &ouml;ffentliche Hand &uuml;berf&uuml;hren.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/p><p>Vergesellschaftung bedeutet hier nicht, dem Erben seine vermietete Doppelhaush&auml;lfte zu rauben. Wir reden hier von Objektbest&auml;nden von Hunderten von Wohnungen.<\/p><p>Vergesellschaftung ethisch fundiert abzulehnen, d&uuml;rfte einem redlichen Menschen allerdings schwerfallen. Selbstverst&auml;ndlich sollte man &uuml;ber eine angemessene Entsch&auml;digung sprechen d&uuml;rfen, aber man sollte die politische Idee nicht als irrationales &bdquo;Enteignungsexperiment&ldquo; abtun.<\/p><p>Die eigentliche Frage, die sich hier stellt, ist doch, ob Wohnraum, der f&uuml;r hunderttausende Menschen existenziell ist, dauerhaft nach der Logik maximaler Rendite bewirtschaftet werden darf. K&ouml;nnte es, allein schon zur Eind&auml;mmung des sozialen Unfriedens, geboten sein, einen Teil dieses riesigen Objektbestandes der Renditelogik zu entziehen?<\/p><p>Im &ouml;ffentlichen Wohnungsbau wirkt der Staat m&ouml;glicherweise nicht als Musterbeispiel deutschen Unternehmertums, aber das ist auch &uuml;berhaupt nicht seine Rolle. Der &ouml;ffentliche Wohnungsbau ist ein wertvolles Instrument, um das hohe gesellschaftliche Gut der Daseinsvorsorge zu gew&auml;hrleisten, und ein &ouml;ffentlicher oder gemeinwohlorientierter Eigent&uuml;mer kann Mieter vor Verdr&auml;ngung aus attraktiven Wohnlagen sch&uuml;tzen, dauerhaft bezahlbare Mieten sichern und mit Zahlen kalkulieren, die auf dem freien Markt kaum Chancen h&auml;tten.<\/p><p><strong>Wer kann gut rechnen?<\/strong><\/p><p>Die Newsletter der <em>NZZ<\/em> warnt, am Ende zahle der Steuerzahler die Rechnung. Recht hat er!<\/p><p>Der Steuerzahler zahlt, wenn Menschen ihre Wohnung verlieren und teure Folgekosten den Haushalt belasten, er zahlt, wenn Kinder in &uuml;berbelegten Wohnungen einen schlechten Start ins Leben haben und als Erwachsene straucheln. Der Steuerzahler zahlt auch, wenn Kommunen Notunterk&uuml;nfte finanzieren m&uuml;ssen und wenn der Staat &uuml;ber Sozialleistungen immer gr&ouml;&szlig;ere Teile einer privaten Mietrechnung &uuml;bernimmt.<\/p><p>Wohnungslosigkeit, enge Wohnverh&auml;ltnisse bei Familien mit Kindern und die notwendigen Sozialleistungen sind nicht kostenlos. Das aber hat der Herr Welp vermutlich nicht gemeint.<\/p><p>An dieser Stelle beginnt das, was wir soziale Verantwortung nennen. Die Berliner Linke schl&auml;gt deshalb nicht nur Mietpreisbegrenzungen vor, sie m&ouml;chte auch Neubau, Ankauf von Objekten f&uuml;r den kommunalen Wohnungsbestand, die Verl&auml;ngerung von Sozialbindung und die Umwandlung bestehender Best&auml;nde in gemeinwohlorientierten Wohnraum voranbringen. Es geht um die richtigen Priorit&auml;ten, auch wenn einige in einer Wohnung nur einen Verm&ouml;gensgegenstand und eine Kapitalanlage sehen, so ist sie f&uuml;r den Mieter schlicht sein Zuhause, ja mehr noch &hellip; Wohnen ist ein Menschenrecht.<\/p><p><small>Titelbild: BalkansCat \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/mieterbund.de\/app\/uploads\/2026\/06\/FactSheet_Wohnkostenstudie.pdf\">Deutscher Mieterbund (2026)<\/a>: <em>Fact Sheet Wohnkostenstudie<\/em>. Berlin: Deutscher Mieterbund.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/mieterbund.de\/app\/uploads\/2026\/05\/2026_03_31_Kurzstudie-Wohnkostenbelastung_DMB.pdf\">Weber-Kessel, I., Eisfeld, R., Sch&auml;fer, H. und Nuss, G. (2026)<\/a>: <em>Wohnkostenbelastung von Mietenden in Deutschland. Studie f&uuml;r den Deutschen Mieterbund<\/em>. Darmstadt: Institut Wohnen und Umwelt GmbH.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/dielinke.berlin\/fileadmin\/download\/2026\/0106_Wahlprogramm_LVB_A5.pdf\">Die Linke Berlin (2026)<\/a>: <em>Berlin bezahlbar machen. F&uuml;r eine rote Metropole. Wahlprogramm zur Abgeordnetenhauswahl 2026<\/em>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/sen\/stadt\/ueber-uns\/newsletter\/newsletter.1661491.php\">Senatsverwaltung f&uuml;r Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen Berlin (2026)<\/a>: <em>Newsletter April 2026: &Uuml;ber 400.000 bezahlbare Wohnungen im Landeseigentum<\/em>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.vdk.de\/presse\/pressemitteilung\/vdk-wohnkosten-buergergeld-kuerzung-merz-wohnungsmarkt-schlimme-lage\/\">Sozialverband VdK Deutschland (2025a)<\/a>: <em>VdK warnt: K&uuml;rzungen bei Wohnkosten versch&auml;rfen soziale Not<\/em>. 14. Juli 2025.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.vdk.de\/presse\/pressemitteilung\/bentele-wohnen-ist-wesentlicher-bestandteil-der-oeffentlichen-daseinsvorsorge\/\">Sozialverband VdK Deutschland (2025b)<\/a>: <em>Bentele: &bdquo;Wohnen ist wesentlicher Bestandteil der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge&ldquo;<\/em>. 23. August 2025.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"https:\/\/mieterbund.de\/aktuelles\/meldungen\/mieterbund-warnt-vor-verschaerfung-der-sozialen-lage-durch-sgb-ii-reform\/\">Deutscher Mieterbund (2025)<\/a>: <em>Mieterbund warnt vor Versch&auml;rfung der sozialen Lage durch SGB-II-Reform: Lasten werden auf die Schw&auml;chsten abgew&auml;lzt<\/em>. 17. Dezember 2025.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] <a href=\"https:\/\/mieterbund.de\/app\/uploads\/2025\/11\/Mietenreport_2025_final03Nov.pdf\">Stilling, G. (2025)<\/a>: <em>Mietenreport 2025: Wohnungskrise bis in die Mittelschicht<\/em>. Hrsg. vom Deutschen Mieterbund. Berlin: Deutscher Mieterbund.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] historischer Name: Verband der Kriegsbesch&auml;digten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] <a href=\"https:\/\/wahlen-berlin.de\/wahlen\/publikationen\/Stat_Berichte\/SB_B07-04-02_2021u00_BE.pdf\">Die Landesabstimmungsleiterin Berlin (2021)<\/a>: <em>Volksentscheid in Berlin am 26. September 2021: Endg&uuml;ltiges Ergebnis<\/em>. Berlin: Amt f&uuml;r Statistik Berlin-Brandenburg.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohnen ist f&uuml;r viele Haushalte zu teuer geworden und besonders stark trifft es Menschen mit niedrigen Einkommen. Aber daraus folgt doch wohl nicht, dass der Staat sich zur&uuml;ckziehen sollte. Im Gegenteil, denn gerade <em>weil<\/em> der Wohnungsmarkt funktioniert, wie M&auml;rkte eben funktionieren, braucht es politische Grenzen. Die <em>NZZ<\/em> hatte dazu k&uuml;rzlich eine ganz andere Meinung. Ein<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155222\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":155223,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,160,183,150],"tags":[1302,284,3403,1838,1582,2639,3583,1142],"class_list":["post-155222","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-markt-und-staat","category-medienkritik","category-verbraucherschutz","tag-daseinsvorsorge","tag-deregulierung","tag-mietpreise","tag-nzz","tag-sozialer-wohnungsbau","tag-vergesellschaftung","tag-wohngeld","tag-wohnungswirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/shutterstock_2674297483.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/155222","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=155222"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/155222\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":155234,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/155222\/revisions\/155234"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/155223"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=155222"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=155222"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=155222"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}