{"id":156870,"date":"2026-09-30T09:00:25","date_gmt":"2026-09-30T07:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156870"},"modified":"2026-09-30T09:22:26","modified_gmt":"2026-09-30T07:22:26","slug":"inside-cdu-die-amthor-partei-zeigt-vergreisungserscheinungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156870","title":{"rendered":"Inside CDU \u2013 die Amthor-Partei zeigt Vergreisungserscheinungen"},"content":{"rendered":"<p>Die ZDF-Doku <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/dokus\/inside-cdu-102\">&bdquo;Inside CDU&ldquo;<\/a> hat f&uuml;r Schlagzeilen gesorgt. Wie &uuml;blich arbeiten sich sowohl &bdquo;das Netz&ldquo; als auch die traditionellen Medien jedoch an Lappalien wie dem Strandkorb ab, den der CDU-Nachwuchspolitiker Philipp Amthor sich auf den ger&auml;umigen Balkon seines noch ger&auml;umigeren B&uuml;ros im Bundeskanzleramt hat stellen lassen. Kinderkrams. Viel interessanter ist, was die in der Tat unfreiwillig sehenswerte Produktion ohne Kommentar zwischen den Bildern zeigt &ndash; eine siechende ehemalige Volkspartei mit Vergreisungserscheinungen. Daf&uuml;r ist Amthor als Greis im K&ouml;rper eines als Greis verkleideten Kindes vielleicht sogar das passende Bild. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWarum Philipp Amthor &uuml;berhaupt zu nationaler Ber&uuml;hmtheit gelangte, ist ein offenes R&auml;tsel, das wohl mit einer Art von Humor zu tun hat, die ich nicht verstehe. Seine &bdquo;politischen Positionen&ldquo; sind altbacken, spie&szlig;ig und abgestanden. Sein onkelhaftes Verhalten ist eigentlich nur peinlich. Klar, irgendwie ist es schon &bdquo;witzig&ldquo;, wenn ein so &bdquo;drollig&ldquo; aussehender junger Mann in der Verkleidung eines Politikers derart altbacken, spie&szlig;ig und abgestanden daherredet. So geht wohl die Art Humor, die beispielsweise bei der &bdquo;Heute-Show&ldquo; im <em>ZDF<\/em> gefeiert wird. Heintje meets Meister Joda, und fertig ist die &bdquo;Nachwuchshoffnung&ldquo; der CDU. Fr&uuml;her h&auml;tte man wohl gesagt, Amthor sei ein &bdquo;Schwiegermutter-Typ&ldquo;. Doch auch das ist eher Humor aus den 1970ern. W&uuml;rde heute meine hypothetische Tochter (ich habe nur einen Sohn, und der ist fast in Amthors Alter) mit so einem Typen auftauchen, w&uuml;rde ich ihn mit Androhung von k&ouml;rperlicher Gewalt vom Hof jagen und mich fragen, was in der Erziehung meiner Tochter falsch gelaufen ist. Wenn &uuml;berhaupt, wirkt Amthor eher wie ein Erbschleicher, der demente Damen im Pflegeheim um Haus und Hof bringen will. Und genau das passt ja auch irgendwie wieder ganz ausgezeichnet zur CDU. Sich &uuml;ber Amthor aufzuregen, ist aber weder originell noch zielf&uuml;hrend.<\/p><p>Interessanter als die erwartbar peinlichen Amthor-Szenen und die offenbar unvermeidbaren Einordnungen des Gesehenen durch Gro&szlig;journalisten sind bei der ZDF-Doku die szenischen Bilder und die Schnittfolge. Da sieht man beispielsweise den sachsen-anhaltinischen CDU-Spitzenkandidaten Schulze bei Wahlkampfveranstaltungen. Au&szlig;er den Damen vom Catering ist wohl kein Anwesender unter 60, und das gesamte Sujet erinnert eher an eine klischeehafte Verkaufsveranstaltung f&uuml;r Heizdecken im Altersheim. In einer anderen Szene tritt Carsten Linnemann in Paderborn auf &ndash; zu Gast der 70er-Jahre-Schlagerstar Vicky Leandros und ein Publikum, das sicher in seinen besten Jahren die Langspielplatten von Frau Leandros kaufte.<\/p><p>&Auml;hnlich bei den Bildern vom CDU-Wahlkampf auf der Stra&szlig;e &ndash; noch nie habe ich in einer politischen TV-Dokumentation so viele Rollatoren gesehen. Die CDU-Slogans vom &bdquo;Anpacken&ldquo; und vom &bdquo;Fortschritt&ldquo; werden durch diese Bilder meisterlich konterkariert. Und sogar die gezeigten Hochbetagten sind unzufrieden und zeigen der CDU meist die kalte Schulter. Auf eine seltsame Art k&ouml;nnte einem die CDU ja fast leidtun.<\/p><p>Schnitt. Philipp Amthor grienend unter Greisen bei Blasmusik. Schnitt. Sven Schulze f&auml;hrt im Fonds seiner Limousine durchs menschenleere Sachsen-Anhalt. Schnitt. Eine AfD-Wahlkampfveranstaltung mit einem dynamisch wirkenden Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund inmitten einer vergleichsweise jungen Menschenmenge. Man steht an, um ein Selfie mit Siegmund zu machen. Schnitt. Sven Schulze allein am Elbstrand, macht ein Selfie mit einer &auml;lteren Dame mit Rollator und erz&auml;hlt etwas von der Zukunft. Unabh&auml;ngig von Inhalten oder politischen Positionen: Diese Bilder sind eine recht gute Zustandsbeschreibung f&uuml;r die derzeitige geistige Verfasstheit des Landes. In der Provinz schl&auml;gt der Zeitgeist rechts, in den Metropolen schl&auml;gt er links. Und es gibt wohl keine Partei, der der Zeitgeist derart entglitten ist wie der CDU. Sie wirkt wie ein K&auml;nnchen Kaffee HAG in der Szene-Kaffeemanufaktur oder wie ein Fax-Ger&auml;t im Smartphone-Laden.<\/p><p>Die Zahlen untermauern diesen Eindruck. Nehmen wir die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz als Beispiel f&uuml;r ein l&auml;ndlich gepr&auml;gtes westdeutsches Fl&auml;chenland. Dort holte die CDU bei den Erstw&auml;hlern (18 bis 24 Jahre) 15 Prozent der Stimmen, bei den &uuml;ber 70-J&auml;hrigen hingegen 45 Prozent. Die AfD konnte bei den Erstw&auml;hlern 21 Prozent und bei den &Uuml;70-W&auml;hlern elf Prozent f&uuml;r sich verbuchen. Die Linke kam bei den Erstw&auml;hlern auf 16 Prozent und bei den &Uuml;70-W&auml;hlern auf gerade einmal ein Prozent der Stimmen. In Sachsen-Anhalt erreichte die CDU bei den Erstw&auml;hlern f&uuml;nf Prozent, die AfD kam hier auf 41 Prozent. Bei den &Uuml;70-W&auml;hlern kam die CDU indes mit 30 Prozent sehr nahe an die AfD mit 31 Prozent heran. Auf der anderen Seite holte die CDU in der Gro&szlig;stadt Berlin bei den Erstw&auml;hlern acht Prozent, w&auml;hrend die Linke hier 43 Prozent erzielen konnte. Bei den &Uuml;70-W&auml;hlern kam die CDU hingegen auf 34 Prozent, w&auml;hrend die Linke nur 14 Prozent der Stimmen erlangen konnte.<\/p><p>Diese Ergebnisse lassen wenig Interpretationsspielraum zu. Schaut man sich nur die Ergebnisse der W&auml;hler an, die &auml;lter als 70 Jahre sind, kommt die CDU immer noch auf die &bdquo;alten&ldquo; Ergebnisse und ist &ndash; mit Ausnahme von Sachsen-Anhalt, wo sie einen Prozentpunkt hinter der AfD liegt &ndash; immer noch die st&auml;rkste Partei. Bei den Jungw&auml;hlern ist die CDU hingegen komplett abgeschlagen und kommt nur im westdeutschen, l&auml;ndlich gepr&auml;gten Rheinland-Pfalz &uuml;berhaupt auf mehr als zehn Prozent. Bei Jungw&auml;hlern sind &ndash; je nach Region und Struktur &ndash; AfD und Linkspartei die gro&szlig;en Gewinner.<\/p><p>Dieser Trend ist &uuml;brigens relativ neu. Bei den Bundestagswahlen 2005, also vor etwas mehr als 20 Jahren, war die SPD noch bei den Erstw&auml;hlern die mit 37 Prozent mit Abstand st&auml;rkste Partei, und selbst die CDU konnte damals noch mit 26 Prozent ein ordentliches Ergebnis erzielen, w&auml;hrend die Linke (die AfD gab es ja damals noch nicht) mit nur 7,8 Prozent auch bei den Erstw&auml;hlern eher eine Randerscheinung war. Bis 2021 konnten vor allem die Gr&uuml;nen die Stimmen der SPD und der CDU bei den Erstw&auml;hlern &uuml;bernehmen; nach 2021 verloren die Gr&uuml;nen bei dieser Altersgruppe jedoch dramatisch, und seitdem gewinnen AfD und Linkspartei bei den jungen W&auml;hlern immer mehr Zustimmung.<\/p><p>Es ist also nicht &bdquo;nur&ldquo; der demographische Wandel, der die CDU abstraft. Es ist eher so, dass die besonders alten W&auml;hler &ndash; als einzige demographische Gruppe &ndash; der CDU noch die Stange halten. Warum das so ist, ist Interpretationssache. Nimmt die Treue zu &bdquo;seiner&ldquo; Partei im Alter zu? Bietet die CDU vor allem j&uuml;ngeren Menschen keine glaubw&uuml;rdige Vision? Oder ist es gar Philipp Amthor, der mit seinem Heintje-Charme die Alten umgarnt? Letzteres schlie&szlig;e zumindest ich aus. Und auch die h&auml;ufig ge&auml;u&szlig;erten Erkl&auml;rungen, nach denen Parteien wie die AfD und die Linke halt die Kan&auml;le des j&uuml;ngeren Publikums bei <em>TikTok<\/em> und Co. besser &bdquo;bespielen&ldquo;, halte ich f&uuml;r ziemlichen Unsinn und eine Beleidigung der J&uuml;ngeren. Ja, AfD und Linke verkaufen sich dort in der Tat besser &ndash; aber was h&auml;tte die CDU auch bei <em>TikTok<\/em> anzubieten? Einen rappenden Philipp Amthor? Oder einen Friedrich Merz, der den Zuschauern erz&auml;hlt, wie faul sie sind? Und ja, schaut man sich die Einkommensstatistiken an, erkennt man auch, dass es nat&uuml;rlich vor allem die Jungen sind, die unter den Preissteigerungen, der Wohnungsnot und den ganzen neoliberalen Reformen leiden. Nicht nur die Verpackung, auch die Inhalte der CDU kommen vor allem bei den j&uuml;ngeren W&auml;hlern nicht mehr an.<\/p><p>Die Zahlen und Wahrnehmungen zeigen auch etwas anderes: Die viel zitierte Erosion der Mitte und das Erstarken der R&auml;nder ist weniger eine Frage von Bildung, Herkunft und Sozialisation, sondern auch und vor allem eine Frage des Alters. Wahrscheinlich war die CDU lange der gr&ouml;&szlig;te politische Profiteur des demografischen Wandels &ndash; so langsam sterben ihr, so zynisch dies klingt, die W&auml;hler weg.<\/p><p>Und damit ich blo&szlig; nicht falsch verstanden werde: Selbstverst&auml;ndlich gibt es keinen qualitativen Unterschied zwischen &bdquo;jungen&ldquo; und &bdquo;alten&ldquo; Stimmen, und nat&uuml;rlich sind nicht alle W&auml;hler &uuml;ber 70 demente Heimbewohner, die sich von den Amthors eine Heizdecke verkaufen lassen. Ganz im Gegenteil. Es ist nicht erstaunlich, dass die CDU von den &bdquo;Jungen&ldquo; nicht mehr gew&auml;hlt wird; erstaunlich ist vielmehr, dass sie von den &bdquo;Alten&ldquo; offenbar noch gew&auml;hlt wird. Ein anderer Teil der Wahrheit ist jedoch auch, dass eine Partei wie die CDU, deren W&auml;hlerschaft sich vor allem aus den oberen und obersten Alterskohorten zusammensetzt, keine glaubw&uuml;rdigen Visionen und Zukunftsversprechen machen muss. Das wiederum wird sicher einer der Gr&uuml;nde sein, warum die Partei von den Jungw&auml;hlern gemieden wird und Vergreisungserscheinungen zeigt.<\/p><p><small>Titelbild: Screencap ZDF.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ZDF-Doku <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/dokus\/inside-cdu-102\">&bdquo;Inside CDU&ldquo;<\/a> hat f&uuml;r Schlagzeilen gesorgt. Wie &uuml;blich arbeiten sich sowohl &bdquo;das Netz&ldquo; als auch die traditionellen Medien jedoch an Lappalien wie dem Strandkorb ab, den der CDU-Nachwuchspolitiker Philipp Amthor sich auf den ger&auml;umigen Balkon seines noch ger&auml;umigeren B&uuml;ros im Bundeskanzleramt hat stellen lassen. Kinderkrams. 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