{"id":155960,"date":"2026-09-13T10:00:14","date_gmt":"2026-09-13T08:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155960"},"modified":"2026-09-13T05:23:51","modified_gmt":"2026-09-13T03:23:51","slug":"druckfrisch-kriegstuechtig-an-allen-fronten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155960","title":{"rendered":"Druckfrisch: \u201eKriegst\u00fcchtig an allen Fronten\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Seit nunmehr drei Jahrzehnten dokumentiert die &bdquo;Informationsstelle Militarisierung&ldquo; (IMI) in T&uuml;bingen mit ihren aufkl&auml;renden Ver&ouml;ffentlichungen eine fortschreitende Militarisierung der Au&szlig;enpolitik. Den j&uuml;ngsten, hochexplosiven Komplex dieser &bdquo;Chronik&ldquo; erschlie&szlig;t jetzt das profunde Sachbuch &bdquo;Kriegst&uuml;chtig an allen Fronten&ldquo; des Politikwissenschaftlers, Historikers und IMI-Vorstandsmitglieds <strong>J&uuml;rgen Wagner<\/strong>. Eine Rezension von <strong>Peter B&uuml;rger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEine offizielle &sbquo;Zeitenwende&lsquo; wurde 2022 nach dem Angriff Russlands gegen die Ukraine ausgerufen. Doch die entsprechenden Weichenstellungen und Aufr&uuml;stungspl&auml;ne reichen viel weiter zur&uuml;ck. Inzwischen haben CDU und SPD (und Gr&uuml;ne) bei der Umsetzung aber jegliches Ma&szlig;halten verloren (&bdquo;Zeitenwende 2.0&ldquo;). Das Buch ist keine Trostlekt&uuml;re, denn es vermittelt &ndash; streng faktenbasiert und mit durchgehenden Quellenbelegen &ndash; auch den schon halbwegs informierten friedensbewegten Leserinnen und Lesern, dass Ausma&szlig;, Kosten, Demokratiefeindlichkeit, R&uuml;cksichtslosigkeit, Irrationalit&auml;t und &bdquo;Risikofreude&ldquo; des Kriegsert&uuml;chtigungsparadigmas all unsere bisherigen Vorstellungen l&auml;ngst sprengen.<\/p><p>Dem steht ein betr&uuml;blicher Aufkl&auml;rungsstand in der Gesellschaft gegen&uuml;ber.<\/p><p>Ich nenne nur einige Beobachtungen aus den letzten zehn Tagen: <\/p><p>Eine Stadtgruppe der &bdquo;Omas gegen rechts&ldquo; hat mehrheitlich nichts dagegen, dass in der N&auml;he ein neuer Milit&auml;rflughafen (mit Stationierung von Tausenden Soldaten) entstehen soll.<\/p><p>Ein Landesverband der Linken ruft zur Beteiligung an Protesten gegen den Sozialabbau auf und verliert hierbei &ndash; wie die meisten Gewerkschaftsf&uuml;hrer &ndash; kein Wort &uuml;ber den Zusammenhang mit den gigantischen R&uuml;stungsausgaben.<\/p><p>Die &bdquo;fortschrittliche&ldquo; Autorin aus einer linken Parteistiftung, die der Rezensent wertsch&auml;tzt, votiert f&uuml;r Kostenersparnisse durch eine gemeinsame europ&auml;ische Armee.<\/p><p>Ein pensionierter Gymnasiallehrer und ein Musiker im mittleren Alter wollen gleicherma&szlig;en von einer zunehmenden Militarisierung im Land noch gar nichts mitbekommen haben.<\/p><p>Schlie&szlig;lich h&auml;lt ein friedensbewegter Vortragsteilnehmer rechte Parteikomplexe im Land allen Ernstes f&uuml;r Anw&auml;lte des Friedens, weil &bdquo;die anderen&ldquo; dem Frieden h&ouml;chstens mal einen Nebensatz widmen.<\/p><p>In f&uuml;nfzehn Kapiteln kl&auml;rt J&uuml;rgen Wagner auf &uuml;ber die Umschaltung auf <em>Gro&szlig;machtpolitik<\/em>, den <em>neudeutschen F&uuml;hrungsanspruch<\/em>, das ma&szlig;gebliche <em>&bdquo;transatlantische Scheidungspapier&ldquo;<\/em>, die Dimensionen einer <em>enthemmten R&uuml;stungs- und Schuldenproduktion<\/em> bzw. <em>Kriegswirtschaft<\/em>.<\/p><p>Stichworte:<\/p><ul>\n<li>Erm&auml;chtigung via Verfassungs&auml;nderung<\/li>\n<li>l&auml;nder&uuml;bergreifende Kooperationen<\/li>\n<li>Marktstrategien und Exportsteigerung<\/li>\n<li>Umstellung der Produktionsschwerpunkte in Richtung &bdquo;Angriffskompetenz&ldquo;<\/li>\n<li>Freibriefe f&uuml;r die inflation&auml;re Auftragsvergabe ohne Sicherung vor Kostenexplosionen<\/li>\n<li>mannigfache exklusive Privilegien der Totmachindustrien &ndash; von Staatsgnaden<\/li>\n<li>Konversionen unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Autos zu R&uuml;stung&ldquo;; gigantische R&uuml;stungsprojekte, die auch nach &bdquo;Milit&auml;rlogik&ldquo; widersinnig sind<\/li>\n<li>das infame Versprechen eines olivgr&uuml;nen Wirtschaftswachstums<\/li>\n<li>Mythos der &bdquo;Nachhaltigkeit&ldquo; und Menschenliebe von Kriegskonzernen &ndash; trotz der ultimativen &ouml;kologischen Verwerfungen durch die Milit&auml;rapparatur<\/li>\n<li>&ouml;ffentliche Meinungsmacht einer R&uuml;stungslobby, die aus Gr&uuml;nden des Profits den Krieg in Permanenz anstrebt &hellip;)<\/li>\n<li>die Entwicklung hin zum <em>Zwangs-Kriegsdienst<\/em> (Rekrutierung, Reservistenwesen, Wehrpflichtdebatte)<\/li>\n<li>den politischen Kurs <em>&bdquo;Kasernen statt Wohnungen&ldquo;<\/em> (ohne R&uuml;cksicht auf die Kommunen oder die Bed&uuml;rfnisse der Menschen)<\/li>\n<li>die neue <em>Kriegsgesellschaft<\/em> (zivil-milit&auml;rischer Operationsplan Deutschland; Militarisierung des Gesundheitswesens &hellip;)<\/li>\n<li>die mit vors&auml;tzlichen Falschbehauptungen angeheizte Verbreitung aberwitziger <em>Bedrohungs- und Angstszenarien<\/em><\/li>\n<li>die z.T. geradezu eskalationsfreudige <em>Konfrontationspolitik<\/em> sowie die mit der Aufr&uuml;stung einhergehende <em>Attacke der herrschenden Klasse gegen zentrale soziale Errungenschaften<\/em>: Kampfansage gegen die &bdquo;Armen&ldquo;, Kinder, Kranken, Senioren und Einrichtungen des Gemeinwesens statt Milliard&auml;rs-Steuer (der Buchuntertitel suggeriert etwas irref&uuml;hrend, der Komplex &bdquo;R&uuml;stung durch Sozialabbau&ldquo; sei ein Schwerpunkt des ganzen Bandes).<\/li>\n<\/ul><p>Wagners Buch kann auch ausw&auml;hlend als &bdquo;Nachschlagewerk&ldquo; genutzt werden, denn jedes Kapitel l&auml;sst sich unabh&auml;ngig von den anderen Teilen als Information &uuml;ber das jeweils im Kapitelnamen genannte Themenfeld der Kriegsert&uuml;chtigung lesen. Kr&auml;ftige Zitate aus kritischer Forschung und Expertise sowie skandal&ouml;se Selbstaussagen der sich als &bdquo;Elite&ldquo; verstehenden Aufr&uuml;stungsakteure werden nicht im Ungef&auml;hren paraphrasiert, sondern im genauen Wortlaut &ndash; mit n&ouml;tiger Ausf&uuml;hrlichkeit &ndash; zitiert (was vorbildlich ist).<\/p><p>Mit Blick auf weitere antimilitaristische Schwerpunktver&ouml;ffentlichungen bleiben aus meiner Perspektive u.a. noch zu erhoffen: ein Gemeinschaftsprojekt (wom&ouml;glich von j&uuml;ngeren Forscher) zur <em>Militarisierung von Kultur und unterhaltungsindustriellen Produktionen<\/em>, Analysen und Praxishilfen f&uuml;r den <em>Widerstand<\/em> sowie eine Gesamtschau der <em>geschichtspolitischen Wende<\/em> (Kriegsged&auml;chtnis und historische &bdquo;Aufarbeitung&ldquo; in Deutschland).<\/p><p><strong>Lesetipp<\/strong><\/p><p><em>J&uuml;rgen Wagner: <a href=\"https:\/\/www.imi-online.de\/2026\/08\/25\/neues-buch-kriegstuechtig-an-allen-fronten\/\">Kriegst&uuml;chtig an allen Fronten: Kanonen statt Butter &ndash; R&uuml;stung durch Sozialabbau<\/a>. K&ouml;ln 2026, PapyRossa Verlag, Taschenbuch, 300 Seiten, ISBN 978-3-89438-873-7, 19,90 Euro.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Buchcover &ndash; PapyRossa<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit nunmehr drei Jahrzehnten dokumentiert die &bdquo;Informationsstelle Militarisierung&ldquo; (IMI) in T&uuml;bingen mit ihren aufkl&auml;renden Ver&ouml;ffentlichungen eine fortschreitende Militarisierung der Au&szlig;enpolitik. Den j&uuml;ngsten, hochexplosiven Komplex dieser &bdquo;Chronik&ldquo; erschlie&szlig;t jetzt das profunde Sachbuch &bdquo;Kriegst&uuml;chtig an allen Fronten&ldquo; des Politikwissenschaftlers, Historikers und IMI-Vorstandsmitglieds <strong>J&uuml;rgen Wagner<\/strong>. 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