{"id":156102,"date":"2026-09-11T11:00:50","date_gmt":"2026-09-11T09:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156102"},"modified":"2026-09-11T11:44:11","modified_gmt":"2026-09-11T09:44:11","slug":"pistorius-hat-recht-wir-stehen-buchstaeblich-im-fadenkreuz-moskaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156102","title":{"rendered":"Pistorius hat recht: \u201eWir stehen buchst\u00e4blich im Fadenkreuz Moskaus\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Aber wer hat uns denn in dieses Fadenkreuz einer Atommacht man&ouml;vriert? Und wer sorgt daf&uuml;r, dass wir da schleunigst wieder rauskommen? Bei der Warnung vor m&ouml;glichen russischen Reaktionen auf die einseitig feindliche deutsche Russlandpolitik treffen sich Anh&auml;nger und Kritiker der Ukraine-&bdquo;Hilfe&ldquo;. Aber sie ziehen gegens&auml;tzliche Lehren daraus: Die Bundesregierung nutzt und eskaliert diese selbst hergestellte Gefahr, anstatt sie bannen zu wollen. Ein Kommentar von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIm aktuell debattierten Verteidigungshaushalt sind <a href=\"https:\/\/www.bmvg.de\/de\/aktuelles\/rekordetat-verteidigung-haushaltsdebatte-6149920\">laut Bundesverteidigungsministerium<\/a> Ausgaben von rund 110 Milliarden Euro geplant, weitere 30 Milliarden Euro sollen aus dem Sonderverm&ouml;gen Bundeswehr finanziert werden. Verteidigungsminister Pistorius (SPD) rechtfertigte diese Summen am Mittwoch in der ersten Lesung des Haushaltsentwurfs im Bundestag unter anderem folgenderma&szlig;en:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wir stehen buchst&auml;blich im Fadenkreuz Moskaus.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Ja, ich denke, diese Aussage ist mittlerweile wahrscheinlich zutreffend: Durch eine skrupellose und einseitig feindliche Politik haben die letzten Bundesregierungen Deutschland ins besorgte Visier von russischen Strategen ger&uuml;ckt &ndash; auch wenn die Beobachtung vonseiten Moskaus mutma&szlig;lich noch abwartend geschieht und in Russland die bed&auml;chtigen Stimmen noch dominant sind.<\/p><p><strong>Wer hat Deutschland denn ins russische Fadenkreuz ger&uuml;ckt?<\/strong><\/p><p>Pistorius sagt das nat&uuml;rlich aus fragw&uuml;rdigen Motiven und mit falschem inhaltlichen Hintergrund: Wer hat Deutschland denn in die Lage man&ouml;vriert, dass wir nun sehr wahrscheinlich misstrauisch be&auml;ugt werden von einer europ&auml;ischen Atommacht, die Deutschland vor einigen Jahren noch ausgesprochen freundlich gegen&uuml;berstand? Und wie k&ouml;nnte man diesen gef&auml;hrlichen und durch deutsche Politiker und Journalisten ohne Not herbeigef&uuml;hrten Zustand umgehend wieder &auml;ndern? <\/p><p>Pistorius zieht auch die falschen Konsequenzen aus seiner Feststellung. Politiker mit Verantwortungsgef&uuml;hl w&uuml;rden sich fragen: Wie holt man seine B&uuml;rger so schnell wie m&ouml;glich heraus aus diesem Fadenkreuz, anstatt sie weiterhin zu Geiseln der eigenen gef&auml;hrlichen Politik zu machen?<\/p><p>Es gibt zahlreiche Widerspr&uuml;che in dem Zusammenhang. Einerseits wird die &bdquo;russische Bedrohung&ldquo; in grellen Farben gemalt, z.B. um den Verteidigungsetat zu rechtfertigen (&bdquo;m&ouml;glicher Angriff im Jahr 20XX&ldquo;). Andererseits wurden Warnungen vor harten Konsequenzen der antirussischen deutschen Politik in Form von in Ramstein einschlagenden russischen Raketen oder gar eines Atomkriegs als &bdquo;hasenf&uuml;&szlig;ig&ldquo; verlacht. Gleichzeitig wird mit der Behauptung von russischen Desinformationskampagnen, Hackerangriffen und anderen &bdquo;hybriden&ldquo; Elementen eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139864\">Strategie der Spannung<\/a> betrieben. Dass die Feindseligkeiten zwischen Deutschland und Russland bisher einseitig waren, wird ausgeblendet. <\/p><p>Bei der Feststellung, dass Deutschland ins Visier russischer Strategen geraten k&ouml;nnte, treffen sich die Kritiker und Anh&auml;nger der deutschen Ukraine-&bdquo;Hilfe&ldquo;. Aber: Die Schilderungen der russischen Motive und die aus der Situation gezogenen Lehren sind gegens&auml;tzlich. <\/p><p><strong>Antirussische Meinungsmacher nutzen die Argumente ihrer Kritiker<\/strong><\/p><p>Stehen wir also nun im Fadenkreuz? Es w&auml;re scharf zu kritisieren, aber nicht &uuml;berraschend, wenn Russland fr&uuml;her oder sp&auml;ter auf die ausgesprochen feindliche Haltung Deutschlands auch feindlich reagieren w&uuml;rde, und das auch innerhalb Deutschlands und auch nicht mehr nur verbal\/&bdquo;hybrid&ldquo;. <\/p><p>Ich finde die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155190\">offizielle Version zum Drohnenvorfall in Leipzig nicht plausibel<\/a> und beim aktuellen Stand der bekannten Indizien kann kein konkreter T&auml;ter seri&ouml;s benannt werden. Das hei&szlig;t aber nicht, dass man k&uuml;nftig reflexhaft alle Vorw&uuml;rfe bez&uuml;glich russischer Sabotage in Deutschland zur Propaganda erkl&auml;ren sollte: Vielleicht findet sie auch mal wirklich statt. Dass (aus russischer Sicht!) irgendwann eine rote Linie durch die Handlungen der deutschen Seite &uuml;berschritten sein wird, w&auml;re fatal, aber nicht total abwegig.<\/p><p>Es sollte Ziel deutscher Politik sein, diesen Moment tunlichst zu vermeiden.<\/p><p>Gerade wenn man selber zu dem Schluss kommt, dass man sich &bdquo;ins Fadenkreuz&ldquo; einer Atommacht und eines wichtigen Energielieferanten man&ouml;vriert hat, sollte man sein bisheriges Handeln &uuml;berdenken und das Gespr&auml;ch mit der Gegenseite suchen. Dabei geht es &uuml;brigens nicht um eine romantische Russlandbeziehung, um &bdquo;russische Verh&auml;ltnisse&ldquo; in Deutschland oder um eine deutsche &bdquo;Unterwerfung&ldquo; unter Russland, sondern um eine friedliche Koexistenz zum beiderseitigen Nutzen. <\/p><p>Doch das Gegenteil geschieht: Die antirussischen Meinungsmacher in Medien und Politik nutzen nun auch noch die Argumente ihrer Kritiker: Die Kritik an der deutschen Russlandpolitik hat immer auch die (berechtigte) Warnung beinhaltet, dass Deutschland durch die Politik der letzten Bundesregierungen (ohne Not) &bdquo;ins Fadenkreuz&ldquo; Russlands man&ouml;vriert werden k&ouml;nnte. Und dass Deutschland (aus russischer Sicht) durch die vors&auml;tzliche Verstrickung in den Ukrainekrieg zur Kriegspartei in einem Stellvertreterkrieg wurde, was &bdquo;unfreundliche&ldquo; Akte Russlands auch in Deutschland nach sich ziehen k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>&bdquo;Huch, was ist er denn pl&ouml;tzlich so empfindlich, der Russe?&ldquo;<\/strong><\/p><p>Und diese russischen Akte k&auml;men ja nicht aus dem Nichts, wie uns die Propaganda glauben machen soll, nach dem Motto: &bdquo;Huch, was ist er denn pl&ouml;tzlich so empfindlich, der Russe?&ldquo;. Nein, es war die deutsche Seite, die das einst vielversprechende Verh&auml;ltnis zu Russland einseitig, sehenden Auges (und die drastischen Folgen f&uuml;r die eigenen B&uuml;rger billigend in Kauf nehmend) vergiftet hat: erst durch Wirtschaftskrieg, Sanktionen und Propaganda, dann zus&auml;tzlich durch Waffenlieferungen, Demontage der Diplomatie und so weiter. Mit dieser Aussage rechtfertigt man keine etwaige russische Sabotage auf deutschem Boden, sondern erkl&auml;rt nur ihre m&ouml;gliche Motivation.<\/p><p>Die deutsche Propaganda zum Ukrainekrieg versucht die Rollen zu vertauschen: Demnach ist nicht die NATO mit imperialistischen Motiven an Russland heranger&uuml;ckt, sondern Russland entfalte momentan (v&ouml;llig ohne &auml;u&szlig;eren Grund) sein &bdquo;imperialistisches Naturell&ldquo;. So gibt es auch die Behauptung, der aktuelle deutsch-russische Konflikt beruhe gar nicht vorrangig auf den akuten Fragen zum Ukrainekrieg, sondern speise sich aus einem allgemein &bdquo;imperialistisch&ldquo; veranlagten Russland, wie etwa k&uuml;rzlich <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/stellvertretende-spd-fraktionsvorsitzende-moeller-empfiehlt-massnahmen-gegen-russische-schattenflott-102.html\">laut Medien<\/a> die SPD-Fraktionsvorsitzende Siemtje M&ouml;ller sagte. <\/p><p>Das ist Unsinn und soll zum einen die Akteure, die den Stellvertreterkrieg verl&auml;ngern wollen, als verfolgte Unschuld darstellen und zum anderen die fatalistische Perspektive st&uuml;tzen, dass eine L&ouml;sung des Ukrainekonfliktes noch lange nicht das deutsch-russische Verh&auml;ltnis heilen k&ouml;nne. <\/p><p><strong>Einerseits &bdquo;im Fadenkreuz&ldquo;, andererseits &bdquo;keine Kriegspartei&ldquo; <\/strong><\/p><p>Pistorius nimmt mit dem Bild des Fadenkreuzes die Warnungen seiner Kritiker auf, um seine eigene Agenda zu st&uuml;tzen. Gleichzeitig wird von Meinungsmachern in Medien und Politik aber gebetsm&uuml;hlenartig wiederholt, man mache sich &ndash; auch durch ein extrem parteiisches Verhalten im Ukrainekrieg &ndash; nicht zur Kriegspartei. <\/p><p>Diese inneren Widerspr&uuml;che und kommunikativen Spagate (einerseits &bdquo;im Fadenkreuz&ldquo;, andererseits &bdquo;keine Kriegspartei&ldquo;) m&uuml;ssten eigentlich von ersthaften Journalisten dekonstruiert werden. Aber viele Journalisten waren ja daran beteiligt, Deutschland ins russische Fadenkreuz zu r&uuml;cken. Nun werden sie diese selber kreierte Tatsache wahrscheinlich nutzen, um die antirussische Meinungsmache nochmals zu steigern. <\/p><p><small>Titelbild: Screenshot\/Verteidigungsministerium<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/64c1c12e87264c24aa35d0362da6a3f4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber wer hat uns denn in dieses Fadenkreuz einer Atommacht man&ouml;vriert? Und wer sorgt daf&uuml;r, dass wir da schleunigst wieder rauskommen? Bei der Warnung vor m&ouml;glichen russischen Reaktionen auf die einseitig feindliche deutsche Russlandpolitik treffen sich Anh&auml;nger und Kritiker der Ukraine-&bdquo;Hilfe&ldquo;. 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