{"id":156918,"date":"2026-10-01T11:06:36","date_gmt":"2026-10-01T09:06:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156918"},"modified":"2026-10-01T12:28:27","modified_gmt":"2026-10-01T10:28:27","slug":"vier-rote-linien-fuer-die-afd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156918","title":{"rendered":"Vier rote Linien f\u00fcr die AfD"},"content":{"rendered":"<p>Wenn Sie denken, die AfD sei wegen ihrer Fremdenfeindlichkeit auf der anderen Seite der Brandmauer, t&auml;uschen Sie sich gewaltig. In der ZDF-Talkshow &bdquo;Markus Lanz&ldquo; lie&szlig; der einflussreiche Journalist Robin Alexander eher am Rande durchblicken, woran genau die AfD arbeiten muss, um f&uuml;r die CDU koalitionsf&auml;hig zu sein und die Brandmauer einzurei&szlig;en. Vier rote Linien g&auml;be es, die die AfD nun von sich aus aufgeben m&uuml;sse. Bei n&auml;herer Analyse bleibt davon jedoch nur noch eine rote Linie &uuml;brig und das ist die Sicherheitspolitik. Dass die AfD auch diese Linie r&auml;umen wird, wenn die Machtarithmetik dies attraktiv erscheinen l&auml;sst, steht au&szlig;er Zweifel. Vorhang auf f&uuml;r Kanzlerin Weidel? Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r politisch interessierte, kritische Menschen ist die ZDF-Sendung &bdquo;Markus Lanz&ldquo; ein rotes Tuch. Und das vollkommen zu Recht. Es gibt wohl kaum ein anderes TV-Format, in dem derart ungesch&ouml;nt Propaganda f&uuml;r den schmalen politischen Konsens der &bdquo;Mitte&ldquo; betrieben und jegliche Kritik daran mit oft manipulativen Mitteln verunglimpft wird. Das ist eine Seite der Wahrheit. Die andere Seite der Wahrheit ist jedoch, dass es auch kaum ein anderes TV-Format gibt, an dem sich die rhetorischen Tricks ebenjener Prediger des Mainstreams so gut analysieren &ndash; und damit verstehen &ndash; lassen. Und manchmal, ja manchmal, rutscht den dort eingeladenen Kreuzrittern der Meinungshoheit auch mal ein Satz raus, der &ndash; oft unfreiwillig &ndash; mehr preisgibt, als er eigentlich sollte.<\/p><p>Ein solcher ehrlicher Moment ist bei Lanz am 24. September dem Gro&szlig;journalisten Robin Alexander herausgerutscht, fr&uuml;her <em>WELT<\/em>, heute Podcaster in eigener Mission. In der Sendung ging es &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von CDU und AfD und eigentlich war die gesamte &bdquo;Debatte&ldquo; vorhersehbar und nicht gerade intellektuell erquickend. Doch dann lederte ebenjener Robin Alexander (<a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/play\/talk\/markus-lanz-114\/markus-lanz-vom-24-september-2026-100\">im Video<\/a> bei 1:06:30) los und erkl&auml;rte am Beispiel der italienischen Rechtspolitikerin Giorgia Meloni, was es denn bei der AfD br&auml;uchte, um die Brandmauer der CDU verschwinden zu lassen.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Nehmen wir an, die AfD macht einen Parteitag. Und dort tritt Alice Weidel oder Beatrix von Storch oder sonstwer auf und sagt: So Freunde, jetzt machen wir uns mal ehrlich. Wir wollen ein rechtskonservatives Programm, aber die <strong>EU ist eine gute Sache<\/strong>, die <strong>NATO<\/strong> hat uns geholfen, wir haben ein vern&uuml;nftiges <strong>Verh&auml;ltnis zu Israel<\/strong> und wir akzeptieren den <strong>Rechtsstaat<\/strong>. Dann sprechen Leute dagegen und es gibt eine Kampfabstimmung und die Mehrheit ist f&uuml;r diese vier Punkte. Dann kann man noch eine sehr rechtskonservative Partei sein. Da schreibe ich den ersten Leitartikel &sbquo;Die Brandmauer f&auml;llt&lsquo;. Dann f&auml;llt die Brandmauer auch in drei Tagen, drei Stunden.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p><em>Robin Alexander bei Markus Lanz<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Zun&auml;chst einmal ist es interessant, wie Robin Alexander seine eigene Macht einsch&auml;tzt. Er schreibt einen Leitartikel und in drei Stunden war es das mit der Brandmauer. Aber vor allem inhaltlich sind diese vier &bdquo;roten Linien&ldquo;, die er zuvor beseitigt sehen will, interessant. Schauen wir uns das doch einmal n&auml;her an.<\/p><p><strong>EU<\/strong><\/p><p>Die kategorische Ablehnung der EU durch die AfD ist heute schon Geschichte. Zwar war bis vor einigen Jahren tats&auml;chlich noch von einem EU-Austritt die Rede; die heutigen &Auml;u&szlig;erungen von AfD-Spitzenpolitikern sind da jedoch wesentlich differenzierter. So hei&szlig;t es beispielsweise im <a href=\"https:\/\/afdkompakt.de\/2024\/01\/24\/europa-muss-demokratisch-werden-entweder-reform-oder-volksabstimmung-ueber-eu-austritt\/\">Europawahlprogramm<\/a>, man fordere &bdquo;zun&auml;chst&ldquo; nur, es sollten &bdquo;Kompetenzen von Br&uuml;ssel an die Nationalstaaten zur&uuml;ckgegeben&ldquo; werden. Und nur &bdquo;falls eine solche Reform nicht gelinge, sollten die B&uuml;rger in einem Referendum &uuml;ber den Verbleib Deutschlands in der EU entscheiden&ldquo;. Zumindest im ersten Punkt ist die AfD sich damit durchaus bereits heute mit der CDU einig &ndash; auch die CDU w&uuml;nscht sich vor allem bei der Frage der Grenzkontrollen eine R&uuml;ckgabe der Kompetenzen an die Nationalstaaten. Das in diesem Jahr mit Unterst&uuml;tzung der CDU in Kraft getretene <a href=\"https:\/\/www.bmi.bund.de\/DE\/themen\/migration\/gemeinsame-europaeische-asylsystem\/gemeinsame-europaeische-asylsystem-node.html\">GEAS-System<\/a> ist genau so ein Punkt.<\/p><p>Ansonsten firmiert sich die Kritik der AfD an der EU vor allem darin, dass die EU den Mitgliedsstaaten bei gesellschafts-, wirtschafts- und migrationspolitischen Fragen zu viele Vorschriften mache. Diese Kritikpunkte sind in weiten Teilen der CDU durchaus anschlussf&auml;hig. Auch die von Robin Alexander als &bdquo;Vorbild&ldquo; genannte Giorgia Meloni teilt diese Kritikpunkte &uuml;brigens.<\/p><p>Diese &bdquo;rote Linie&ldquo; ist also bei n&auml;herer Betrachtung keine. Dass die AfD hier als Oppositionspartei kommunikativ andere Akzente als die Regierungspartei CDU setzt, ist klar. Aber das wissen auch alle Beteiligten und wenn es denn k&uuml;nftig den gemeinsamen Willen zu einer politischen Zusammenarbeit g&auml;be, st&uuml;nde die Europapolitik dem wohl kaum im Wege.<\/p><p><strong>Israel<\/strong><\/p><p>Erstaunlich ist, dass Robin Alexander den Punkt &bdquo;Verh&auml;ltnis zu Israel&ldquo; &uuml;berhaupt nennt. Hier gibt es &uuml;berhaupt keinen Dissens zwischen CDU und AfD, die beide &uuml;ber alle Ma&szlig;en pro-israelisch sind. Oberfl&auml;chlich gesehen mag dies Betrachter, die nicht so viel mit Politik am Hut haben, &uuml;berraschen. Eine in Teilen rechtsextreme Partei ist f&uuml;r Isreal? Waren die Nazis nicht immer antisemitisch? Klar, die Nazis. Moderne Rechtsextreme sehen aber nicht mehr in den Juden, sondern in den Muslimen ihr eigentliches Feindbild. Und wer, wenn nicht Israel, ist in dieser kruden Logik das &bdquo;Bollwerk gegen den Islam&ldquo;? Und f&uuml;r diejenigen, die es vergessen haben: Israel wird selbst von Rechtsextremen regiert. Hier passt kein Blatt zwischen AfD und Israel.<\/p><p>Warum tr&auml;gt Alexander diesen Punkt &uuml;berhaupt vor? Ganz einfach. Robin Alexander ist ja nicht dumm. Seine &bdquo;vier roten&ldquo; Linien gelten nicht nur f&uuml;r die AfD, sondern sind als generelle rote Linien f&uuml;r alle Parteien zu verstehen, die f&uuml;r die CDU als m&ouml;gliche Koalitionspartner infrage kommen. Und der Punkt &bdquo;Verh&auml;ltnis zu Israel&ldquo; mag nicht f&uuml;r die AfD, wohl aber f&uuml;r das BSW und die Linkspartei ein Kriterium sein, bei dem es einen m&ouml;glichen Dissens mit der CDU geben d&uuml;rfte. Und das ist ja nicht uninteressant, da es bei der aktuellen politischen Gemengelage f&uuml;r die CDU bei den n&auml;chsten Bundestagswahlen durchaus um die Frage gehen k&ouml;nnte, ob man die &bdquo;AfD-Brandmauer&ldquo; aufrechterh&auml;lt, indem man mit der Linkspartei zusammenarbeitet oder gar koaliert. Alexander ebnet der CDU mit dieser &bdquo;roten Linie&ldquo; also strenggenommen eher den Weg f&uuml;r eine Zusammenarbeit mit der AfD, als dass er sie infrage stellt.<\/p><p><strong>Rechtsstaat<\/strong><\/p><p>Die rote Linie &bdquo;Rechtsstaat&ldquo; kommt hingegen ein wenig pflichtschuldig r&uuml;ber. Es ist zu vermuten, dass es hier weniger um CDU und AfD, sondern mehr um die Anschlussf&auml;higkeit von Robin Alexander selbst geht. F&uuml;r den &bdquo;Lanz-Mainstream&ldquo; ist es abgemacht, dass die AfD auf Kriegsfu&szlig; mit dem Rechtsstaat und dem Grundgesetz steht. So klar ist das aber keinesfalls. Wer sich wirklich f&uuml;r diese Frage interessiert, dem sei eine Prim&auml;rquelle empfohlen &ndash; das mittlerweile ja recht bekannte <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ITDonVUKlsQ\">Streitgespr&auml;ch zwischen dem AfD-Politiker Maximilian Krah und dem rechten Publizisten G&ouml;tz Kubitschek<\/a>. Kubitschek vertritt hier vor allem beim Punkt &bdquo;Diskriminierung durch Staatsangeh&ouml;rigkeit und Herkunft&ldquo; Positionen, die nicht mit den rechtsstaatlichen Prinzipien des Grundgesetzes zu vereinbaren sind. Krah widerspricht ihm in diesen Punkten jedoch und macht gar keinen Hehl daraus, dass genau dies die &bdquo;roten Linien&ldquo; sind, um die es bei der AfD und einem m&ouml;glichen Verbotsverfahren geht.<\/p><p>Ob man Krah und der AfD in diesem Punkt Glauben schenkt, ist eine andere Frage. Nimmt man diese Positionen jedoch als Grundlage, bekennt sich die AfD in der Tat zum Grundgesetz, zum Rechtsstaat und zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Rein auf dem Papier gibt es diese &bdquo;rote Linie&ldquo; also nicht und derartige Fragen lassen ohnehin einen sehr weiten Interpretationsspielraum zu. Nimmt man Robin Alexander w&ouml;rtlich, reicht ja bereits ein Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit. Diese &bdquo;rote Linie&ldquo; kann man also getrost vergessen.<\/p><p><strong>NATO<\/strong><\/p><p>Interessanter wird es beim Punkt der Sicherheitspolitik. Alexanders w&ouml;rtliche Forderung, die AfD solle eingestehen, dass &bdquo;die NATO uns geholfen [habe]&ldquo;, ist dabei denkbar schwach formuliert. So gest&ouml;rt ist das Verh&auml;ltnis der AfD zur NATO nun nicht, dass man diesem Satz nicht zustimmen k&ouml;nnte. Die AfD fordert ja auch gar keinen Austritt aus der NATO. Was sie jedoch immer wieder fordert, ist, dass die NATO sich auf ihre Funktion als Verteidigungsb&uuml;ndnis konzentrieren und sich nicht noch weiter nach Osten ausdehnen soll. Dem kann auch der &bdquo;Trump-Fl&uuml;gel&ldquo; der Partei zustimmen. Dieser Punkt ist jedoch eine sehr klare rote Linie zu einer politischen Zusammenarbeit mit dem BSW und &ndash; wenn auch sehr abgeschw&auml;cht &ndash; auch die Linkspartei vertritt beim Thema NATO kritischere Positionen als die CDU.<\/p><p>Doch hier sollte man Robin Alexander auch nicht allzu w&ouml;rtlich nehmen. Bereits sein im weiteren Gespr&auml;chsverlauf ge&auml;u&szlig;ertes Lob f&uuml;r die Gr&uuml;nen, die den &bdquo;NATO-kritischen&ldquo; Kurs ihrer Fr&uuml;hphase aufgegeben h&auml;tten, zeigt, dass &bdquo;NATO&ldquo; hier nur ein Platzhalter f&uuml;r eine transatlantische Sicherheitspolitik ist. Und hier befindet sich die AfD ja in der Tat am Scheideweg. Teile der Partei &ndash; personifiziert z.B. in der Person Chrupalla &ndash; fordern tendenziell einen Bruch mit dem transatlantischen Ansatz und den Aufbau eines neuen Sicherheitssystems, das die Interessen Deutschlands im Einklang mit den Superm&auml;chten sucht und dabei Russland ganz ausdr&uuml;cklich mit einbezieht. Andere Teile der Partei &ndash; personifiziert z.B. in der Person Alice Weidel &ndash; sehen sich jedoch als sehr enge Partner des Trump-Amerikas und w&uuml;nschen sich kein Ende des transatlantischen Systems, sondern eine zeitgem&auml;&szlig;e Erneuerung dieses Systems unter dem Label der &bdquo;MAGA-Ideologie&ldquo;.<\/p><p>Und wie die Partei sich bei dieser letzten roten Linie entwickeln wird, ist vollkommen offen. Zurzeit hat die AfD ja den Luxus, dass sie diesen fundamentalen Widerspruch in ihren Reihen nicht aufkl&auml;ren muss. Sollte sich demn&auml;chst die Brandmauer-Frage konkret stellen, wird sie hier jedoch Klarheit schaffen m&uuml;ssen. Und dann wird Robin Alexanders Forderung zumindest in diesem einzigen Punkt relevant.<\/p><p>Die Gretchenfrage der Brandmauer-Debatte ist also nicht: Wie h&auml;lts Du es mit der EU, Israel oder dem Rechtsstaat? Hier sind die Differenzen zwischen CDU und AfD marginal und &uuml;berwindbar. Die eigentliche Gretchenfrage ist: Wie h&auml;lts Du es mit den USA und Russland?<\/p><p>Und hier wage ich eine Prognose: Sobald die Brandmauer konkret seitens der CDU infrage gestellt und der AfD ein Angebot gemacht wird, wird die Partei die Weidel-Linie &uuml;bernehmen und sich sogar noch transatlantischer als die CDU positionieren; vielleicht gibt es dann ja sogar ein Comeback von Jens Spahn, zwischen den und Alice Weidel in diesem konkreten Punkt kein Blatt passt. Und sp&auml;testens dann wird Robin Alexander seinen Leitartikel schreiben und drei Stunden sp&auml;ter wird die AfD Teil des politischen Mainstreams sein. Wetten, dass?<\/p><p><small>Titelbild: Screencap zdf.de<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/a6ed719b69bd42ab8226913c398625ee\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Sie denken, die AfD sei wegen ihrer Fremdenfeindlichkeit auf der anderen Seite der Brandmauer, t&auml;uschen Sie sich gewaltig. In der ZDF-Talkshow &bdquo;Markus Lanz&ldquo; lie&szlig; der einflussreiche Journalist Robin Alexander eher am Rande durchblicken, woran genau die AfD arbeiten muss, um f&uuml;r die CDU koalitionsf&auml;hig zu sein und die Brandmauer einzurei&szlig;en. 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