{"id":156381,"date":"2026-09-18T09:00:20","date_gmt":"2026-09-18T07:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156381"},"modified":"2026-09-18T09:05:22","modified_gmt":"2026-09-18T07:05:22","slug":"skandal-um-ed-sheeran-und-macklemore-israels-suedafrika-moment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156381","title":{"rendered":"Skandal um Ed Sheeran und Macklemore: Israels \u201eS\u00fcdafrika-Moment\u201c?"},"content":{"rendered":"<p>Der Rauswurf des US-Rappers Macklemore von Ed Sheerans Tour wegen seiner Solidarit&auml;t mit Pal&auml;stina sollte offenbar ein Exempel statuieren. Doch er entwickelt sich zum Bumerang: Musiker springen von der Tour ab, Fans boykottieren Sheeran und die Solidarit&auml;t mit Macklemore w&auml;chst. Erleben wir gerade einen Wendepunkt &ndash; einen &bdquo;S&uuml;dafrika-Moment&ldquo; der Pal&auml;stina-Bewegung? Ein Artikel von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs ist viel in Bewegung zurzeit. Ein Skandal in der Musikbranche zieht gerade besonders gro&szlig;e Kreise. Der Rapper Macklemore wurde wegen pro-pal&auml;stinensischer Aussagen von der US-Tour des britischen Musikers Ed Sheeran ausgeschlossen. Macklemore war im Vorprogramm von Ed Sheeran aufgetreten und hatte bei zwei Konzerten in seiner Anmoderation eines Liedes den V&ouml;lkermord Israels kritisiert. Dabei erkl&auml;rte er ausdr&uuml;cklich, dass sich die Kritik nicht gegen seine &bdquo;j&uuml;dischen Br&uuml;der und Schwestern&ldquo; richte, sondern gegen das Vorgehen der israelischen Regierung und Armee. Er rief dabei auch &bdquo;Free Palestine&ldquo;.<\/p><p>Auf <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/DdRdsy0m2HK\/?img_index=1\"><em>Instagram<\/em><\/a> hatte Macklemore die Hintergr&uuml;nde aus seiner Sicht geschildert. Er schreibt: &bdquo;Ed Sheeran und sein Team haben die Entscheidung getroffen, mich von der &sbquo;Loop&lsquo;-Tour zu nehmen&ldquo;, und erz&auml;hlt dann weiter, wie der US-amerikanische Milliard&auml;r Robert Kraft, der Inhaber des &bdquo;Gillette Stadiums&ldquo;, Ed Sheeran unter Druck gesetzt habe, ihn aus dem Programm zu streichen. Der Unternehmer und Milliard&auml;r Robert Kraft geh&ouml;rt seit Jahrzehnten zu den einflussreichsten Unterst&uuml;tzern Israels in den USA und ist eng mit Benjamin Netanjahu verbunden, der ihm 2019 in Jerusalem den Genesis-Preis &uuml;berreichte und ihn als &bdquo;einen der loyalsten Freunde Israels&ldquo; w&uuml;rdigte. Kraft finanzierte mit Millionenbetr&auml;gen Kampagnen gegen die BDS-Bewegung (Boycott-Divestment-Sanctions) und unterst&uuml;tzte die israelischen Soldaten. Au&szlig;erdem finanzierte er &uuml;ber seine Kraft Group mit mindestens zwei Millionen Dollar den mit AIPAC verbundenen Super-PAC &bdquo;United Democracy Project&ldquo;. Sein Name taucht zudem mehrfach in den Epstein-Akten auf. Unter anderem vermittelte Epstein ihm einen seiner Anw&auml;lte in einem Strafverfahren, in dem es um Prostitution ging.<\/p><p>Laut Ed Sheerans <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/DdT-6KGAtuI\/?img_index=1\">eigener Stellungnahme<\/a> auf <em>Instagram<\/em> habe er die K&uuml;ndigung Macklemores nicht selbst vollzogen. W&ouml;rtlich schrieb er: &bdquo;Die Entscheidung, Macklemore von der Tour zu nehmen, hat der Veranstalter getroffen, nicht ich. Macklemores Vertrag bestand mit dem Veranstalter, nicht mit mir.&ldquo; Es gab einen gro&szlig;en &bdquo;Shitstorm&ldquo; gegen Ed Sheeran und Robert Kraft und viel Solidarit&auml;t mit Macklemore.<\/p><p>Daraufhin sagten s&auml;mtliche Vorgruppen und sogar Ed Sheerans Begleitband Beoga ihre Teilnahme an der Tour ab, was wieder sehr viel Unterst&uuml;tzung von anderen Musikern, Prominenten und der breiten Bev&ouml;lkerung nach sich zog. Die irischen Musiker Aaron Rowe und Beoga bezogen sich in ihrer <a href=\"https:\/\/x.com\/Variety\/status\/2099939940712972551?s=20\">Begr&uuml;ndung zur Absage<\/a> auch auf die irische Geschichte und die Erfahrung ihres eigenen Volkes mit V&ouml;lkermord, dem Aushungern und Kolonialismus durch die Briten.<\/p><p>Auf Social-Media-Plattformen explodieren seitdem Lieder, Stellungnahmen und Kommentare von Musikern, Komikern, Experten aus der Musikbranche, aber auch <a href=\"https:\/\/x.com\/taraisredacted\/status\/2100421957787242660?s=20\">ganz normalen B&uuml;rgern<\/a>, die sich mit der Kontroverse besch&auml;ftigen oder sich &uuml;ber Ed Sheeran lustig machen.<\/p><p>Seit Bekanntwerden des Macklemore-Rauswurfs hat Ed Sheeran auf <em>Instagram<\/em> mehr als 200.000 Follower verloren. Macklemore dagegen gewann auf <em>Instagram<\/em> rund 1,25 Millionen neue Follower. Der irische Sender <em>Classic Hits Radio<\/em> hat auf Druck seiner Zuh&ouml;rer inzwischen sogar <a href=\"https:\/\/www.irishexaminer.com\/lifestyle\/artsandculture\/arid-41912101.html\">Ed Sheerans Musik<\/a> aus seinem Programm genommen. Billy Bragg, einer der bekanntesten britischen Protestmusiker und seit den Thatcher-Jahren eng mit der Gewerkschafts-, Anti-Apartheid- und antirassistischen Bewegung verbunden, <a href=\"https:\/\/www.irishexaminer.com\/lifestyle\/artsandculture\/arid-41912101.html\">kritisierte Sheeran ebenfalls scharf<\/a>. W&auml;hrend sich zahlreiche prominente Musiker &ouml;ffentlich mit Macklemore solidarisierten, ist bislang kein prominenter K&uuml;nstler bekannt, der dessen Rauswurf guthie&szlig; oder sich hinter Sheerans Entscheidung stellte.<\/p><p>Macklemore hat jetzt erkl&auml;rt, seine Nettoeinnahmen aus der Tour in H&ouml;he von einer Million Dollar an Wohlt&auml;tigkeitsorganisationen zu spenden, die sich f&uuml;r das pal&auml;stinensische Volk einsetzen, und Robert Kraft dazu aufgefordert, seine Spende zu verdoppeln. Robert Kraft erwiderte darauf, Ed Sheeran habe ihn bereits vor Macklemores &ouml;ffentlicher Aufforderung selbst angerufen und gebeten, zwei Millionen Dollar zur Unterst&uuml;tzung der Menschen in der Region zu spenden. Man sieht also, dass die PR-Berater auf Hochtouren arbeiten, um die enormen Auswirkungen dieses Skandals &ndash; auch die finanziellen &ndash; f&uuml;r Ed Sheeran und f&uuml;r Robert Kraft zu begrenzen.<\/p><p>Jetzt k&ouml;nnte man nat&uuml;rlich argumentieren, dass das &bdquo;Canceln&ldquo; Ed Sheerans ebenfalls repressiv und autorit&auml;r sei. Aber das w&auml;re eine massive Verkennung der Machtverh&auml;ltnisse und Umst&auml;nde der Situation. Wenn Milliard&auml;re, Stadionbesitzer und pro-israelische Lobbyorganisationen ihre &ouml;konomische und institutionelle Macht einsetzen, um einen K&uuml;nstler von der B&uuml;hne zu dr&auml;ngen, weil er seine Stimme gegen den V&ouml;lkermord in Gaza erhebt, dann ist das der Versuch, Widerstand gegen einen V&ouml;lkermord mundtot zu machen. Wenn Menschen darauf reagieren, indem sie Sheeran entfolgen, seine Musik nicht mehr h&ouml;ren und keine Konzertkarten mehr kaufen, ist das dagegen oft die einzige Waffe der strukturell Machtloseren: Boykott. Von der amerikanischen B&uuml;rgerrechtsbewegung bis zum Kampf gegen die s&uuml;dafrikanische Apartheid war der organisierte Entzug von Geld, Aufmerksamkeit und Zustimmung ein Mittel, mit dem Menschen ohne Milliardenverm&ouml;gen, Medienmacht oder institutionellen Einfluss Druck auf diejenigen aus&uuml;bten, die diese Macht besa&szlig;en.<\/p><p>Viele Kommentatoren glauben, dass dieser Skandal und die massiven Reaktionen aus der Kulturszene einen <a href=\"https:\/\/x.com\/5149jamesli\/status\/2100050909984329904?s=20\">Epochenbruch markieren<\/a>. Einige sprechen von einem <a href=\"https:\/\/x.com\/AliAbunimah\/status\/2099947783843135814?s=20\">&bdquo;S&uuml;dafrika-Moment&ldquo;<\/a> der pro-pal&auml;stinensischen Bewegung und beziehen sich damit auf den Erfolg der Boykottbewegung gegen das s&uuml;dafrikanische Apartheidregime in den 1980er-Jahren. Der Boykott S&uuml;dafrikas existierte damals schon lange, doch 1984 und 1985 sprang er endg&uuml;ltig in die westliche Pop- und Jugendkultur &uuml;ber: &bdquo;Free Nelson Mandela&ldquo; wurde zum Hit, und f&uuml;r die &bdquo;Sun City&ldquo;-Kampagne schlossen sich mehr als 50 internationale Stars den &bdquo;Artists United Against Apartheid&ldquo; an und erkl&auml;rten &ouml;ffentlich, nicht mehr in S&uuml;dafrika aufzutreten. Damit begannen sich auch die gesellschaftlichen Kosten umzukehren: Nicht mehr der Boykott S&uuml;dafrikas musste gerechtfertigt werden, sondern zunehmend dessen Bruch. Genau darin sehen viele die Parallele zu den Ereignissen dieser Woche: Pal&auml;stina-Solidarit&auml;t scheint gerade den Schritt von einer politisch und beruflich riskanten Position hin zu einer Haltung zu vollziehen, die die Massen begeistern und ihren Respekt erweckt &ndash; w&auml;hrend umgekehrt das Schweigen zum V&ouml;lkermord und die Sanktionierung seiner Kritiker erstmals erhebliche Reputationskosten nach sich zieht.<\/p><p>Viele schlugen auch vor, den &bdquo;Streisand-Effekt&ldquo; in den &bdquo;Sheeran-Effekt&ldquo; umzubenennen, denn durch diese Kontroverse ist das Thema Pal&auml;stina-Solidarit&auml;t im Mainstream angekommen. Dadurch, dass es hier um einen so bekannten Musiker wie Ed Sheeran geht, ist es kein Nischenthema mehr. Die oft gescholtene &bdquo;Promi-Kultur&ldquo; (also der &uuml;bertriebene Fokus auf Prominente) wirkte als Katalysator und Aufmerksamkeitsverst&auml;rker f&uuml;r ein Thema, das bisher eher f&uuml;r linke politische Aktivisten und Auslandskorrespondenten relevant war.<\/p><p>Die Geschichte zieht immer weitere Kreise. Es scheint, als h&auml;tten Israel und die pro-israelischen Lobbyisten die Unterst&uuml;tzung eines gro&szlig;en Teils der Jugend und von Popkultur-Akteuren verloren. Und es ist eine demokratische Bewegung von unten. Der Druck und die Zensur, das israelische Vorgehen nicht zu kritisieren, kommen von den F&uuml;hrungsetagen der Medien, von Politikern, von den Besitzern von Stadien, Filmstudios, von gro&szlig;en Agenturen. Der Widerstand dagegen kommt von unabh&auml;ngigen Musikern und Fans, denen gerade erst ihre wirkliche Macht bewusst zu werden scheint. Und sie unterst&uuml;tzen die Musiker, die wegen ihrer pro-pal&auml;stinensischen Positionierung finanzielle und berufliche Sch&auml;den erleiden, mit Plattenk&auml;ufen, Downloads und vielen andere praktischen Formen von Solidarit&auml;t, um sie zu entsch&auml;digen. Und nat&uuml;rlich mit massiv gestiegener Aufmerksamkeit, der W&auml;hrung unserer Zeit.<\/p><p>Und noch ein anderer Aspekt ist zu beobachten: Mut macht Mut. Macklemore war bereit, f&uuml;r seine &Uuml;berzeugungen auf viel Geld zu verzichten und vielleicht sogar seine Karriere zu riskieren. Das hat die anderen jungen Bands und Musiker von Ed Sheeran ermutigt, ebenfalls Entscheidungen zu treffen, die ihnen finanziell wehtun und Risiken f&uuml;r ihre Karrieren bedeuten. Und ihre Schritte und &ouml;ffentlichen &Auml;u&szlig;erungen haben jetzt offensichtlich sehr vielen Prominenten und Nicht-Prominenten Musikern und K&uuml;nstlern Mut gemacht, sich &ouml;ffentlich zu &auml;u&szlig;ern.<\/p><p>Das Schweigen der Mehrheit bei Ungerechtigkeit und Unterdr&uuml;ckung ist immer der beste Schutz der T&auml;ter. Oder wie Martin Luther King Jr. es formulierte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die gr&ouml;&szlig;te Trag&ouml;die ist nicht die Unterdr&uuml;ckung und Grausamkeit der B&ouml;sen, sondern das Schweigen der Guten dazu.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieses Schweigen wird gerade von vielen gebrochen.<\/p><p><small>Titelbild: Sugar Wolf \/ Andrea Raffin \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/c99c12410789413ba955b3ad7c0a8b38\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Rauswurf des US-Rappers Macklemore von Ed Sheerans Tour wegen seiner Solidarit&auml;t mit Pal&auml;stina sollte offenbar ein Exempel statuieren. Doch er entwickelt sich zum Bumerang: Musiker springen von der Tour ab, Fans boykottieren Sheeran und die Solidarit&auml;t mit Macklemore w&auml;chst. Erleben wir gerade einen Wendepunkt &ndash; einen &bdquo;S&uuml;dafrika-Moment&ldquo; der Pal&auml;stina-Bewegung? 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