{"id":156654,"date":"2026-09-24T11:00:37","date_gmt":"2026-09-24T09:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156654"},"modified":"2026-09-24T11:01:04","modified_gmt":"2026-09-24T09:01:04","slug":"un-generalversammlung-wadephul-will-das-schweigen-von-konfliktparteien-beenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156654","title":{"rendered":"UN-Generalversammlung: Wadephul will das Schweigen von Konfliktparteien beenden"},"content":{"rendered":"<p>Die UN-Generalversammlung bietet die Gelegenheit f&uuml;r hochrangige informelle Gespr&auml;che. Vor seiner Abreise nach New York teilt Deutschlands Au&szlig;enminister Johann Wadephul mit, er wolle sich daf&uuml;r einsetzen, dass jede noch so kleine Gelegenheit ergriffen werden kann, das Schweigen zwischen Konfliktparteien zu durchbrechen. Das wirkt verlogen und realit&auml;tsfern, denn deutsche Au&szlig;enpolitik steht in ihrer Einseitigkeit und mit ihren Doppelstandards f&uuml;r das genaue Gegenteil dessen, was Wadephul fordert. Von <strong>Gert-Ewen Ungar<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNoch bis zum 28. September findet in New York die Generaldebatte der UN-Generalversammlung statt. Das Format bietet zudem die Gelegenheit f&uuml;r zwischenstaatliche informelle Gespr&auml;che auf h&ouml;chster Ebene. Russlands Au&szlig;enminister Sergej Lawrow ist daher bereits angereist, obwohl er erst am Samstag vor der Generalversammlung sprechen wird. Laut der Pressesprecherin des russischen Au&szlig;enministeriums, Maria Sacharowa, sind mehrere Dutzend Unterredungen mit Vertretern zahlreicher L&auml;nder geplant. Unter anderem trifft Lawrow US-Au&szlig;enminister Marco Rubio.<\/p><p>Auch der deutsche Au&szlig;enminister ist bereits vor Ort. Dass der Kalender von Johann Wadephul mit &auml;hnlich wichtigen Terminen wie der von Lawrow gef&uuml;llt ist, kann jedoch bezweifelt werden. Deutschland ist zu einem au&szlig;enpolitischen Leichtgewicht verk&uuml;mmert. Die Verantwortung daf&uuml;r tr&auml;gt ausschlie&szlig;lich deutsche Politik. Dass ein eigenst&auml;ndiges au&szlig;enpolitisches Profil nicht zu erkennen ist, ist dabei noch das Freundlichste, was man &uuml;ber Deutschlands Wirken auf dem internationalen Parkett sagen kann.<\/p><p>Vor seiner Abreise informiert Wadephul in einem <a href=\"https:\/\/x.com\/AuswaertigesAmt\/status\/2102445581704859954?s=20\">Statement<\/a>, wof&uuml;r er sich in New York einsetzen werde. Dort hei&szlig;t es: &bdquo;Die Welt ist in einem Modus der Dauereskalation. Wir m&uuml;ssen jede noch so kleine M&ouml;glichkeit ergreifen, das Schweigen zwischen Konfliktparteien in Europa, im Mittleren Osten und andernorts zu &uuml;berwinden.&ldquo;<\/p><p>Diese Wortmeldung wirkt bizarr. Entweder fehlt es an der F&auml;higkeit zur Reflexion des eigenen Handelns, oder man gibt sich im Au&szlig;enamt einem dekadenten Zynismus hin. Tatsache ist: Deutschland tut nichts, um die Konflikte dieser Welt zu &uuml;berwinden. Im Gegenteil. Wadephul, seit fast anderthalb Jahren im Amt, hat bisher keinen Kontakt zu seinem Amtskollegen nach Moskau aufgenommen. Mehr noch, unmittelbar nach Amtsantritt fiel Wadephul mit der Bemerkung auf, dass Russland immer der Feind Deutschlands sein wird. Die Signale der Gespr&auml;chsoffenheit aus Moskau werden in Deutschland geflissentlich &uuml;berh&ouml;rt.<\/p><p>Als es vor einigen Monaten darum ging, einen europ&auml;ischen Unterh&auml;ndler f&uuml;r m&ouml;gliche Gespr&auml;che mit Russland zu benennen, war man sich sehr schnell dar&uuml;ber einig, wer auf keinen Fall in Frage kommt. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der wurde sofort vom Platz gestellt. Der Grund: Putin hat ihn als m&ouml;glichen Vertreter benannt und so das Ausschlusskriterium gleich mitgeliefert. Wenn Schr&ouml;der f&uuml;r Putin passt, dann auf keinen Fall Schr&ouml;der. Das Thema verlief dann im Sand. Ein Unterh&auml;ndler f&uuml;r Gespr&auml;che mit Moskau wurde nicht benannt, das Thema ad acta gelegt.<\/p><p>&Uuml;ber den Vorschlag Russlands, gemeinsam mit allen europ&auml;ischen Staaten eine europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur auf der Grundlage der Unteilbarkeit von Sicherheit zu schaffen, wird in Deutschland und der EU noch nicht einmal diskutiert. Das Schweigekartell dazu ist umfassend, denn auch die gro&szlig;en Medien tragen das Thema nicht in die &Ouml;ffentlichkeit. &bdquo;Das Schweigen der Konfliktparteien&ldquo; ist daher gerade in Berlin und Br&uuml;ssel weiterhin dr&ouml;hnend laut. Dieses &bdquo;Schweigen der Konfliktparteien&ldquo; wird von Deutschland unterst&uuml;tzt und zementiert.<\/p><p>Stattdessen trifft man Kriegsvorbereitungen und eskaliert den Konflikt mit Russland immer weiter &ndash; zuletzt dadurch, dass man einen Drohnenvorfall auf dem Flughafen in Leipzig Russland zuschreibt. Die Gr&uuml;nde f&uuml;r die Zuschreibung werden maximal intransparent gehalten. Die ver&ouml;ffentlichte Geschichte wirkt unglaubw&uuml;rdig, das Ereignis wird dennoch propagandistisch maximal ausgeschlachtet.<\/p><p>Die F&auml;higkeit deutscher Politik, derartige Vorf&auml;lle auch bei Vorliegen starker und belastbarer Beweise zugunsten von Friedenspolitik und Deeskalation kleinzureden und herunterzuspielen, wie das im Kalten Krieg gang und g&auml;be war, existiert im Ausw&auml;rtigen Amt inzwischen ebenso wenig wie im Kanzleramt. Deutschland ist eben Teil der &bdquo;Dauereskalation&ldquo;, die Wadephul in seinem Statement moniert.<\/p><p>Neben dem Treffen mit Vertretern der G7 hat Wadephul noch einen wichtigen Termin in New York, muss der Fairness halber angemerkt werden. Er wird sich mit Irans Au&szlig;enminister Abbas Araghtschi treffen. Dass Wadephul dort die von ihm angemahnten Vermittlungsbem&uuml;hung unternimmt, kann aber mit Fug und Recht bezweifelt werden. Zur Erinnerung: Die Bundesregierung hat bisher den &Uuml;berfall der USA und Israels auf den Iran nicht verurteilt, obwohl er einen klaren Bruch des V&ouml;lkerrechts darstellt. Zu diesem Ergebnis kam auch der wissenschaftliche Dienst des Bundestags. Bundeskanzler Friedrich Merz hat den v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriff sogar begr&uuml;&szlig;t. Sowohl Kanzler Merz als auch Au&szlig;enminister Wadephul haben zudem die verunglimpfende Sprachregelung des deutschen Mainstreams &uuml;bernommen und sprechen vom &bdquo;Mullah-Regime&ldquo;, wenn sie das politische System und die Regierung des Iran bezeichnen wollen. Deeskalation und Diplomatie sehen anders aus.<\/p><p>Deutschland positioniert sich auch in diesem Konflikt einseitig an der Seite der USA und Israels. Deutschland schlie&szlig;t sich bedingungslos deren Sicht an und sieht daher die Schuld f&uuml;r Entstehung und Eskalation des Konflikts ausschlie&szlig;lich beim Iran. Wadephul will auf das Recht der freien Durchfahrt durch die Stra&szlig;e von Hormus dr&auml;ngen. Die Aussicht, dass er erh&ouml;rt wird, ist jedoch gering. Auch Donald Trump ist dies bisher trotz Einsatz von massiver Gewalt nicht gelungen. Dass Wadephul angesichts des bisherigen Verlaufs des Konflikts und dem Beharrungsverm&ouml;gen Irans sich diese Aufgabe &uuml;berhaupt zutraut, wirkt vermessen.<\/p><p>Die Liste der Beispiele, dass deutsche Politik genau das Gegenteil von dem tut, was Wadephul fordert, lie&szlig;e sich fortsetzen. Seit geraumer Zeit versteht man im Ausw&auml;rtigen Amt unter Diplomatie, dass man nur mit jenen spricht, die man entweder zwingen kann oder mit denen man ohnehin einer Meinung ist. Das Gespr&auml;ch auf der Grundlage unterschiedlicher Ansichten, getragen von dem Bem&uuml;hen, einen f&uuml;r alle Seiten tragbaren Kompromiss zu finden, ist nicht mehr im Programm deutscher Au&szlig;enpolitik. Man pr&auml;feriert wieder milit&auml;rische L&ouml;sungen, unterst&uuml;tzt Gewalt, Unrecht und Krieg. Gleichzeitig strebt Deutschland nach Dominanz.<\/p><p>Ein Ausdruck davon ist, dass Deutschland seinen Einfluss auf die Vereinten Nationen st&auml;rken m&ouml;chte. Deutschland strebt einen dauerhaften Sitz im Sicherheitsrat an. Das wirkt angesichts der Realit&auml;t deutscher Politik gleich in mehrfacher Hinsicht naiv. Worin sich Sergej Lawrow und sein deutscher Amtskollege mit vielen anderen einig sind, ist die Forderung nach einer Reform der Vereinten Nationen. Allerdings h&ouml;rt die Einigkeit bei der Frage nach der Art der Reformen dann auch schon wieder auf. W&auml;hrend Russland gemeinsam mit China und den Staaten des Globalen S&uuml;dens auf die Demokratisierung der internationalen Beziehungen hinarbeiten, versucht Deutschland, die Dominanz westlicher Hegemonie zu verl&auml;ngern, die weithin als ungerecht und &uuml;berkommen empfunden wird.<\/p><p>Unter den f&uuml;nf st&auml;ndigen Mitgliedern im Sicherheitsrat, die ein Vetorecht haben, sind bereits drei L&auml;nder Mitglied der NATO: die USA, Frankreich und Gro&szlig;britannien. Dem stehen Russland und China gegen&uuml;ber, die in keinem Milit&auml;rb&uuml;ndnis gemeinsam vertreten sind. Ein dauerhafter Sitz Deutschlands im Sicherheitsrat w&uuml;rde daher die bestehende Ungleichheit vertiefen, statt sie auszur&auml;umen. Daran hat kaum ein Land ein Interesse, zumal das Versprechen der multipolaren Weltordnung gro&szlig; ist: Souver&auml;ne Staaten handeln ihre Angelegenheiten auf der Grundlage der Charta der Vereinten Nationen unter dem Schirm einer reformierten UN auf diplomatischem Weg untereinander aus.<\/p><p>Dass die deutschen Ambitionen international kritisch be&auml;ugt werden, m&uuml;sste dabei inzwischen auch im Ausw&auml;rtigen Amt klar geworden sein. Mit seiner Bewerbung um einen nichtst&auml;ndigen Sitz im UN-Sicherheitsrat ist Deutschland erst im Juni krachend gescheitert. Deutschland verfehlte in der Generalversammlung die notwendige Zweidrittelmehrheit deutlich.<\/p><p>Zu einem Umdenken hat das allerdings nicht gef&uuml;hrt. Man setzt weiterhin darauf, das Gegenteil von dem zu tun, was man &ouml;ffentlich &auml;u&szlig;ert, in der Hoffnung, dass es niemand merkt. Das funktioniert offensichtlich nicht. Dass sowohl Kanzler als auch Au&szlig;enminister dennoch an der Strategie festhalten, liegt wohl daran, dass ihnen die Einsicht in die Notwendigkeit einer Korrektur, der Wille sowie die Bef&auml;higung zu echter Diplomatie schlicht und einfach fehlen.<\/p><p><small>Titelbild: noamgalai\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die UN-Generalversammlung bietet die Gelegenheit f&uuml;r hochrangige informelle Gespr&auml;che. Vor seiner Abreise nach New York teilt Deutschlands Au&szlig;enminister Johann Wadephul mit, er wolle sich daf&uuml;r einsetzen, dass jede noch so kleine Gelegenheit ergriffen werden kann, das Schweigen zwischen Konfliktparteien zu durchbrechen. 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