{"id":155632,"date":"2026-09-02T10:00:53","date_gmt":"2026-09-02T08:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155632"},"modified":"2026-09-02T09:59:46","modified_gmt":"2026-09-02T07:59:46","slug":"wir-muessen-mehr-ambiguitaetstoleranz-wagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155632","title":{"rendered":"Wir m\u00fcssen mehr Ambiguit\u00e4tstoleranz wagen!"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Kremlnah&ldquo;, &bdquo;rechtsoffen&ldquo;, &bdquo;Desinformation&ldquo;, &bdquo;Verschw&ouml;rungserz&auml;hlungen&ldquo; &ndash; die radikale Mitte verteilt mal wieder ihre Stempel und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155611\">die <em>NachDenkSeiten<\/em> sind mal wieder die Zielscheibe<\/a>. Freunde werden Campact und die <em>NachDenkSeiten<\/em> in diesem Leben wohl nicht mehr. Warum auch? Leider ist Campact aber durchaus repr&auml;sentativ f&uuml;r die Debatten-Unkultur des Mainstreams &ndash; &bdquo;Wir haben recht und wer uns widerspricht, kriegt einen Stempel verpasst&ldquo;. Der Wettstreit der Ideen, der eine moderne, aufgekl&auml;rte und demokratische Gesellschaft eigentlich ausmachen sollte, ist nicht mehr gefragt. Ist es nicht bittere Ironie, dass gerade diejenigen, die sich selbst als aufkl&auml;rerisches Bollwerk der Demokratie gegen den Autoritarismus verstehen, sich mit autorit&auml;ren Mitteln vor jeglicher inhaltlichen Debatte abschotten? Dabei g&auml;be es sogar eine L&ouml;sung und die tr&auml;gt das schaurig-sch&ouml;ne Wort &bdquo;Ambiguit&auml;tstoleranz&ldquo;. Und was f&uuml;r Campact gilt, gilt f&uuml;r die Gesellschaft als Ganzes. Wir m&uuml;ssen mehr Ambiguit&auml;tstoleranz wagen, sonst wird das nichts mehr mit unserer sch&ouml;nen Demokratie. Ein Essay von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs gibt Begriffe, die klingen zun&auml;chst einmal nach einem Seminar f&uuml;r angehende Psychotherapeuten und beschreiben doch ziemlich genau, woran unsere politische Debatte derzeit krankt. &bdquo;Ambiguit&auml;tstoleranz&ldquo; ist so ein Begriff. Gemeint ist damit die F&auml;higkeit, Mehrdeutigkeit, Widerspr&uuml;che und Unsicherheiten auszuhalten, ohne sofort in einfache Erkl&auml;rungsmuster zu fl&uuml;chten. Wer diese Widerspr&uuml;che toleriert, akzeptiert, dass die Welt komplex ist. Dass zwei einander widersprechende Aussagen gleichzeitig einen wahren Kern enthalten k&ouml;nnen. Dass ein politischer Konflikt verschiedene Ursachen hat. Dass es nicht immer nur Gut und B&ouml;se, T&auml;ter und Opfer, Freund und Feind gibt.<\/p><p>Wie komplex die Welt ist, zeigen die Debatten der letzten Jahre. Egal ob es um die Coronama&szlig;nahmen, den Ukrainekrieg oder den Umgang mit der AfD geht &ndash; komplexe Themen mit vielen Graut&ouml;nen, Mehrdeutigkeiten und Widerspr&uuml;chen, die jedoch in der medialen und politischen Debatte erstaunlich unterkomplex diskutiert werden. Hier ist sie, die fehlende Ambiguit&auml;tstoleranz. Wer die Coronama&szlig;nahmen kritisierte, wurde von Politik und Medien reflexartig als &bdquo;Coronaleugner&ldquo; abgestempelt. Wer die Mitschuld der NATO an der Eskalation der Ukrainekrise auch nur andeutet, ist sofort &bdquo;kremlnah&ldquo;. Und wer in der AfD und ihren W&auml;hlern etwas anderes als nur tumbe Nazis sieht, die die Demokratie abschaffen wollen, bekommt den Stempel &bdquo;rechtsoffen&ldquo;. Man geht jeglicher Debatte aus dem Weg, will Mehrdeutigkeiten und Widerspr&uuml;che gar nicht erst wahrnehmen und fl&uuml;chtet sich stattdessen in Etikettierungen, die das Leben leichter machen.<\/p><p>Es ist nicht mehr von Bedeutung, was gesagt wird, sondern nur noch, von wem es gesagt wird. Die Stempelmaschine ist gut ge&ouml;lt und wer das Falsche fragt, bekommt einen Stempel aufgedr&uuml;ckt, so dass jeder da drau&szlig;en wei&szlig;, dass er sich die Argumente gar nicht erst anh&ouml;ren muss. Euphemistisch wird das dann &bdquo;Einordnung&ldquo; genannt. Bei n&auml;herer Betrachtung ist es jedoch Ambiguit&auml;tsintoleranz &ndash; die Verweigerung einer Debatte inhaltlich komplexer Themen mittels Etikettierungen.<\/p><p>Diese Entwicklung ist &uuml;brigens in Deutschland vergleichsweise neu. Ich kann mich beispielsweise nicht daran erinnern, dass der einordnende Mainstream Kritiker des Irakkriegs als &bdquo;bagdad-nah&ldquo; bezeichnet h&auml;tte, und wer damals den US-Krieg in Vietnam kritisiert hat, wurde auch nicht als &bdquo;Hanoi-Versteher&ldquo; vom Diskurs ausgeschlossen. Sicher war fr&uuml;her nicht alles besser, aber wer sich heute einmal die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49498\">alten Ausgaben der Tagesschau<\/a> zu den Demonstrationen der Friedensbewegung anschaut, dem muss es wie Schuppen von den Augen fallen, in welche Richtung sich der &ouml;ffentliche Diskurs bewegt hat und wie unf&auml;hig der Mainstream geworden ist, Widerspr&uuml;che auszuhalten.<\/p><p>Eigentlich sollte man ja meinen, eine moderne, aufgekl&auml;rte und demokratische Gesellschaft m&uuml;sse &uuml;ber ein besonders hohes Ma&szlig; an Ambiguit&auml;tstoleranz verf&uuml;gen. Schlie&szlig;lich ist die Demokratie ihrem Wesen nach auf Mehrdeutigkeit angewiesen. Sie lebt vom Streit, von unterschiedlichen Interessen, Erfahrungen und Bewertungen. Helmut Schmidt pr&auml;gte einst den sch&ouml;nen Satz: &bdquo;Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine&ldquo;.<\/p><p>G&auml;be es auf jede politische Frage nur eine einzige richtige Antwort, br&auml;uchte man keine Parlamente, keine Debatten und streng genommen auch keine Wahlen. Dann k&ouml;nnte man die Politik gleich einer Kommission vermeintlich unfehlbarer Experten &uuml;bertragen. Und genau so f&uuml;hlen sich die Leitartikel heutiger Zeitungen oder zeitgen&ouml;ssische Talkshows ja auch an. Und wer es wagt, dieser Konsensso&szlig;e zu widersprechen, wird von H&uuml;tern der Debattenverweigerung wie Campact als &bdquo;Emp&ouml;rungsmedium&ldquo; gestempelt und wegdiskurspoliziert.<\/p><p>Der Begriff &bdquo;Ambiguit&auml;tstoleranz&ldquo; stammt &uuml;brigens von Else Frenkel-Brunswik, einer &ouml;sterreichisch-amerikanischen Psychologin, die 1949 gemeinsam mit Theodor W. Adorno an der Studie zur &bdquo;Autorit&auml;ren Pers&ouml;nlichkeit&rdquo; arbeitete. Es ging in der Arbeit &ndash; Sie ahnen es sicher bereits &ndash; auch darum, die Lehren aus dem Nationalsozialismus zu verarbeiten und zu verstehen, wie eine &uuml;berlebensf&auml;hige stabile Demokratie funktionieren kann.<\/p><p>Und damit keine Missverst&auml;ndnisse aufkommen &ndash; auch einigen &bdquo;alternativen Medien&ldquo; t&auml;te es manchmal ganz gut, ein wenig mehr Ambiguit&auml;tstoleranz walten zu lassen. So ist es selbstverst&auml;ndlich legitim, dass beispielsweise die Macher von Campact ihre pers&ouml;nliche Meinung haben und sie vertreten. Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Nur wer bereits ahnt, im Wettstreit der Ideen, Positionen und Meinungen zu unterliegen, verschlie&szlig;t sich der Debatte. Die <em>NachDenkSeiten<\/em> sind bereit, diesen Wettstreit inhaltlich zu f&uuml;hren. F&uuml;r Campact und Co. gilt das leider nicht.<\/p><p><small>Titelbild: ChatGPT, mit k&uuml;nstlicher Intelligenz erstellt.<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/f48aad4009d740c1a62232a3d0873300\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Kremlnah&ldquo;, &bdquo;rechtsoffen&ldquo;, &bdquo;Desinformation&ldquo;, &bdquo;Verschw&ouml;rungserz&auml;hlungen&ldquo; &ndash; die radikale Mitte verteilt mal wieder ihre Stempel und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155611\">die <em>NachDenkSeiten<\/em> sind mal wieder die Zielscheibe<\/a>. Freunde werden Campact und die <em>NachDenkSeiten<\/em> in diesem Leben wohl nicht mehr. Warum auch? 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