{"id":156146,"date":"2026-09-12T13:00:40","date_gmt":"2026-09-12T11:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156146"},"modified":"2026-09-12T04:55:01","modified_gmt":"2026-09-12T02:55:01","slug":"deutsche-friedensfreunde-mit-tolstoi-schauspiel-auf-russland-tour","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156146","title":{"rendered":"Deutsche Friedensfreunde mit Tolstoi-Schauspiel auf Russland-Tour"},"content":{"rendered":"<p>Trotz der von der Bundesregierung angek&uuml;ndigten Schlie&szlig;ung des Russischen Hauses in Berlin und der darauffolgenden Ank&uuml;ndigung von russischer Seite, das Goethe-Institut in Russland zu schlie&szlig;en: Der kulturelle Austausch zwischen Russland und Deutschland l&auml;sst sich mit administrativen Ma&szlig;nahmen nicht beenden. Das zeigt die Reise von drei deutschen Friedensaktivisten, die auf eigene Faust nach Russland fuhren, um mit lebensgro&szlig;en Puppen die Erz&auml;hlung des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi &bdquo;Was braucht der Mensch zum Leben&ldquo; aufzuf&uuml;hren. Die Puppen wurden anschlie&szlig;end dem Tolstoi-Zentrum in Tula als Geschenk &uuml;bergeben. Mit den Russland-Reisenden hat <strong>Ulrich Heyden<\/strong> (Moskau) gesprochen.<br>\n<!--more--><br>\nDas &bdquo;Haus der deutschen Wirtschaft&rdquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] in Moskau ist nicht gerade ein Ort, an dem man die Auff&uuml;hrung eines Puppentheaters erwartet. Das moderne Haus liegt im Zentrum von Moskau nahe der U-Bahn-Station Poljanka in der Ersten Kosaken-Gasse. In einem Saal des Hauses f&uuml;hrten drei Deutsche am 26. August ein Puppentheaterst&uuml;ck auf. Dabei sa&szlig;en sie meistens, denn eine lebensgro&szlig;e Puppe zu f&uuml;hren braucht Stabilit&auml;t und Kraft. Aufgef&uuml;hrt wurde ein Auszug aus der Erz&auml;hlung &bdquo;Wovon der Mensch lebt&ldquo;, welche der russische Schriftsteller Lew Tolstoi 1881 zu Papier brachte.<\/p><p>Organisator der Veranstaltung war der Moskauer Rotary Club. Etwa 50 Deutsche und Russen waren zu der Vorstellung gekommen. Es waren Studenten, Wissenschaftler, deutsche Unternehmer und Mitarbeiter deutscher Firmen in Russland. Unter den Zuschauern war auch der ehemalige Moskau-Korrespondent des <em>WDR<\/em>, Hermann Krause, der jetzt das Moskauer B&uuml;ro der Deutschen Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge leitet.<\/p><p><strong>Wer waren die drei Reisenden aus Deutschland?<\/strong><\/p><p>Die drei Deutschen, die mit lebensgro&szlig;en Puppen vor das Publikum traten, waren Natali Wenzel aus M&uuml;nchen, Simon Tobias Marner aus dem Ruhrgebiet und die Schauspielstudentin Alina aus Berlin. Die drei hatten sich &uuml;ber die Netzwerke der deutschen Friedensbewegung kennengelernt. Ende August reisten sie zehn Tage mit lebensgro&szlig;en Puppen, die sie aus Deutschland mitgebracht hatten, durch den nordwestlichen Teil Russlands.<\/p><p>Die drei Reisenden aus Deutschland erkl&auml;rten dem Publikum, ihre Reise habe &ndash; so wie die Tolstoi-Erz&auml;hlung &ndash; etwas mit Liebe zu tun: &bdquo;Wenn die Organisationen ausfallen, dann m&uuml;ssen die Menschen selbst aktiv werden.&ldquo; Mit diesen Worten beschrieben sie die schwierige Lage, in denen sich die deutsch-russischen Beziehungen seit 2022 durch Sanktionen und einseitige Medienberichterstattung befinden.<\/p><p>Die von den drei Deutschen aufgef&uuml;hrte Erz&auml;hlung &bdquo;Wovon der Mensch lebt&ldquo; handelt von dem Schuster Semion, der, obwohl er selbst in &auml;rmlichen Verh&auml;ltnissen lebt, den Obdachlosen Michailo bei sich aufnimmt. Sp&auml;ter stellte sich heraus, dass der Obdachlose ein von Gott geschickter Engel ist, der herausfinden soll, wovon die Menschen leben. Nach dem, was Michailo auf der Erde erlebt, folgert er: &bdquo;Den Menschen scheint es nur so, als lebten sie von der Sorge um sich selbst; in Wahrheit leben sie nur von der Liebe&ldquo;.<\/p><p><strong>Warum sollten die Puppen nach Russland?<\/strong><\/p><p>Im Rahmen ihres Auftrittes in Moskau berichteten die drei Friedensfreunde aus Deutschland in Wort und Bild, wie es zu der Idee gekommen war, mit lebensgro&szlig;en Puppen nach Russland zu reisen und dort etwas aufzuf&uuml;hren. Die Idee f&uuml;r die Reise stammt von dem K&uuml;nstler Rolf Arnold Landen [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] (Jahrgang 1938). Er hatte bei Joseph Beuys Kunst studiert und in Wolfsburg ein eigenes Puppentheater geleitet. Landen f&uuml;hrte auch &ndash; mit von ihm selbst geschaffenen Puppen &ndash; die Erz&auml;hlung von Tolstoi, &bdquo;Wovon der Mensch lebt&ldquo; auf, das erste Mal 1984. Als Landen das Tolstoi-St&uuml;ck sp&auml;ter in Rum&auml;nien auff&uuml;hren wollte, schuf der rum&auml;nische Bildhauer Costache Gavril &#536;iriteanu eine zweite Garnitur Puppen f&uuml;r Auff&uuml;hrungen in Rum&auml;nien.<\/p><p>In hohem Alter erkl&auml;rte Arnold Landen dann seinem Neffen Tobias Marner, er m&ouml;ge bitte die f&uuml;r das Tolstoi-St&uuml;ck in Rum&auml;nien geschaffenen Puppen einer kulturellen Einrichtung in Russland &uuml;bergeben, damit sie in Russland genutzt werden k&ouml;nnen. Die zweite Garnitur der Puppen bleibe in Deutschland.<\/p><p>Die drei Friedensfreunde erkl&auml;rten w&auml;hrend ihrer Vorstellung, warum der K&uuml;nstler Arnold Landen ein besonderes Interesse an Russland hatte. Landen war eng mit dem Maler Richard Engels (Jahrgang 1914) befreundet. Engels wurde als Soldat im Zweiten Weltkrieg schwer verletzt. Drei Geschosse steckten in seiner Lunge. Doch eine russische &Auml;rztin und ein russischer Soldat retteten ihm das Leben. &bdquo;Menschen, die er t&ouml;ten sollte, t&ouml;teten ihn nicht. Sie hatten Mitleid mit ihm.&ldquo; Darauf beschloss Richard Engels, sein Leben der Kunst und der Verst&auml;ndigung zwischen den V&ouml;lkern zu widmen. 1960 fuhr Engels nach Russland. Er malte zahlreiche Bilder mit russischen Motiven und Bildern [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] zu den Erz&auml;hlungen von Tolstoi.<\/p><p><strong>Die Auff&uuml;hrung in Moskau<\/strong><\/p><p>Die Zuschauer in Moskau waren von der Vorstellung sehr angetan, das zeigten die zahlreichen Wortmeldungen nach der Vorstellung. Auch wenn es bei der Auff&uuml;hrung manchmal stockte, weil f&uuml;r die Bedienung der multimedialen Technik jemand auf die Schnelle eingewiesen werden musste. Der Gedanke, dass Liebe eine gro&szlig;e Kraft ist, hatte den Raum erf&uuml;llt und war auf die Zuschauer &uuml;bergesprungen. Noch lange nach der Vorf&uuml;hrung standen die Zuschauer beisammen und tauschten sich aus.<\/p><p>Dass die drei Friedensfreunde aus Deutschland sich auf den Weg nach Russland gemacht hatten, das hatte auch biografische Gr&uuml;nde.<\/p><p>Tobias Marner ist Wasseringenieur und aktiv in der deutschen Friedensbewegung. Er besuchte Moskau bereits 2013, als eine Bekannte dort bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft teilnahm. Die Studentin Alina hat russische Eltern. Sie studiert an der Hochschule f&uuml;r Schauspielkunst &bdquo;Ernst Busch&rdquo; in Berlin. Natali Wenzel ist eine Russlanddeutsche aus Nowosibirsk. Sie lebt und arbeitet seit 1995 in Deutschland. Natali hatte bis 2018 eine Firma, welche Gesch&auml;ftsanbahnungen zwischen deutschen und russischen Unternehmern begleitete. Aufgew&uuml;hlt durch die Ereignisse im Jahr 2014, startete sie bei <em>Radio Free FM Ulm<\/em> die Sendung &bdquo;Russki Express&ldquo;, die es bis heute gibt. 2023 zog Natali Wenzel nach M&uuml;nchen. Dort bekam sie eine Arbeit als Schneiderin an der Staatsoper, denn sie hat eine Ausbildung als Textilfachfrau. Inzwischen betreut Natali Wenzel in der Staatsoper den Community-Bereich.<\/p><p><strong>Auftritte in mehreren russischen St&auml;dten<\/strong><\/p><p>Die Reisenden aus Deutschland traten im Rahmen ihrer selbstorganisierten Reise mit ihren Puppen in mehreren St&auml;dten auf: in St. Petersburg in der Tolstoi-Bibliothek, in Weliki Nowgorod im Kulturzentrum &bdquo;Dialog&ldquo; und in Tula im Tolstoi-Zentrum. Auf der Veranstaltung in Tula wurden die Puppen aus Deutschland der Leiterin des <a href=\"https:\/\/ypmuseum.ru\/event\/1956?ysclid=mtom4q9mt6417837822\">Tolstoi-Museums in Jasnaja Polana<\/a>, Jekaterina Tolstaja, feierlich als Geschenk &uuml;bergeben. Auf allen Veranstaltungen wurden die drei Deutschen sehr herzlich empfangen, erz&auml;hlte Natali Wenzel.<\/p><p><strong>&bdquo;Vielleicht kommen wir aus Russland nicht mehr raus &hellip;&ldquo;<\/strong><\/p><p>Eigentlich wollten an der Russland-Tour mit Puppen acht Personen aus der deutschen Friedensbewegung teilnehmen. Doch f&uuml;nf Interessenten sprangen ab, erz&auml;hlte Natali Wenzel. &bdquo;Sie hatten Angst bekommen. Sie f&uuml;rchteten, dass, wenn russische Raffinerien bombardiert werden, die ganze russische Wirtschaft zusammenbricht und man dann aus Russland nicht mehr rauskommt.&ldquo; Aber man habe die Reise wegen der Absagen nicht abbrechen wollen. &bdquo;Wir hatten die Reise lange vorbereitet. Unsere Gastgeber hatten sich sehr bem&uuml;ht. Wir wollten unser Projekt nicht abbrechen.&ldquo; Von Benzinmangel sei die Dreiergruppe auf ihrer Reise nicht betroffen gewesen.<\/p><p>Natali Wenzel berichtete, die Reise sei von den Teilnehmern selbst organisiert und finanziert worden. Sponsoren gab es nicht. Eintrittsgelder wurden nicht genommen. Ziel der Reise war der kulturelle Kontakt zur russischen Gesellschaft. Kommerzielle Interessen gab es nicht.<\/p><p><strong>Die Begegnung am Grab von Tolstoi<\/strong><\/p><p>Auf der Reise gab es ein besonderes Erlebnis. Nach der Besichtigung des Wohnhauses von Lew Tolstoi in Jasnaja Polana besuchten die drei aus Deutschland auch das Grab des Schriftstellers in einem Park unweit des Tolstoi-Wohnhauses.<\/p><p>Am Grab sahen sie zwei M&auml;nner. Ihr sei gleich aufgefallen, dass dem einen ein Bein und dem anderen ein Arm fehlte. &bdquo;Die M&auml;nner trugen Prothesen. Es war ein merkw&uuml;rdiger Zufall. Wir waren in einer so friedlichen Stimmung. Das gute Wetter, die V&ouml;gel zwitscherten. Und pl&ouml;tzlich sagten diese M&auml;nner zu uns, k&ouml;nnen Sie uns fotografieren?&ldquo; Natalia erz&auml;hlt weiter: &bdquo;Das war eine r&uuml;hrende &Uuml;berschneidung, denn unsere Tolstoi-Geschichte handelt von Liebe und Barmherzigkeit. Wir sind dann ein St&uuml;ck zusammen gelaufen. Diese Begegnung hat uns sehr bewegt.&ldquo;<\/p><p>Wie sich im Gespr&auml;ch herausstellte, waren die beiden M&auml;nner kriegsversehrte Sportler, die in der nahegelegenen Stadt Tula gerade an einer Sportveranstaltung f&uuml;r Kriegsversehrte teilnahmen und einen Abstecher zum Grab des Schriftstellers gemacht hatten.<\/p><p><strong>&bdquo;M&uuml;tter geb&auml;ren Kinder nicht f&uuml;r Kriege&ldquo;<\/strong><\/p><p>Ich fragte Natalia Wenzel, wie ihr Leben nach ihrer R&uuml;ckkehr nach Deutschland aussieht. Natalia erz&auml;hlte, dass sie einen 30 Jahre alten Sohn hat. Und dann sagte sie mit trauriger Stimme: &bdquo;M&uuml;tter geb&auml;ren Kinder nicht f&uuml;r Kriege&ldquo;. Einmal haben sie in Deutschland zu diesem Thema eine kurze Rede gehalten. &bdquo;Die Zuh&ouml;rer haben geweint. M&uuml;tter bringen ihre Kinder unter Schmerzen zur Welt, egal, ob sie Ukrainer oder Russen sind.&ldquo; Manchmal hat Natalia den Wunsch, eine Frauenbewegung f&uuml;r den Frieden zu organisieren.<\/p><p>In Deutschland habe sie von vielen Menschen geh&ouml;rt: &bdquo;Solange der Krieg l&auml;uft, fahre ich nicht nach Russland.&ldquo; Wie kommt es zu so einer Haltung? Frau Wenzel meint, dass &bdquo;in Deutschland falsche Vorstellungen &uuml;ber Russland kursieren&ldquo;. So sei in Deutschland unbekannt, dass die Russen zwischen dem deutschen Volk und der deutschen Elite unterscheiden. Es g&auml;be in Russland keinen Hass gegen &bdquo;die Deutschen&ldquo;.<\/p><p>Der Autor dieser Zeilen hat den Eindruck, dass viele gro&szlig;e deutsche Medien sich Russland aus deutscher Sicht vorstellen. Wenn es in Deutschland eine Russophobie gibt, dann m&uuml;sse es &ndash; aus Sicht dieser Medien &ndash; in Russland zwangsl&auml;ufig Hass auf Deutsche geben. Aber diese Sichtweise blendet aus, dass die russische F&uuml;hrung und die russischen Medien zwar die deutsche Politik verurteilen, aber dass sie keinen Hass auf alles Deutsche verbreiten.<\/p><p>&bdquo;In meiner Brust schlagen zwei Herzen&ldquo;, sagte Frau Wenzel. &bdquo;Ich lebe seit 31 Jahren in Deutschland und trage immer noch die selbst auferlegte &sbquo;moralische&lsquo; Verantwortung f&uuml;r Russland. Und wenn ich in Russland ein Gespr&auml;ch &uuml;ber Deutschland f&uuml;hre, dann trage ich &sbquo;Verantwortung&lsquo; f&uuml;r Deutschland.&ldquo; Mit diesen Worten beschreibt Natali Wenzel vermutlich ein Gef&uuml;hl, welches viele Russlanddeutsche, die in Deutschland leben, kennen.<\/p><p><small>Titelbild: Ulrich Heyden<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Das Haus der Deutschen Wirtschaft wurde 1997 von deutschen Politikern, Unternehmern und Bankern eingeweiht. Das Haus ist heute kein offizieller Ort der deutschen Wirtschaft mehr. Eine russische Firma vermietet in dem Geb&auml;ude R&auml;ume an Firmen, u.a. auch deutsche Firmen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Website von Arnold Landen maler-arnold-landen<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Rolf Arnold Landen beschreibt das Gem&auml;lde von Richard Engels, &bdquo;Wovon der Mensch lebt&ldquo; Gregor Hesse Directing Professor Arnold Landen discussing artwork By Horus Engels<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/a69c46f55d4b403e82dc61eb20a817aa\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz der von der Bundesregierung angek&uuml;ndigten Schlie&szlig;ung des Russischen Hauses in Berlin und der darauffolgenden Ank&uuml;ndigung von russischer Seite, das Goethe-Institut in Russland zu schlie&szlig;en: Der kulturelle Austausch zwischen Russland und Deutschland l&auml;sst sich mit administrativen Ma&szlig;nahmen nicht beenden. 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