{"id":15529,"date":"2012-12-20T09:57:46","date_gmt":"2012-12-20T08:57:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15529"},"modified":"2019-08-07T10:04:23","modified_gmt":"2019-08-07T08:04:23","slug":"unter-dem-mantel-der-nachstenliebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15529","title":{"rendered":"Unter dem Mantel der N\u00e4chstenliebe"},"content":{"rendered":"<p>Zur Spendenkampagne einer gro&szlig;en Tageszeitung in diesen Weihnachtswochen<br>\nGanz gro&szlig;artig, k&ouml;nnte man sagen: in vielen Tageszeitungen  der Bundesrepublik laufen derzeit Hilfsaktionen f&uuml;r Arme und Arbeitslose, f&uuml;r alte und erkrankte Menschen. Weihnachtszeit, das bedeutet: Deutschland hilft, auch durch ganze Artikelserien in ihren Regionalbl&auml;ttern. Tats&auml;chlich nur dieses: gro&szlig;artig? <strong>Ein Gastartikel von Holdger Platta[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15529#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nIch habe mir w&auml;hrend der letzten drei Wochen in unserer &ouml;rtlichen Tageszeitung diese Berichte &uuml;ber hilfsbed&uuml;rftige Menschen in der Bundesrepublik einmal etwas genauer angesehen, und zwar die Artikel in der Northeimer Ausgabe der &bdquo;Hessisch-Nieders&auml;chsischen Allgemeine&ldquo; (HNA). Es handelt sich um Beitr&auml;ge zu einer gro&szlig;angelegten Spendenkampagne mit dem Titel &bdquo;Aktion Advent&ldquo;.<\/p><p><strong>Eine Hilfsaktion mit menschlichem Antlitz&hellip;<\/strong><\/p><p>Zuallererst ist festzustellen: die betreffende Redakteurin schreibt aus sp&uuml;rbarem Mitleid heraus, auch T&ouml;ne der Herablassung fehlen, sogar das sonst nicht selten anzutreffende Verkitschungsvokabular gibt es in diesen Berichten nicht. Nein, gegen diese Art freiwilliger Caritas ist in <em>menschlicher<\/em> Hinsicht nichts einzuwenden. Und au&szlig;erdem gilt: tats&auml;chlich ist in Deutschland zur Adventszeit die Spendenfreude sehr gro&szlig;. Was da gespendet wird, an Geldbetr&auml;gen oder Gegenst&auml;nden, an Kinderspielzeug und Kleidung, an Esswaren und S&uuml;&szlig;igkeiten, das kommt bei den Hilfsbed&uuml;rftigen zumeist auch an &ndash; im doppelten Wortsinn (lassen wir mal die Frage beiseite-  nicht ganz unwichtig! -, wer den Kreis der Menschen ausgew&auml;hlt hat, die Hilfe erhalten, nach welchen Kriterien das geschah, welche Zuf&auml;lligkeiten also im Spiel sind und welche Willk&uuml;r da regiert!).<\/p><p><strong>&hellip;und was dahinter steckt<\/strong><\/p><p>Mich besch&auml;ftigt bei diesen Aktionen und Berichten etwas ganz anderes, und um dieses erl&auml;utern zu k&ouml;nnen, mu&szlig; ich einen kleinen Umweg machen.<\/p><p><em>Feststellung eins:<\/em> wieder und wieder schimmert in diesen Berichten eine b&ouml;se Wahrheit durch. Diese Menschen, denen da geholfen werden soll, sind hilfsbed&uuml;rftig und arm, diese Menschen sind auf Mitleid und &ndash; leider einmalige oder kurzzeitige &ndash; Adventsalmosen angewiesen, weil ihnen im &uuml;brigen, &uuml;bers ganze sonstige Jahr hinweg, systematisch nicht geholfen wird! Diese Weihnachtshilfen gleichen Eintagsfliegen, diese Hilfen sind erforderlich, nicht, weil diese hilfsbed&uuml;rftigen Menschen versagt h&auml;tten (wer kann was f&uuml;r seinen Klumpfu&szlig;, f&uuml;r seine schwere Erkrankung, f&uuml;r seine Arbeitslosigkeit, in die ihn beispielsweise eine Unternehmenspleite &ndash; siehe Schlecker! &ndash; gebracht hat), nein, diese Hilfen sind erforderlich, weil der Sozialstaat ihnen gegen&uuml;ber versagt. Mitleidsvolle Menschen helfen, in diesem Fall sporadisch jedenfalls, weil unser Staat diesen Bed&uuml;rftigen gegen&uuml;ber allt&auml;glich Unbarmherzigkeit exekutiert. Und dieses, diese Eisek&auml;lte eines kaputtreglementierten Sozialstaates, wird nicht beseitigt von der humanen W&auml;rme einiger weniger Wochen vor dem Weihnachtsfest! Eine Wahrheit, ein Zusammenhang, der allerdings  nirgendwo in diesen menschenfreundlichen Zeitungsberichten ausgesprochen wird.<\/p><p>Und <em>Feststellung Nummer zwei<\/em>, eng im Zusammenhang mit der ersten Feststellung zu verstehen: trotz der Tatsache, dass hin und wieder in diesen HNA-Berichten das Wort &bdquo;Hartz-IV&ldquo; auftaucht und damit doch eigentlich eine unverkennbar gesellschaftliche Verursachung dieses Elends und Ungl&uuml;cks beim Namen genannt wird, trotz dieser Tatsache wird aus diesen <em>politischen<\/em> Signalbegriffen wie &bdquo;Hartz-IV&ldquo;, &bdquo;Rente&ldquo;, &bdquo;staatliche Hilfe&ldquo;  ein Undeutlichkeits- und Nebelwortgewabere mit dem Aussagecharakter &bdquo;Schicksalsschlag&ldquo;. Was <em>politisch<\/em> verursacht ist, wird irgendwo im Jenseits der Gesellschaft plaziert; die menschengemachte Kausalit&auml;t, die f&uuml;r diese Notsituationen verantwortlich ist, bleibt irgendwie im Dunkeln. Das Ungl&uuml;ck der Menschen, das da geschildert wird, ruft eher die Reaktion &bdquo;Die haben halt Pech gehabt&ldquo; hervor, nicht aber Kritik an der staatlich-verursachten Verelendungspolitik, es wird umgeschrieben zu einem <em>Lebensrisiko<\/em> schlechthin, f&uuml;r das niemand und nichts etwas kann. Kurz: so ist es halt, derlei Elend geh&ouml;rt eben zum menschlichen Leben dazu!<\/p><p>Und wie stellen die erw&auml;hnten ehrenwert-mitleidsvollen Berichte diesen Eindruck her? Wie sorgen diese Zeitungsartikel daf&uuml;r, da&szlig; all das geschilderte Elend im Begriffsnetz vorpolitischer Schicksalbegriffe h&auml;ngenbleibt und nirgendwo ernsthaft-ernstnehmend die politisch-verursachte  Dimenion dieses furchbaren Elends zur Sprache kommt?<\/p><p><strong>Alles nur Schicksal&hellip;<\/strong><\/p><p>Nach meinem Eindruck kann man zwei Varianten dieser Entpolitisierungsschreibe unterscheiden: die eine Variante hat mit dem <em>erz&auml;hlerischen<\/em> Charakter dieser Berichte zu tun, die andere mit diesem <em>schicksalshaften Gegebenheitston<\/em> &ndash; ja, oft mu&szlig; man sogar sagen, mit diesem <em>schicksalshaften Ergebenheitston<\/em>. Zun&auml;chst zur Variante eins und damit zu einer kleinen Auswahl von Textbeispielen:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Auch im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung gibt es Menschen, die unverschuldet, oft aus Krankheitsgr&uuml;nden, in gro&szlig;e existentielle Not geraten.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>So beginnt die Northeimer HNA-Ausgabe am 8. Dezember ihren Bericht &uuml;ber &bdquo;behinderte und einsame&ldquo; Menschen, und die Autorin f&auml;hrt fort: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;So geht es auch Klaus A. Der 45-j&auml;hrige leidet unter Verfolgungswahn und einer Schizophrenie. Er ist arbeitsunf&auml;hig, erh&auml;lt eine kleine Rente und erg&auml;nzende Hilfe zum Lebensunterhalt. Er w&uuml;rde sich von seinem wenigen Geld gern in einem Second-Hand-Laden einkleiden. Da er jedoch sehr gro&szlig; und kr&auml;ftig ist und zudem auch gro&szlig;e F&uuml;&szlig;e hat, bekommt er weder gebrauchte Winterkleidung noch vern&uuml;nftige Schuhe.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Wir lesen mithin: Verfolgungswahn und kleine Rente, Schizophrenie und erg&auml;nzende Hilfe, dazu &Uuml;bergr&ouml;&szlig;e und Arbeitsunf&auml;higkeit haben den Betreffenden in eine Notsituation gebracht. Angeborene Leiden und &Uuml;bergr&ouml;&szlig;e sowie das Versagen des Staates &ndash; hier als &bdquo;Rente und erg&auml;nzende Hilfe&ldquo; tituliert &ndash; verursachen jene Hilfsbed&uuml;rftigkeit, der die HNA mit ein wenig Adventshilfe abhelfen will (vergegenw&auml;rtigen wir uns: mehr als <em>Kurzzeitentlastung<\/em> w&auml;re dieses nat&uuml;rlich nicht). Meine Frage nun:<\/p><p><strong>&hellip;und wie man diesen Eindruck vermittelt<\/strong><\/p><p>T&auml;uscht mein Eindruck, da&szlig; in dieser Aneinanderreihung der Fakten auch das Staatsversagen (=  die &bdquo;kleine Rente&ldquo;, die &bdquo;erg&auml;nzende Hilfe&ldquo;!) gleichen Realit&auml;tscharakter zugesprochen bekommt wie die angeborenen Behinderungen? T&auml;uscht mein Eindruck, da&szlig; dank dieser erz&auml;hlerischen Reihung alles zur selben Sorte von Ungl&uuml;cksfaktoren wird, zur selben Art von unabwendbaren, gleichsam naturverursachten, Schicksalsverkettungen? Stehen wir nicht vor einer Einebnungstendenz aller Ungl&uuml;cksursachen gegen&uuml;ber? Und h&ouml;rt sich das bei der Darstellung des &bdquo;Falles&ldquo; Konrad F. nicht ganz genauso an?<\/p><blockquote><p><em> &bdquo;Konrad F. hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich &lt;&hellip;&gt; Durch die lange Krankheit und mangelnde Anstellungsm&ouml;glichkeiten muss er mit einer kleinen Rente auskommen. Es fehlt oft am N&ouml;tigsten.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Werden nicht auch mithilfe dieser Aufz&auml;hlung von Selbstmordversuchen und langer Krankheit, von mangelnden Anstellungsm&ouml;glichkeiten und kleiner Rente die beiden letztgenannten Elendsursachen gleichsam &bdquo;mitnaturalisiert&ldquo;? Die Verkn&uuml;pfung dieser v&ouml;llig verschiedenen Faktoren macht aus allem im Grunde dieselbe Verursachungskategorie: es ist das manchmal halt b&ouml;s zuschlagende Leben <em>schlechthin<\/em>. Weil die &bdquo;kleine Rente&ldquo; unkritisiert bleibt, bekommt sie denselben Status zuerkannt wie die &bdquo;lange Krankheit&ldquo;: man kann halt nix dagegen machen&hellip;<\/p><p>Am 15. Dezember sind es in der HNA dann ein Hausbrand und ein Klumpfu&szlig;, die in schicksalshafter Addition mit unzureichender Lebenshilfe durch den Staat die betreffenden Menschen ins Ungl&uuml;ck gest&uuml;rzt haben und im Ungl&uuml;ck belassen. Und am 13. Dezember werden auf diese Weise die &bdquo;Schwerstbehinderung&ldquo; eines Kindes, die &bdquo;psychische Erkrankung&ldquo; einer Hedda D. sowie posttraumatische Belastungsst&ouml;rungen einer Emigrantenfamilie aus dem Kosovo mit fehlender Unterst&uuml;tzung seitens des Staates (letzteres, diese klaren Worte, finden sich so &sbquo;selbstverst&auml;ndlich&rsquo; in diesem Artikel nicht!) auf einen Nenner gebracht. Der Hinweis darauf, da&szlig; die betroffenen Hilfsbed&uuml;rftigen  ein dringend ben&ouml;tigtes Auto nicht reparieren lassen k&ouml;nnen und auch der Austausch des alten Herdes gegen einen neuen Herd nicht m&ouml;glich ist, das verdankt sich halt der Kette dieser b&ouml;sen Lebensumst&auml;nde, die alle irgendwie gleich schicksalshaft sind. Und dies, obwohl in demselben HNA-Artikel zur Erforderlichkeit des neuen Herdes zu lesen ist: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Ein Antrag auf ein Darlehen &lt;&hellip;&gt;  beim Jobcenter w&uuml;rde monatliche R&uuml;ckzahlungen bedeuten, die die Familie derzeit absolut nicht leisten k&ouml;nnen&hellip;&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die Schlussfolgerung der Zeitung daraus? &ndash;  Nein, nicht Kritik an staatlicher Hilfe, die <em>wirkliche<\/em> Hilfe nicht ist, sondern &ndash; wir wissen es bereits &ndash; Willk&uuml;rhilfe durch die AKTION ADVENT bzw. eine dementsprechende Almosenbitte an alle LeserInnen der HNA. Der Ausweg aus diesen Notsituationen gleicht einem Lotteriegewinn und verdankt sich dem Zufall, da&szlig; die liebensw&uuml;rdige Redakteurin irgendwie und irgendwann auf diese Menschen aufmerksam geworden ist. Auf andere allerdings nicht&hellip;<\/p><p>Das bedeutet: die Beschreibung der Hilfsbed&uuml;rftigkeit mit all ihren Einzelheiten stellt sich vor die politisch-gesellschaftlichen Gr&uuml;nde dieser Hilfsbed&uuml;rftigkeit. Diese Hilfsbed&uuml;rftigkeit scheint so etwas wie ein Wetterph&auml;nomen zu sein: man kann halt nichts daf&uuml;r, man kann halt nichts dagegen machen, egal, ob es regnet oder st&uuml;rmt, hagelt oder schneit. Man k&ouml;nnte es &ndash; in der Adventszeit so unpassend nicht &ndash; die &bdquo;Verjenseitigung&ldquo; der Elendsursachen nennen. Auf der Welt selber hat keiner was mit der Not dieser Menschen zu tun, keine Partei, keine Regierung, keine &bdquo;Agenda 2010&ldquo;. Zwischenfazit also:<\/p><p>Die Aneinanderreihung von Ungl&uuml;cksgr&uuml;nden, die keinen Unterschied macht zwischen <em>natur<\/em>verursachten und <em>politik<\/em>verursachten Problemen, f&uuml;hrt zu einer Art <em>Gleichmacherei<\/em> all dieser Gr&uuml;nde, und dieses ist deswegen so, weil die <em>politik<\/em>verursachten Gr&uuml;nde als ebenso <em>gegeben<\/em> aufgez&auml;hlt werden wie die <em>natur<\/em>verursachten Gr&uuml;nde. Erstens. Und zweitens: dieser Eindruck entsteht, weil die <em>politik<\/em>verursachten Gr&uuml;nde v&ouml;llig unkritisiert bleiben, ganz so, als ob es ebenfalls <em>Natur<\/em>ursachen w&auml;ren. Es gibt insofern keinen Unterschied zwischen kleiner Rente und Klumpfu&szlig;, zwischen Schizophrenie und Hartz-IV, es gibt diesen Unterscheid nicht, weil diese Art der Lebensdarstellungen zwischen beiden keinen Unterschied <em>macht<\/em>. Beides wird auf dieselbe Weise <em>widerspruchslos hingenommen<\/em>.<\/p><p><strong>Alles Ungl&uuml;ck stellt sich selber her&hellip;<\/strong><\/p><p>Und die zweite Variante dieser entpolitisierenden &bdquo;Verjenseitigungssprache&ldquo; bringt sogar ganz ausdr&uuml;cklich diesen Sachverhalt auf den Punkt bzw. macht endg&uuml;ltig aus politisch-gesellschaftlich verursachtem Leid ein Irgendetwas, das sich der Einflussnahme der Menschen entzieht  und mit konkretem Versagen von Politik und Gesellschaft nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Ich spreche von der &Uuml;berschrift zum Adventshilfe-Artikel vom 8. Dezember. Da hei&szlig;t es in gro&szlig;em Fettdruck: &bdquo;Vom Leben gebeutelt&ldquo;. Bedeutet: es ist &bdquo;das Leben&ldquo; selbst, das Ursache all der geschilderten Elendsverh&auml;ltnisse ist, es ist das Leben, das sich selber beutelt. Ein klassisches Beispiel f&uuml;r einen Zirkelschlu&szlig;. Und ich gebe zu: es hat mich an Onkel Br&auml;sigs Ausspruch aus Fritz Reuters &bdquo;Ut min Stromtid&ldquo; erinnert: &bdquo;Die Armut kommt von der poverte.&ldquo; (= aus frz. &bdquo;povert&eacute;&ldquo;= Armut). All das Elend ist also Schicksal &ndash; siehe oben! &ndash; oder <em>hat sich im Grunde selber erzeugt<\/em>. Mit gleichem Recht k&ouml;nnte man sagen (die &sbquo;Logik&rsquo; w&auml;re von derselben Art): der Hausbrand, &uuml;ber den am 15. Dezember die HNA berichtet, in seinem Artikel &uuml;ber das Schicksal der beiden Familien Claudio U. und Ramona J., dieser Hausbrand war vom Feuer verursacht worden, und der Schneefall, der in diesen Minuten drau&szlig;en vorm Fenster herniedergeht, kommt von den Flocken. Wiederum also:<\/p><p>Irgendeine politisch-gesellschaftliche Verursachung existiert bei all den geschilderten Notf&auml;llen nicht. Weshalb es dann auch am 1. Dezember in der HNA hei&szlig;en kann, dort auffindbar als Unterzeile zur &Uuml;berschrift &bdquo;Viertes Kind kommt&ldquo;: &bdquo;Geburtstage im Advent belasten das Budget&ldquo;. Ergo: es sind die Geburtstage zweier Kinder in der Weihnachtszeit, die f&uuml;r Existenznot sorgen, nicht aber die Hartz-IV-Gesetze, in deren Regels&auml;tze <em>kein einziger Euro oder Cent f&uuml;r Geschenke eingeplant worden ist<\/em>. Die Tatsache, geboren worden zu sein &ndash; eine Kausalattrappe also! -, ist Elendsursache, nicht die Tatsache, da&szlig; der sogenannte &bdquo;Sozialstaat&ldquo; den Kindern aus Hartz-IV-Familien nichtmal mehr Geburtstagsgeschenke g&ouml;nnt. Kurz:<\/p><p><strong>&hellip;und schickt die wahren Ungl&uuml;cksursachen ins Nirgendwo<\/strong><\/p><p>Die &sbquo;Kausalangaben&rsquo; &bdquo;Leben&ldquo; und &bdquo;Geburtstage&ldquo; schicken die politisch-gesellschaftlichen Ursachen ins Nirgendwo, in die <em>Anonymit&auml;t<\/em>, und diese <em>Anonymisierung<\/em> der Ungl&uuml;cksgr&uuml;nde leistet dasselbe wie der oben beschriebene <em>Existenzialisierungstrick<\/em> (= &bdquo;&hellip;ist halt naturgegebenes Schicksal!&ldquo;). Irgendeine Unbekannte ist Schuld an dem Ungl&uuml;ck der betroffenen Menschen, nicht aber eine ganz bestimmte Politik, n&auml;mlich die Politik der systematischen Sozialstaatsvernichtung. In dieser Art von mitleidsvoller Berichterstattung &uuml;ber die Not und das Elend der betroffenen Menschen existiert nur das <em>Verursachte<\/em> noch &ndash; das erbarmungsw&uuml;rdige Leid -, ein <em>Verursacher<\/em> dieses Ungl&uuml;cks wird nicht benannt. Die politische Untat, die hinter allem steckt, kennt diesen Berichten zufolge keinen T&auml;ter. Tats&auml;chlich, es ist, als konstatiere man ein Verbrechen, aber stellte dabei gleichzeitig fest: es gibt keinen Verbrecher. Werden wir auf diese Weise also konfrontiert mit der Feigheit einer Zeitungsredaktion?<\/p><p>Weihnachten, dieses Fest der Liebe mit seiner frohgestimmten Vorbereitungszeit des Advents, deckt also in dieser Berichterstattung und mithilfe dieser Hilfskampagne jedwede politische Verursachung &ndash; buchst&auml;blich! &ndash; <em>mit dem Mantel der N&auml;chstenliebe<\/em> zu, eine Politik, die Tag f&uuml;r Tag gegen die Gebote der N&auml;chstenliebe verst&ouml;&szlig;t.<\/p><p><strong>Fazit: zwielichtiger Weihnachtsglanz<\/strong><\/p><p>Unsere Gesellschaft ben&ouml;tigt die geschilderte Almoserei und Caritas, weil die Bundesrepublik kein wirklicher Sozialstaat mehr ist. Was als Hilfe und Hilfsbereitschaft imponiert, weist zur&uuml;ck auf eine mittlerweile rundum verrohte Politik. Bestenfalls um Symptomlinderungen geht es hier, nicht um Kausaltherapie. In all diesen Mitleidss&auml;tzen wurde die politische Duldungsstarre gleich mitformuliert, diese caritative Hilfsbereitschaft ist gleichzeitig Ausdruck eines politischen Hilfeboykotts.<\/p><p>Ein Staat, der Menschen daf&uuml;r b&uuml;&szlig;en l&auml;sst, da&szlig; sie einen Klumpfu&szlig; haben oder Opfer eines Wohnungsbrands wurden, ist kein Sozialstaat mehr. Und eine Zeitung, die das nicht kritisiert, stellt sich nicht &ndash; wie es <em>scheint!<\/em> &ndash; auf die Seite der Opfer, sondern vor den Staat, der diese Menschen zu Opfern macht. Nat&uuml;rlich: viel Hingabe, Einf&uuml;hlung und Mitleid mag in diese Artikel und Hilfsaktionen mit eingegangen sein, nicht zu verkennen ist die christliche Tradition der N&auml;chstenliebe, die solche Aktionen in Gang gebracht haben k&ouml;nnte, nicht zu untersch&auml;tzen die individuelle Wohlt&auml;tigkeit vieler Menschen, die bei AKTION ADVENT sich realisieren d&uuml;rfte, aber das poltisch-humane Versagen dieser Art von Hilfsaktionen ist ebenso deutlich. Es handelt sich um Adventsbeschwichtigung, nicht um gelebte Solidarit&auml;t. <\/p><p>Mich erinnert diese zwielichtige Zwiegesichtigkeit an den Schlu&szlig;dialog in Brechts Theaterst&uuml;ck &bdquo;Galileo Galilei&ldquo;, hier leicht abgewandelt f&uuml;r unser &sbquo;weihnachtliches&rsquo; Problem:<\/p><p>Gro&szlig;artig das Land, das solche Hilfsbereitschaft kennt! Schande &uuml;ber ein Land, das solche Hilfsbereitschaft braucht!<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15529#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Holdger Platta (68), Wissenschaftsjournalist, ver&ouml;ffentlicht seit 2005 Analysen zu &bdquo;Hartz IV&ldquo; im Internet. In diesem Fr&uuml;hjahr brachte er mit Rudolph Bauer\/Uni Bremen das Buch heraus: &bdquo;Kaltes Land. Gegen die Verrohung der Bundesrepublik. F&uuml;r eine humane Demokratie&ldquo;, mit Beitr&auml;gen unter anderem von St&eacute;phane Hessel, Friedhelm Hengsbach und Christoph Butterwegge.<\/p>\n<\/div><p><img src='http:\/\/vgo7.met.vgwort.de\/na\/4264b4d2815648039deefb4b4bea588\"' width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Spendenkampagne einer gro&szlig;en Tageszeitung in diesen Weihnachtswochen<br \/> Ganz gro&szlig;artig, k&ouml;nnte man sagen: in vielen Tageszeitungen der Bundesrepublik laufen derzeit Hilfsaktionen f&uuml;r Arme und Arbeitslose, f&uuml;r alte und erkrankte Menschen. Weihnachtszeit, das bedeutet: Deutschland hilft, auch durch ganze Artikelserien in ihren Regionalbl&auml;ttern. 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