{"id":15677,"date":"2013-01-04T15:34:45","date_gmt":"2013-01-04T14:34:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15677"},"modified":"2015-06-18T13:08:10","modified_gmt":"2015-06-18T11:08:10","slug":"was-ist-schlimmer-stuttgart-21-oder-die-zerlegung-und-privatisierung-der-bahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15677","title":{"rendered":"Was ist schlimmer \u2013 Stuttgart 21 oder die Zerlegung und Privatisierung der Bahn?"},"content":{"rendered":"<p>Stuttgart 21, werden Sie sagen, wenn Sie sich gegen dieses Wahnsinnsprojekt engagiert haben und im Raum Stuttgart leben. Wir NachDenkSeiten-Macher haben uns auch gegen das Projekt engagiert, aber wir k&ouml;nnen uns vorstellen, was die Zerschlagung der Bahn, was die Trennung von Betrieb und Netz und daraus folgend die weitere Privatisierung bedeutet. Das ist ein verkehrspolitischer GAU wie Stuttgart 21. Dank des Hinweises auf die Silvesterrede, die der <a href=\"http:\/\/www.bei-abriss-aufstand.de\/2013\/01\/01\/silvester-rede-von-walter-sittler\/\">Schauspieler Walter Sittler zur 154. Montagsdemo in Stuttgart hielt<\/a>, bin ich auf <a href=\"http:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.verkehrsminister-winfried-hermann-die-bahn-wird-zerlegt-werden-muessen.81c0697d-5e2e-45d4-928a-4e29431fbbd1.presentation.print.v2.html\">einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung vom 23. Dezember<\/a> gesto&szlig;en. Der Artikel gr&uuml;ndet auf &Auml;u&szlig;erungen des baden-w&uuml;rttembergischen Verkehrsministers Winfried Hermann und des EU-Vize-Kommissionspr&auml;sidenten und Verkehrskommissars Siim Kallas. Die &Uuml;berschrift und zugleich die Hauptbotschaft ist interessant und alarmierend zugleich: &sbquo;Verkehrsminister Winfried Hermann: &bdquo;Die Bahn wird zerlegt werden m&uuml;ssen&ldquo;&rsquo; <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Was hei&szlig;t Zerlegung und wo endet das?<\/strong><\/p><p>Der Gr&uuml;ne Verkehrsminister fordert eine neue Bahnreform und dabei &bdquo;die klare Trennung von Netz und Betrieb&ldquo;. &bdquo;Die DB wird zerlegt werden m&uuml;ssen&ldquo;, erwartet der Politiker, so die Stuttgarter Zeitung. Hermann stellt sich hinter die Vorst&ouml;&szlig;e und Forderungen aus Br&uuml;ssel. Diese zielen im Kern auf mehr Wettbewerb unter Europas Bahnen. Ansonsten wird in dem Artikel nicht klar, was Zerlegung im Einzelnen hei&szlig;en soll.<\/p><p>Die propagierte Trennung von Netz und Betrieb soll es m&ouml;glich machen, den Betrieb unter konkurrierenden Anbietern aufzuteilen und dort Wettbewerb m&ouml;glich zu machen. Das klingt ganz gut. Es ist eine alte Idee. Spiegel Online erinnerte gerade am 3.1.2013 in einem Artikel &uuml;ber den Cambridge-&Ouml;konomen Ha-Joon Chang anschaulich an die Folgen. Hier der einschl&auml;gige Auszug aus dem Text unter der &Uuml;berschrift &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/portraet-des-cambridge-oekonomen-ha-joon-chang-a-873718-druck.html\">Der Marktungl&auml;ubige<\/a>&ldquo;.<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Schon die Zugfahrt zu Ha-Joon Chang nach Cambridge schafft Sympathie f&uuml;r dessen Thesen. Sie wird nicht nur vom landestypischen Regen &uuml;berschattet, sondern auch vom notorisch komplizierten Bahnsystem. F&uuml;r jeden Abschnitt muss das Ticket eines anderen Anbieters gekauft werden, die Z&uuml;ge sind zu sp&auml;t, das Abfahrtsgleis wird erst in letzter Minute angezeigt. Dabei sollte doch alles besser werden. Damals, Mitte der achtziger Jahre, als Margaret Thatcher die Privatisierung der Bahn und anderer Staatsbetriebe vorantrieb &ndash; und der S&uuml;dkoreaner Ha-Joon Chang in einer fremden Welt landete.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p><strong>Die Trennung von Betrieb und Netz ist eine typisch neoliberal gepr&auml;gte Vorstellung und liegt im Interesse international t&auml;tiger Schn&auml;ppchenj&auml;ger<\/strong><\/p><p>Die beiden Elemente, Betrieb und Netz, sind eng miteinander verwoben. Die Trennung f&uuml;hrt zu einer F&uuml;lle von Problemen: Un&uuml;bersichtlichkeit, mehr B&uuml;rokratie, h&ouml;here Kosten durch Vervielf&auml;ltigung der Verwaltungskosten. Vor allem aber geringere Attraktivit&auml;t f&uuml;r die Kunden, die es wie im beschriebenen Fall der Fahrt nach Cambridge mit verschiedenen Anbietern der Verkehrsleistungen zu tun bekommen. Auf eine solche Idee kommen Betriebswirte und Lobbyisten der Privatisierung. Der damit m&ouml;gliche Wettbewerb ist letztlich ein ziemlich k&uuml;nstlicher Wettbewerb. Die Betreiber konkurrieren um Konzessionen. Das nennt man dann Wettbewerb. In der Realit&auml;t besteht er aus Rosinenpickerei. Die so genannte Konkurrenz f&uuml;hrt, wie man in Gro&szlig;britannien, wo es gravierende Unf&auml;lle im Schienenverkehr gab, sehen konnte, zu einer Erh&ouml;hung der Risiken des Bahnverkehrs und zum massiven Druck auf die L&ouml;hne der bei den Eisenbahngesellschaften arbeitenden Menschen.<\/p><p>Gut funktionierende Systeme wie etwa in der Schweiz sind in <strong>einer<\/strong> Hand, in der Hand des Staates.<\/p><p>Davon unbeeindruckt betreibt die neoliberal gepr&auml;gte Mehrheit der Kommission in Br&uuml;ssel die weitere Zerlegung der Bahnen in Europa. Mich irritiert, dass sich der Gr&uuml;nen-Politiker Winfried Hermann auf die Br&uuml;sseler Forderungen und insbesondere auf den Kommissar Siim Kallas beruft. Dieser hat 1994 eine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Siim_Kallas\">wirtschaftsliberale Partei in seinem Heimatland Estland gegr&uuml;ndet<\/a> und ist auch in Br&uuml;ssel als Vertreter dieser Ideologie bekannt.<\/p><p><strong>Man k&ouml;nnte sich die Forderung Winfried Hermann nach Zerlegung der Bahn emotional erkl&auml;ren, wenn man das Verhalten der Bahnf&uuml;hrung im Verfahren um Stuttgart 21 und die verkehrspolitisch unverantwortliche Gesch&auml;ftspolitik der Bahnspitze in Zeiten von Mehdorn in Rechnung stellt.<\/strong><\/p><p>Die F&uuml;hrung der Bahn hat sich beim Umgang mit dem Projekt Stuttgart 21 und seinen Kritikern schlimm verhalten &ndash; die Vertreter der Bahn haben die Kosten systematisch untersch&auml;tzt, sie haben Unterlagen nicht oder nur z&ouml;gerlich bereitgestellt, sie waren insbesondere verkehrspolitisch nicht gerade das &bdquo;Gelbe vom Ei&ldquo;. Dass der baden-w&uuml;rttembergische Verkehrsminister und Verkehrsexperte der Gr&uuml;nen sich &uuml;ber die Bahn und ihr Verhalten &auml;rgert, kann man verstehen. Aber das ist kein Grund, die verkehrspolitisch verheerende Entscheidung f&uuml;r die Trennung von Netz und Betrieb und damit f&uuml;r die Privatisierung des Bahnbetriebs f&uuml;r richtig zu halten und zu betreiben.<\/p><p><strong>Die Gesch&auml;ftspolitik des Konzerns DBAG ist sp&auml;testens seit Mehdorns Wirken alles andere als schienenverkehrsfreundlich.<\/strong><\/p><p>Anders als fr&uuml;here Chefs der Bahn hatte Mehdorn und hat wohl auch der heutige Bahnchef Grube wenig verkehrspolitisches Interesse. Eine N&auml;he zur Eisenbahn und zum Schienenverkehr und seiner Bedeutung f&uuml;r eine &ouml;kologisch vern&uuml;nftige Mobilit&auml;t sp&uuml;ren diese Unternehmensmanager ohnehin nicht. Mehdorn hat die Leistungsf&auml;higkeit der Deutschen Bahn quasi systematisch herunter gefahren. Er hat &uuml;ber all in der Welt Firmen gekauft und Finanzmittel des Konzerns, die dem Schienverkehr hierzulande h&auml;tten dienen sollen, daf&uuml;r verwendet. Er hat beim Personal ausged&uuml;nnt, ein unsinniges Preissystem eingef&uuml;hrt und Strecken und den Fuhrpark vernachl&auml;ssigt. Der Verdacht, dass er das Unternehmen b&ouml;rsentauglich zu machen versuchte und dabei schienen-verkehrspolitische Ziele zweitrangig wurden, ist nicht unberechtigt. Die Unzufriedenheit mit der &ouml;ffentlichen Bahn ist zu Mehdorns Zeit schon gesch&uuml;rt worden. Die Erfahrungen mit dem Verhalten der Bahn beim Projekt Stuttgart 21 hat diese Unzufriedenheit offensichtlich verst&auml;rkt.<\/p><p>Nicht nur des baden-w&uuml;rttembergischen Verkehrsministers &Auml;rger, auch der Unmut der Gegner von Stuttgart 21 &uuml;ber das Verhalten der Vertreter der Bahn ist verst&auml;ndlich. Aber sie sollten sich deshalb nicht f&uuml;r etwas einspannen lassen, was im Kern ihrem eigentlichen Anliegen, der Sorge um einen funktionierenden Schienenverkehr, widerspricht. In den Begriffen der &Uuml;berschrift dieses Artikels: Stuttgart 21 ist schlimm, die Zerschlagung der Bahn h&auml;tte bundesweit und europaweit noch schlimmere Folgen.<\/p><p><strong>Als Fazit die Anregung an die so bewundernswert engagierten Gegner von Stuttgart 21: Lassen Sie sich nicht f&uuml;r das verkehrspolitisch h&ouml;chst fragw&uuml;rdige Projekt &bdquo;Zerlegung der Bahn&ldquo; einspannen. Das w&auml;re n&auml;mlich genauso schlimm wie das Projekt Stuttgart 21.<\/strong><\/p><p><strong>Nachtrag:<\/strong><\/p><p>Winfried Hermann hat einen Brief an Herrn Kefer, Mitglied des Bahnvorstands, geschrieben und darin ein Ultimatum gestellt. Die Bahn soll bis zum <a href=\"http:\/\/www.bei-abriss-aufstand.de\/2013\/01\/03\/hermanns-brief-an-kefer-im-original\/\">10. Januar ausf&uuml;hrliche Informationen zur Kostenexplosion bei Stuttgart 21 liefern<\/a>.<\/p><p>Das klingt besser als die Forderung nach Zerlegung der Bahn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stuttgart 21, werden Sie sagen, wenn Sie sich gegen dieses Wahnsinnsprojekt engagiert haben und im Raum Stuttgart leben. Wir NachDenkSeiten-Macher haben uns auch gegen das Projekt engagiert, aber wir k&ouml;nnen uns vorstellen, was die Zerschlagung der Bahn, was die Trennung von Betrieb und Netz und daraus folgend die weitere Privatisierung bedeutet. Das ist ein verkehrspolitischer<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15677\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[143,74,73],"tags":[268,1444,596],"class_list":["post-15677","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-privatisierung-oeffentlicher-leistungen","category-stuttgart-21","category-verkehrspolitik","tag-deutsche-bahn","tag-hermann-winfried","tag-mehdorn-hartmut"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15677","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15677"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15677\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26457,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15677\/revisions\/26457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15677"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15677"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15677"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}