{"id":156786,"date":"2026-09-29T10:00:01","date_gmt":"2026-09-29T08:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156786"},"modified":"2026-09-29T08:00:13","modified_gmt":"2026-09-29T06:00:13","slug":"interview-mit-dmitri-trenin-teil-2-wir-nehmen-deutschland-heute-als-unfreundlichen-staat-wahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156786","title":{"rendered":"Interview mit Dmitri Trenin, Teil 2: \u201eWir nehmen Deutschland heute als unfreundlichen Staat wahr\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Im zweiten Teil ihres Exklusivgespr&auml;chs in Moskau richtet <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> den Blick auf die aktuelle Berliner Politik, die anhaltende Eskalationsspirale und die drohende Lieferung von Taurus-Marschflugk&ouml;rpern an die Ukraine. Dabei analysiert <strong>Dmitri Trenin<\/strong>, warum Moskau die deutsche F&uuml;hrung trotz der tiefen Spannungen langfristig als Nachbarn begreift, w&auml;hrend gleichzeitig kaum noch Spielraum f&uuml;r eine diplomatische Umkehr im H&auml;rteverh&auml;ltnis verbleibt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6280\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-156786-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260929_Interview_mit_Dmitri_Trenin_Teil_2_Wir_nehmen_Deutschland_heute_als_unfreundlichen_Staat_wahr_NDS.mp3?_=1\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260929_Interview_mit_Dmitri_Trenin_Teil_2_Wir_nehmen_Deutschland_heute_als_unfreundlichen_Staat_wahr_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260929_Interview_mit_Dmitri_Trenin_Teil_2_Wir_nehmen_Deutschland_heute_als_unfreundlichen_Staat_wahr_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260929_Interview_mit_Dmitri_Trenin_Teil_2_Wir_nehmen_Deutschland_heute_als_unfreundlichen_Staat_wahr_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=156786-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260929_Interview_mit_Dmitri_Trenin_Teil_2_Wir_nehmen_Deutschland_heute_als_unfreundlichen_Staat_wahr_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260929_Interview_mit_Dmitri_Trenin_Teil_2_Wir_nehmen_Deutschland_heute_als_unfreundlichen_Staat_wahr_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Teil 1 k&ouml;nnen Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156781\">hier lesen<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Bundeskanzler Friedrich Merz versch&auml;rft den politischen Kurs sp&uuml;rbar, und der CDU-Au&szlig;enpolitiker Johann Wadephul bezeichnet Sanktionen gegen Russland als dauerhaftes Druckmittel. Die AfD wiederum, deren Motive Sie als &bdquo;rein deutsch&ldquo; charakterisiert haben, knackt in Umfragen die Marke von 30 Prozent und pocht vor allem auf wirtschaftliche Argumente. Ist dieser harte Kurs Berlins eine strategische Richtliniendefinition oder lediglich eine reflexartige Reaktion auf den inneren Druck? Und ver&auml;ndert die Erstarkung der AfD in irgendeiner Weise das Kalk&uuml;l Moskaus?<\/strong><\/p><p><strong>Dmitri Trenin:<\/strong> Vorerst ver&auml;ndert sie gar nichts, denn die Richtlinienkompetenz der Au&szlig;enpolitik liegt nach wie vor beim Bundeskanzler und der Bundesregierung. Solange die AfD nicht &uuml;ber eine Koalitionsbeteiligung an die Macht gelangt &ndash; was derzeit kaum vorstellbar ist &ndash;, bleibt dies die Position einer parlamentarischen Minderheit. Selbst wenn die AfD 30 Prozent erreicht, stehen dem 70 Prozent gegen&uuml;ber, die sich strikt gegen eine Regierungszusammenarbeit mit ihr aussprechen.<\/p><p>Zweitens ist die AfD programmatisch nach wie vor nicht v&ouml;llig konturiert. Wir wissen schlicht nicht, wie sich diese Partei verhalten wird, sollte sie jemals Teil einer Regierungskoalition werden. W&uuml;rde ein solches Deutschland beispielsweise ernsthaft den Austritt aus der Europ&auml;ischen Union anstreben? Ich denke nicht, denn die EU bietet Deutschland enorme wirtschaftliche Vorteile.<\/p><p>Ich verbinde daher keinerlei illusion&auml;re Hoffnungen mit der AfD. Als politischer Trend ist sie jedoch hochinteressant. Es ist bemerkenswert, dass in Europa &ndash; dem Epizentrum des Liberalismus, in dem Deutschland wiederum das Zentrum des Zentrums bildet &ndash; nationale Str&ouml;mungen in Deutschland, Frankreich und Gro&szlig;britannien an Gewicht gewinnen. Sollten diese Trends weiter an Dynamik gewinnen, wird man mit ihnen k&uuml;nftig wom&ouml;glich auf einer ganz anderen Ebene verhandeln k&ouml;nnen. Sie werden ihre Sprache wandeln: Weg von abstrakten Demokratie-Formeln hin zu harten, pragmatischen Realit&auml;ten &ndash; zu Sicherheit, Energiefragen, Klima &ndash;, und sie werden nicht l&auml;nger das strategische Ziel verfolgen, Russland zu schw&auml;chen.<\/p><p>Wir verfolgen schlie&szlig;lich ebenfalls nicht das Ziel, Deutschland, Frankreich oder England zu schw&auml;chen oder zu vernichten. Wir haben nicht einmal das Ziel, die Ukraine zu vernichten, und haben ukrainische Infrastruktur &uuml;ber lange Phasen sehr gezielt verschont.<\/p><p><strong>In Berlin spricht man regelm&auml;&szlig;ig von &bdquo;hybriden Angriffen&ldquo; Moskaus, bleibt jegliche &ouml;ffentlich &uuml;berpr&uuml;fbare Beweisf&uuml;hrung jedoch schuldig. Gleichzeitig ist die reale Eskalation un&uuml;bersehbar: die Schlie&szlig;ung des Russischen Hauses in Berlin und des Konsulats in Bonn, gegenseitige Schlie&szlig;ungen von Instituten und die Ausweisung von Diplomaten &ndash; j&uuml;ngst sogar in Ungarn. Sch&uuml;rt genau diese toxische Kombination aus lauter Rhetorik ohne Beweise das Feuer nicht noch weiter?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich treibt das die Eskalation voran, aber das ist offenkundig auch das kalkulierte Ziel. Wir haben es bereits angesprochen: F&uuml;r Europa, einschlie&szlig;lich der deutschen F&uuml;hrung, hat dieser Krieg de facto den Charakter eines Nutzens, eines Segens. Deutschland selbst erleidet keine physischen Zerst&ouml;rungen auf seinem Territorium, es gibt dort keine direkten Opfer unter der Zivilbev&ouml;lkerung.<\/p><p>Man kann diesen Konflikt also aus der Ferne recht bequem fortf&uuml;hren &ndash; indem man fremde Menschen opfert und diese gleichzeitig strikt daran hindert, mit Russland zu einer Einigung zu gelangen. Erinnern wir uns daran, wie der britische Premierminister Boris Johnson im Fr&uuml;hjahr 2022 pers&ouml;nlich intervenierte, um die Ukrainer von der Unterzeichnung des Istanbuler Abkommens abzuhalten.<\/p><p>Und wie Au&szlig;enminister Sergei Lawrow k&uuml;rzlich treffend bemerkte: Wenn das Abkommen von Alaska realisiert worden w&auml;re, w&uuml;rden wir bereits seit einem Jahr in Frieden leben. Stattdessen wurde auch dieses Arrangement durch den Willen der europ&auml;ischen Staaten, einschlie&szlig;lich Deutschlands, torpediert.<\/p><p>Diese Eskalationsspirale schreitet unaufhaltsam voran, und sie f&uuml;hrt uns unweigerlich auf einen direkten Zusammensto&szlig; zu. Denn wenn dieser Kurs konsequent beibehalten wird, kommt zwangsl&auml;ufig der Punkt eines milit&auml;rischen Zusammensto&szlig;es zwischen Russland und den europ&auml;ischen Staaten. Und das bedeutet offenen Krieg. Wenn es zu diesem Krieg kommt, dann wird er &ndash; wie Lawrow bereits betonte &ndash; von kurzer Dauer sein. Ein kurzer Krieg kann jedoch nur unter ganz bestimmten Bedingungen stattfinden &hellip; Niemand w&uuml;nscht sich ein solches Szenario, aber Europa handelt in dieser Frage derzeit auf geradezu wahnsinnige Weise.<\/p><p><strong>Die Lage spitzt sich gef&auml;hrlich zu: Vor dem Hintergrund des sogenannten Drohnenvorfalls in Leipzig &ndash; nach dem schwere Anschuldigungen gegen Moskau erhoben wurden, ohne auch nur einen einzigen Beweis vorzulegen &ndash; greift Berlin zu harten Schritten wie der Schlie&szlig;ung des Russischen Hauses. Die Spirale dreht sich nach oben und sch&uuml;rt die Furcht vor einem unkontrollierbaren Fl&auml;chenbrand. Das ist zwar noch kein offener Krieg, aber was k&ouml;nnte der n&auml;chste, wom&ouml;glich fatale Schritt sein?<\/strong><\/p><p>Nun, was ist als N&auml;chstes zu erwarten? Es k&ouml;nnten Langstreckenwaffen ins Spiel kommen &ndash; keine Drohnen, sondern Marschflugk&ouml;rper, die der Ukraine in Massen zur Verf&uuml;gung gestellt werden: jenes ber&uuml;chtigte <em>Taurus<\/em>-System, das in der Lage ist, Ziele in Moskau zu treffen. Doch in diesem Fall haben es die russischen Verantwortlichen unmissverst&auml;ndlich klargestellt: Wir werden das als einen direkten Kriegseintritt und milit&auml;rischen Angriff der europ&auml;ischen Staaten, insbesondere Deutschlands, werten. Und auf einen solchen Angriff folgt unweigerlich ein Vergeltungsschlag. Wenn der Versuch unternommen wird, Moskau anzugreifen, wird es einen entsprechenden Schlag gegen Berlin geben.<\/p><p>Das ist im Grunde ein zutiefst furchterregendes Aussichtsszenario &ndash; dieser n&auml;chste logische Schritt. Dennoch marschieren sie sehenden Auges diesen Weg und scheinen vor nichts zur&uuml;ckzuschrecken. Diese totale Furchtlosigkeit der europ&auml;ischen Eliten erstaunt und irritiert mich ehrlich gesagt zutiefst.<\/p><p><strong>Welche minimalen, realistischen Schritte k&ouml;nnten beide Seiten unternehmen, um die Dynamik vom Rand des Abgrunds zur&uuml;ckzuholen? Welche Voraussetzungen m&uuml;ssten Berlin und Moskau schaffen, um &uuml;berhaupt wieder ein gegenseitiges Verstehen zu erm&ouml;glichen?<\/strong><\/p><p>Wissen Sie, ich m&ouml;chte hier keine Bedingungen diktieren. Damit sich etwas bewegt, m&uuml;sste sich vor allem in den K&ouml;pfen der deutschen Elite eine fundamentale Einsicht durchsetzen. Doch das halte ich kurzfristig f&uuml;r unwahrscheinlich. Diese Akteure treiben diesen Kurs seit Jahren stetig voran, und er wird von Monat zu Monat h&auml;rter. Dass es an irgendeinem Punkt zu einer pl&ouml;tzlichen Kehrtwende kommt nach dem Motto: <em>&bdquo;Nein, wir sind zu weit gegangen, wir m&uuml;ssen jetzt anhalten&ldquo;<\/em> &ndash; das kann ich mir schlicht nicht vorstellen.<\/p><p>Auf dieser europ&auml;ischen Gleisspur ist daher kaum noch mit rationalen Korrekturen zu rechnen. Eine Wende k&ouml;nnte allenfalls &uuml;ber ein anderes Gleis erfolgen. Die US-Amerikaner k&ouml;nnten hier den Hebel ansetzen, da f&uuml;r sie dieser Konflikt nicht dieselbe existenzielle Bedeutung hat wie f&uuml;r die Europ&auml;er. Denn f&uuml;r Europa &ndash; ich betone es nochmals &ndash; bringt dieser Krieg vermeintliche Vorteile: Er kittet die br&uuml;chige EU-Einheit, rechtfertigt die Re-Militarisierung der Wirtschaft und sichert den Machterhalt der Eliten, weil jeder, der diese Linie kritisiert, sofort den Stempel eines &bdquo;Putin-Agenten&ldquo; aufgedr&uuml;ckt bekommt. Das ist ein extrem bequemer Mechanismus.<\/p><p>Solche Inszenierungen wie jene in Leipzig &ndash; das war meiner &Uuml;berzeugung nach eine rein ukrainisch-deutsche Provokation. Durch solche Operationen wird die &ouml;ffentliche Meinung in die Zange genommen, weil jeder, der es wagt, zu sagen: &sbquo;Das ist eine Inszenierung&lsquo;, sofort sozial ge&auml;chtet und als russischer Agent abgestempelt wird. Die normalen B&uuml;rger wollen schlicht &uuml;berleben und scheuen verst&auml;ndlicherweise das Risiko, ins Fadenkreuz zu geraten.<\/p><p>Der US-Administration hingegen ist das in diesem Ma&szlig;e gleichg&uuml;ltig. Wenn Washington &ndash; beziehungsweise Trump &ndash; dem ukrainischen Pr&auml;sidenten Wolodymyr Selenskyj eines Tages unmissverst&auml;ndlich bedeutet: &sbquo;H&ouml;r zu, du akzeptierst jetzt die Bedingungen, die Putin fordert (wie den Abzug der Truppen aus dem verbleibenden Donbass), damit die Kampfhandlungen eingestellt werden, und wir helfen dir im Gegenzug irgendwie weiter &hellip;&lsquo;, dann reicht oft schon ein einziger Schritt der USA. Ein Anruf, in dem Washington sagt: &sbquo;Wir stellen die Weitergabe unserer Geheimdienstdaten sofort ein&lsquo; &ndash; und das war&rsquo;s. Danach w&auml;re Selenskyj gezwungen, einzulenken.<\/p><p>Er wird sich nat&uuml;rlich heftig str&auml;uben, aber die Europ&auml;er besitzen schlicht nicht die Kapazit&auml;ten, die US-amerikanischen Ausf&auml;lle auch nur ann&auml;hernd zu kompensieren. Folglich liegt der Schl&uuml;ssel zu dieser gesamten Krise de facto in den H&auml;nden Washingtons: Wenn sie echten Frieden wollen, haben sie zu hundert Prozent die Macht, Selenskyj dazu zu zwingen. Selenskyj wei&szlig; das und f&uuml;rchtet diesen Moment. Denn wenn er einem R&uuml;ckzug aus dem letzten verbliebenen ukrainisch kontrollierten Zipfel des Donbass zustimmt, wird er von den eigenen Nationalisten eliminiert &ndash; und er wei&szlig; ganz genau, dass sie das tun werden.<\/p><p>Die US-Amerikaner k&ouml;nnten den Knoten also durchschlagen. Die Europ&auml;er hingegen sind dazu aus eigener Kraft unf&auml;hig. Deshalb erwarte ich von der europ&auml;ischen Seite keinerlei konstruktive Impulse.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns zum Abschluss auf das gro&szlig;e Ganze blicken: Welches Bild haben Sie heute von Deutschland? Geht es dem Land aus Ihrer Sicht gut?<\/strong><\/p><p>Nun, wir m&uuml;ssen realistisch sein: Wir nehmen Deutschland heute als einen unfreundlichen, ja feindseligen Staat wahr. Doch Pr&auml;sident Putin hat wiederholt betont, dass unser eigentlicher Gegner keineswegs das deutsche Volk oder das Land an sich ist, sondern einzig die regierende politische Elite.<\/p><p>Die heutige F&uuml;hrung Deutschlands &ndash; von der Kanzlerschaft bis hin zu Medienkonzernen wie dem <em>Spiegel<\/em> &ndash; agiert als unser dezidierter Gegner. Sie treiben die Eskalation voran und steuern bewusst auf einen offenen Konflikt hin. Aber wir verstehen sehr wohl, dass sich politische Konstellationen &auml;ndern k&ouml;nnen.<\/p><p>Der sowjetische Staatsf&uuml;hrer Josef Stalin formulierte im Februar 1942 einen bemerkenswerten Satz: <em>&bdquo;Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk und der deutsche Staat bleiben.&ldquo;<\/em> Diese Einsicht hat sich im kollektiven Ged&auml;chtnis des russischen Volkes erhalten. Im Gegensatz zu vielen anderen Nationen neigen wir Russen historisch kaum dazu, erlittenes Leid als ewigen Stachel im Fleisch zu tragen. Polen debattieren jahrzehntelang &uuml;ber historische Traumata, Armenier erinnern sich &uuml;ber ein Jahrhundert an den V&ouml;lkermord, im Nahen Osten schwellen Konflikte &uuml;ber Jahrhunderte an.<\/p><p>Wir haben nach dem Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieg im deutschen Volk erstaunlich schnell wieder Angeh&ouml;rige, Freunde und Partner gefunden &ndash; obwohl manche dieser Menschen zuvor in der Wehrmacht gek&auml;mpft hatten (denken Sie an den DDR-Ministerpr&auml;sidenten Willi Stoph, der wie Bundeskanzler Helmut Schmidt einst Leutnant der Wehrmacht war). Diese ausgepr&auml;gte F&auml;higkeit zur Vergebung ist f&uuml;r die Russen Segen und Fluch zugleich. Einerseits zeugt sie von innerer Gr&ouml;&szlig;e, andererseits f&uuml;hrt sie manchmal dazu, dass wir uns in unseren Anspr&uuml;chen selbst untersch&auml;tzen.<\/p><p>Aus diesem Grund bleibt das grunds&auml;tzliche Verh&auml;ltnis der Russen zu Deutschland und der westlichen Kultur als Nachbarn im Kern intakt. Selbst das Verh&auml;ltnis zur ukrainischen Bev&ouml;lkerung ist langfristig nicht von blindem Hass durchdrungen. In Russland existiert kein tiefgreifender Hass. In der Ukraine hingegen hat sich ein starker, tiefer Hass auf alles Russische, auf die russische Sprache und Kultur etabliert, der nach dem Krieg aus zahllosen Gr&uuml;nden noch lange nachwirken wird. In Russland ist ein solches Gef&uuml;hl nicht entstanden &ndash; und ich glaube auch nicht, dass es entstehen wird.<\/p><p>Das bedeutet: Selbst wenn sich die politischen Landschaften in Deutschland, Frankreich und Gro&szlig;britannien grundlegend wandeln sollten, werden wir deshalb vielleicht nicht sofort wieder zu innigen Freunden. Aber wir k&ouml;nnen zu einem v&ouml;llig normalen, harten Pragmatismus, zu geregeltem Handel und gegenseitigen Besuchen zur&uuml;ckkehren.<\/p><p>Im Grunde h&auml;ngt all das vom Westen ab, denn Russland hat seinerzeit praktisch keine einseitigen Sanktionen gegen den Westen verh&auml;ngt &ndash; abgesehen von den notwendigen Gegenma&szlig;nahmen im Agrarsektor. Ich mache mir keine Illusionen: Ein solcher Weg zur&uuml;ck wird lang und beschwerlich sein. Doch sobald sich in Europa der politische Kompass neu ausrichtet, wird sich auch hier alles sehr schnell ver&auml;ndern. Man streicht einfach die formelle Definition des &bdquo;unfreundlichen Staates&ldquo;, und &uuml;brig bleibt wieder das, was wir immer waren: unmittelbare Nachbarn.<\/p><p>Ich sa&szlig; einst mit einem deutschen Diplomaten zusammen &ndash; lange vor alledem, im Jahr 2019 &ndash;, es war der damalige EU-Botschafter in Moskau, Markus Ederer. Wir philosophierten dar&uuml;ber, wie man unsere k&uuml;nftigen Beziehungen definieren k&ouml;nnte: Wo liegt der gemeinsame Nenner f&uuml;r eine stabile Normalit&auml;t? Und wir kamen &uuml;berein: Es ist der Begriff der Nachbarschaft.<\/p><p>Wir sind geografische Nachbarn. Nachbarn k&ouml;nnen gut oder schwierig sein, aber wir teilen denselben Raum. Mit direkten Nachbarn streitet man besser nicht; mit ihnen bricht man nicht un&uuml;berlegt alle Br&uuml;cken ab. Mit ihnen muss man zwangsl&auml;ufig ein Mindestma&szlig; an geregelten Beziehungen aufrechterhalten. Genau diese langfristige Perspektive einer friedlichen Nachbarschaft sehe ich f&uuml;r die Zukunft. Von russischer Seite aus stehen dem keine un&uuml;berwindbaren Hindernisse im Weg. Die wahren Barrieren sehe ich derzeit in Europa &ndash; und ich bef&uuml;rchte, sie werden so schnell nicht abgebaut werden.<\/p><p><strong>Herr Trenin, ich danke Ihnen herzlich f&uuml;r dieses offene und tieff&uuml;hrende Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p><em>Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: &copy; Tilo Gr&auml;ser<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/45e867a34ec64222999992251a1e771f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im zweiten Teil ihres Exklusivgespr&auml;chs in Moskau richtet <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> den Blick auf die aktuelle Berliner Politik, die anhaltende Eskalationsspirale und die drohende Lieferung von Taurus-Marschflugk&ouml;rpern an die Ukraine. 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