{"id":156901,"date":"2026-10-03T12:00:40","date_gmt":"2026-10-03T10:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156901"},"modified":"2026-10-02T10:36:55","modified_gmt":"2026-10-02T08:36:55","slug":"die-jugend-der-welt-will-eine-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156901","title":{"rendered":"Die Jugend der Welt will eine Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>Laut des neuen Berichts der Internationalen Arbeitsorganisation ILO suchen weltweit 67 Millionen junge Menschen aktiv nach Arbeit, k&ouml;nnen aber keine finden. Mehr als 257 Millionen sind weder in Besch&auml;ftigung noch in Aus- oder Weiterbildung. Hinter den weit verbreiteten Jugendaufst&auml;nden verbirgt sich ein scharfer Widerspruch: ein Wirtschaftssystem, das das Kapital sch&uuml;tzt, w&auml;hrend es jungen Menschen eine w&uuml;rdige Arbeit, Gemeinschaft und das Vertrauen nimmt, dass die Zukunft anders sein kann. Von <strong>Vijay Prashad<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn den vergangenen zwei Jahren sind junge Menschen weltweit auf die Stra&szlig;e gegangen. Von Kenia bis Nepal, Indonesien bis zu den Philippinen, Madagaskar bis Marokko und in Peru erheben sie sich und demonstrieren. Journalisten bezeichnen diese Aufst&auml;nde als &bdquo;Gen Z&ldquo;, als handele es sich um ein Marktsegment. Der Begriff beschreibt die Jugendlichkeit der Demonstranten, ihre Gewandtheit im Umgang mit digitalen Plattformen und ihre Ungeduld mit etablierten politischen Institutionen. Doch er verschleiert mehr, als er &uuml;ber die Politik unserer Zeit offenbart.<\/p><p>Eine Generation ist keine Klasse &ndash; junge Menschen teilen keine gemeinsame sozio&ouml;konomische Erfahrung. Zudem hat jeder dieser Aufst&auml;nde seine eigene Geschichte. Im Juni 2024 wurden die Proteste in Kenia unmittelbar durch den Gesetzentwurf zum Haushalt ausgel&ouml;st, der die Lasten der Verschuldung und der Austerit&auml;tspolitik auf die arbeitende Bev&ouml;lkerung abw&auml;lzte. Im September 2025 versch&auml;rfte sich in Nepal die Wut &uuml;ber die Korruption und die Prahlerei der politischen Eliten, nachdem die Regierung versucht hatte, soziale Medien einzuschr&auml;nken.<\/p><p>Ab Ende September 2025 protestierten junge Menschen in Marokko gegen den Niedergang des &ouml;ffentlichen Gesundheits- und Bildungswesens, w&auml;hrend riesige Summen in die Vorbereitungen f&uuml;r die FIFA-Weltmeisterschaft 2030 gesteckt werden. Im selben Monat begannen in Madagaskar Demonstrationen aufgrund der mangelnden Gew&auml;hrleistung einer zuverl&auml;ssigen Wasser- und Stromversorgung. In Peru richteten sich die Proteste im September und Oktober 2025 gegen das politische Establishment, die organisierte Kriminalit&auml;t und ein Rentensystem, das jungen Menschen Geld wegnimmt, ihnen aber keine Sicherheit versprechen kann.<\/p><p>Dies sind keine identischen Aufst&auml;nde, aber sie teilen eine gemeinsame Stimmung: Es gibt Geld f&uuml;r Stadien, aber nicht f&uuml;r Krankenh&auml;user; es gibt Geld, um ausl&auml;ndische Gl&auml;ubiger zu bedienen, aber nicht, um jungen Menschen Arbeit zu geben; es gibt Geld f&uuml;r die Polizei, aber nicht f&uuml;r Schulen.<\/p><p>Korruption ist das am h&auml;ufigsten vorgebrachte Argument, doch hinter der Korruption verbirgt sich eine Gesellschaftsordnung, die die Zukunft verbaut hat.<\/p><p>Die Piratenflagge aus dem japanischen Manga One Piece <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142966#_blank\">tauchte bei mehreren dieser Proteste auf<\/a>. Es ist ein sonderbares Emblem: In dem Manga geht es um eine Gruppe junger Menschen, die in See stechen, um einen Schatz zu finden, der von den M&auml;chtigen angeeignet wurde, und sich dabei einer Weltregierung entgegenstellen, die ihre Legitimit&auml;t behauptet, aber Gewalt aus&uuml;bt.<\/p><p>Die Flagge steht nicht f&uuml;r ein politisches Programm, aber sie dr&uuml;ckt ein Gef&uuml;hl aus: Die etablierte Welt ist voller Betrug, und ein Abenteuer fernab davon ist notwendig geworden. Junge Menschen scheinen zu sagen: &bdquo;Lasst uns hinaus auf die hohe See segeln, auf der Suche nach einer Zukunft, die nicht so hoffnungslos ist wie die Gegenwart!&ldquo;<\/p><p>Die materielle Grundlage f&uuml;r dieses Gef&uuml;hl wird im neuen <a href=\"https:\/\/www.ilo.org\/publications\/major-publications\/global-employment-trends-youth-2026-back-future#_blank\">Bericht<\/a> der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) <em>Global Employment Trends for Youth 2026: Back to the Future <\/em>deutlich. Nachdem die Arbeitslosenquote bei den 15- bis 24-J&auml;hrigen im Jahr 2023 auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten gesunken war, stieg sie im Jahr 2025 auf 12,4 Prozent. Das bedeutet, dass 67 Millionen junge Menschen aktiv nach Arbeit suchten, aber keine finden konnten. In acht der elf Subregionen der Welt stieg die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 2023 und 2025 an.<\/p><p>Die Arbeitslosenquote gibt jedoch nur einen Teil der Realit&auml;t wieder, da sie diejenigen nicht erfasst, die die Suche aufgegeben haben. Aus diesem Grund ist die Kategorie &bdquo;NEET&ldquo; (Not in Education, Employment or Training) aufschlussreicher: junge Menschen, die weder in Ausbildung, Arbeit oder Schulung sind. Im Jahr 2025 befanden sich mehr als 257 Millionen junge Menschen &ndash; jeder F&uuml;nfte &ndash; in dieser Situation, neun Millionen mehr als 2023.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Hinter diesem kalten Akronym verbergen sich Leben, die in der Schwebe gehalten werden. Ein junger Mensch schlie&szlig;t die Schule ab, sucht monatelang nach Arbeit und entdeckt, dass keine Arbeit verf&uuml;gbar ist. Nachdem er die Suche eingestellt hat, kehrt er schlie&szlig;lich in ein enges Familienheim zur&uuml;ck und stellt Heirat, Kinder und jegliches unabh&auml;ngige Leben zur&uuml;ck. Die Zeit vergeht, aber das Leben geht nicht voran.<\/p><p>Die Belastung ist stark geschlechtsspezifisch gepr&auml;gt. Mehr als zwei Drittel der jungen Menschen im NEET-Status sind Frauen. Die NEET-Quote bei jungen Frauen liegt bei 27,4 Prozent und ist damit mehr als doppelt so hoch wie die Quote von 13,1 Prozent bei jungen M&auml;nnern. Das ist nicht darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass es Frauen an Bildung mangelt, sondern darauf, dass unbezahlte Betreuungsarbeit, Diskriminierung und der Mangel an w&uuml;rdigen Arbeitspl&auml;tzen sie aus dem Wirtschaftsleben herausdr&auml;ngen.<\/p><p>In den arabischen Staaten und Nordafrika befindet sich etwa ein Drittel der jungen Menschen im NEET-Status. In Subsahara-Afrika scheint die offizielle Jugendarbeitslosigkeit mit 8,4 Prozent niedriger. Dies ist jedoch eher ein Zeichen f&uuml;r durch Armut bedingte Informalit&auml;t als f&uuml;r eine F&uuml;lle von Arbeitsangeboten. Junge Menschen m&uuml;ssen jede informelle Arbeit annehmen oder schaffen, die sie finden k&ouml;nnen. Fast neun von zehn jungen Arbeitnehmern in L&auml;ndern mit niedrigem und unterem mittleren Einkommen arbeiten informell, fernab von angemessener sozialer Absicherung und Arbeitsschutz.<\/p><p>Vielen wurde gesagt, Bildung sei der Weg aus dem Elend. Sie verschulden sich, studieren, erwerben Qualifikationen und wandern manchmal aus, nur um dann auf das zu treffen, was die ILO als &bdquo;Aush&ouml;hlung&ldquo; der Arbeitspl&auml;tze f&uuml;r mittelqualifizierte Arbeitskr&auml;fte bezeichnet. Arbeitgeber verlangen von Menschen, die ihren ersten Job suchen, bereits Berufserfahrung, w&auml;hrend k&uuml;nstliche Intelligenz einige der Einstiegsjobs bedroht, durch die diese Erfahrung einst erworben wurde. Bildung weckt Erwartungen, aber die Wirtschaft kann diese Erwartungen nicht erf&uuml;llen.<\/p><p>Es reicht nicht aus, die Desillusionierung der Jugend lediglich als eine mentale Gesundheitskrise zu beschreiben, die von der politischen &Ouml;konomie losgel&ouml;st ist. Eine im Jahr 2025 im Auftrag von UNICEF durchgef&uuml;hrte Umfrage unter mehr als 5.600 jungen Menschen <a href=\"https:\/\/www.unicef.org\/partnerships\/mental-health-study-shows-gen-z-overwhelmed-undeterred-unrelenting-global-crises#_blank\">ergab<\/a>, dass sich sechs von zehn von den aktuellen Ereignissen &uuml;berw&auml;ltigt f&uuml;hlten, w&auml;hrend nur die H&auml;lfte wusste, wo Unterst&uuml;tzung f&uuml;r ihre psychische Gesundheit zu finden ist. Dennoch gaben 60 Prozent an, dass sie weiterhin hoffnungsvoll bleiben und dazu beitragen wollen, eine bessere Zukunft zu gestalten.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.who.int\/news\/item\/30-06-2025-social-connection-linked-to-improved-heath-and-reduced-risk-of-early-death#_blank\">Die Weltgesundheitsorganisation berichtet<\/a>, dass weltweit jeder Sechste unter Einsamkeit leidet, wobei die Quote bei den 13- bis 29-J&auml;hrigen auf 17 bis 21 Prozent steigt. Entgegen der g&auml;ngigen Meinung ist die Einsamkeit in L&auml;ndern mit niedrigem Einkommen am gr&ouml;&szlig;ten. Einsamkeit ist nicht nur mit Depressionen und Angst verbunden, sondern auch mit geringem Einkommen, unzureichender &ouml;ffentlicher Infrastruktur und dem Ausschluss von Bildung und Besch&auml;ftigung.<\/p><p>Einsamkeit ist nicht einfach das Fehlen von Gesellschaft; es ist das Gef&uuml;hl, f&uuml;r die Gesellschaft entbehrlich zu sein. Der junge Mensch ist &uuml;ber ein Smartphone mit Tausenden von Menschen verbunden, aber von den Strukturen abgeschnitten, die ein w&uuml;rdiges Leben erm&ouml;glichen: dem Arbeitsplatz, der Gewerkschaft, der Nachbarschaftsvereinigung, dem Kulturzentrum und der politischen Organisation. Der Markt bietet Kommunikation ohne Gemeinschaft und Sichtbarkeit ohne Einflussm&ouml;glichkeit.<\/p><p>Diese Einsamkeit wird durch einen <strong>Zustand allgemeiner Unsicherheit<\/strong> noch verst&auml;rkt. Selbst die Institutionen, die die Sprache des Kapitals sprechen, nehmen diese Instabilit&auml;t wahr. Der <em>World Uncertainty Index<\/em> <a href=\"https:\/\/worlduncertaintyindex.com\/#_blank\">erfasst<\/a> Verweise auf &bdquo;Unsicherheit&ldquo; in L&auml;nderberichten der Economist Intelligence Unit, einem Forschungsdienst, der von Unternehmen, Finanzinstituten und Regierungen genutzt wird. Seine Spitzenwerte gehen mit Kriegen, Finanzkrisen, Pandemien, politischen Umbr&uuml;chen und Handelskonflikten einher &ndash; genau jenen Krisen, die das t&auml;gliche Leben f&uuml;r Millionen Menschen prek&auml;r machen.<\/p><p>Doch die vom Kapital gemessene Unsicherheit wird von der Arbeiterklasse v&ouml;llig anders erlebt. F&uuml;r Finanziers bedeutet Unsicherheit, dass eine Investition an Wert verlieren k&ouml;nnte &ndash; f&uuml;r junge Besch&auml;ftigte bedeutet sie, nicht zu wissen, ob es im n&auml;chsten Monat Arbeit geben wird, ob die Miete bezahlt werden kann, ob Essen auf dem Tisch stehen wird oder ob Krieg oder das Klima ihr Zuhause zerst&ouml;ren werden. Die herrschenden Klassen messen Unsicherheit, w&auml;hrend sie diese erzeugen.<\/p><p>Die sogenannten &bdquo;Gen Z&ldquo;-Aufst&auml;nde markieren die politische Ankunft einer Generation, deren Zukunft verbaut wurde. Ihre Revolte ist noch kein organisiertes Projekt. Spontane Wut kann sich in Solidarit&auml;t und einen sozialistischen Wiederaufbau bewegen oder sie kann von Zynismus, Chauvinismus und der Ultrarechten eingefangen werden. Die entscheidende Frage ist, ob tragf&auml;hige Organisationen die Einsamkeit vor dem Bildschirm in eine Gemeinschaft des gemeinsamen Kampfes transformieren k&ouml;nnen.<\/p><p><em>Der Beitrag erschien im Original bei <a href=\"https:\/\/thetricontinental.org\/newsletterissue\/the-youth-want-future\/#_blank\">Tricontinental: Institute for Social Research<\/a>. &Uuml;bersetzt aus dem Spanischen und leicht gek&uuml;rzt von <strong>Marta Andujo<\/strong>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Jugendliche gemeinsam gegen Jugendarbeitslosigkeit. Gebaut vom 1. Ausbildungsjahrgang der Flender Werft 1997\/98. \/ <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:1970gemini#_blank\">1970gemini<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:HL_Damals_%E2%80%93_Flender_Werft_%E2%80%93_Jugendliche_gemeinsam_gegen_Jugendarbeitslosigkeit_-_2021.jpg#_blank\">Wikimedia<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.en#_blank\">CC BY-SA 4.0<\/a><\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/0d91e4a18af5492a96d596caeb2582cd\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Anmerkung der &Uuml;bersetzerin: In der EU <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/web\/products-euro-indicators\/w\/3-01092026-bp#_blank\">waren<\/a> im Juli 2026 2,930 Millionen junge Menschen (unter 25 Jahren) arbeitslos, die Jugendarbeitslosenquote lag bei 15,1 Prozent. Der Anteil junger Menschen in Deutschland, die nicht in Ausbildung oder Besch&auml;ftigung sind, ist laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen Jahren <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2026\/08\/PD26_N058_21.html#_blank\">gestiegen<\/a> und lag bei den 20- bis 24-J&auml;hrigen im Jahr 2025 bei 10,0 Prozent.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laut des neuen Berichts der Internationalen Arbeitsorganisation ILO suchen weltweit 67 Millionen junge Menschen aktiv nach Arbeit, k&ouml;nnen aber keine finden. Mehr als 257 Millionen sind weder in Besch&auml;ftigung noch in Aus- oder Weiterbildung. 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