{"id":156781,"date":"2026-09-28T10:00:18","date_gmt":"2026-09-28T08:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156781"},"modified":"2026-09-28T09:17:19","modified_gmt":"2026-09-28T07:17:19","slug":"interview-teil-1-zwischen-systemwandel-und-zivilisationsstaat-dmitri-trenins-blick-auf-die-neue-globale-grosswetterlage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156781","title":{"rendered":"Interview Teil 1: Zwischen Systemwandel und Zivilisationsstaat: Dmitri Trenins Blick auf die neue globale Gro\u00dfwetterlage"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen einer Moskau-Reise sprach <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> mit zahlreichen f&uuml;hrenden Politologen, Diplomaten, Historikern und geopolitischen Analytikern &uuml;ber die fundamentale Neuordnung der Weltpolitik. Im ersten Teil dieses Exklusivgespr&auml;chs analysiert <strong>Dmitri Trenin<\/strong>, Direktor des Russischen Rates f&uuml;r Internationale Angelegenheiten (RIAC) und wissenschaftlicher Leiter an der Higher School of Economics (HSE), den ideologischen Abschied Russlands vom westlichen Modell und erkl&auml;rt, warum Washingtons Strategie vor allem auf eine dauerhafte Schw&auml;chung Moskaus ausgerichtet ist.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Eacute;va P&eacute;li: Herr Trenin, Ihre analytischen Arbeiten sind in deutschen Expertenkreisen zwar wohlbekannt und werden gesch&auml;tzt, doch gro&szlig;e deutsche Medien ignorieren russische Positionen systematisch. Gleichzeitig verfolgt die russische &Ouml;ffentlichkeit jedes Wort der deutschen Eliten ganz genau. Wie erkl&auml;ren Sie sich diese asymmetrische Wahrnehmung? Und was bedeutet das f&uuml;r die Zukunft jeglichen Dialogs?<\/strong><\/p><p><strong>Dmitri Trenin:<\/strong> Das bedeutet schlicht, dass es keinen Dialog gibt. Unter den gegenw&auml;rtigen Bedingungen ist ein echter Dialog zwischen der deutschen politischen Elite und russischen Vertretern im Grunde unm&ouml;glich. Er findet h&ouml;chstens auf der Ebene einzelner Personen statt, wobei von deutscher Seite in der Regel keine Repr&auml;sentanten der regierenden Elite auftreten, sondern beispielsweise Journalisten.<\/p><p>Das ist ein faszinierendes Ph&auml;nomen, denn fr&uuml;her hatten wir eine exakt spiegelbildliche Situation: In der Sowjetunion existierte faktisch ein Verbot, die Ansichten des ideologischen Gegners &ndash; also der westlichen Staaten &ndash; in ihrer G&auml;nze darzustellen. Ihre Positionen durften ausschlie&szlig;lich durch das Prisma der marxistisch-leninistischen Weltanschauung und der politischen Bed&uuml;rfnisse der sowjetischen F&uuml;hrung beleuchtet werden.<\/p><p>Heute erleben wir das genaue Gegenteil. Man muss die westliche Presse zwar tats&auml;chlich nicht mehr direkt lesen, aber extrem popul&auml;re Fernsehformate wie &bdquo;60 Minuten&ldquo; bieten t&auml;glich einen umfassenden &Uuml;berblick dar&uuml;ber, was westliche Medien am selben Tag schreiben.<\/p><p>Das zeugt zum einen von einer gewissen Souver&auml;nit&auml;t und Zuversicht der russischen F&uuml;hrung und Elite, dass die Argumente unserer westlichen Gegner im Land keine destruktive Wirkung entfalten k&ouml;nnen. Zum anderen offenbart es jedoch eine sp&uuml;rbare Angst der deutschen und westlichen F&uuml;hrungskreise, dass eine unzensierte, vollst&auml;ndige Darstellung russischer Standpunkte als gef&auml;hrliche Desinformation gewertet werden k&ouml;nnte. Die Seiten haben also im Vergleich zu, sagen wir, 1976 ihre Pl&auml;tze komplett getauscht. In 50 Jahren hat sich das Verh&auml;ltnis um volle 180 Grad gedreht.<\/p><p><strong>Sie haben die USA in unserem Vorgespr&auml;ch nicht als neutralen Vermittler, sondern als aktive Konfliktpartei bezeichnet und die Unvermeidbarkeit einer langfristigen Konfrontation betont. Nun sprechen Sie gleichzeitig von einer &bdquo;speziellen diplomatischen Operation&ldquo; der US-Gesandten Witkoff und Kushner j&uuml;ngst in Moskau und Kiew. Ist das kein Widerspruch? Oder spiegelt sich darin genau jene Logik wider, die Sie skizziert haben: eine unver&auml;nderte Strategie, w&auml;hrend Washington lediglich die Taktik variiert?<\/strong><\/p><p>Nun, die USA sind schlicht kein Vermittler. Da sie jedoch Partei in diesem Konflikt sind, k&ouml;nnen sie in genau dieser Eigenschaft offizielle Gespr&auml;che mit russischen Vertretern f&uuml;hren &ndash; Verhandlungen mit den USA werden hier de facto als Verhandlungen mit einem Gegner gef&uuml;hrt. Die Ukraine ist dabei lediglich ein Instrument der US-amerikanisch-europ&auml;ischen Politik und agiert keineswegs als eigenst&auml;ndiger Akteur.<\/p><p>Die US-Amerikaner bestehen &uuml;brigens selbst gar nicht darauf, als Vermittler aufzutreten. US-Au&szlig;enminister Marco Rubio hat unmissverst&auml;ndlich klargestellt, dass die USA nicht neutral sind, sondern fest an der Seite der Ukraine stehen und so weiter. Hier sollte man sich also keinen Illusionen hingeben: Man kann Verhandlungen sehr wohl &uuml;ber einen neutralen Vermittler f&uuml;hren, aber man kann eben auch direkt mit seinem Gegner verhandeln &ndash; und das sind in diesem Fall die USA. Ja, Russland ist ein Gegner, mit dem im Laufe des Krieges verhandelt wird. Das ist durchaus &uuml;blich und kommt in der Geschichte h&auml;ufig vor.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns auf die Ziele Washingtons blicken: Wo liegt die Grenze zwischen dem angestrebten Waffenstillstand und einer echten, inhaltlichen Friedensregelung? Welche Botschaften wurden bei dieser US-Mission in Moskau platziert, die in Kiew bewusst unausgesprochen blieben &ndash; und umgekehrt? Zeigt diese asymmetrische Kommunikation, dass Washington den Konflikt tats&auml;chlich l&ouml;sen oder ihn vielmehr kontrollieren will?<\/strong><\/p><p>Ich gehe davon aus, dass es f&uuml;r die Administration von US-Pr&auml;sident Donald Trump in erster Linie darum geht, die Kampfhandlungen m&ouml;glichst rasch zu stoppen. Das w&uuml;rde ihm die Gelegenheit geben, sich als derjenige zu pr&auml;sentieren, der den Krieg beendet hat &ndash; als gro&szlig;er Diplomat und Friedensstifter. Das ist f&uuml;r ihn innenpolitisch von enormer Bedeutung, da seine bisherigen Friedensinitiativen bislang wenig greifbare Erfolge vorweisen: Er hat viel versprochen, aber wenig gehalten und stattdessen neue Krisen riskiert. Er braucht dringend einen politischen Ausgleich.<\/p><p>Ein Stopp des Krieges &ndash; also exakt ein Waffenstillstand, keine fundamentale Beendigung im Sinne einer L&ouml;sung der Grundursachen &ndash; reicht f&uuml;r Trump v&ouml;llig aus. Weitergehende Fragen, wie etwa die Beseitigung der tieferen Konfliktursachen, interessieren ihn im Grunde kaum.<\/p><p>Nat&uuml;rlich handelt Trump nicht im luftleeren Raum; es gibt den US-Apparat, die Administration und den sogenannten Deep State. F&uuml;r sie bleibt Russland ein strategischer Gegner, den es weiter zu schw&auml;chen gilt, und sie handeln konsequent nach dieser Pr&auml;misse. Daf&uuml;r m&uuml;ssen sie nicht jedes Mal Trumps Segen einholen. F&uuml;r Trump selbst hat also die Unterbrechung der Kampfhandlungen Priorit&auml;t zur Absicherung seiner innenpolitischen Position. F&uuml;r das gesamte US-Establishment hingegen bleibt das Hauptziel, Russland als Gegenspieler zur US-amerikanischen Hegemonie einzud&auml;mmen. Russland ist zwar nur die drittgr&ouml;&szlig;te Volkswirtschaft der nicht-westlichen Welt, aber zweifellos der geopolitisch aktivste Akteur. Moskau verf&uuml;gt &uuml;ber immense Erfahrung und Handlungsoptionen, weshalb es aus Sicht Washingtons logisch ist, diesen Einfluss systematisch zu schw&auml;chen.<\/p><p><strong>Sie selbst bewerten einen reinen Waffenstillstand als hochriskant, da er der Ukraine lediglich Zeit f&uuml;r eine milit&auml;rische und finanzielle Neuordnung verschaffen w&uuml;rde. Gleichzeitig definieren Sie die russischen Mindestbedingungen f&uuml;r einen dauerhaften Frieden sehr scharf: massiver Truppenabzug, Neutralit&auml;t, Entmilitarisierung, Schutz der Kirche und ein Regimewechsel. Existiert vor diesem Hintergrund &uuml;berhaupt noch ein realer Verhandlungsraum f&uuml;r Kompromisse, oder ist jeder Schritt abseits dieser Maximalforderungen in Ihrer Lesart gleichbedeutend mit einer Kapitulation?<\/strong><\/p><p>Nun, das h&auml;ngt ganz davon ab, von welchem Standpunkt aus man die Dinge betrachtet. Wenn man der westlichen Lesart folgt &ndash; oder zumindest dem, was im Westen offenkundig kommuniziert wird &ndash;, wonach Russlands urspr&uuml;ngliches Ziel angeblich darin bestand, die gesamte Ukraine zu besetzen, ihr die Souver&auml;nit&auml;t komplett zu entziehen und das Land vollst&auml;ndig einzuverleiben, dann w&auml;re allein das Fortbestehen eines ukrainischen Staates bereits ein massiver Kompromiss. Das w&uuml;rde bedeuten, der ukrainische Staat bleibt in gewisser Form erhalten, allerdings unter v&ouml;llig neuen Bedingungen. Wenn man das als Kompromiss definieren m&ouml;chte, bitte sch&ouml;n, so kann man das sehen.<\/p><p>Aber um ehrlich zu sein: Ich habe nicht den Eindruck, dass jener aktive Teil des Westens, der uns in der Ukraine am intensivsten bek&auml;mpft &ndash; und das ist prim&auml;r der europ&auml;ische Teil &ndash;, auch nur ansatzweise bereit ist, die Wahrung unserer vitalsten Sicherheitsinteressen zu akzeptieren. Daher bin ich skeptisch, ob sich dieser Konflikt am Verhandlungstisch beilegen l&auml;sst. Man wird dort gewiss &uuml;ber technische Details sprechen k&ouml;nnen, aber die grundlegende Bereinigung muss letztlich vor Ort, auf dem Schlachtfeld, erzielt werden.<\/p><p>Das ist zweifellos tragisch, da jeder Tag Tausende von Menschenleben fordert und Biografien zerst&ouml;rt. Doch vonseiten Kiews und der dahinterstehenden europ&auml;ischen Staaten erkenne ich nicht einmal den Hauch einer Bereitschaft, Bedingungen zu diskutieren, die Moskaus elementaren Sicherheitsanspr&uuml;chen gen&uuml;gen.<\/p><p>Die US-Amerikaner hingegen zeigen aufgrund ihrer genannten innenpolitischen Interessen eine gewisse Flexibilit&auml;t und Kompromissbereitschaft. Die Europ&auml;er tun dies jedoch nicht, weil sie aus ihrer eigenen politischen Logik heraus kein Interesse daran haben. Im Gegenteil: Dieser Konflikt scheint Europa in gewisser Weise n&uuml;tzlich zu erscheinen, und je l&auml;nger er andauert, desto besser passt es in ihr Kalk&uuml;l. Die Ukraine hat f&uuml;r Europa an sich keinen eigenst&auml;ndigen Wert &ndash; die Menschen dort sind im Grunde dieselben Slawen, die heute zwar f&uuml;r den westlichen Kurs instrumentalisiert werden, aber im Kern denselben Kulturkreis repr&auml;sentieren.<\/p><p>Zweitens opfern sie mit ihrem Blutzoll auch das Leben russischer Soldaten, was aus europ&auml;ischer Sicht zur Schw&auml;chung Moskaus beitr&auml;gt. Ob diese Strategie f&uuml;r Europa langfristig tats&auml;chlich ein Gewinn ist, bezweifle ich: Denn man schw&auml;cht Russland zwar, entkoppelt und destabilisiert damit aber auch den gesamten eurasischen Raum auf Kosten der eigenen Zukunft.<\/p><p><strong>Wenn die Blockkonfrontation nun zur dauerhaften globalen Norm wird &ndash; was geschieht dann mit den transnationalen Herausforderungen wie Klimaschutz, Migration und globale Wirtschaftsverflechtung? Sehen Sie in den BRICS-Staaten oder der Schanghaier Organisation f&uuml;r Zusammenarbeit (SOZ) eine echte, funktionierende Alternative zur weltweiten Kooperation, oder werden diese Krisen in der neuen Blocklogik schlicht als unvermeidliche Kollateralsch&auml;den hingenommen?<\/strong><\/p><p>Ich denke, dass bei einem breiten Spektrum von Umweltfragen &ndash; denn das Klima ist letztlich nur ein Teilaspekt, und dazu ein extrem politisierter &ndash; keineswegs auf weltweite Megakonferenzen gewartet werden muss, um konkreten Umweltschutz zu betreiben. Innerhalb unseres eigenen Landes stehen wir vor gigantischen Aufgaben, wie etwa der &ouml;kologischen Sanierung der Arktis, wor&uuml;ber Pr&auml;sident Putin bereits vor vielen Jahren gesprochen hat. Einiges wurde auf den Weg gebracht, anderes hinkt hinterher. Wir haben &ndash; wenn auch m&uuml;hsam &ndash; begonnen, die Wolga zu s&auml;ubern, und es gibt noch zahlreiche weitere Regionen in Russland, um die wir uns prim&auml;r k&uuml;mmern m&uuml;ssen und auch k&uuml;mmern. Das setzt jedoch absolut kein globales Weltklima-Abkommen voraus.<\/p><p>Die Verengung der gesamten Debatte auf den Klimafaktor halte ich ohnehin f&uuml;r stark ideologisiert und politisiert. Klimatische Ver&auml;nderungen unterliegen stets komplexen planetaren Zyklen. Erinnern wir uns an die Kleine Eiszeit im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts, als man in Holland im Winter auf den Kan&auml;len Schlittschuh laufen konnte &ndash; damals gab es bei Weitem nicht jene Industriestruktur, die man heute transformieren oder abschaffen m&ouml;chte. Die Probleme sind also vielschichtig.<\/p><p>Im Gro&szlig;en und Ganzen haben wir uns jedoch vom Modell der Globalisierung im Sinne einer erzwungenen Verwestlichung verabschiedet. Wir leben selbstverst&auml;ndlich nach wie vor in einer vernetzten Welt, in der uns das Geschehen auf dem Globus nicht gleichg&uuml;ltig l&auml;sst. Politisch und ideologisch sind wir jedoch stark fragmentiert. Die Welt ist nicht einfach in St&uuml;cke gebrochen, aber sie weist tiefe, un&uuml;bersehbare Risse auf. Einer dieser Br&uuml;che verl&auml;uft zwischen Russland und dem Westen, ein anderer im Verh&auml;ltnis des Westens zu China, und eine ganze Reihe weiterer Konfliktlinien kommt hinzu.<\/p><p><strong>Wie l&auml;sst sich das vor diesem Hintergrund auf die BRICS-Staaten &uuml;bertragen? Der j&uuml;ngste Gipfel endete mit einer einstimmig verabschiedeten Deklaration von 140 Punkten &ndash; ohne auch nur ein einziges Wort &uuml;ber die Ukraine zu verlieren. Gleichzeitig wurden konkrete institutionelle Schritte beschlossen: Abrechnungssysteme in nationalen W&auml;hrungen, KI-Regulierung und die Reform des UN-Sicherheitsrats. Ist das lediglich b&uuml;rokratische Routine f&uuml;r die Galerie, oder entstehen hier die echten Bausteine einer parallelen globalen Infrastruktur?<\/strong><\/p><p>Das ist gleicherma&szlig;en Routine wie auch eine echte Alternative. Routine bedeutet, dass die BRICS inzwischen feste institutionelle Parameter erreicht haben, auf einem klar definierten Pfad voranschreiten und ihre strategischen Priorit&auml;ten musterg&uuml;ltig abarbeiten.<\/p><p>Andererseits umschiffen die BRICS bewusst jene sensiblen Minenfelder, bei denen zwischen den Mitgliedern tiefe Widerspr&uuml;che existieren &ndash; und das betrifft keineswegs nur die Ukraine-Frage. Denken Sie an die komplexen Spannungen zwischen Indien und China oder zwischen dem Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die enorme St&auml;rke der BRICS besteht genau darin, diese Konfliktpunkte zu managen: Themen, bei denen man konsensf&auml;hig ist und konstruktiv zusammenarbeiten kann, werden &ouml;ffentlich ausgebaut, w&auml;hrend Kontroversen sorgf&auml;ltig und diskret umschifft werden.<\/p><p>Diese Differenzen existieren zweifellos, aber sie werden hinter verschlossenen T&uuml;ren in einem sachlichen Geist er&ouml;rtert. Das ist von entscheidender Bedeutung, weil dadurch jene inneren Spaltungen vermutet und verhindert werden, auf die der Westen so inst&auml;ndig spekuliert hat.<\/p><p><strong>Kommen wir zu dem von Ihnen oft erw&auml;hnten Konzept der &bdquo;Staats-Zivilisation&ldquo;. Sie haben betont, die wichtigste Frage f&uuml;r Russland sei nicht, wo die Ukraine in zwanzig Jahren stehen wird, sondern wie dieser historische Konflikt Russland von innen heraus transformiert. Was muss sich im Zuge dieses Prozesses konkret ver&auml;ndern: die Verfassung, die Machtstruktur der Eliten oder das Wirtschaftsmodell? Und wo verl&auml;uft f&uuml;r Sie die feine Trennlinie zwischen echter Transformation und einem destruktiven Bruch?<\/strong><\/p><p>Wissen Sie, f&uuml;r jeden Staat ist es fundamental, zu bestimmen, welchen konkreten Platz er in der Welt einnimmt und welche historische Rolle ihm darin zukommt.<\/p><p>Zu Sowjetzeiten positionierte sich Russland als universelle Systemalternative zum Kapitalismus, als Modell f&uuml;r den globalen Sozialismus und so weiter. Das ist gescheitert. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR versuchte sich Russland als neue Demokratie zu definieren, die nahtlos Teil des euroatlantischen Sicherheitsraums und eines &bdquo;Gro&szlig;en Europas von Lissabon bis Wladiwostok&ldquo; werden w&uuml;rde. Auch das hat sich als Illusion erwiesen. Vor diesem Hintergrund stand das Land vor der existenziellen Frage: Wo verortet es sich in der Zukunft? Die Formel der &bdquo;Staats-Zivilisation&ldquo; ist meines Erachtens die pr&auml;ziseste und treffendste Antwort darauf.<\/p><p>Was bedeutet das in der Praxis? Es bedeutet, dass wir uns aus dem westlichen Einheitsraster verabschieden &ndash; sei es die Kategorisierung als Supermacht, Gro&szlig;macht, Mittelmacht oder Regionalmacht. Wir lehnen diese hierarchische Nomenklatura schlicht ab. Wir behaupten nicht, die alleinige Supermacht zu sein, auch wenn wir uns als Gro&szlig;macht begreifen &ndash; in dem Sinne, dass uns niemand von au&szlig;en Bedingungen diktieren kann, was exakt den Unterschied zu allen anderen Machtkategorien ausmacht. Doch wir sind weit mehr als das: Das historische Russische Reich war eine Gro&szlig;macht in einem rein europ&auml;ischen Kontext.<\/p><p>Heute ist diese Rolle f&uuml;r uns obsolet, weil es in Europa im klassischen Sinne gar keine souver&auml;nen Gro&szlig;m&auml;chte mehr gibt; dort existiert die supranationale Europ&auml;ische Union und eine Ansammlung von gr&ouml;&szlig;eren und kleineren Mitgliedstaaten.<\/p><p>Der Begriff der Zivilisation gibt uns die M&ouml;glichkeit, uns auf unserer eigenen, gewachsenen Basis weiterzuentwickeln. Nicht auf einem importierten europ&auml;ischen Fundament &ndash; diesen Weg haben wir versucht, und er hat in eine Sackgasse gef&uuml;hrt &ndash;, sondern auf unserem ureigenen Boden. Schlie&szlig;lich blicken wir als Staat auf eine mehr als tausendj&auml;hrige Geschichte zur&uuml;ck, in der sich eine ganz spezifische gesellschaftliche Matrix herausgebildet hat. Ob das dem Westen gef&auml;llt oder nicht: Sie ist historisch so entstanden.<\/p><p>Wir verf&uuml;gen &uuml;ber eine eigene Weltanschauung, die im Wesentlichen auf den Traditionen der orthodoxen Kirche ruht, harmonisch erg&auml;nzt durch die spirituellen Fundamente der drei weiteren historischen Religionen unseres Landes: des Islam, des Buddhismus und des Judentums. Das ist unsere geistige Basis. Wir kontrollieren nach wie vor einen riesigen geografischen Raum, und unsere Bev&ouml;lkerung ist zwar numerisch nicht grenzenlos, aber stark und vital genug, um diese Zivilisation eigenst&auml;ndig zu tragen. Mithilfe der Idee der Staats-Zivilisation wollen wir in diesem Teil der Welt eine Ordnung aufbauen, die unseren eigenen spirituellen und kulturellen Idealen maximal entspricht.<\/p><p>Deshalb ist der Begriff der Staats-Zivilisation keine abstrakte Theorie, sondern eine passgenaue Beschreibung unserer Realit&auml;t. Er erlaubt es uns, uns friedlich zu entwickeln, ohne aggressive Eroberungsfeldz&uuml;ge f&uuml;hren zu m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Wenn man das aus einer typisch westlichen Perspektive betrachtet, bricht bei solchen Kategorien reflexartig Panik aus: Dort gilt das Dogma der parlamentarischen Demokratie als absolute, universelle Norm. Wie soll man jemals eine gemeinsame Sprache finden, wenn die politischen Grundbegriffe so fundamental inkompatibel erscheinen?<\/strong><\/p><p>Man muss schlicht lernen, wieder miteinander zu sprechen und Unterschiede zu akzeptieren &ndash; so wie wir es ja auch im Dialog mit anderen gro&szlig;en Zivilisationen versuchen. Das ist im &Uuml;brigen das eigentliche Kernproblem des Westens: Er hat sich in den letzten Jahrzehnten daran gew&ouml;hnt, mit dem Rest der Welt ausschlie&szlig;lich in seiner eigenen, diktierenden Diktion zu kommunizieren und alle anderen zu zwingen, sich diesem Vokabular anzupassen. Das verschaffte dem Westen stets den kolossalen Vorteil, als alleiniger Richter dar&uuml;ber zu bestimmen, wer dem westlichen Demokratiebegriff entspricht und wer nicht. Demokratie ist demnach stets das, was der Westen in seinem eigenen Spiegelbild erkennt.<\/p><p>Diese ritualisierten Reden &uuml;ber die westliche Demokratie sind aus meiner Sicht historisch v&ouml;llig veraltet. Sie mochten in den 1970er-, 1980er- und teilweise noch in den 1990er-Jahren eine gewisse Koh&auml;renz besitzen, doch seither ist westliche Demokratie zu einem reinen Instrument der gesellschaftlichen Manipulation verkommen. Das, was dort heute real existiert, ist vor allem ein Mechanismus zur Steuerung gro&szlig;er Menschenmassen.<\/p><p>Bei uns existieren zwar Parteien, aber sie bek&auml;mpfen sich nicht nach dem Prinzip des totalen Ausschlusses. Sie repr&auml;sentieren verschiedene gesellschaftliche Interessengruppen und Str&ouml;mungen, die im Land pr&auml;sent sind. Doch sie verbrauchen ihre Energie nicht im Kampf um die absolute Macht, denn die Macht liegt nicht bei den Parteien &ndash; die Macht liegt im System, an dessen Spitze sich die historische Verk&ouml;rperung der staatlichen Autorit&auml;t befindet (fr&uuml;her der Zar, dann der Generalsekret&auml;r der Kommunistischen Partei, heute der Pr&auml;sident). Dort ist der reale Machtkern verankert, nicht in den parlamentarischen Gremien.<\/p><p>Dennoch fungieren demokratische Organe als notwendige Plattformen, um die Interessen unterschiedlicher sozialer Gruppen zu b&uuml;ndeln und auszutarieren. Das ist eine v&ouml;llig andere Architektur der Macht. Und sie ist f&uuml;r ein Land wie Russland weitaus organischer und funktionaler als das rein westliche Modell. F&uuml;r den Westen stellt dies nat&uuml;rlich eine fundamentale Abkehr von seinen Prinzipien dar. Doch da wir uns als eigenst&auml;ndige Zivilisation definieren, bewerten wir die westlichen Strukturen zwar, aber wir dr&auml;ngen sie ihnen nicht auf. Der entscheidende Unterschied ist: Nur der Westen beansprucht das alleinige Recht, allen anderen seine Ma&szlig;st&auml;be als universell aufzuzwingen.<\/p><p><em>Nachdem Dmitri Trenin im ersten Teil die fundamentale ideologische Entfremdung vom Westen, Moskaus Neuausrichtung als Staats-Zivilisation und die globale Dynamik jenseits von Washington und den BRICS analysiert hat, richtet sich der Blick im folgenden zweiten Teil konkret auf die europ&auml;ische und insbesondere die deutsche Politik sowie die drohenden Eskalationsrisiken.<\/em><\/p><p><em>Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: &copy; Tilo Gr&auml;ser<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/4c683b1dab4440dba3737a7abbf72fce\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen einer Moskau-Reise sprach <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> mit zahlreichen f&uuml;hrenden Politologen, Diplomaten, Historikern und geopolitischen Analytikern &uuml;ber die fundamentale Neuordnung der Weltpolitik. 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