{"id":156510,"date":"2026-09-21T11:00:47","date_gmt":"2026-09-21T09:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156510"},"modified":"2026-09-21T11:00:01","modified_gmt":"2026-09-21T09:00:01","slug":"156510","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156510","title":{"rendered":"\u201eDie Lage ist \u00fcberhaupt nicht dramatisch\u201c \u2013 der \u00d6konom Heiner Flassbeck im NachDenkSeiten-Interview zur globalen Staatsschuldenkrise"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Wort &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo; ist in den vergangenen Tagen und Wochen wieder ein Begriff in der hiesigen Medienlandschaft aufgetaucht, der bereits als Untoter der Finanzkrise in der Versenkung verschwunden schien. Der Grund f&uuml;r die wundersame Auferstehung ist der pl&ouml;tzliche und starke Kursverfall der Staatsanleihen der wichtigsten Industrienationen. Die Rendite der 30-j&auml;hrigen US-Treasuries etwa ist zuletzt auf den h&ouml;chsten Stand seit 2004 gestiegen, &auml;hnlich sieht es bei den deutschen Bundesanleihen aus. Begr&uuml;ndet wird all dies mit steigenden Staatsschulden und zunehmenden Inflationssorgen, die die Notenbanken zu weiteren Zinserh&ouml;hungen treiben. Der &Ouml;konom <strong>Heiner Flassbeck<\/strong> hat sich auf seinem Blog <a href=\"https:\/\/www.relevante-oekonomik.com\/\">&bdquo;Relevante &Ouml;konomik&ldquo;<\/a> eingehend mit dieser Entwicklung besch&auml;ftigt. <strong>Thomas Trares<\/strong> hat ihn f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> dazu befragt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Flassbeck, f&uuml;hrende &Ouml;konomen haben sich j&uuml;ngst &uuml;ber die Entwicklung an den Anleihem&auml;rkten besorgt gezeigt. Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr sch&auml;tzt die Gefahr einer gr&ouml;&szlig;eren globalen Staatsschuldenkrise als &bdquo;aktuell sehr hoch&ldquo; ein. Und der Pr&auml;sident des M&uuml;nchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, forderte die Bundesregierung angesichts der stark gestiegenen Anleiherenditen zum Handeln auf. Er schlug eine &uuml;berzeugende, mehrj&auml;hrig angelegte Strategie zur Senkung der Staatsausgaben und zur St&auml;rkung des Wirtschaftswachstums vor. Wie dramatisch ist die Lage wirklich?<\/strong><\/p><p>Die Lage ist &uuml;berhaupt nicht dramatisch. Was wir sehen, ist die normale Spekulation an den Finanzm&auml;rkten, wenn die Notenbanken laut &uuml;ber Zinserh&ouml;hungen nachdenken. Man geht dann vermehrt aus langfristigen Anlagen heraus und schichtet vor&uuml;bergehend in kurzfristige um, was die Preise f&uuml;r die langfristigen Anlagen fallen und die Zinsen steigen l&auml;sst, weil es sich um festverzinsliche Papiere handelt. Wer &uuml;ber eine globale Schuldenkrise redet, beweist nur, dass er &uuml;berhaupt keine Ahnung hat. Wo sollen denn die Sparer dieser Welt ihr Geld anlegen, wenn sie es den Staaten nicht mehr geben wollen? Es gibt einfach keine Alternative, es bleibt nur die Matratze und die ist unglaublich teuer, weil sich da &uuml;berhaupt nichts verzinst.<\/p><p><strong>Tats&auml;chlich gab es in j&uuml;ngster Zeit einige Vorg&auml;nge an den internationalen Anleihem&auml;rkten, die so nicht allt&auml;glich sind. So war US-Finanzminister Scott Bessent zuletzt vor allem als Krisenmanager an den M&auml;rkten unterwegs. Zum einen hat er langlaufende US-Staatsanleihen verkauft und daf&uuml;r verst&auml;rkt kurzfristige Titel ausgegeben, und zum anderen hat er an den Devisenm&auml;rkten interveniert, um den japanischen Yen zu st&uuml;tzen und damit den Verkauf von US-Staatsanleihen durch die Japaner zu verhindern. All dies diente dem Ziel, die Zinslast f&uuml;r die USA zu reduzieren. Wie beurteilen Sie diese Vorg&auml;nge?<\/strong><\/p><p>Wenn die Regierungen der internationalen Spekulation an den Finanzm&auml;rkten entgegentreten, kann man das nur begr&uuml;&szlig;en. Man erinnere sich: In Deutschland gab es einmal einen Finanzminister, der sich mit den internationalen Finanzm&auml;rkten anlegen wollte, aber er ist gescheitert, weil sein Bundeskanzler und seine gr&uuml;nen Kollegen die Hosen voll hatten. Auch die Eingriffe in Japan sind sinnvoll, weil der japanische Yen abwertet, weil er die wichtigste &bdquo;funding currency&ldquo; der sogenannten Carry trades ist, die in den Entwicklungsl&auml;ndern schweren Schaden anrichten, weil sie die dortigen W&auml;hrungen systematisch &uuml;berbewerten und die Exportindustrie kaputtmachen. Daran verdienen dann die Hedgefonds und so wunderbare Institute wie die Deutsche Bank, deren grandiose Gewinne regelm&auml;&szlig;ig in der deutschen &Ouml;ffentlichkeit gefeiert werden. Woher die Gewinne kommen, fragt keiner. Erstaunlich ist nur, dass die USA nun, mit einem ehemaligen Hedgefondsmanager als Finanzminister, so mutig geworden sind. Der wei&szlig; offenbar viel besser als etwa Herr Klingbeil, wie gef&auml;hrlich die Spekulation mit W&auml;hrungen ist.<\/p><p><strong>Bemerkenswert ist ja auch, dass ausgerechnet die USA derart im Fokus stehen. Das Land ist die gr&ouml;&szlig;te Wirtschaftsmacht der Welt und verf&uuml;gt mit dem US-Dollar &uuml;ber die Weltleitw&auml;hrung. Bisher war man ja davon ausgegangen, dass sich die USA unbegrenzt verschulden k&ouml;nnen. Inzwischen wird aber immer wieder auf den Schuldenstand von 40 Billionen US-Dollar und Zinskosten von 1,1 Billionen US-Dollar im Jahr verwiesen. Gelten die alten Gewissheiten nun nicht mehr?<\/strong><\/p><p>40 Billionen Schulden stehen 40 Billionen Ersparnisse gegen&uuml;ber, das wollen wir mal nicht vergessen. Wo wollen die Leute ihre Ersparnisse unterbringen und woher wollen sie Zinsen beziehen, wenn nicht bei und von den Staaten? Die Zinsen zieht der Staat direkt via Steuern ein und &uuml;berweist sie dann an die Sparer. W&uuml;rde er das nicht tun, w&uuml;rden alle auf die Barrikaden gehen und sich &uuml;ber fehlende Verzinsung beklagen. Was all die Dummschw&auml;tzer in den Zeitungen und an den Stammtischen nicht verstehen, ist die einfache Tatsache, dass es ohne Wachstum &uuml;berhaupt keinen Zins gibt, weil der nicht auf Dauer aus der Substanz bezahlt werden kann. Wachstum gibt es in diesen Zeiten aber nur, wenn der Staat Schulden macht, die USA zeigen das in aller Klarheit. Warum das zwingend so ist, kann man leicht erkl&auml;ren, es w&uuml;rde aber den Rahmen des Interviews sprengen. Bei &bdquo;Relevante &Ouml;konomik&ldquo; kann man das aber jederzeit nachlesen.<\/p><p><strong>In der Eurozone gilt inzwischen Frankreich als das verwundbarste Land. Die Renditen franz&ouml;sischer Staatsanleihen notierten zuletzt auf dem h&ouml;chsten Stand seit 18 Jahren. Die Staatsschulden belaufen sich auf 3,5 Billionen Euro, die Schuldenquote liegt bei 118 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Frankreichs Premierminister S&eacute;bastien Lecornu hat k&uuml;rzlich vor einer &bdquo;Zinslawine&ldquo; gewarnt. Und der Pr&auml;sidentschaftskandidat des linken La France Insoumise, Jean-Luc M&eacute;lenchon, forderte gar, die franz&ouml;sischen Staatsschulden zu streichen. Was ist von diesem Vorschlag zu halten?<\/strong><\/p><p>M&eacute;lenchon ist ein intelligenter Mann, aber er versteht leider nichts von &Ouml;konomik. Staatschulden zu streichen, hei&szlig;t, die eigenen Sparer zu bestrafen. Und zwar so hart zu bestrafen, dass in hundert Jahren kein vern&uuml;nftiger Mensch mehr eine linke Partei w&auml;hlen wird. Es ist schlimm, dass die Linke genauso wenig von vern&uuml;nftiger Wirtschaftspolitik wie die Rechte versteht.<\/p><p><strong>Inwieweit spielt es eine Rolle, dass Frankreich anders als die USA keine eigene Notenbank mehr hat und wie alle Staaten der Eurozone zur Haushaltsfinanzierung auf die Kapitalm&auml;rkte angewiesen ist?<\/strong><\/p><p>Eine gewisse Rolle spielt es. Die M&auml;rkte glauben seit Griechenland in der Tat, dass eine europ&auml;ische Regierung Pleite gehen kann und ihre Schulden nicht bedient. Das ist das unselige Erbe von Sch&auml;uble und Co. Europa hat zwar eine Notenbank, die das Richtige machen k&ouml;nnte, aber die Konstruktion der Notenbank ruht auf unsinnigen Vertr&auml;gen und einer falschen Vorstellung von der Bedeutung der Geldpolitik &ndash; beides mit Gewalt von Deutschland in den 1990er-Jahren durchgesetzt! Es ist aber eine Fehlentwicklung. Kein Land d&uuml;rfte in der EWU jemals in eine solche Situation geraten. Die Notenbank hat in einer vern&uuml;nftig konstruierten W&auml;hrungsunion daf&uuml;r zu sorgen, dass sich auch die langfristigen Zinsen gleichf&ouml;rmig entwickeln.<\/p><p><strong>Welchen Anteil an der Misere haben die Notenbanken? Schlie&szlig;lich wird der Renditeanstieg bei den Staatsanleihen ma&szlig;geblich von der Aussicht auf weitere Zinserh&ouml;hungen befeuert. Vor Kurzem hat die Europ&auml;ische Zentralbank ja nochmal den Leitzins erh&ouml;ht.<\/strong><\/p><p>Die Notenbanken spielen eine gro&szlig;e Rolle und die EZB spielt &ndash; wieder einmal unter starkem deutschen Einfluss &ndash; eine schreckliche Rolle. Die Zinserh&ouml;hungen der EZB sind durch nichts gerechtfertigt, weil &uuml;berhaupt keine Gefahr besteht, dass die tempor&auml;ren &Ouml;lpreisschocks sich in deutlich h&ouml;heren L&ouml;hnen niederschlagen und eine wirkliche Inflation entsteht. Auch diese Geschichte kann man vollst&auml;ndig bei &bdquo;Relevante &Ouml;konomik&ldquo; nachlesen.<\/p><p><strong>Besteht aber nicht die Gefahr, dass ein immer gr&ouml;&szlig;erer Teil des Staatshaushalts in den Schuldendienst flie&szlig;t und damit der Spielraum f&uuml;r &ouml;ffentliche Investitionen und Sozialleistungen immer kleiner wird? Der Bundesrechnungshof etwa hat gerade vor einer Schuldenfalle im Haushalt 2027 gewarnt und eine entschiedene Haushaltskonsolidierung angemahnt.<\/strong><\/p><p>Der Bundesrechnungshof wei&szlig; nicht mehr zu dieser Problematik als jeder Stammtischgr&ouml;ler. Es ist ein Witz, dass man es in Deutschland zul&auml;sst, dass diese Institution, die ganz andere Aufgaben hat, sich zu dieser europ&auml;ischen und globalen Frage &auml;u&szlig;ert. Der Schuldendienst, ich sage es noch einmal, sind die Ertr&auml;ge der Sparer. W&uuml;rden alle weniger sparen, m&uuml;sste der Staat sich nicht so hoch verschulden.<\/p><p><strong>Bei dem Wort Staatsschuldenkrise handelt es sich ja auch um einen ideologisch stark aufgeladenen Begriff. Den Neoliberalen gelang es beispielsweise Ende der Nuller-Jahre, die Finanzkrise, die damals in die Staatshaushalte hineingeschwappt ist, zu einer Staatsschuldenkrise umzudeuten. Halten Sie die Diskussion heute auch f&uuml;r in irgendeiner Form ideologisch motiviert?<\/strong><\/p><p>Sie ist immer ideologisch motiviert, weil bei der gro&szlig;en Mehrheit der &Ouml;konomen nicht die Wissenschaft im Vordergrund steht, sondern der immerw&auml;hrende Kampf gegen den Staat.<\/p><p><strong>Wie w&uuml;rde aus Ihrer Sicht der richtige Umgang mit den steigenden Staatsschulden und Anleiherenditen aussehen?<\/strong><\/p><p>Auch um das zu erkl&auml;ren, braucht man etwa 20 Minuten. Es gibt jede Menge Vortr&auml;ge und Interviews von mir, wo ich das in aller Ausf&uuml;hrlichkeit erkl&auml;rt habe, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9J0sujeiucg\">hier<\/a> zum Beispiel.<\/p><p><strong>Herr Flassbeck, vielen Dank f&uuml;r das Interview.<\/strong><\/p><p><small>Titelbild: Screenshot Westend Verlag via YouTube<\/small><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/40fec4de30014bb099e59553454c54ca\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Wort &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo; ist in den vergangenen Tagen und Wochen wieder ein Begriff in der hiesigen Medienlandschaft aufgetaucht, der bereits als Untoter der Finanzkrise in der Versenkung verschwunden schien. Der Grund f&uuml;r die wundersame Auferstehung ist der pl&ouml;tzliche und starke Kursverfall der Staatsanleihen der wichtigsten Industrienationen. Die Rendite der 30-j&auml;hrigen US-Treasuries etwa ist zuletzt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156510\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":156512,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,209,156],"tags":[507,283,364,1043,637,325,1556,402,2029],"class_list":["post-156510","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-interviews","category-schulden-sparen","tag-ezb","tag-finanzmaerkte","tag-flassbeck-heiner","tag-frankreich","tag-staatsanleihen","tag-staatsschulden","tag-usa","tag-wachstum","tag-zinspolitik"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/260921_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/156510","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=156510"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/156510\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":156519,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/156510\/revisions\/156519"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/156512"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=156510"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=156510"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=156510"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}