{"id":155821,"date":"2026-09-06T13:00:19","date_gmt":"2026-09-06T11:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155821"},"modified":"2026-09-04T19:12:51","modified_gmt":"2026-09-04T17:12:51","slug":"neues-aus-tschechien-die-entdeckung-einer-absurden-militaerischen-hinterlassenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155821","title":{"rendered":"Neues aus Tschechien: Die Entdeckung einer absurden milit\u00e4rischen Hinterlassenschaft"},"content":{"rendered":"<p>2022 unternahm ich eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87819\">Radtour durch Tschechien<\/a>, um Land und Leute besser kennenzulernen. Dieses Jahr radelte ich erneut durch das sch&ouml;ne Land, diesmal gr&ouml;&szlig;tenteils durch M&auml;hren bis hin zu dessen Hauptstadt Brno. Ich genoss im Besonderen die Fahrt &uuml;ber Land, durch liebevoll gepflegte D&ouml;rfer, vorbei an reich bestellten Feldern, durch dichte W&auml;lder. Erholung pur, mal weg von den Sorgen des Alltags, den heftigen Bedrohungen der Zeit und des Friedens. Mal keine Schlagzeilen, Nachrichten, Politik. Das alles fing mich Radler doch wieder ein. Neben einer abseits gelegenen Landstra&szlig;e sah ich inmitten dichter B&auml;ume einen alten Bau, der sich als ein Bunker aus den Jahren 1937\/38 einer aufw&auml;ndigen bizarren Verteidigungsma&szlig;nahme der damaligen Regierung herausstellte. Zigtausend Bunker wurden errichtet, um schlie&szlig;lich ohne einen Schuss in die H&auml;nde der deutschen Besatzer zu gelangen. Ein weiteres Mal zeigte sich mir damit die Sinnlosigkeit allen R&uuml;stens, die Boshaftigkeit von Eroberungen, Kriegen, das daraus folgende Leid. Der Bunker im Wald &ndash; f&uuml;r mich Mahnmal und Aufforderung: &bdquo;Nie wieder!&ldquo;. Allein h&ouml;rten es damals wie heute die Entscheidungstr&auml;ger nicht, es wurde und wird ohne Unterlass aufger&uuml;stet und eskaliert. Ein Zwischenruf von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Viele viele kleine Bunker namens &#344;op&iacute;k<\/strong><\/p><p>Die Etappe von Jind&#345;ich&#367;v Hradec (B&ouml;hmen) nach Vranov nad Dyj&iacute; (M&auml;hren), insgesamt an die hundert Kilometer, war f&uuml;r mich eine zum Genie&szlig;en, aber auch eine zum Fluchen. Lang gezogene, sanfte Abschnitte machten einerseits wirklich Laune. Wind, Sonne, Sommer, kaum Leute, die Natur, die tschechische Landschaft. Andererseits nahmen einige Anstiege auf Radwegen oder kleinen Stra&szlig;en kein Ende. Dann aber rollte ich wieder, atmete erleichtert und zufrieden durch, vorbei an rauschenden W&auml;ldern, der blaue Himmel &uuml;ber mir. Ich blickte zwischen die B&auml;ume ins satte Gr&uuml;n. Da stand es, ich hielt an: ein Etwas aus grauem Beton, teils bewachsen mit Moos. Ich lief um den kleinen, unscheinbaren Bunker herum. Nebenan stand ein Schild, auf dem davon die Rede war, dass der Bau ein &bdquo;&#344;op&iacute;k&ldquo; (Tschechisch, gesprochen Rschopik) war, ein leichtes Modell 37, eine Stahlbeton-Redoute der tschechoslowakischen Befestigungsanlagen aus den Jahren 1937 bis 1938. Der Bunker stand da, friedlich, verlassen &ndash; aber noch nutzbar, der Zugang offen, die Luken f&uuml;r die Gewehre waren intakt. Ich hielt inne und fragte: Wof&uuml;r wurde so etwas gebraucht, mitten in der Pampa im Wald so ein Bau errichtet? Ich fuhr weiter und entdeckte bis zum Tageszielort weitere &#344;op&iacute;ks.<\/p><p>Abends in Vranov nad Dyj&iacute; angekommen, ein kleiner Ort zu F&uuml;&szlig;en einer grandiosen Burg auf einem hohen Felsen, nutzte ich das Internet. Ich war einfach neugierig wegen der &bdquo;Rschopiks&ldquo;, und siehe da: Der Bunker im Wald und die anderen geh&ouml;rten zu einer irrsinnigen historischen Ma&szlig;nahme aus den 1930ern. Ich vernahm den Ausdruck &bdquo;Maginot-Linie&ldquo;, ein franz&ouml;sischer Verteidigungswall, der im Zweiten Weltkrieg schlie&szlig;lich ohne Wirkung blieb. Nach diesem Wall als Vorbild wurde in der damaligen Tschechoslowakei entlang der Grenze zum Deutschen Reich vonseiten der Milit&auml;rf&uuml;hrung die sogenannte Bene&scaron;-Linie befohlen: Geplant waren 15.463, errichtet wurden bis 1938 schlie&szlig;lich <a href=\"https:\/\/www.ropiky.cz\/clanky\/co-je-ropik\/\">9.632 Bunker<\/a>.<\/p><p>Sie sollten eine durchgehende Maschinengewehr-Linie entlang der gesamten Grenze der damaligen Tschechoslowakei bilden.<\/p><p><strong>M&uuml;nchener Abkommen<\/strong><\/p><p>Was f&uuml;r ein Aufwand &ndash; einer, der in Wahrheit umsonst war, was die Initiatoren auch wissen mussten. Die Bene&scaron;-Linie wurde nie fertiggestellt, und die Ausdehnung der Grenzen machte es unm&ouml;glich, jeden Abschnitt zu befestigen und sicher vor Umzingelung oder Durchbr&uuml;chen zu machen. Finanziert wurde das Ganze trotzdem durch staatliche Mittel und von Geldgebern aus Frankreich, erfuhr ich. Alles, um sich gegen das Deutsche Reich mittels kleiner Infanteriebunker sowie schweren Artilleriefestungen mit tiefem Unterland zu verteidigen. Ich dachte an den Wahnsinn Aufr&uuml;stung, wie intensiv Nazi-Deutschland den gro&szlig;en Krieg vorbereitete, sich in Stellung brachte, nach den Nachbarn, nach L&auml;ndern, nach Menschen griff. M&ouml;glich, dass so eine Linie vielleicht etwas war, einem Angriff f&uuml;r eine gewisse Zeit zu widerstehen. Ich sp&uuml;rte aber dennoch die Ohnmacht wie den Fanatismus der Milit&auml;rs auf allen Seiten.<\/p><p>Dann kam es schlimmer, als die Tschechoslowakei sich die Entwicklung ausmalte. Vorbei an der Tschechoslowakei beschlossen am 30. September 1938 Deutschland, das Vereinigte K&ouml;nigreich, Frankreich und Italien die Abtretung eines Teils des Landes, hier das sudetendeutsche Gebiet, an das Deutsche Reich (M&uuml;nchener Abkommen). Mehr noch, binnen zehn Tagen musste das Land &uuml;bergeben und die Bene&scaron;-Linie ger&auml;umt werden! Man folgte.<\/p><p><strong>Was Milit&auml;rplaner planen, das ist sinnlos<\/strong><\/p><p>Ich stieg wieder auf das Rad und fuhr weiter in Richtung Lednice, ein Ort mit einem wundersch&ouml;nen Schloss und einem noch sch&ouml;neren Park. Mir kam ein Satz, den ich &uuml;ber die Motivation zur Bene&scaron;-Linie las, in den Sinn: &bdquo;&hellip; bei der Auswertung der Schlachten des Ersten Weltkriegs kamen viele Milit&auml;rplaner zu dem Schluss, dass man einem zuk&uuml;nftigen Krieg mit einer starken Landesbefestigung nahe den Grenzen begegnen m&uuml;sse&ldquo;. Ich dachte sofort an zu Hause, an Deutschland, an die Eifrigkeit der heutigen Milit&auml;rplaner, derer, die sich gar nicht mehr einkriegen, sich auf zuk&uuml;nftige Kriege vorzubereiten (anstatt sie zu verhindern), indem absurde Ma&szlig;nahmen auf den Weg gebracht werden. Zu Tschechien schrieb ich schon mehrere Beitr&auml;ge f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> dar&uuml;ber, dass auch die Bellizisten in unserem Nachbarland interessiert sind, statt auf Entspannung, Diplomatie, Verst&auml;ndigung immer weiter und weiter auf Aufr&uuml;stung, Feindbildpflege und Militarisierung zu setzen.<\/p><p><strong>Gottesdienst in Brno: F&uuml;rbitten f&uuml;r ukrainische Krieger<\/strong><\/p><p>Ich erreichte Brno, die m&auml;hrische Hauptstadt. Ich erlebte einen Ort der Lebensfreude, der jungen Leute, der Hoffnung, der Unbeschwertheit eines opulenten Sommers. Ich war fasziniert von den zahlreichen Konzerten, ich schlenderte durch das historische Zentrum, vorbei auch an einem weiteren Bunker, &uuml;ber den ich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153519\">hier geschrieben hatte<\/a>. Mitten in der friedvollen Atmosph&auml;re irritierte mich der Besuch in einer Kirche. Einen Sonntagsgottesdienst erlebte ich zun&auml;chst als w&uuml;rdevolles, imposantes Fest osteurop&auml;isch-orthodoxer Gl&auml;ubiger. Doch im Kirchenschiff hingen riesige Poster, Bilder von Kriegern, Symbole der ukrainischen Asow-Brigade. Ich hatte kein gutes Gef&uuml;hl, ich erlebte, wie symbolisch Waffen gesegnet wurden, wie martialisch M&auml;nner mit langen B&auml;rten sich geradezu an der Zeremonie weideten. Weit weg von der Front beteten in Brno junge und alte Frauen, junge und alte M&auml;nner aus der Ukraine. Das Ende des Krieges schien weit weg, das Bewusstsein, dass die M&auml;nner fern von Brno im Osten an der Front k&auml;mpfen und ehrenvoll sterben, schien mir in den Gesichtern bei diesem Gottesdienst zu stehen. Haltet ein, dachte ich.<\/p><p><strong>Reiselekt&uuml;re<\/strong><\/p><p>Abends nach dem Radeln und nach den Rundg&auml;ngen in den sch&ouml;nen tschechischen Etappenziel-Orten &ouml;ffnete ich das kleine Buch, das ich mir mitgenommen hatte: &bdquo;Der schwarze Obelisk&ldquo; von Erich Maria Remarque. Tats&auml;chlich empfand ich die Lekt&uuml;re angesichts der Erlebnisse um Bunker, der Lebensfreude einer gro&szlig;en Stadt in (noch) friedlichen Zeiten und eines irritierenden Gottesdienstes so, als w&auml;re der darin auftretende Hauptdarsteller Ludwig Bodmer mein Reisebegleiter und Mahner. Ludwig versucht, seine Jugend nach der sinnlosen Kriegserfahrung nachzuholen, sich ein friedliches Leben aufzubauen, nach vorne zu schauen trotz Weltwirtschaftskrise und galoppierender Inflation. Er sagt selbstbewusst, er sei Philosoph, er pariert in Dialogen mit seinen Mitmenschen deren mitunter menschenverachtendes Ansinnen.<\/p><p>Klar benennt er Ursachen von Kriegen, die gierigen deutschen Interessen an dem Reichtum der anderen. Warum stand beim Deutschen Reich die Ukraine ganz oben auf dem Wunschzettel? Remarques Roman ist ein Feuerwerk friedlicher Gedanken und ebenso eine Sammlung des Spotts gegen&uuml;ber den Militaristen und Fanatikern. &Uuml;ber deren Uniformen schreibt er, dass man sie den Tr&auml;gern wegnehmen m&uuml;sse, dass die Faszination sofort erl&ouml;schen w&uuml;rde, die M&auml;nner ohne sie nackt dast&uuml;nden. &bdquo;Nimm ihnen die Kost&uuml;me weg, und es gibt keinen Menschen mehr, der Soldat sein will.&ldquo;<\/p><p>Ich geriet nochmal in Gedanken in die Kirche in Brno. Sie beteten f&uuml;r die Soldaten, ihre Bilder hingen riesengro&szlig; im Gotteshaus. Fragezeichen. Ich las im Buch, dass mein &bdquo;Philosoph&ldquo; Ludwig mahnt, dass das Christentum die Welt in zweitausend Jahren nicht wesentlich weitergebracht habe. &bdquo;Es ist nicht jedermanns Sache, mit einfachem Glauben an die heilige Dreifaltigkeit dar&uuml;ber hinwegzusehen, dass wir mittendrin sind, einen neuen Krieg vorzubereiten &hellip;, den Sie im Namen Gottes und der Liebe zum N&auml;chsten gesegnet und geweiht haben &hellip;&ldquo; Ich las seine Mahnung und Anklage dagegen: Man habe den Sterbenden im Feld den letzten Trost gespendet. Man h&auml;tte es nicht so weit kommen lassen sollen, man h&auml;tte streiken sollen. &bdquo;Warum haben Sie ihren Gl&auml;ubigen den Krieg nicht verboten?&ldquo;<\/p><p>Welch sch&ouml;ner Gedanke: Herrschende, Gottesdiener verbieten einfach Kriege.<\/p><p>In Prag schlie&szlig;lich angekommen, las ich ein langes, z&auml;hes, &uuml;berfl&uuml;ssiges, nichtssagendes Interview mit dem tschechischen Pr&auml;sidenten Petr Pavel, passenderweise ein Falke, ein ehemaliger NATO-General. Von Verboten von Kriegen las ich bei ihm nichts, vielmehr vernahm ich sein Sch&uuml;ren von Vorurteilen gegen&uuml;ber Russland, seine Leere in den Worten zum Zustand der tschechischen Gesellschaft, deren Mehrheit gar nicht aufr&uuml;sten will und tschechische Munitionsinitiativen und den Krieg in der Ukraine satthat.<\/p><p><small>Titelbild: Frank Blenz<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2022 unternahm ich eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87819\">Radtour durch Tschechien<\/a>, um Land und Leute besser kennenzulernen. Dieses Jahr radelte ich erneut durch das sch&ouml;ne Land, diesmal gr&ouml;&szlig;tenteils durch M&auml;hren bis hin zu dessen Hauptstadt Brno. Ich genoss im Besonderen die Fahrt &uuml;ber Land, durch liebevoll gepflegte D&ouml;rfer, vorbei an reich bestellten Feldern, durch dichte W&auml;lder. 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