{"id":155798,"date":"2026-09-04T13:00:25","date_gmt":"2026-09-04T11:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155798"},"modified":"2026-09-04T14:07:14","modified_gmt":"2026-09-04T12:07:14","slug":"serie-zu-den-sozial-reformen-folge-ii-rente-nach-kassenlage-wuerde-nach-vermoegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155798","title":{"rendered":"Serie zu den Sozial-\u201eReformen\u201c &#8211; Folge II: Rente nach Kassenlage, W\u00fcrde nach Verm\u00f6gen"},"content":{"rendered":"<p>Wie soziale Sicherheit im Alter zum Klassenprivileg wird: Die einzelnen Ma&szlig;nahmen der Renten-&bdquo;Reform&ldquo; verbinden sich zu einem Instrument gegen einen Gro&szlig;teil der &auml;rmeren H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung. Die Verantwortung f&uuml;r Risiken aus geringer Entlohnung, f&uuml;r Krankheit und Sorgearbeit, f&uuml;r Arbeitslosigkeit und sogar f&uuml;r die Kapitalmarktentwicklung werden immer st&auml;rker auf den Einzelnen abgew&auml;lzt. Die Politik macht aus gesamtgesellschaftlich zu verantwortenden Armutsrisiken eine individuelle Schuld. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Ausgew&auml;hlte Artikel auf den NachDenkSeiten zum Thema Rente:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145846\">Alle Jahre wieder gehen die Rentenreform-St&uuml;mper ans Werk<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152310\">Verantwortlich f&uuml;r die niedrigen Renten in Deutschland ist die Politik und nicht die Demographie &ndash; Teil 1<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148158\">&sbquo;Alter, was ist eigentlich gerecht!&lsquo; &ndash; Die Jungen und ihr finanzielles &sbquo;Nichts&lsquo; (1\/4)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146603\">Rentenreform ist &uuml;berf&auml;llig &ndash; aus Erfahrungen Orientierung gewinnen<\/a>\n<\/p><\/div><p>Die Bundesregierung hat die n&auml;chste gro&szlig;e Reform der Alterssicherung nach den bereits beschlossenen &Auml;nderungen bei gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge auf den Weg gebracht. Das deutsche Rentensystem soll grundlegend neu geordnet werden und die Empfehlungen der Anfang 2026 eingesetzten Alterssicherungskommission sollen weitgehend in ein Gesetzespaket &uuml;berf&uuml;hrt werden, das bis Ende 2026 den Bundestag passieren soll. Kern ist neben der Heraufsetzung des Renteneintrittsalters eine verpflichtende, kapitalgedeckte Zusatzrente. <\/p><p>Begr&uuml;ndet wird der Umbau mit dem demografischen Wandel, der langfristigen Finanzierbarkeit der Rente und dem Ziel, die Beitr&auml;ge zu stabilisieren und das Alterseinkommen zu sichern. Was daraus f&uuml;r Besch&auml;ftigte, Rentner und insbesondere f&uuml;r Menschen mit niedrigen Einkommen folgt, ist allerdings eine Frage, die sich nicht mit dem Verweis auf &bdquo;Demografie und Mathematik&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] rechtfertigen l&auml;sst. <\/p><p><strong>Was tats&auml;chlich verbessert wurde &ndash; und warum es dennoch nicht ausreicht<\/strong><\/p><p>Die Stabilisierung des Rentenniveaus auf 48 Prozent verhindert, dass die Renten k&uuml;nftig langsamer steigen als die L&ouml;hne, denn ohne diese Stabilisierung w&uuml;rden die Renten im Verh&auml;ltnis zu den Einkommen der Besch&auml;ftigten sinken. Armutsfest oder lebensstandardsichernd ist sie deshalb aber noch lange nicht. Die 48 Prozent beziehen sich nur auf einen Modellrentner mit realit&auml;tsfernen 45 Beitragsjahren zum Durchschnittsverdienst &ndash; nicht auf die tats&auml;chlichen Lebensl&auml;ufe von Menschen, die gering entlohnt wurden, arbeitslos waren, in Teilzeit arbeiteten oder f&uuml;r Angeh&ouml;rige sorgten. Ihre Rentenanspr&uuml;che bleiben wegen der geringeren Entgeltpunkte viel zu niedrig.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Da Rentenerh&ouml;hungen proportional auf die vorhandenen Anspr&uuml;che wirken, erhalten Menschen mit hohen Renten zugleich in Euro deutlich gr&ouml;&szlig;ere Zuw&auml;chse als Menschen mit kleinen Renten. Wer trotz der 48 Prozent Stabilisierung auf Grundsicherung angewiesen bleibt, muss au&szlig;erdem damit rechnen, dass zus&auml;tzliche Renteneink&uuml;nfte &ndash; abgesehen von gesetzlichen Freibetr&auml;gen &ndash; auf die Leistung angerechnet werden. Die 48-Prozent-Haltelinie verhindert damit vor allem ein weiteres Absinken des Sicherungsniveaus. Einen menschenw&uuml;rdigen Lebensstandard oder wirksamen Schutz vor Altersarmut garantiert sie nicht.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Die M&uuml;tterrente III verteilt Anspr&uuml;che nach Kinderzahl und Geburtsjahr des Kindes, nicht nach sozialer Bed&uuml;rftigkeit oder tats&auml;chlich entstandener Versorgungsl&uuml;cke. F&uuml;r ein vor 1992 geborenes Kind erhalten Erziehende unabh&auml;ngig von Einkommen oder Verm&ouml;gen einen zus&auml;tzlichen halben Entgeltpunkt &ndash; die wohlhabende Mutter ebenso wie die Frau mit einer kleinen Rente. <\/p><p>Besonders wenig kommt davon bei Bed&uuml;rftigen an, weil h&ouml;here Renteneink&uuml;nfte bei Grundsicherung oder Wohngeld ganz oder teilweise angerechnet werden k&ouml;nnen, soweit keine Freibetr&auml;ge greifen. Auch Frauen mit langen Erwerbsunterbrechungen werden dadurch nur kaum entsch&auml;digt, denn fehlende Beitragsjahre, Teilzeit und gering entlohnte Besch&auml;ftigung wirken &uuml;ber Jahrzehnte auf die Rentenh&ouml;he fort. Und w&auml;hrend Kindererziehungszeiten pauschal aufgewertet werden, entstehen Rentenanspr&uuml;che f&uuml;r die Pflege anderer Angeh&ouml;riger nur unter engeren gesetzlichen Voraussetzungen und abh&auml;ngig vom Umfang der Pflege.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p><strong>Wenn w&uuml;rdevolles Altern zur Klassenfrage wird<\/strong><\/p><p>Eine h&ouml;here Regelaltersgrenze ist sozial nicht neutral, sondern versch&auml;rft bestehende Klassenunterschiede. Wer sein Erwerbsleben in aufreibender T&auml;tigkeit wie Pflege, Reinigung, Produktion, Bau, Logistik oder Schichtarbeit verbringt, bezahlt das l&auml;ngere Arbeiten h&auml;ufiger mit seiner Gesundheit. Gerade diese Besch&auml;ftigten erreichen das Rentenalter oft k&ouml;rperlich und psychisch verschlissener und haben zugleich im Durchschnitt eine geringere Lebenserwartung als Menschen mit hohen Einkommen und weniger belastenden T&auml;tigkeiten. <\/p><p>Zu allem &Uuml;berfluss werden k&ouml;rperlich hart arbeitende Menschen auch noch schlechter und ungerecht entlohnt. Wer nicht bis zur h&ouml;heren Altersgrenze durchh&auml;lt, wird faktisch mit Erwerbsminderung, Arbeitslosigkeit oder dauerhaften Rentenabschl&auml;gen bestraft. Die vermeintlich gleiche Altersgrenze behandelt deshalb h&ouml;chst ungleiche Lebens- und Arbeitsbedingungen so, als w&auml;ren sie gleich. Sie verl&auml;ngert nicht einfach das Erwerbsleben &ndash; sie nimmt gerade denen die noch verbliebene gesunde Ruhestandszeit, die ihre physische Gesundheit f&uuml;r ein paar Almosen im Alter ruiniert haben. Eine pauschale Anhebung der Altersgrenze wird damit zu einer Klassenfrage.<\/p><p><strong>Zu wenig gesetzliche Rente, zu wenig Zusatzvorsorge &ndash; Altersarmut mit System<\/strong><\/p><p>Das ist kein Zufall, sondern es ist die Folge einer Politik mit christlichem Menschenbild und sozialdemokratischer Tradition, die das Armutsrisiko vom Sozialstaat auf den Einzelnen abgew&auml;lzt hat. Erst wurde die gesetzliche Rente abgesenkt, dann sollten Besch&auml;ftigte die entstandene L&uuml;cke aus demselben Lohn schlie&szlig;en, der oft schon f&uuml;r Miete, Energie und Lebensmittel kaum reicht. Wer gering entlohnt wird, kann nicht zugleich privat vorsorgen, R&uuml;cklagen bilden und Wohneigentum erwerben. Wer dagegen ein hohes Einkommen, einen tarifgebundenen Arbeitsplatz oder Verm&ouml;gen besitzt, erh&auml;lt h&auml;ufiger eine Betriebsrente, nutzt Steuervorteile und spart am Kapitalmarkt. <\/p><p>So belohnt das Drei-S&auml;ulen-Modell diejenigen, die bereits abgesichert sind, und l&auml;sst gerade jene zur&uuml;ck, die Schutz am dringendsten brauchen. Aus der Lohnungleichheit w&auml;hrend des Erwerbslebens wird im Alter versch&auml;rfte Klassenungleichheit mit der Option, in w&uuml;rdeloser Altersarmut auf den Tod zu warten. Die einen leben von mehreren Einkommensquellen, die anderen m&uuml;ssen nach Jahrzehnten der Arbeit beim Essen, Heizen, Wohnen und bei gesellschaftlicher Teilhabe sparen.<\/p><p><strong>Zwangssparen statt Kaufkraft st&auml;rken &ndash; wie Kapitaldeckung Besch&auml;ftigung und Rentenbasis schw&auml;cht<\/strong><\/p><p>Die Rente w&auml;re sicher geblieben, wenn zum jetzigen Zeitpunkt alle B&uuml;rger ausnahmslos ihre Beitr&auml;ge eingezahlt h&auml;tten. Diese Beitr&auml;ge w&uuml;rden dann weitgehend unmittelbar f&uuml;r die Renten der heutigen Rentner verwendet werden. Aber die Bundesregierung hat sich von diesem umlagefinanzierten System abgewandt und es durch ein anderes Verfahren ersetzt. Ein Verfahren, auch als Kapitaldeckungsverfahren bekannt, bei dem Rentenbeitr&auml;ge angespart, investiert und sp&auml;ter zur Finanzierung der eigenen Rente verwendet werden, folgt der egoistischen Maxime: &bdquo;Jeder ist sich selbst der N&auml;chste.&ldquo; <\/p><p>Doch in der &Uuml;bergangsphase vom rein umlagefinanzierten Rentensystem zu einem System, in dem zus&auml;tzlich Kapital f&uuml;r die Altersvorsorge angespart und am Finanzmarkt angelegt werden muss, entsteht dadurch kein zus&auml;tzliches Einkommen. Vielmehr wird verf&uuml;gbares Geld aus dem Alltag der Besch&auml;ftigten an die Finanzm&auml;rkte verschoben. Das gilt umso mehr, wenn gro&szlig;e Teile der Bev&ouml;lkerung nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, weil sie &uuml;ber eigene soziale Sicherungssysteme verf&uuml;gen. Die Folge ist: Es fehlt an Konsum &ndash; genau dort, wo Nachfrage Arbeitspl&auml;tze sichert. Nach Modellrechnungen von IMK und WSI k&ouml;nnte der geplante Beitragsanstieg in den ersten f&uuml;nf Jahren das Bruttoinlandsprodukt gegen&uuml;ber dem Basisszenario um rund einen Prozentpunkt dr&uuml;cken und mehr als 250.000 Arbeitspl&auml;tze kosten. <\/p><p>Damit setzt die Reform einen selbstzerst&ouml;rerischen Kreislauf in Gang: Weniger Konsum schw&auml;cht Betriebe, Stellenabbau und Lohndruck mindern die Beitragseinnahmen, Erwerbslosigkeit und verk&uuml;rzte Arbeitszeiten rei&szlig;en neue L&uuml;cken in die Rentenbiografien. W&auml;hrend das eingezogene Geld jahrzehntelang am Kapitalmarkt angelegt wird, tragen die Besch&auml;ftigten das &Uuml;bergangs-, Besch&auml;ftigungs- und Anlagerisiko. Aus angeblicher Vorsorge wird so eine Politik, die ihre eigene Finanzierungsgrundlage besch&auml;digt.<\/p><p><strong>Der Geburtsjahrgang entscheidet &ndash; ungleiche Renten durch den Systemwechsel<\/strong><\/p><p>Wer bereits Rente bezieht, erh&auml;lt aus dem neuen Kapitaltopf nichts. Wer nur noch wenige Jahre bis zur Rente hat, muss zwar zus&auml;tzliche Beitr&auml;ge zahlen, kann in dieser kurzen Zeit aber kaum ein nennenswertes Guthaben aufbauen. J&uuml;ngere zahlen l&auml;nger ein, doch ihre sp&auml;tere Zusatzrente h&auml;ngt davon ab, wie sich die B&ouml;rsen entwickeln. Brechen die Kurse kurz vor dem Rentenbeginn ein, f&auml;llt ihre Rente geringer aus. <\/p><p>So k&ouml;nnen zwei Menschen, die gleich lang gearbeitet und gleich viel eingezahlt haben, sp&auml;ter unterschiedlich viel Rente bekommen &ndash; nur weil sie in verschiedenen Jahren geboren wurden oder zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Rente gehen. Das ist keine gerechte Alterssicherung, sondern eine Lotterie nach Geburtsjahr und B&ouml;rsenlage.<\/p><p><strong>Liebende F&uuml;rsorge wird bestraft &ndash; Frauen verlieren mehrfach<\/strong><\/p><p>Wer Kinder betreut oder Angeh&ouml;rige pflegt, arbeitet oft jahrelang in Teilzeit, unterbricht die Erwerbsarbeit oder nimmt geringer entlohnte Stellen an. Verantwortung, Liebe und Opferbereitschaft f&uuml;r seine Angeh&ouml;rigen werden jetzt hart bestraft und die Rechnung kommt im Alter. Es fehlen Entgeltpunkte in der gesetzlichen Rente, Einzahlungen in eine Betriebsrente und das Geld f&uuml;r private Vorsorge. Auch von der Aktivrente profitieren diese Menschen seltener, weil viele nach Jahrzehnten der Doppelbelastung gesundheitlich nicht mehr weiterarbeiten k&ouml;nnen oder keinen geeigneten Arbeitsplatz haben. <\/p><p>Die M&uuml;tterrente III bringt f&uuml;r ein vor 1992 geborenes Kind lediglich rund 20 Euro zus&auml;tzlich im Monat. Das ersetzt weder jahrzehntelang verlorenen Lohn noch entgangene Aufstiegschancen und Vorsorgebeitr&auml;ge. Pflege anderer Angeh&ouml;riger bleibt zudem schlechter anerkannt. So behandelt der Staat Sorgearbeit als selbstverst&auml;ndlich, l&auml;sst aber vor allem Frauen den Preis daf&uuml;r zahlen &ndash; zuerst w&auml;hrend des Erwerbslebens und dann noch einmal mit einer niedrigeren Rente.<\/p><p><strong>Nach Miete, Energie und Lebensmitteln bleibt keine Teilhabe<\/strong><\/p><p>Eine kleine Rente zwingt alleinlebende, zur Miete wohnende Menschen nicht nur zum Sparen, sondern auch zum R&uuml;ckzug. Wer allein lebt, kann Miet-, Heiz- und Stromkosten mit niemandem teilen und jeden Monat muss zuerst die Miete bezahlt werden. Was danach &uuml;brig bleibt, entscheidet dar&uuml;ber, wie w&uuml;rdevoll Leben gestaltet werden kann. Die Busfahrt zu Freunden, der Vereinsbeitrag, ein Kinobesuch, ein Kaffee au&szlig;er Haus, ein Geschenk f&uuml;r die Enkel oder selbst ein neues Telefon werden zu Ausgaben, die gegeneinander abgewogen werden m&uuml;ssen. Erst werden Wege seltener, dann Einladungen abgesagt, schlie&szlig;lich verschwinden Kontakte. So wird Armut zur unsichtbaren Schranke und Menschen bleiben zu Hause, obwohl sie am Leben teilnehmen m&ouml;chten. <\/p><p>Es geht hier nicht um Konsum, sondern Bewegungsfreiheit, Beziehungen und die Kontrolle &uuml;ber den eigenen Alltag. Politiker, die ein Rentensystem erschaffen, in welchem es kaum f&uuml;r Wohnen und Essen reicht, erzeugt Vereinsamung und f&ouml;rdert Suizid. Schuld ist ein individuelles Versagen von Spitzenpolitikern in der Regierung und muss als sozialpolitisch menschenfeindlicher Akt gewertet werden.<\/p><p><strong>Aktivrente aus Not &ndash; prek&auml;re Arbeit statt gesicherter Ruhestand<\/strong><\/p><p>Die Aktivrente verkauft l&auml;ngeres Arbeiten als Freiheit, belohnt aber vor allem jene, die ohnehin die besten Voraussetzungen haben, wie gute Gesundheit, einen altersgerechten Arbeitsplatz und ein Einkommen, bei dem der Steuerfreibetrag seine volle Wirkung entfalten kann. Wer nach Jahrzehnten in einem k&ouml;rperlich oder psychisch belastenden Beruf nicht mehr arbeiten kann, erh&auml;lt nichts. <\/p><p>Wer dagegen wegen einer zu kleinen Rente weiterarbeiten muss, ger&auml;t leichter in ein neues Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis. Der bisherige Arbeitgeber kann ihn nach Erreichen der Regelaltersgrenze erneut ohne Sachgrund befristet einstellen, obwohl er dort schon zuvor besch&auml;ftigt war. Dann entscheidet der Betrieb immer wieder &uuml;ber Vertragsverl&auml;ngerung, Arbeitszeit und Einsatz. Wer Miete, Strom und Lebensmittel vom Lohn bezahlen muss, kann schlechte Bedingungen kaum ablehnen. <\/p><p>So wird aus angeblicher Freiwilligkeit wirtschaftlicher Zwang. Der Staat sichert nicht den w&uuml;rdevollen Ruhestand, sondern stellt Unternehmen eine leicht verf&uuml;gbare Verf&uuml;gungsmasse &auml;lterer Arbeitskr&auml;fte zur Ausbeutung bereit, bis sie in ihrer Gebrechlichkeit nutzlos geworden sind. Die Steuerf&ouml;rderung belohnt die gut abgesicherten Rentner. Die sachgrundlose Befristung schw&auml;cht jene, die auf jeden zus&auml;tzlichen Euro angewiesen sind.<\/p><p><strong>Betriebsrente ohne Leistungsversprechen &ndash; das Kapitalmarktrisiko wandert zu den Besch&auml;ftigten<\/strong><\/p><p>Bei der reinen Beitragszusage ist nur sicher, was der Arbeitgeber einzahlt &ndash; nicht, was die Besch&auml;ftigten sp&auml;ter ausgezahlt bekommen. Entwickeln sich die Kapitalanlagen schlecht, bleiben Renditen aus oder reichen die Reserven nicht, muss der Arbeitgeber die Betriebsrente nicht auf den erwarteten Betrag auff&uuml;llen. Die L&uuml;cke landet bei den Besch&auml;ftigten. Nach jahrzehntelanger Arbeit kann ihre Zusatzrente deshalb deutlich kleiner ausfallen als eingeplant. <\/p><p>Tarifliche Sicherungsbeitr&auml;ge und gemeinsame R&uuml;cklagen k&ouml;nnen Schwankungen abfedern, ersetzen aber keine feste Leistungsgarantie. Wer Wohneigentum, Ersparnisse oder ein hohes Einkommen besitzt, kann Verluste eher verkraften. Wer gering entlohnt wurde und auf jeden Euro Betriebsrente angewiesen ist, muss dagegen beim Heizen, Essen oder bei gesellschaftlicher Teilhabe sparen. So verlagert das Modell ein zentrales Unternehmensrisiko auf Menschen, die weder die B&ouml;rsenentwicklung beeinflussen noch die finanziellen Folgen auffangen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>L&ouml;hne zahlen, Verm&ouml;gen bleibt au&szlig;en vor &ndash; die Finanzierung wird nach unten verlagert<\/strong><\/p><p>Der Bund zieht sich aus der Finanzierung zur&uuml;ck und schiebt die Rechnung auf die L&ouml;hne. Fr&uuml;here pauschale K&uuml;rzungen des Bundeszuschusses sollen zur Grundlage der k&uuml;nftigen Berechnung werden. Damit wirken sie nicht nur einmal, sondern werden dauerhaft fortgeschrieben. Zugleich soll die h&ouml;here Rentenreserve aus Beitr&auml;gen aufgebaut werden, ohne dass der Bund seinen Zuschuss entsprechend erh&ouml;ht. <\/p><p>F&uuml;r eine Pflegekraft, einen Verk&auml;ufer oder eine Lagerarbeiterin bedeutet das: Bis zur Beitragsbemessungsgrenze wird nahezu jeder Euro ihres Lohns zur Finanzierung herangezogen. Wer deutlich mehr verdient, zahlt auf den dar&uuml;berliegenden Teil keinen Rentenbeitrag. Auch Unternehmensgewinne, Mieteinnahmen, Dividenden und gro&szlig;e Verm&ouml;gen bleiben au&szlig;en vor. So wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe vor allem aus Arbeit finanziert, w&auml;hrend Einkommen aus Eigentum geschont werden. Das ist keine neutrale Rechenregel, sondern eine Klassenentscheidung: Der Bund entlastet seinen Haushalt auf Kosten der Lohnabh&auml;ngigen.<\/p><p><strong>Schluss: die Privatisierung des Altersrisikos<\/strong><\/p><p>Die einzelnen Ma&szlig;nahmen verbinden sich zu einem kraftvollen Instrument gegen einen Gro&szlig;teil der &auml;rmeren H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung. Die Verantwortung f&uuml;r Risiken aus geringer Entlohnung, f&uuml;r Krankheit und Sorgearbeit, f&uuml;r Arbeitslosigkeit und sogar f&uuml;r die Kapitalmarktentwicklung werden immer st&auml;rker auf den Einzelnen abgew&auml;lzt. <\/p><p>Die Politik macht aus gesamtgesellschaftlich zu verantwortenden Armutsrisiken eine individuelle Schuld. Wer gering entlohnt wird, krank wird, Kinder erzieht, Angeh&ouml;rige pflegt oder arbeitslos wird, soll die daraus entstehenden Rentenl&uuml;cken gef&auml;lligst selbst tragen &ndash; und Mittelst&auml;ndler und Privatjetpilot Merz h&auml;lt es f&uuml;r absolut zumutbar, dass auch eine Reinigungskraft k&uuml;nftig Verluste an den Finanzm&auml;rkten verkraftet. <\/p><p>Geschont werden dagegen hohe Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze, Verm&ouml;gen, Unternehmensgewinne und Kapitaleink&uuml;nfte. Eine reiche Gesellschaft wie die unsere kann gute Renten bezahlen. Aber werden die Kosten nach Leistungsf&auml;higkeit verteilt oder werden sie erneut denen aufgeb&uuml;rdet, die schon w&auml;hrend ihres Arbeitslebens am wenigsten hatten? Altersarmut ist unter diesen Bedingungen kein Schicksal, sondern das Ergebnis einer tiefsitzenden Verachtung der Bundesregierung f&uuml;r arme und vulnerable Gruppen unserer Gesellschaft.<\/p><p><small>Titelbild: sasirin pamai \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/resource\/blob\/992814\/2429990\/5d58341f9b375a7b79437f4831c01cda\/46-1-bk-unternehmertag-data.pdf\">Bundesregierung (2026)<\/a>: <em>Bulletin Nr. 46-1 vom 9. Mai 2026: Bundeskanzler beim NRW-Unternehmertag, D&uuml;sseldorf.<\/em> Berlin: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 9. Mai 2026.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.wsi.de\/fpdf\/HBS-009409\/p_wsi_pb_98_2026.pdf\">Blank, F. (2026)<\/a>: <em>Rentenpolitik und Rentenreformen. Fakten und Argumente<\/em>. WSI Policy Brief Nr. 98. D&uuml;sseldorf: Hans-B&ouml;ckler-Stiftung.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/sgb_12\/__82a.html\">Deutsche Rentenversicherung Bund (2026)<\/a>: <em>Wie wird meine Rente berechnet?<\/em> Berlin: Deutsche Rentenversicherung Bund. Zugriff: 13. August 2026.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Deutsche Rentenversicherung Rheinland (2026): <em>Zum Internationalen Tag der Familie<\/em>. 13. Mai 2026.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie soziale Sicherheit im Alter zum Klassenprivileg wird: Die einzelnen Ma&szlig;nahmen der Renten-&bdquo;Reform&ldquo; verbinden sich zu einem Instrument gegen einen Gro&szlig;teil der &auml;rmeren H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung. Die Verantwortung f&uuml;r Risiken aus geringer Entlohnung, f&uuml;r Krankheit und Sorgearbeit, f&uuml;r Arbeitslosigkeit und sogar f&uuml;r die Kapitalmarktentwicklung werden immer st&auml;rker auf den Einzelnen abgew&auml;lzt. Die Politik macht aus<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155798\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":155799,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[39,40,146,132],"tags":[3665,635,1128,802,290,442,2778,2217,2271,288,273,301,1912,1609,218],"class_list":["post-155798","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rente","category-riester-ruerup-taeuschung-privatrente","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-aktivrente","tag-altersarmut","tag-beitragsbemessungsgrenze","tag-betriebliche-altersvorsorge","tag-binnennachfrage","tag-eigenverantwortung","tag-einsamkeit","tag-lebenserwartung","tag-muetterrente","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-privatvorsorge","tag-rentenalter","tag-rentenniveau","tag-rentenreform","tag-teilhabe"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/shutterstock_2641557453.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/155798","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=155798"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/155798\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":155820,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/155798\/revisions\/155820"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/155799"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=155798"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=155798"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=155798"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}