{"id":156085,"date":"2026-09-11T09:00:06","date_gmt":"2026-09-11T07:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156085"},"modified":"2026-09-11T09:15:28","modified_gmt":"2026-09-11T07:15:28","slug":"schnurzpisaegal-wenn-profit-allemal-wichtiger-ist-als-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156085","title":{"rendered":"SchnurzPISAegal \u2013 Wenn Profit allemal wichtiger ist als Zukunft &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Nie lagen Deutschlands Sch&uuml;ler mehr daneben als bei der neuesten PISA-Studie. Allen &bdquo;Reformen&ldquo; zum Trotz verstehen viele nur noch Bahnhof. Auch in der Politik: &bdquo;Da k&uuml;rzt man jahrzehntelang die Bildung kaputt &ndash; und dann so was!?&ldquo; Ein Kommentar von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas, was jetzt folgt, ist verk&uuml;rzt dargestellt und &uuml;berspitzt formuliert. Aber in der Sache trifft es den Kern. Also: Irgendwann in den 1990er-Jahren hat die zu Macht und Kontrolle gelangte neoliberale Clique in Deutschland verf&uuml;gt, der Wirtschaft den Vorrang &uuml;ber alles zu geben. S&auml;mtliche politischen Entscheidungen, s&auml;mtliche Sph&auml;ren der Gesellschaft betreffend, hatten sich fortan an der Frage zu messen, ob sie sich &ouml;konomisch rechnen, ob sie der Unternehmerschaft Nutzen bescheren, schlussendlich, ob sie den Profit und den Reichtum der Eliten mehren. Was dem Erfordernis nicht gen&uuml;gte, hatten sich Land und Leute buchst&auml;blich zu sparen.<\/p><p>Ihren Ausdruck fand die Ideologie in Steuergeschenken f&uuml;r Konzerne und Wohlhabende, Deregulierungen, Flexibilisierungen, Privatisierungen, in Hartz-IV, sp&auml;ter in &bdquo;Schwarzer Null&ldquo;, &bdquo;Schuldenbremse&ldquo;, &bdquo;Zeitenwende&ldquo; &ndash; kurzum, in der brutalstm&ouml;glichen Umverteilung von unten nach oben sowie einer ins Exzessive ausgereizten Spaltung in Reich und Arm. Zur&uuml;ckgeblieben &ndash; im doppelten Wortsinn &ndash; ist ein personell und materiell ausgebluteter Staat, der seine Aufgaben nurmehr unzureichend erf&uuml;llen kann. Wo man hinsieht, zeigen sich Verfall und N&ouml;te: St&auml;dte und Gemeinden pleite, die Bahn ruiniert, Stra&szlig;en und Br&uuml;cken kaputt, &ouml;ffentlicher Wohnungsbau am Boden, die Verwaltung erlahmt, Justiz &uuml;berlastet, dazu immer mehr Verrohung, Hass und Gewalt. Das alles ist der Preis, den einfache Menschen f&uuml;r den Reichtum der Reichen zahlen.<\/p><p><strong>Schon wieder Schock<\/strong><\/p><p>Heruntergewirtschaftet ist nat&uuml;rlich auch das staatliche Bildungs- und Schulsystem. Die Bausubstanz br&ouml;ckelt, es herrscht historischer Lehrermangel, es gibt zu gro&szlig;e Klassen, zu wenig individuelle F&ouml;rderung, zu wenige Schulpsychologen und Sozialarbeiter. Es fehlt praktisch an allem, zuvorderst am Geld. Aber den politisch Verantwortlichen f&auml;hrt ein Schreck in die Glieder, wenn sie h&ouml;ren, dass Deutschland bei PISA durchgefallen ist &ndash; und das mit Pauken und Trompeten. Die internationale Schulleistungsstudie gibt es inzwischen in der neunten Auflage. Seit Dienstag ist es amtlich. So schlecht wie bei der 2025er-Ausgabe haben hiesige Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler noch nie abgeschnitten.<\/p><p>Also noch einmal mieser als bei Version eins. Bekanntlich hatte deren Ver&ouml;ffentlichung vor 25 Jahren den legend&auml;ren &bdquo;PISA-Schock&ldquo; ausgel&ouml;st und zu einer Reihe aktionistischer &bdquo;Reformen&ldquo; gef&uuml;hrt, die immerhin bis in die Mitte der 2010er-Jahre in Gestalt leichter Verbesserungen bei den Folgestudien zu fruchten schienen. Dann aber stagnierten die Leistungen zun&auml;chst, um schlie&szlig;lich wieder abzufallen. Die 2018er-Studie verhie&szlig; schon nichts Gutes, mit der von 2022 verfestigte sich der Abw&auml;rtstrend und nun das: In allen im Vorjahr gepr&uuml;ften Feldern &ndash; Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften, neuerdings computergest&uuml;tztes Probleml&ouml;sen &ndash; liegen hiesige 15-J&auml;hrige mit gro&szlig;em Abstand zu den Siegern &ndash; China, Singapur, Taiwan, Japan &ndash; nur noch <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/neue-pisa-studie-neue-negativrekorde-die-bildungsrepublik-deutschland-steht-so-schlecht-wie-nie-da-16028742.html\">knapp &uuml;ber dem Mittelwert aller 38 OECD-Mitgliedstaaten<\/a>, in Mathematik sogar darunter.<\/p><p><strong>Epochale Verdummung<\/strong><\/p><p>Dabei ist PISA Teil des Problems. Die federf&uuml;hrende Organisation f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vermisst Bildung entlang der Leitlinien Standardisierung und &Ouml;konomisierung. Kinder und Jugendliche sollen nicht f&uuml;r sich, das Leben und ein gedeihliches Miteinander lernen. Man will sie in Selbstverwertung unterweisen, damit sie sp&auml;ter gute Lohnarbeiter oder Unternehmer werden. Die Testeritis ist damit selbst nur die Ausgeburt des neoliberalen Effizienz- und Wachstumsdogmas, das Mensch zum Homo oeconomicus degradiert und auf das veritable Kindeswohl keinen Wert legt, der sich nicht in Euro oder Dollar beziffern l&auml;sst.<\/p><p>2013 hatte der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin mit Blick auf PISA von einer &bdquo;epochalen Verdummung&ldquo; gesprochen. Es habe sich eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85340\">&bdquo;Kultur der Scheinlegitimierung von Beliebigem durch Wissenschaft etabliert&ldquo;<\/a>, hatte vor vier Jahren der Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerh&ouml;fer gegen&uuml;ber den <em>NachDenkSeiten<\/em> ge&auml;u&szlig;ert. &bdquo;Eine immer tiefere Kluft von Wissenschaft und p&auml;dagogischer Praxis ist die Folge.&ldquo; In einem <a href=\"https:\/\/bildung-wissen.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/offener-brief-schleicher-autoriserte-fassung.pdf\">Offenen Brief<\/a> an PISA-Mastermind Andreas Schleicher warnten schon 2014 &uuml;ber Hundert Wissenschaftler und P&auml;dagogen aus Deutschland und aller Welt, dass die Autonomie &bdquo;unserer Lehrer weiter verringert&ldquo;, &bdquo;unsere Klassenzimmer bildungs&auml;rmer&ldquo; und Schulen und Sch&uuml;lern &bdquo;irreparabler Schaden&ldquo; zugef&uuml;gt w&uuml;rden.<\/p><p><strong>Staat ganz zuletzt<\/strong><\/p><p>Doppelt tragisch f&auml;llt die deutsche Bilanz aus. Hierzulande werden riesige Summen in die Vermessung von Bildung gesteckt, Studien &uuml;ber Studien lanciert &ndash; um am Ende doch immer nur festzustellen: Deutschlands Sch&uuml;ler haben es nicht drauf. Man unternimmt alles, um Bildung auf das Ziel Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit (Employability) einzudampfen, aber der &bdquo;Ertrag&ldquo; will sich nicht einstellen. Kein Wunder! Unter Bedingungen eines in Jahrzehnten kaputtgek&uuml;rzten Schulwesens kann der Plan einfach nicht aufgehen. Ganz plakativ: Ohne echte, professionelle Lehrkr&auml;fte sind ABC und Einmaleins schwer vermittelbar. In Berlin zum Beispiel stellen ausgebildete P&auml;dagogen seit Jahren eine kleiner werdende Minderheit unter den Neueingestellten. In nicht mehr ferner Zukunft werden Quer- und Seiteneinsteiger das Gros der Kollegien bilden.<\/p><p>Die Pr&auml;misse &bdquo;Wirtschaft &uuml;ber alles&ldquo; &ndash; und &bdquo;Staat ganz zuletzt&ldquo; &ndash; schl&auml;gt sich selbst da nieder, wo es nach Fortschritt riecht. Der Ganztagsschulausbau, einst von der Regierung unter Gerhard Schr&ouml;der (SPD) mit einer Vier-Milliarden-Euro-Spritze initiiert, ist selbst in neoliberaler Lesart nicht einmal eine halbe Sache. Auch hier geht es nicht origin&auml;r ums Kindeswohl, sondern darum, Mama und Papa beim Geldverdienen den R&uuml;cken frei zu halten. Passend tritt das Modell weit&uuml;berwiegend als Verwahranstalt in Erscheinung, eben wegen des Geld- und grassierenden Personalmangels, was indes die Attraktivit&auml;t schm&auml;lert. Weshalb es dann auch nicht so genutzt wird, wie sich die Unternehmerverb&auml;nde das w&uuml;nschten. Am Ende muss die Alleinerzieherin doch zu Hause bleiben, f&auml;llt als billige Arbeitskraft aus und liegt dem Staat auf der Tasche, der ihr zur Strafe mit noch mehr G&auml;ngelung und gek&uuml;rztem Wohngeld droht (Stichwort Umverteilung). Dumm gelaufen &ndash; f&uuml;r alle Beteiligten.<\/p><p><strong>Notn&auml;gel<\/strong><\/p><p>Was heute unter &bdquo;Bildungsreformen&ldquo; verhandelt wird, sind in Wahrheit Notn&auml;gel, damit der der Betrieb nicht vollends zusammenbricht. Da werden dann punktuell &bdquo;Brennpunktschulen&ldquo; finanziell unterst&uuml;tzt oder lernschwache Kinder &bdquo;gezielt&ldquo; gef&ouml;rdert, um so die extremsten Ausw&uuml;chse eines auf Spaltung angelegten, streng gegliederten Schulsystems irgendwie abzumildern. Ohnehin sind die Chancen auf Bildungserfolg wie bei keiner anderen der f&uuml;hrenden Wirtschaftsnationen so ungleich verteilt wie in der einst von Angela Merkel (CDU) ausgerufenen &bdquo;Bildungsrepublik&ldquo;. Die neuesten PISA-Ergebnisse belegen das einmal mehr. Wer arm und &bdquo;bildungsfern&ldquo; geboren wird, bleibt das in der Regel ein Leben lang. Anderen Staaten gelingt es durchaus, solche sozialen Unwuchten tendenziell zu entsch&auml;rfen. In Deutschland dagegen versch&auml;rft sich die Lage.<\/p><p>Was auch sonst? Bei lahmender Konjunktur zeigt der Wachstumspfeil in puncto Armut seit Jahren steil nach oben. Die bildungspolitischen Verrenkungen &auml;hneln insofern denen in der Wohnungspolitik. Man baut nach Jahrzehnten der Unt&auml;tigkeit ein paar Sozialwohnungen mehr. Aber nebenbei f&auml;llt ein viel gr&ouml;&szlig;erer Bestand aus der Sozialbindung. Alles Flickschusterei! Oder Augen zu und durch. Praktisch &uuml;berall in der Welt hat sich inzwischen herumgesprochen, dass die Beschulung mit digitalen Medien den Lernertrag von Heranwachsenden schm&auml;lert, neben vielf&auml;ltigen anderen sozialen und seelischen Sch&auml;den, die der &uuml;berm&auml;&szlig;ige Konsum von Smartphone und Tablets anrichtet. Mehrere L&auml;nder wollen deshalb die Ger&auml;te aus dem Unterricht wieder verbannen beziehungsweise sind schon dabei, darunter der ehemalige PISA-&Uuml;berflieger Schweden.<\/p><p><strong>Wann f&auml;llt der Groschen?<\/strong><\/p><p>Anders in Deutschland: Hier werden die Klassenzimmer nach Ende des ersten Digitalpakts qua <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115317\">Digitalpakt 2.0<\/a> mit noch mehr Technik geflutet. Dahinter steht einerseits die irrwitzige Hoffnung, so auf l&auml;ngere Sicht mittels &bdquo;Digital Learning&ldquo; dem P&auml;dagogenschwund zu begegnen (&bdquo;Unser Lehrer Dr. Google&ldquo;). Handlungsweisend war aber mehr noch die Lobbymacht der hiesigen IT-Industrie, die ihre Produkte loswerden will und darauf pfeift, welches Chaos ihr Gebrauch in Kinderk&ouml;pfen hinterl&auml;sst. Immerhin dem Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Hendrik Streeck (CDU), d&auml;mmert das. Unter dem Eindruck des n&auml;chsten PISA-Schocks verlangte er am Dienstag, die Nutzung von Social Media f&uuml;r Kinder und Jugendliche einzuschr&auml;nken. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/bildung\/2026-09\/hendrik-streeck-soziale-medien-kinder-pisa-studie-gxe\">&bdquo;Wie viel wissenschaftliche Evidenz brauchen wir eigentlich noch, bevor wir handeln?&ldquo;<\/a><\/p><p>Oder anders: Wie viele Beweise brauchen wir eigentlich noch, um zu begreifen, dass der Neoliberalismus der gro&szlig;en Mehrheit der Menschen N&ouml;te, &Auml;ngste und Elend bringt &ndash; und Verbl&ouml;dung. <a href=\"https:\/\/www.jmwiarda.de\/blog\/2026\/09\/08\/was-heute-die-15-jaehrigen-koennen-konnten-frueher-13-jaehrige\">&bdquo;Was heute die 15-J&auml;hrigen k&ouml;nnen, konnten fr&uuml;her 13-J&auml;hrige&ldquo;<\/a>, beklagt Samuel Greiff, der hierzulande die PISA-Untersuchung leitet.<\/p><p>Fragt der Lehrer: &bdquo;Wo liegt Pisa?&ldquo; Antwort: &bdquo;Wieso? Ist der Turm jetzt umgefallen?&ldquo; Hauptsache, die Bundesregierung beh&auml;lt den Durchblick &hellip; Die schickt sich an, den Bildungs- und Familienetat f&uuml;r 2027 <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2026\/kw37-de-bildung-1194740\">um knapp 1,2 Milliarden Euro<\/a> zu k&uuml;rzen.<\/p><p><small>Titelbild: FrankHH \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/58cc088fc8f14ebc8dd55de1008e733b\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nie lagen Deutschlands Sch&uuml;ler mehr daneben als bei der neuesten PISA-Studie. Allen &bdquo;Reformen&ldquo; zum Trotz verstehen viele nur noch Bahnhof. 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