{"id":155834,"date":"2026-09-06T15:00:12","date_gmt":"2026-09-06T13:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155834"},"modified":"2026-09-04T18:51:44","modified_gmt":"2026-09-04T16:51:44","slug":"fazis-und-mitchells-wie-wir-den-staat-zurueckgewinnen-das-standardwerk-der-postkeynesianischen-literatur-gibt-es-nun-auch-auf-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155834","title":{"rendered":"Fazis und Mitchells \u201eWie wir den Staat zur\u00fcckgewinnen\u201c \u2013 das Standardwerk der postkeynesianischen Literatur gibt es nun auch auf Deutsch"},"content":{"rendered":"<p>Der Promedia Verlag des &ouml;sterreichischen Historikers Hannes Hofbauer gibt seit geraumer Zeit B&uuml;cher aus den Bereichen &Ouml;konomie, Politik und Gesellschaft mit klar keynesianischer Perspektive heraus. In der Edition Makroskop, wie die Buchreihe hei&szlig;t, ist zuletzt auch das Werk <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/wie-wir-den-staat-zurueckgewinnen\/\">&bdquo;Wie wir den Staat zur&uuml;ckgewinnen. Souver&auml;nit&auml;t in einer Welt nach dem Neoliberalismus&ldquo;<\/a> des italienischen Journalisten Thomas Fazi und des australischen &Ouml;konomen William Mitchell erschienen. Das Buch ist die deutsche &Uuml;bersetzung von &bdquo;Reclaiming the State: A Progressive Vision of Sovereignty for a Post-Neoliberal World&ldquo; aus dem Jahr 2017, einem Grundlagenwerk der postkeynesianischen &Ouml;konomie. Die Autoren widersprechen darin dem selbst unter Linken weit verbreiteten Glauben, dass im Zeitalter der Globalisierung keine nationale Wirtschaftspolitik mehr m&ouml;glich ist. Als Gegenentwurf zum globalen Neoliberalismus schlagen sie die Modern Monetary Theory (MMT) vor, eine Spielart des Postkeynesianismus, die vor allem in den 2010er-Jahren f&uuml;r Furore sorgte. Eine Rezension von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWas das Buch auch fast zehn Jahre nach seinem Erscheinen noch lesenswert macht, ist die fundierte und detaillierte Analyse der &ouml;konomischen Nachkriegsgeschichte, die die beiden Autoren auf gut 130 Seiten ausrollen. Inhaltlich erstreckt sich diese vom Bretton-Woods-Abkommen bis hin zum Start der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion. Ideengeschichtlich ist es das Zeitalter des Keynesianismus, der dominierenden Denkschule der Nachkriegszeit, und des Monetarismus\/Neoliberalismus, der in den 1970er-Jahren den Keynesianismus verdr&auml;ngte. Aus heutiger Sicht ist es sogar etwas r&auml;tselhaft, dass es &uuml;berhaupt zu diesem Wechsel kommen konnte, denn die keynesianische &Auml;ra gilt nach wie vor als &bdquo;goldenes Zeitalter&ldquo; des Kapitalismus. &bdquo;Von der Mitte der 1940er- bis zum Anfang der 1970er-Jahre konnten sich im gesamten Westen alle Staaten einer geringeren Arbeitslosigkeit, einer gr&ouml;&szlig;eren wirtschaftlichen Stabilit&auml;t und eines h&ouml;heren Wirtschaftswachstums erfreuen als je zuvor&ldquo;, schreiben die Autoren. (S. 25)<\/p><p><strong>Der keynesianische Rahmen l&ouml;st sich auf<\/strong><\/p><p>Dennoch kam es in den 1970er-Jahren zur &bdquo;schrittweise Aufl&ouml;sung des keynesianischen Rahmens&ldquo;. Daf&uuml;r gab es mehrere Gr&uuml;nde. So war das Ende des Bretton-Woods-Abkommens im Jahre 1971 zugleich auch das Ende der globalen Finanz- und Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit. In den Jahren 1973\/74 folgte dann die &Ouml;lkrise, und mit ihr kam die Stagflation, also das gleichzeitige Auftreten von Stagnation und Inflation. Viele Keynesianer hatten darauf keine Antwort. F&uuml;r die Monetaristen war das die Gelegenheit, den Keynesianismus vom Sockel zu sto&szlig;en. Wie die Autoren schreiben, beruhte der Erfolg der monetaristischen Theorie aber weniger &bdquo;auf ihrer intellektuellen oder analytischen Schlagkraft, sondern auch auf der Tatsache, dass sie eine bequeme Rechtfertigung f&uuml;r die Wiederherstellung der uneingeschr&auml;nkten Macht des Kapitals lieferte&ldquo;. (S. 50)<\/p><p>Die wahre Geburtsstunde des neoliberalen Zeitalters sehen die Autoren jedoch nicht &ndash; wie oft behauptet wird &ndash; in der Wahl Margaret Thatchers zur Premierministerin Gro&szlig;britanniens im Jahr 1979 und auch nicht im Amtsantritt von US-Pr&auml;sident Ronald Reagan gut ein Jahr sp&auml;ter, sondern im &bdquo;Volcker-Schock&ldquo;, der sich im Oktober 1979 ereignete. Dabei handelt es sich um die gr&ouml;&szlig;te Zinserh&ouml;hung in der Geschichte der USA, die der damalige US-Notenbankchef Paul Volcker durchsetzte. Ihr Ziel, die Inflation einzud&auml;mmen und die Macht der Gewerkschaften zu brechen, verfehlte die Ma&szlig;nahme nicht. &bdquo;Die Zinserh&ouml;hung l&ouml;ste in den Vereinigten Staaten die schwerste Rezession seit 35 Jahren aus. In der Zwischenzeit stieg die Arbeitslosigkeit zwischen 1979 und 1982 von sechs auf fast elf Prozent, was die Macht der Gewerkschaften und den kostentreibenden Effekt der Lohnerh&ouml;hungen auf die Lebenshaltungskosten beseitigte&ldquo;, schreiben die Autoren. (S. 66)<\/p><p><strong>Jacques Delors und das neoliberale Europa<\/strong><\/p><p>Die Grundlagen f&uuml;r ein neoliberales Europa wurden dann in den 1980er-Jahren unter dem damaligen EU-Kommissionspr&auml;sidenten Jacques Delors gelegt. Der 1989 erschienene Delors-Bericht, der die Blaupause f&uuml;r die sp&auml;tere W&auml;hrungsunion darstellte, empfahl eine unabh&auml;ngige Zentralbank, die einzig dem Ziel der Preisniveaustabilit&auml;t verpflichtet ist, sowie verbindliche Obergrenzen f&uuml;r Budgetdefizit und Staatsschulden. Eine derart nach monetaristischen Grunds&auml;tzen konzipierte W&auml;hrungsunion ist f&uuml;r die Autoren das Paradebeispiel daf&uuml;r, wie der Neoliberalismus die demokratische Souver&auml;nit&auml;t von Staaten aush&ouml;hlt. In der Folge spielen sie sogar das Szenario einer Aufl&ouml;sung der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion durch, sei es als geordnete und koordinierte Abschaffung der gemeinsamen W&auml;hrung oder auch als einseitiger Austritt eines Landes. (S. 142 f.)<\/p><p>Fazi und Mitchell vertreten &uuml;berdies die These, dass der Neoliberalismus &ndash; anders als viele heute glauben &ndash; keineswegs den R&uuml;ckzug des Staates aus der Wirtschaft bedeutet, sondern dass er ein durchweg &bdquo;staatsgetriebenes Projekt&ldquo; ist. Sie verweisen in dem Zusammenhang auf US-Pr&auml;sident Ronald Reagan, der trotz seiner antistaatlichen Rhetorik die Staatsverschuldung weiter in die H&ouml;he trieb. &bdquo;In Wirklichkeit reduzierte die Reagan-Administration nicht die staatlichen Interventionen an sich, sondern ver&auml;nderte lediglich, wer davon profitierte&ldquo;, schreiben sie. (S. 85) Unter Reagan ging die US-Administration n&auml;mlich dazu &uuml;ber, die Staatsausgaben &uuml;ber Staatsanleihen zu finanzieren. Die anfallenden Zinszahlungen strichen vor allem die wohlhabenden US-B&uuml;rger ein, die Umverteilung von unten nach oben nahm weiter zu.<\/p><p><strong>Der Neoliberalismus als autorit&auml;res Projekt<\/strong><\/p><p>Die Autoren sehen im Neoliberalismus allerdings nicht nur ein staatsgetriebenes, sondern auch ein autorit&auml;res Projekt. Sie schreiben: &bdquo;Erstens erfordert neoliberale Wirtschaftspolitik nicht nur die Pr&auml;senz eines starken, sondern auch die eines autorit&auml;ren Staates, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene.&ldquo; (S. 92) Als Beispiel nennen sie Chile, wo der von den USA unterst&uuml;tzte Diktator Augusto Pinochet die Gewerkschaften zerschlug, eine Herrschaft des Staatsterrors errichtete und obendrein den monetaristischen Vordenker Milton Friedman als Wirtschaftsberater besch&auml;ftigte. Ein weiteres Beispiel sind die Anti-Globalisierungsdemonstrationen zur Jahrtausendwende, die in einigen F&auml;llen mit einem noch nie dagewesenen Ausma&szlig; an staatlicher Repression beantwortet wurden und 2001 in dem Tod des 23-j&auml;hrigen Demonstranten Carlo Giuliani am Rande des G8-Gipfels in Genua ihren negativen H&ouml;hepunkt fanden.<\/p><p>Zudem sind einige Aspekte, die die beiden Autoren bereits vor zehn Jahren ansprachen, heute aktueller denn je. Das betrifft vor allem das Milit&auml;r und seine Bedeutung f&uuml;r eine staatsgetriebene Vollbesch&auml;ftigungswirtschaft. Fazi und Mitchell zitieren hier die britische &Ouml;konomin Joan Robinson, die den Zweiten Weltkrieg dereinst als eine &bdquo;harte praktische Lektion in Sachen Keynesianismus&ldquo; bezeichnete. (S. 28) Und auch die heutige linke Identit&auml;tspolitik nahmen sie damals schon vorweg: &bdquo;W&auml;hrend die Neugestaltung des globalen Kapitalismus immer gr&ouml;&szlig;ere Anteile an Einkommen und Verm&ouml;gen an das obere Ende der sozialen Pyramide lenkte, verloren sich linke Intellektuelle in heftigen K&auml;mpfen um kulturelle Identit&auml;t und geschlechtsspezifische Machtverh&auml;ltnisse.&ldquo; Und weiter schreiben sie: &bdquo;In praktisch allen westlichen L&auml;ndern bildete sich ein perverses politisches B&uuml;ndnis heraus zwischen tonangebenden Str&ouml;mungen der neuen sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus und den Verfechtern von LGBTQ-Rechten) und andererseits kommerziellen, oft dienstleistungsbasierten Sektoren von hohem Symbolgehalt (Wall Street, Silicon Valley und Hollywood).&ldquo; (S. 124)<\/p><p><strong>Die MMT als Ausweg<\/strong><\/p><p>Als Ausweg aus dem globalen Neoliberalismus schlagen die Autoren schlie&szlig;lich die Modern Monetary Theory (MMT) vor, die eine spezielle Variante des Postkeynesianismus darstellt. Die Kernaussage der MMT ist, dass souver&auml;ne, w&auml;hrungsemittierende Staaten der Macht des Kapitals keineswegs hilflos ausgeliefert sind, sondern es selbst in der Hand haben, die Wirtschaft zu steuern und Vollbesch&auml;ftigung zu garantieren. Die Voraussetzungen daf&uuml;r sind eine eigene W&auml;hrung, flexible Wechselkurse, keine Verschuldung in Fremdw&auml;hrungen und eine Zentralbank, die die nationale Fiskalpolitik unterst&uuml;tzt. Vor allem in den 2010er-Jahren hatte die MMT international f&uuml;r Furore gesorgt, in den USA etwa wurde sie von demokratischen Politikern wie Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez unterst&uuml;tzt. Heute ist es um die MMT wieder etwas ruhiger geworden, was vor allem am Wiederaufflammen der Inflation in den 2020er-Jahren lag, auch wenn deren Aufkommen gar nicht im Widerspruch zur MMT steht.<\/p><p>Thomas Fazi und William Mitchell: <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/wie-wir-den-staat-zurueckgewinnen\/\">Wie wir den Staat zur&uuml;ckgewinnen: Souver&auml;nit&auml;t in einer Welt nach dem Neoliberalismus.<\/a> Wien 2025, Promedia Verlag, Taschenbuch, 248 Seiten, ISBN 978-3853715529, 25 Euro.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/526dc49f972f46b494d66b2aa72a8627\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Promedia Verlag des &ouml;sterreichischen Historikers Hannes Hofbauer gibt seit geraumer Zeit B&uuml;cher aus den Bereichen &Ouml;konomie, Politik und Gesellschaft mit klar keynesianischer Perspektive heraus. 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