{"id":156621,"date":"2026-09-23T15:00:39","date_gmt":"2026-09-23T13:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156621"},"modified":"2026-09-23T15:41:26","modified_gmt":"2026-09-23T13:41:26","slug":"ueberall-brandmauern-was-die-berliner-koalitionsdebatte-sichtbar-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156621","title":{"rendered":"\u00dcberall Brandmauern \u2013 Was die Berliner Koalitionsdebatte sichtbar macht"},"content":{"rendered":"<p>Kaum ist die Berliner Wahl vorbei, geht es wieder los mit Brandmauern, roten Linien und der Frage, wer &uuml;berhaupt noch &bdquo;koalitionsf&auml;hig&ldquo; ist. Antisemitismusvorw&uuml;rfe gegen die Linke, Warnungen vor einer Regierungsbeteiligung und sogar finanzielle Drohungen gegen Berlin bestimmen die Debatte. Dahinter zeigt sich ein inzwischen vertrautes Muster: Besonders erbittert wird der politische Kampf immer dort, wo es um die Grundpfeiler der bestehenden geopolitischen Ordnung geht. Ein Kommentar von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Partei Die Linke gewann die Berliner Abgeordnetenwahl am Sonntag mit 25,7 Prozent und wird voraussichtlich bald <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/linke-will-diese-woche-mit-gruenen-und-spd-sprechen-kritik-am-umgang-mit-antisemitismusvorwuerfen-100.html\">erste Sondierungsgespr&auml;che<\/a> mit der SPD und den Gr&uuml;nen zur Bildung einer rot-rot-gr&uuml;nen Koalition aufnehmen. Knackpunkte dabei sind besonders die Pl&auml;ne der Linken zur Vergesellschaftung gro&szlig;er Wohnungsunternehmen und die Antisemitismusvorw&uuml;rfe von Seiten der SPD und der Gr&uuml;nen gegen Teile der Partei Die Linke.<\/p><p>Die Debatte um eine Koalitionsbildung hat seit dem Wahltag schon wieder absurde Formen angenommen, wie es in Deutschland inzwischen immer &uuml;blicher wird. Die Linke wurde aufgefordert, <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/linke-will-diese-woche-mit-gruenen-und-spd-sprechen-kritik-am-umgang-mit-antisemitismusvorwuerfen-100.html\">Mitglieder mit &bdquo;antisemitischen Positionen&ldquo; auszuschlie&szlig;en<\/a> und sich von &bdquo;antisemitischen&ldquo; Positionen zu distanzieren. Israels Botschafter Prosor sprach von einem <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2026-09\/ron-prosor-israel-botschafter-die-linke-berlin-antisemitismus-gxe\">&bdquo;v&ouml;llig enthemmten Antisemitismus&ldquo;<\/a> in der Partei und auch die deutsch-israelische Gesellschaft Berlin-Brandenburg warnte vor einer Koalition mit der Linken.<\/p><p><strong>&bdquo;Offen antisemitisch&ldquo; ist das neue &bdquo;gesichert rechtsextrem&ldquo;<\/strong><\/p><p>Jetzt geht es also wieder los, das Spiel mit den Brandmauern, roten Linien und Distanzierungen. Was hier passiert, ist ein inzwischen vertrauter Mechanismus: Statt sich mit politischen Positionen auseinanderzusetzen, werden Parteien oder Teile von ihnen moralisch delegitimiert, verleumdet und anschlie&szlig;end f&uuml;r &bdquo;nicht koalitionsf&auml;hig&ldquo; erkl&auml;rt.<\/p><p>Und die Linken erleben jetzt am eigenen Leib, wie es sich anf&uuml;hlt, gebrandmarkt zu werden &ndash; wenn ein politischer Diskurs nicht mehr inhaltlich und sachlich gef&uuml;hrt wird, sondern mit Unterstellungen, Feindmarkierungen, Kampfbegriffen, Verleumdungen und Kontaktschuld gearbeitet wird. Leider trifft es dabei aber in diesem Fall die antiimperialistische und antirassistische Basis von Die Linke, die in einem harten internen Kampf, teilweise gegen die Parteif&uuml;hrung, durchgesetzt hat, die Unterdr&uuml;ckung der Pal&auml;stinenser und den V&ouml;lkermord an ihnen &uuml;berhaupt klar zu kritisieren.<\/p><p>Kritik an Israels brutalem Vorgehen und die Unterst&uuml;tzung der pal&auml;stinensischen Freiheitsbewegung &ndash; da h&ouml;rt der &bdquo;Spa&szlig;&ldquo; auf. Dann wird &ndash; wie damals in der Kampagne gegen Jeremy Corbyn (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56814\">hier<\/a>) &ndash; mit Antisemitismusvorw&uuml;rfen und einer massiven Angstmache gearbeitet, um bei j&uuml;dischen Menschen in Deutschland den Eindruck zu erwecken, dass sich die Wut und der Aktivismus gegen sie richte anstatt gegen den V&ouml;lkermord durch die Regierung und das Milit&auml;r eines ausl&auml;ndischen Staates. Die Vermischung der Kritik an Israel mit Antisemitismus hat in den letzten Jahren noch einmal erheblich Fahrt aufgenommen und f&uuml;hrt dazu, dass diese Debatte so unehrlich und verzerrt gef&uuml;hrt wird.<\/p><p>Und nat&uuml;rlich ist das auch der Grund, dass der erhebliche Anteil j&uuml;discher Menschen an der aktuellen pal&auml;stinasolidarischen Bewegung von den meisten Kommentatoren komplett verschwiegen wird, da er die Erz&auml;hlung, Kritik an Israel sei antisemitisch motiviert, massiv st&ouml;ren w&uuml;rde.<\/p><p>Aber f&uuml;r den Fall, dass die Antisemitismus-Keule nicht gen&uuml;gt &ndash; obwohl sie mit Verve auch von der fast gesamten deutschen Medienlandschaft geschwungen wird &ndash; gab es jetzt noch einen Skandal mit einem Berliner Clan-Chef, der auf der Wahlparty der Linken auftauchte und den inzwischen bekannt gewordenen Chatkontakt des Linkenpolitikers Ferat Ko&ccedil;ak mit dessen Sohn &ndash; was zu der fast schon kinderbuchhaften rechten Erz&auml;hlung passt, die Linke w&uuml;rde die deutsche Hauptstadt der Clan-Kriminalit&auml;t &uuml;berlassen.<\/p><p>In der massiven &Uuml;berreaktion auf den Wahlsieg der Linken werden die wahren roten Linien der deutschen Politik deutlich:<\/p><p>Eine dieser roten Linien ist die unbedingte &sbquo;Solidarit&auml;t&lsquo; (Kollaboration) mit Israel, das gerade einen V&ouml;lkermord begeht. Dazu kommen die enge Zusammenarbeit mit israelischen Waffen- und Technologieunternehmen sowie mit israelischen Sicherheitskr&auml;ften und der Polizei (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=144963\">hier<\/a>).<\/p><p>Eine andere rote Linie ist das Bem&uuml;hen um einen Frieden mit Russland und eine Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit diesem Land, wie das BSW und auch die AfD erfahren mussten. Und das Thema Souver&auml;nit&auml;t, auch in Bezug auf die EU und NATO. Das sind die wahren &bdquo;Schmerzpunkte&ldquo; &ndash; denn hier sind die Parteien, die daf&uuml;r &bdquo;extrem&ldquo; genannt werden, wirklich eine Gefahr f&uuml;r die bestehende westliche hegemoniale Weltordnung.<\/p><p>Darum werden die &bdquo;Lifestyle-Linken&ldquo;, wie sie in Teilen der Linken, der Gr&uuml;nen und der SPD existieren, von den wirklichen Machtstrukturen, wie den politischen und medialen Machtzentren auch weit weniger bek&auml;mpft, denn es ist wesentlich ungef&auml;hrlicher f&uuml;r die bestehenden Systeme, wenn Menschen f&uuml;r freie Geschlechterwahl oder die richtigen Pronomina k&auml;mpfen, als gegen Oligarchie, Neoliberalismus und Imperialismus.<\/p><p>Auch die AfD wurde aus meiner Sicht von den politischen und medialen Machtzentren nicht deswegen so massiv bek&auml;mpft, weil sie fremdenfeindlich ist &ndash; auch wenn das viele &bdquo;normale&ldquo; Menschen an ihr am meisten st&ouml;rt -, sondern wegen der Positionierung zumindest eines Fl&uuml;gels der Partei f&uuml;r eine st&auml;rkere Souver&auml;nit&auml;t Deutschlands und f&uuml;r Friedenspolitik gegen&uuml;ber Russland. Denn genau in diesen Positionen liegt die wirkliche Gefahr f&uuml;r das bestehende System.<\/p><p>So unterschiedlich diese Parteien politisch sind und so unterschiedlich ich ihre jeweiligen Positionen bewerte: An diesen Punkten geraten sie mit den wirklichen Machtzentren unserer Welt in Konflikt und das erkl&auml;rt die massiven Reaktionen.<\/p><p>Jetzt hei&szlig;t es also, wie schon vorher in Bezug auf die AfD und das BSW, die Linke sei &bdquo;nicht koalitionsf&auml;hig&ldquo; und habe &bdquo;extreme&ldquo; Positionen und m&uuml;sse daher von der Regierungsbeteiligung ferngehalten werden. Dies ist nat&uuml;rlich auch nichts Neues f&uuml;r die Linke. Ich erinnere mich noch gut an Gespr&auml;che im politischen Berlin vor etwa zehn Jahren, wo mir Bundestagsabgeordnete und Politikberater erkl&auml;rten, eine rot-rot-gr&uuml;ne Koalition auf Bundesebene w&auml;re unm&ouml;glich, solange die Linke ihre Anti-NATO-Haltung nicht aufg&auml;be. Erst dann w&auml;re sie politisch &bdquo;satisfaktionsf&auml;hig&ldquo; genug f&uuml;r eine Regierungsbeteiligung. Der Aufstieg der Gr&uuml;nen und die Unterst&uuml;tzung durch weite Teile der Presse scheinen mir ebenfalls auffallend mit dem Zeitpunkt zusammenzufallen, an dem sie ihre fr&uuml;here Anti-NATO-Positionierung aufgaben.<\/p><p>CSU-Chef S&ouml;der k&uuml;ndigte jetzt auch schon mal an, dass man Berlin im Fall einer Regierungskoalition unter F&uuml;hrung der Linken den Geldhahn beim L&auml;nderfinanzausgleich zudrehen w&uuml;rde. Auch das sind ganz &auml;hnliche T&ouml;ne, wie wir sie in Bezug auf eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt geh&ouml;rt haben. Als Begr&uuml;ndung gab S&ouml;der an: &bdquo;Es kann nicht sein, dass extremistische Politik, antidemokratische Politik noch belohnt wird und vor allen Dingen antisemitische.&ldquo;<\/p><p>Immer mehr Parteien sind jetzt also &bdquo;extremistisch&ldquo; und ihre Politik &bdquo;antidemokratisch&ldquo; &ndash; obwohl gerade diese Parteien von immer mehr Menschen gew&auml;hlt werden und ihre Positionen damit selbstverst&auml;ndlich demokratisch legitimiert sind. Und das aktuell oft mehr als jene Parteien, die sich als &bdquo;gem&auml;&szlig;igte demokratische Mitte&ldquo; empfinden &ndash; deren Wahlergebnisse sich aber im Tiefflug befinden.<\/p><p>Diese sogenannte Mitte schrumpft immer weiter und wird dabei immer extremer. Wir werden sehen, welche Partei als n&auml;chste aus dem Konsens-Club herausf&auml;llt und nicht mehr salonf&auml;hig ist.<\/p><p>Das soll nat&uuml;rlich nicht hei&szlig;en, dass tats&auml;chlich antisemitische oder rechtsextremistische Positionen gut oder akzeptabel w&auml;ren. Das Problem ist die immer st&auml;rker werdende Instrumentalisierung dieser Begriffe f&uuml;r politische Schmutzkampagnen gegen Parteien oder Politiker, um Positionen, die ein erheblicher Teil der Bev&ouml;lkerung vertritt, zu diskreditieren und aus dem Diskursraum zu verbannen.<\/p><p>Es f&auml;llt schwer, diese Debatte und die Art, wie sie von Politikern der CDU, der Gr&uuml;nen, der SPD und auch von Leitmedien gef&uuml;hrt wird, noch ernst zu nehmen. So weit ist die Debatte von einer seri&ouml;sen, sachlichen Auseinandersetzung mit politischen Inhalten und Konzepten entfernt und so bar eines auch nur grundlegenden Verst&auml;ndnisses davon, was Demokratie im Kern bedeutet und was sie ausmacht.<\/p><p>Politiker sind Vertreter des Volkes. Das hei&szlig;t, wenn Forderungen nach Frieden mit Russland, mehr Souver&auml;nit&auml;t f&uuml;r Deutschland oder die Unterst&uuml;tzung der Pal&auml;stinenser Mehrheiten gewinnen, ist das das Ergebnis eines demokratischen Vorgangs. Nur weil es den Statthaltern des Status quo nicht gef&auml;llt, k&ouml;nnen sie diese Positionen nicht einfach aus dem politischen Raum exilieren. Das Traurige an dem Ganzen ist dabei, dass dadurch das Vertrauen in Demokratie und die politische Kultur nur immer weiter besch&auml;digt wird.<\/p><p>Wir leben in aufgeregten Zeiten und Gef&uuml;hle spielen auch in der Politik eine wichtige Rolle. Die &Auml;ngste vor der AfD und der Linken sind real und werden von vielen Menschen tats&auml;chlich so empfunden. Diese &Auml;ngste aber zynisch zu sch&uuml;ren und mit L&uuml;gen und Verleumdungen anzuheizen, ist das, was wirklich antidemokratisch ist.<\/p><p><small>Titelbild: ChatGPT, erstellt mit k&uuml;nstlicher Intelligenz<\/small><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/db499412fe594976be6ba263f3a1676c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum ist die Berliner Wahl vorbei, geht es wieder los mit Brandmauern, roten Linien und der Frage, wer &uuml;berhaupt noch &bdquo;koalitionsf&auml;hig&ldquo; ist. Antisemitismusvorw&uuml;rfe gegen die Linke, Warnungen vor einer Regierungsbeteiligung und sogar finanzielle Drohungen gegen Berlin bestimmen die Debatte. 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