{"id":155263,"date":"2026-08-24T09:00:24","date_gmt":"2026-08-24T07:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155263"},"modified":"2026-08-24T09:03:02","modified_gmt":"2026-08-24T07:03:02","slug":"ich-wuerde-auch-jetzt-wieder-auf-ein-schiff-steigen-interview-mit-dem-kuenstler-engin-dogan-ueber-seine-erfahrungen-bei-der-global-sumud-flotilla-und-isra","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155263","title":{"rendered":"\u201eIch w\u00fcrde auch jetzt wieder auf ein Schiff steigen\u201c \u2013 Interview mit dem K\u00fcnstler Engin Dogan \u00fcber seine Erfahrungen bei der \u201eGlobal Sumud Flotilla\u201c und israelische Folter"},"content":{"rendered":"<p>Der Aschaffenburger K&uuml;nstler Engin Dogan hat von April bis Mai 2026 an der Global Sumud Flotilla teilgenommen. Wie mehr als 400 weitere Aktivisten hat er versucht, per Segelboot &uuml;ber das Mittelmeer nach Gaza zu gelangen, um dort Hilfsg&uuml;ter zu verteilen. Die israelische Armee stoppte die Aktion jedoch auf hoher See und verschleppte die Aktivisten nach Israel. Im Mai l&ouml;ste ein Video des israelischen Polizeiministers Itamar Ben-Gvir, in dem zu sehen ist, wie er Flotilla-Aktivisten dem&uuml;tigt, weltweit Entr&uuml;stung aus. Das Interview f&uuml;hrten <strong>Mawuena Martens<\/strong> und <strong>Dominik Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Martens\/Wetzel: Herr Dogan, Sie sind von der israelischen Armee entf&uuml;hrt worden. Wie muss man sich das vorstellen?<\/strong><\/p><p><strong>Engin Dogan<\/strong>: Es kamen links und rechts &ndash; zack, zack &ndash; zwei Drohnen an unser Segelboot heran. Am Horizont tauchte ein gro&szlig;es Kriegsschiff auf. Dann rasten zwei Schnellboote auf uns zu, mit je ungef&auml;hr zehn Soldaten an Bord. Sie haben auch auf uns geschossen. Beim ersten Mal ein paar Stunden zuvor hatten wir Seile ins Meer geschmissen, damit sie sich in den Schiffsschrauben der Milit&auml;rboote verheddern. Die Soldaten waren dementsprechend wohl etwas unentspannter. Als sie uns gekapert hatten, mussten wir uns bis auf Hose und T-Shirt ausziehen und sind so auf das Kriegsschiff gebracht worden. Dann hatten sie diesen deutschen Pass und wollten herausfinden, wer der Deutsche ist. Einer hat auch seine Knarre gestreichelt und sich f&uuml;r seine Waffe bei mir bedankt. Bei Deutschen sind sie immer ein bisschen kreativer geworden als bei den anderen.<\/p><p><strong>War es eine deutsche Waffe?<\/strong><\/p><p>Das wei&szlig; ich nicht. Er hat es, glaube ich, gemacht, weil Deutschland einen gro&szlig;en Teil der Waffen Israels liefert. Mit kreativ meine ich, dass sie Deutsche entweder f&uuml;r die Vergangenheit &bdquo;abgefuckt&ldquo; haben oder aber so Sachen sagten wie: &bdquo;Vielen Dank f&uuml;r deine Geschichte, jetzt k&ouml;nnen wir mit deinem Land so spielen wie im Fu&szlig;ball.&ldquo; Das habe ich selbst erlebt. Drei Mal kamen sie auch mit der Hitlernummer.<\/p><p><strong>Noch einmal einen Schritt zur&uuml;ck. Wie kam es &uuml;berhaupt zu Ihrer Teilnahme an der Flotilla?<\/strong><\/p><p>Wir haben vergangenes Jahr schon eine Gaza-Demo in Aschaffenburg organisiert. Dabei hat Zohar Regev eine Rede gehalten. Sie ist eine von denjenigen, die schon seit Jahren bei der Global Sumud Flotilla mitsegelt. Sie ist jedes Jahr dabei und hat f&uuml;r mich ein gutes Wort bei den Organisatoren eingelegt. Drei Tage bevor das Training in Sizilien losging, habe ich dann eine Nachricht bekommen. Das war echt spontan. Aber ich habe mich direkt auf den Weg gemacht.<\/p><p><strong>Es fahren also jedes Jahr Boote in Richtung Gaza? Bekannt war bisher ja eigentlich nur die Mavi Marmara von 2008, als neun Aktivisten von israelischen Soldaten get&ouml;tet wurden.<\/strong><\/p><p>Ja, jedes Jahr. Das ist keine Demonstration, das ist Widerstand, der geleistet wird. Wir h&ouml;ren nicht auf. Es w&auml;re ja voll daneben, wenn wir aufh&ouml;ren w&uuml;rden, nur weil wir etwas abgekriegt haben. Ganz im Gegenteil, die Bewegung wird immer gr&ouml;&szlig;er. Sollen die Israelis sch&ouml;n weitermachen &ndash; wir n&auml;mlich auch. Und wir gehen ihnen gerade m&auml;chtig gegen den Strich. Sie haben ganz sch&ouml;n Probleme und m&uuml;ssen Abstriche machen wegen uns. Unsere M&uuml;hen sind nicht umsonst.<\/p><p><strong>Weil eure Aktionen das israelische Milit&auml;r binden?<\/strong><\/p><p>Ja, aber auch auf politischer Ebene. Einige der faschistischen Minister d&uuml;rfen jetzt in zehn L&auml;ndern nicht mehr einreisen. Weltweit wurden israelische Botschafter einberufen und zurechtgewiesen. Selbst der Premier Benjamin Netanjahu ist mal ganz kurz zur&uuml;ckgerudert. Das hat er allerdings nur wegen des Videos von Polizeiminister Ben-Gvir. Mit dem Video hat Ben-Gvir uns allerdings einen riesigen Gefallen getan und sich selbst in die Kniescheibe geschossen. Unz&auml;hlig mehr Leute haben darauf reagiert, viel mehr, als wenn unsere Organisation das Video ver&ouml;ffentlicht h&auml;tte. Und im vergangenen Herbst sind auch wegen der Flotilla Tausende in Italien auf die Stra&szlig;en gegangen.<\/p><p><strong>Haben Sie mitgekriegt, wie das Video aufgenommen wurde?<\/strong><\/p><p>Nein. Erst als ich aus Israel herauskam, war ich, wie viele andere von uns, total verbl&uuml;fft &ndash; besonders &uuml;ber die Resonanz.<\/p><p><strong>Wenn Sie nichts von der Anwesenheit von Ben-Gvir gemerkt haben, woran k&ouml;nnen Sie sich dann erinnern?<\/strong><\/p><p>Ich habe die ganze Zeit eigentlich nur den Boden angeglotzt und die Schwei&szlig;perlen gez&auml;hlt, die von meiner Nasenspitze getropft sind. Das war meine einzige Besch&auml;ftigung. Man hat auch nicht von der Stressposition hochgeschaut, weil man sonst direkt bestraft worden ist. Irgendwann habe ich mich jedoch hingesetzt, weil mein Fu&szlig; am Explodieren war. Die Haut war schon gerissen, das war ein unfassbarer Schmerz.<\/p><p><strong>Was war mit Ihrem Fu&szlig; passiert?<\/strong><\/p><p>Am besten, ich fange von vorne an: Als wir in Sizilien losgesegelt sind, haben die Israelis uns schon nach drei Tagen attackiert. Wir waren total vor den Kopf gesto&szlig;en, weil wir nicht damit gerechnet hatten, dass sie so weit hinausgehen w&uuml;rden. Das war ja in internationalen Gew&auml;ssern.<\/p><p><strong>Wie wurdet ihr angegriffen? Mit Drohnen?<\/strong><\/p><p>Nein, mit Kriegsschiffen und Speedbooten, das volle Programm. Die Israelis haben Leute von einem Teil der Boote geholt, haben die Motoren kaputtgeschlagen und Segel zerschnitten. Bei einem Boot, das finde ich besonders krass, haben sie die Besatzung man&ouml;vrierunf&auml;hig auf dem Meer zur&uuml;ckgelassen &ndash; obwohl ein Sturm aufzog. Ich habe Gott sei Dank zu den Gl&uuml;cklichen geh&ouml;rt, die im Morgengrauen bei einer griechischen Insel ankamen. Ein Boot unserer Flottille konnte die Leute von dem kaputten Boot retten. &Uuml;ber das, was die Israelis da gemacht haben, redet keiner, obwohl es versuchter Mord ist. Nach diesem Vorfall waren wir relativ lange auf Kreta, weil wir auf diejenigen gewartet haben, die auf einem Kriegsschiff gefangen waren und irgendwann nach Kreta gebracht wurden. Ein paar wurden dann gezwungen, nach Hause zu fliegen, ein paar haben es geschafft, haben sich nicht n&ouml;tigen lassen und sind auf die Boote zur&uuml;ckgekehrt.<\/p><p><strong>Von wem sind sie gen&ouml;tigt worden?<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich von den griechischen Beh&ouml;rden. Die waren alles andere als vertrauensw&uuml;rdig und haben mit den Israelis zusammengearbeitet. Dabei h&auml;tten sie eigentlich einschreiten und aktiv werden m&uuml;ssen, als wir angegriffen wurden, weil sie am n&auml;hesten [sic] dran waren. Als wir dann endlich weiterfahren konnten, habe ich das Boot gewechselt und bin zu einer t&uuml;rkischen Delegation. Drei Tage sp&auml;ter kamen die Israelis fr&uuml;h mit zwei Speedbooten, sind aber wieder abgezogen. Wahrscheinlich war mein Boot so weit vorne und sie wollten erst den Haupttross erreichen. Das war auf jeden Fall komisch, ich hatte da schon mein Handy ins Meer geschmissen und hatte an dem Tag auch Geburtstag. Ich dachte, das sei ein geiles Geburtstagsgeschenk.<\/p><p><strong>Wann war das?<\/strong><\/p><p>Am 18. Mai. Wir hatten ja auch extra unseren Tracker ausgemacht, unsere Fenster abgedunkelt und sind ohne Lichter gefahren. So haben wir uns f&uuml;r einen Moment eingebildet, sie h&auml;tten uns vergessen, obwohl wir nat&uuml;rlich wussten, dass es die modernste Armee der Welt ist. Ich hatte da auch das erste Mal das Gef&uuml;hl, dass wir wirklich am Strand von Gaza Essen verteilen w&uuml;rden. Naja, und wie ich da so guter Dinge war, kamen sie, im Dunkeln.<\/p><p><strong>Ihr wurdet also auf das Kriegsschiff gezwungen. Wie ging es dort weiter?<\/strong><\/p><p>Dort war ein Tisch aufgebaut mit Soldaten, die total nett waren, einen anl&auml;chelten und fragten, ob es einem nicht gut geht und so weiter. Und w&auml;hrenddessen wird man von einem Soldaten am Genick heruntergedr&uuml;ckt, sodass man nur hochschauen kann. Die Show war maximal irritierend. Danach wurden wir in einen Container gebracht. Dort standen sechs Soldaten, die jedem der mehr als 400 Aktivisten erst einmal &bdquo;voll eins auf die Fresse&ldquo; gegeben haben, auch mit Stiefeln. Es war wirklich egal ob M&auml;nnlein, Weiblein, jung oder alt. Selbst eine der &auml;ltesten, eine &uuml;ber 70-J&auml;hrige, ist davon nicht verschont worden. Ich bin noch relativ gut durchgekommen, habe direkt meine Rippen und mein Gesicht gesch&uuml;tzt und bin auf den Boden gefallen. Dann haben sie nur noch getreten. Dieser erste Container war der Horror. Die meisten Leute sind mit gebrochenen Rippen herausgekommen. Allein bei der Besatzung meines Bootes gab es 36 gebrochene Rippen. Auch Nasenbr&uuml;che gab es ohne Ende, Z&auml;hne fehlten, ein Finger war gebrochen, H&uuml;ften kaputtgetreten &hellip;<\/p><p><strong>Habt ihr Medikamente erhalten?<\/strong><\/p><p>Nein, gar nichts. Auf unseren Flotilla-Booten waren auch viele &Auml;rzte, die versucht haben, zu helfen und eine &bdquo;Krankenstation&ldquo; ohne nichts einzurichten. Wir haben auf jeden Fall ein Meeting abgehalten, uns in den Kreis gesetzt und gefordert, dass wir Schmerzmittel, Tampons, Wasser sowie Essen bekommen. Daraufhin haben sie das Deck geflutet. Das war wie eine hohe Welle, das Wasser bleibt dann auch. Nachts haben sie daf&uuml;r gesorgt, dass die Container, in denen wir geschlafen haben, nass sind. Zum Beispiel haben sie mit Wasserpistolen in die Container gespr&uuml;ht. Dabei hatten wir nichts Warmes an und keine Decken dabei. Einmal haben sie 20 trockene Decken heruntergeschmissen, also viel zu wenige f&uuml;r uns. Sie wollten wohl, dass wir streiten. Aber ihr Plan ist nicht aufgegangen.<\/p><p><strong>Ist Ihnen auf dem Kriegsschiff auch in den Fu&szlig; geschossen worden?<\/strong><\/p><p>Ja, nachdem sie das Deck geflutet haben. Das wollte ich nutzen, um mir die F&uuml;&szlig;e zu waschen. Auf einmal haben sie ohne Vorwarnung auf mich geschossen. Es hat einen Schlag getan. Beim ersten Mal haben sie ein gelbes S&auml;ckchen mit kleinen K&uuml;gelchen auf mich geschossen [Anmerkung der Autoren: sog. Beanbag-Munition]. Ich bin erschrocken und es tat heftig weh. Eine Stunde sp&auml;ter habe ich den anderen Aktivisten den Soldaten zeigen sollen, der auf mich geschossen hat. Es war &bdquo;das Arschloch&ldquo;. In dem Moment hat er wieder sein Gewehr gez&uuml;ckt und auf mich gezielt. Daraufhin habe ich einen Riesensatz gemacht und herumgefuchtelt, sodass er mich nicht erwischt hat.<\/p><p>Einmal pro Tag wurde uns gesagt, wir sollten aufr&auml;umen. Das sah so aus: Die Soldaten kamen aus dem Foltercontainer und haben sich wie eine Wand mit ihren Schutzschildern und Gewehren aufgestellt. Sie haben uns angeschrien und ohrenbet&auml;ubende Blendgranaten auf uns geworfen. Danach wurden je zwei nach vorne gerufen, haben eine T&uuml;te bekommen und sollten M&uuml;ll einsammeln. Allerdings gab es den kaum, weil wir alles recycelt haben. Ich habe mir aus Plastikflaschen zum Beispiel einen Schutz f&uuml;r meinen Fu&szlig; gebaut. Was am meisten zur&uuml;ckgegangen ist, war tats&auml;chlich Brot, weil sich viele von uns im Hungerstreik befanden.<\/p><p>Bei einer solchen Aufr&auml;umaktion hat ebenjener Soldat, der wahrscheinlich ein Scharfsch&uuml;tze war, mir zum zweiten Mal in den Fu&szlig; geschossen &ndash; durch zwei Reihen von Menschen hindurch. Das hat richtig gescheppert. Er hat es geschafft, direkt neben die Ferse zu treffen. Und das war alles noch an Tag eins &hellip;<\/p><p><strong>Und dann?<\/strong><\/p><p>Von da an bin ich nur noch einbeinig geh&uuml;pft. Dadurch bin ich nat&uuml;rlich aufgefallen. Das hei&szlig;t, wenn ich zu langsam war oder nebendran geh&uuml;pft bin &ndash; wir waren immer gefesselt und in Reih und Glied &ndash;, haben die israelischen Soldaten meinen Fu&szlig; getreten. Wenn ich in Zwangshaltung war und sie vorbeigelaufen sind, haben sie draufgetreten. Je mehr mein Problem mit der Zeit sichtbar wurde, desto mehr haben sie ihn getreten. Der Fu&szlig; ist ja wahnsinnig angeschwollen, der komplette Knochen ist zertr&uuml;mmert. Sie sind immer auf die Schw&auml;chsten losgegangen. Nachts haben sie auch Leute herausgeholt, fertiggemacht und dann wieder in den Hof geschmissen.<\/p><p><strong>Wie viele wart ihr, und wie viele Soldaten waren insgesamt aktiv?<\/strong><\/p><p>Wir waren 428 Flotilla-Angeh&ouml;rige. Jeder von uns hatte ein Armband mit einer Nummer. Meine war die 136. Das hat so sehr an die NS-Zeit erinnert. Auf der anderen Seite sollen auf jedem der zwei Schiffe 300 Soldaten gewesen sein. Damit haben wir uns auch getr&ouml;stet, dass sich unsere Aktion allein schon daf&uuml;r gelohnt hat, weil Hunderte Soldaten mehrere Wochen lang keine Leute abschlachten konnten.<\/p><p><strong>Gab es Unterschiede zwischen den zwei Kriegsschiffen, auf denen ihr aufgeteilt wart?<\/strong><\/p><p>Es gab das Folterschiff, auf dem ich war. Aber auf dem anderen ist es auch eskaliert. Dort gab es wohl noch heftigere sexuelle &Uuml;bergriffe. Frauen haben dort Einzelhaft gekriegt, ihnen wurde gesagt, dass sie vergewaltigt w&uuml;rden. Daraufhin sa&szlig;en sie stundenlang alleine in einer Zelle und haben auf ihre Vergewaltigung gewartet.<\/p><p><strong>Sind sie dann auch vergewaltigt worden?<\/strong><\/p><p>Ja, auf jeden Fall mit Gegenst&auml;nden. M&auml;nner &uuml;brigens auch.<\/p><p><strong>Was kam nach den rund zwei Tagen auf dem Kriegsschiff?<\/strong><\/p><p>Da kam das besagte Zelt an der K&uuml;ste, in dem Polizeiminister Itamar Ben-Gvir sich mit uns gefilmt hat. Dort habe ich dann auch gesagt, dass sie mich ruhig schlagen sollen, aber dass es mit dem Hinknien einfach nicht mehr geht. Daraufhin bin ich in ein Krankenhaus gekommen. Das war viel angenehmer, operieren lassen habe ich mich aber nicht. Als ich zur&uuml;ckkam, waren riesige R&auml;ume aufgebaut mit internationalen Anw&auml;lten. Wir wurden dann von einem Israeli verh&ouml;rt, aber Anw&auml;lte sa&szlig;en dabei. Sie haben probiert, uns ein Schreiben unterzujubeln, mit dem wir best&auml;tigen sollten, illegal nach Israel eingereist zu sein. Unterschrieben hat das nat&uuml;rlich keiner von uns. Anschlie&szlig;end im Gef&auml;ngnis haben sie Leute von uns nochmal geschlagen, damit wir das Dokument unterschreiben.<\/p><p><strong>In welchem Gef&auml;ngnis wart ihr?<\/strong><\/p><p>Das wei&szlig; ich nicht sicher, aber dort wehte auf jeden Fall ein anderer Wind. Da arbeiten wirklich Psychopathen. Bei den Soldaten auf dem Kriegsschiff war es so, dass es &bdquo;das Arschloch&ldquo; gab, das viele Leute abgeknallt haben muss. Neben ihm dann aber ein normaler 22-J&auml;hriger, der seit einer Woche ein Gewehr in der Hand h&auml;lt und von so jemandem lernt. Im Gef&auml;ngnis hingegen merkte man, dass die W&auml;chter hauptberuflich Pal&auml;stinenser qu&auml;len.<\/p><p>Dort haben sie mir richtig krass auf den Fu&szlig; getreten, einfach aus Spa&szlig; an der Freude. Sie haben mich im Kreis h&uuml;pfen lassen, in der Zwangshaltung die ganze Zeit auf einem Bein, bis ich zusammengeklappt bin. Dann haben sie mich mit Elektroschocks bearbeitet und wieder hochgezogen und gesagt: &bdquo;H&uuml;pf wie ein Affe!&ldquo; Sie wollten mich irgendwie brechen. Das war der beschissenste Part der ganzen Entf&uuml;hrung und Gefangenschaft.<\/p><p>Als ich in das Gef&auml;ngnis gekommen bin, sollten wir uns ausziehen. Ich habe es irgendwie f&uuml;r eine schlaue Idee gehalten, mir fett mit einem Edding &bdquo;Free Gaza&ldquo; auf den Brustkorb zu schreiben. Naja, das war &hellip; schwierig. Denn sie haben mir dann die Handschellen hinten festgemacht und die ganze Zeit auf den Brustkorb eingeschlagen und verlangt, dass ich sage: &bdquo;I love Israel&ldquo;. Gesagt habe ich es nicht, daf&uuml;r dann aber drei Wochen lang schlecht Luft gekriegt. Ich sitze ja auch jetzt nicht im Rollstuhl wegen meines Beins, sondern wegen meiner Rippen. Wenn ich mit Kr&uuml;cken laufen w&uuml;rde, w&uuml;rde das meinen Brustkorb zu sehr belasten.<\/p><p><strong>Womit haben sie Sie geschlagen?<\/strong><\/p><p>Mit den F&auml;usten. Sie haben Handschuhe angezogen und dann ging es los. Links, rechts, links, rechts und immer wieder: &bdquo;Say, I love Israel, say, I love Israel&ldquo;. Die ersten zwei Mal habe ich noch &bdquo;Free Gaza&ldquo; gesagt, dann nicht mehr. Ab da habe ich nur noch geschrien.<\/p><p><strong>W&uuml;rden Sie trotz allem wieder mitsegeln?<\/strong><\/p><p>Auf jeden Fall. Ich w&uuml;rde auch jetzt wieder auf ein Schiff steigen, wenn ich nicht das Problem mit dem Fu&szlig; h&auml;tte. Es sind ja schon wieder Leute von uns unterwegs.<\/p><p><strong>Wie kommt es, dass Sie eine solch starke Motivation versp&uuml;ren und so viel in Kauf nehmen?<\/strong><\/p><p>Naja, ich habe eine Tochter. Und als ich gesehen habe, was mit den Kindern in Gaza passiert, hat mich das noch mehr angespornt. Jetzt ist der neueste &bdquo;Trend&ldquo; von israelischen Scharfsch&uuml;tzen, schwangere Pal&auml;stinenserinnen abzuknallen. Davon gibt es in Israel sogar T-Shirts. So etwas l&auml;sst mich nicht kalt, ich muss dann einfach etwas dagegen unternehmen.<\/p><p><strong>Sie meinten ja schon, dass verschiedene L&auml;nder israelische Botschafter einberufen haben, nachdem das Video von Ben-Gvir bekannt wurde. Hat die Aktion dar&uuml;ber hinaus etwas gebracht?<\/strong><\/p><p>Ja, es hat sehr vielen Menschen die Augen ge&ouml;ffnet. Die ganze Welt kennt nun die Flotilla-Bewegung. Weltweit sind so viele Tausende Menschen mehr pl&ouml;tzlich auf die Stra&szlig;e gegangen. Sogar meine Mutter ist jetzt Pal&auml;stina-Aktivistin. Das muss man erst einmal hinkriegen (<em>lacht<\/em>).<\/p><p>Wir werden Soldaten oder Ben-Gvir verklagen, wobei der f&uuml;r uns ja sogar ein Beweisvideo gedreht hat.<\/p><p><strong>Wo werdet ihr Klage einreichen?<\/strong><\/p><p>Vor einem deutschen Gericht. Aber es wird auch eine internationale Klage von allen Aktivisten geben. Denn es sind ja eine Menge Punkte, die zusammenkommen&hellip;<\/p><p><strong>Hattet ihr auch Kontakt zur deutschen Botschaft beziehungsweise habt ihr von dieser Unterst&uuml;tzung erhalten?<\/strong><\/p><p>Das ist ein ganz schwieriges Thema. Meine Mutter hat einmal einen Anruf von einer k&uuml;nstlichen Intelligenz erhalten, dass ihr Sohn jetzt Israel verlassen habe. Das war quasi die einzige Antwort, die sie von der deutschen Botschaft erhalten hat. Ich habe jemanden von der Konsularabteilung erst ganz am Schluss am Flughafen in Israel getroffen. Kurz vor der Abreise aus Israel standen die ganzen Vertretungsleute n&auml;mlich am Flughafen und haben ihre Flaggen hochgehalten. Als mich dann endlich einer von der deutschen Botschaft gefragt hat, ob ich irgendetwas brauche, sind mir nur Schmerzmittel eingefallen. Naja, in der T&uuml;rkei angekommen, war ich der Erste, der von einem Notarztwagen abgeholt und in ein Krankenhaus auf die Intensivstation gebracht worden ist.<\/p><p><strong>Weil Sie am schlimmsten verletzt waren?<\/strong><\/p><p>Das wei&szlig; ich nicht. Der Ger&auml;uschkulisse in dem &bdquo;Krankencontainer&ldquo; auf dem Kriegsschiff zu urteilen nach zumindest nicht. Das war der Horror, wirklich. Wir lagen ja eng an eng, und sobald einer gezuckt hat, ging es los wie eine Kettenreaktion mit dem Gest&ouml;hne vor Schmerz. Also, mich hat man da nicht die ganze Nacht geh&ouml;rt. Nachdem mein Fu&szlig; etwas versorgt war und das Adrenalin von meinem K&ouml;rper abgefallen ist, hatte ich pl&ouml;tzlich auch &uuml;berall Schmerzen. Das kommt wohl daher, dass sich mein Gehirn zuvor nur auf den Fu&szlig; konzentriert hatte.<\/p><p><strong>Wie lange waren Sie schlie&szlig;lich in dem t&uuml;rkischen Krankenhaus?<\/strong><\/p><p>Fast eine Woche. Es war auch gut f&uuml;r meinen Kopf, nicht direkt wieder in Deutschland, beim besten Freund von Israel, zu sein. Und jedes Mal, wenn ich dort aufgewacht bin, standen neue Leute um mein Bett herum, und neben mir hat sich ein Berg an Geschenken angeh&auml;uft. Die Menschen dort waren so dankbar f&uuml;r das, was wir gemacht haben. Ganz anders, als wenn man nach so einem Schei&szlig; in Deutschland ankommt.<\/p><p><strong>Wie verhalten sich die Beh&ouml;rden in Deutschland, seitdem Sie wieder hier sind?<\/strong><\/p><p>Die fangen jetzt schon wieder mit ihren Repressionen an. Meine Mutter hatte recht rasch eine Vorladung von der Polizei bekommen und ist quasi verh&ouml;rt worden. Ihr wurden dabei auch so schr&auml;ge Fragen gestellt wie &bdquo;Wieso denkt ihr Sohn, dass das in Gaza ein Genozid ist?&ldquo;. Der gleiche Polizist, der sie verh&ouml;rt hat, ruft sie alle drei Tage an und will, dass ich auf das Revier komme und dort eine Anzeige mache. Meine Klage werde ich aber direkt bei einem Gericht einreichen.<\/p><p>Es gibt &uuml;brigens auch eine Staatsanw&auml;ltin, die uns Pal&auml;stina-Aktivisten hier in Aschaffenburg die ganze Zeit fertigmachen will. Ihr fallen immer neue Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten ein, gegen die wir versto&szlig;en haben sollen.<\/p><p><strong>Abgesehen von den Schikanen: F&auml;llt es Ihnen schwer, wieder zur&uuml;ck zu sein?<\/strong><\/p><p>Sagen wir es so: Ich bin fast jeden Tag auf einer Demo und spreche dar&uuml;ber, wie sehr ich mich f&uuml;r Deutschland und seine Politik sch&auml;me. Jetzt, wo ich auch gesehen habe, was f&uuml;r Leute diese Waffen in der Hand halten &hellip; Ich dachte immer, wenn ich sie mal gesehen habe, verstehe ich vielleicht mehr. Aber irgendwie verstehe ich die Welt jetzt noch weniger.<\/p><p><strong>Was hat die israelische Gefangenschaft mit Ihnen pers&ouml;nlich gemacht?<\/strong><\/p><p>Keine Ahnung. Ich wei&szlig; es gerade noch nicht. Ich f&uuml;hle mich gar nicht so traumatisiert, wie alle denken. Wobei, wenn ich &uuml;ber all das jetzt rede, f&auml;llt mir das schon schwer. Ich frage mich die ganze Zeit, ob der gro&szlig;e Zusammenbruch noch kommt. Allerdings bin ich auch stinksauer und doppelt so motiviert wie vorher. Meine Mutter schaut zweimal am Tag bei mir vorbei und hat mich am liebsten um sich. Das ist tats&auml;chlich das schwierigste Thema gerade. Meine Mutter, die tut mir am meisten leid. Sie hat, glaube ich, krasser gelitten als ich. Ich habe wirklich ein unglaublich schlechtes Gewissen ihr gegen&uuml;ber. Ich wei&szlig; gar nicht, wie ich ihr erkl&auml;ren soll, dass ich das nochmal machen werde. Und ich wei&szlig; auch nicht, wie sie das &uuml;berlebt und ob ich ihr das &uuml;berhaupt noch einmal antun kann. Vorher hatte ich mehr an mein Kind gedacht und gar nicht so sehr an meine Mutter.<\/p><p><strong>Und wie geht es Ihrer Tochter mit der Situation?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, ganz gut, sie hat von mir aber auch nur die Kindervariante erz&auml;hlt bekommen. Mittlerweile hat sie mehr erfahren, die Leute erz&auml;hlen und nehmen manchmal keine R&uuml;cksicht. Sie hat auf jeden Fall eine Rede auf einer Demo gehalten und das Wort V&ouml;lkermord verwendet &ndash; mit neun Jahren. Den Begriff hat sie nicht von mir. In der Schule hat sie ein Referat gehalten: &bdquo;Mein Papa segelt nach Gaza&ldquo;.<\/p><p><small>Titelbild: Manuewa Martens &amp; Dominik Wetzel<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Aschaffenburger K&uuml;nstler Engin Dogan hat von April bis Mai 2026 an der Global Sumud Flotilla teilgenommen. Wie mehr als 400 weitere Aktivisten hat er versucht, per Segelboot &uuml;ber das Mittelmeer nach Gaza zu gelangen, um dort Hilfsg&uuml;ter zu verteilen. 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