{"id":156985,"date":"2026-10-04T12:00:01","date_gmt":"2026-10-04T10:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156985"},"modified":"2026-10-02T10:38:09","modified_gmt":"2026-10-02T08:38:09","slug":"brics-und-der-schwierige-weg-in-die-multipolare-welt-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156985","title":{"rendered":"BRICS und der schwierige Weg in die multipolare Welt (Teil 3)"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Neu-Delhi-Erkl&auml;rung 2026 haben die BRICS-Staaten einen weiteren Schritt hin zu einer multipolaren Weltordnung unternommen. Doch wie weit tr&auml;gt dieses Projekt &ndash; und wo st&ouml;&szlig;t es an die Grenzen der bestehenden, westlich dominierten Finanz- und Wirtschaftsordnung? In unserer dreiteiligen Reihe analysiert Nel Bonilla Strukturen, M&ouml;glichkeiten und Widerspr&uuml;che von BRICS. Teil 3 zeigt am Beispiel des Iran, warum BRICS einem eigenen Mitglied bislang kaum Schutz bieten kann &ndash; und was sich &auml;ndern m&uuml;sste, damit aus der Kooperation eine wirksame Solidarit&auml;t und eine echte Gegenmacht wird. Ein Artikel von <strong>Nel Bonilla<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Teil 3: Der Fall Iran &ndash; und was BRICS braucht, um zu einer wirklichen Alternative zu werden<\/strong><\/p><p>Wo genau zeigen sich diese internen Grenzen der BRICS (wie die mangelnde politische Einigkeit) und der Druck von au&szlig;en? Letzterer zeigt sich im sogenannten &bdquo;mehrschichtigen K&auml;fig&ldquo; &ndash; einem US-dominierten Netz aus Finanz-, Technologie- und Logistikmonopolen, das andere L&auml;nder strategisch einbinden soll &ndash; sowie in einer imperialen hybriden Kriegsf&uuml;hrung, die, unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges verdeckt, s&auml;mtliche Bereiche einer Gesellschaft trifft. Das wohl sichtbarste Zeichen daf&uuml;r ist die fortschreitende Belagerung des Iran, eines BRICS-Mitglieds. Ein Beispiel hierf&uuml;r ist das weitreichende Flugverbot, das Washington im September 2026 &uuml;ber die iranische Luftfahrt verh&auml;ngte. Nach einer kurzen Abwicklungsfrist beugten sich regionale Transitknotenpunkte dem <a href=\"https:\/\/home.treasury.gov\/news\/press-releases\/sb0613\">US-Druck<\/a>, was darin gipfelte, dass die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) am 24. September formell <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/middle-east\/iranian-flights-cancelled-new-us-d-day-sanctions-take-effect-saudis-say-they-2026-09-24\/\">vom Iran betriebene Fl&uuml;ge aussetzten<\/a>, w&auml;hrend andere L&auml;nder in der Region, wie der Irak und Oman, folgten. Wie Scott Bessent wenige Tage zuvor <a href=\"https:\/\/www.kurdistan24.net\/en\/story\/941079\/bessent-all-iranian-airlines-shut-down-worldwide-from-september-23\">in einem Interview erkl&auml;rte<\/a>:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Am 23. September werden alle iranischen Fluggesellschaften auf der ganzen Welt stillgelegt. Wie machen wir das? Wenn sie landen, k&ouml;nnen Sie ihnen keinen Treibstoff liefern, Sie k&ouml;nnen ihnen keine Landedienste anbieten, Sie k&ouml;nnen ihnen keine Tickets verkaufen, oder Sie werden aus dem Dollar-System geworfen.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Der Iran wird St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck umzingelt und ihm die Luft zum Atmen entzogen &ndash; nicht nur in seinem geografischen Umfeld, selbst im digitalen Raum. So haben Iraner <a href=\"https:\/\/wanaen.com\/google-restricts-new-account-creation-for-iranian-users\/\">feststellen m&uuml;ssen<\/a>, dass ihre +98-Telefonnummern pl&ouml;tzlich bei der Verifizierung von Google-Konten abgelehnt werden &ndash; eine stille Abtrennung von der globalen Infrastruktur.<\/p><p>Still, da es von Seiten Googles im Moment noch keine Stellungnahme gibt. Indem sie ausl&auml;ndischen Flugh&auml;fen und Treibstofflieferanten mit dem Rauswurf aus dem Dollarsystem drohten, demonstrierten die Machteliten der Vereinigten Staaten, wie der K&auml;fig funktioniert. Er st&uuml;tzt sich nicht nur auf milit&auml;rische Schl&auml;ge, um eine Wirtschaft zu zerst&ouml;ren. Er kann andere Machthebel nutzen, die er noch immer in der Hand h&auml;lt, indem er die F&uuml;gsamkeit Dritter als Waffe einsetzt, um die Schlinge immer enger zu ziehen.<\/p><p>Beschr&auml;nkungen f&uuml;r kommerzielle Fl&uuml;ge oder Schifffahrtsrouten sind nicht blo&szlig; wirtschaftliche Unannehmlichkeiten, die ein Land irgendwie aussitzen kann. Selbst das souver&auml;nste Land wird einen Ausweg aus diesen Zw&auml;ngen finden m&uuml;ssen. Daher m&uuml;ssen wir begreifen, dass Souver&auml;nit&auml;t nicht etwas ist, das in einem Vakuum in der Welt existieren kann. Sie h&auml;ngt zwingend von physischen Ressourcen und den eigenen internationalen Netzwerken ab. Ein Staat kann formell seinen Luftraum, seine Grenzen und seinen Staatsapparat kontrollieren und dennoch feststellen, dass sein Handlungsspielraum systematisch erdrosselt wird, wenn der (noch) Hegemon ihm die Verbindungen zur Au&szlig;enwelt kappt. All diese verschiedenen Ma&szlig;nahmen lassen nur einen Schluss zu: Es gibt eine &uuml;bergeordnete Strategie, die darauf abzielt, den Iran derart zu zerm&uuml;rben, dass er am Ende aufgespalten wird und in seine Einzelteile zerf&auml;llt, ganz &auml;hnlich wie einst das ehemalige Jugoslawien.<\/p><p>Und wie haben die BRICS auf diese systematische Abschn&uuml;rung ihres neuesten Vollmitglieds reagiert? Sie haben sich in ihrer Erkl&auml;rung auf die diplomatische Floskel der &bdquo;tiefen Beunruhigung&ldquo; zur&uuml;ckgezogen &ndash; ohne den Iran auch nur namentlich zu erw&auml;hnen.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist der Iran seit 2024 ein <a href=\"https:\/\/iranpress.ir\/content\/228838\/iran-becomes-full-member-brics-group\">vollwertiges Mitglied<\/a> der BRICS, aber das Land wird nicht als Mitglied der New Development Bank anerkannt, obwohl es sich daf&uuml;r beworben hatte. Die offizielle Begr&uuml;ndung lautet, der Beitritt erfordere eine gesonderte rechtliche und finanzielle <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/middle-east\/iran-join-brics-development-bank-soon-central-bank-governor-says-2026-08-12\/\">Pr&uuml;fung<\/a>.<\/p><p>Dass dies ein blo&szlig;er Vorwand ist, best&auml;tigte k&uuml;rzlich der ehemalige NDB (National Development Bank)-Vizepr&auml;sident Paulo Nogueira Batista Jr. aus erster Hand in einem Interview. Wie er verriet, stellte der Iran bereits 2015 als erstes Land einen formellen Aufnahmeantrag. Die restliche NDB-F&uuml;hrung lehnte diesen jedoch ab, weil sie, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2L1kiPk72z0\">wie Batista erkl&auml;rt<\/a>, <em>&bdquo;die Auswirkungen auf das Kreditrating und die Reaktionen der Ratingagenturen auf den westlichen M&auml;rkten, wo wir Anleihen begeben wollten, f&uuml;rchteten.&ldquo;<\/em><\/p><p>Letzten Endes wurde die NDB in einer Zeit vor der heutigen geopolitischen Zuspitzung gegr&uuml;ndet und ist nicht darauf vorbereitet, wirklich unabh&auml;ngig zu agieren. Sie steckt in der Abh&auml;ngigkeit von amerikanischen Ratingagenturen wie Fitch, S&amp;P und Moody&rsquo;s fest. Aus Angst vor Sekund&auml;rsanktionen sanktioniert sich die NDB also selbst &ndash; was sich eindr&uuml;cklich zeigte, als sie alle neuen Gesch&auml;fte mit ihrem Gr&uuml;ndungsmitglied Russland <a href=\"https:\/\/www.ndb.int\/news\/a-statement-by-the-new-development-bank\/\">auf Eis legte<\/a>.<\/p><p><strong>Und wie bringt uns das zur&uuml;ck zur Erkl&auml;rung von Neu-Delhi?<\/strong><\/p><p>Zwar &auml;u&szlig;ert die Erkl&auml;rung in Absatz 29 eine &bdquo;gro&szlig;e Besorgnis &uuml;ber gezielte Angriffe auf zivile Infrastrukturen und friedliche Atomanlagen unter den umfassenden Sicherheitskontrollen der IAEO&ldquo;. Doch durch den Zwang zur Einstimmigkeit werden weder Aggressor noch Opfer beim Namen genannt: Die USA werden nicht erw&auml;hnt, Israel wird nicht erw&auml;hnt, und bemerkenswerterweise f&auml;llt nicht einmal der Name Iran. Auch praktische L&ouml;sungen kann das Forum seinem Mitglied Iran nicht anbieten: weder alternative Logistikrouten noch ein eigenes, staatlich gedecktes Versicherungssystem noch ein unabh&auml;ngiges Abrechnungszentrum f&uuml;r die Luftfahrt.<\/p><p>Das ist nichts anderes als die imperiale Gro&szlig;strategie der Zerst&uuml;ckelung, Isolierung und Strangulierung. Sie vollzieht sich Schritt f&uuml;r Schritt, geografisch wie milit&auml;risch: in der Luft, auf dem Meer und im Finanzsektor &ndash; weitere Bereiche werden unweigerlich folgen. Das BRICS-Forum kann hier nicht mehr bieten, denn echte Solidarit&auml;t w&uuml;rde in diesem Fall bedeuten, dass die Mitglieder die Risiken gemeinsam tragen. Eine Luftfahrt- oder Seeblockade in der Praxis zu durchbrechen hie&szlig;e n&auml;mlich, sich dem imperialen Kontrollregime offen zu widersetzen, eigene staatliche Versicherungen aufzubauen und die eigenen nationalen Unternehmen der Gefahr amerikanischer Vergeltungsma&szlig;nahmen auszusetzen.<\/p><p>Da sie nicht bereit sind, ihren eigenen Zugang zu den globalen M&auml;rkten und all ihren Komponenten zu riskieren, ziehen sich die Mitgliedsstaaten auf diplomatische Risikominimierung zur&uuml;ck. Sie geben nicht-bindende Erkl&auml;rungen &bdquo;tiefer Besorgnis&ldquo; ab, w&auml;hrend sie ihre eigenen Positionen innerhalb des mehrschichtigen K&auml;figs wahren. Die Trag&ouml;die des modernen BRICS-Projekts ist, dass sich der K&auml;fig durch tausend kleine, technische, administrative W&uuml;rgegriffe schlie&szlig;t. Und eine BRICS-Erkl&auml;rung, die niemanden zu kollektiver Solidarit&auml;t verpflichtet, kann ihn nicht &ouml;ffnen.<\/p><p><strong>Der K&auml;fig reproduziert sich selbst<\/strong><\/p><p>Wir k&ouml;nnten die Grenzen der BRICS als technische Wachstumsschmerzen in einer &Auml;ra der Multipolarit&auml;t verstehen, und vielleicht sind sie das auch. Im heutigen Kontext stellen sie allerdings H&uuml;rden dar, die es zu &uuml;berwinden gilt.<\/p><p>Was das Forum daran hindert, einen funktionierenden Schutzschild &ndash; geschweige denn eine emanzipatorische Alternative &ndash; aufzubauen, ist darin begr&uuml;ndet, dass die daf&uuml;r n&ouml;tigen Mechanismen frontal mit den materiellen Interessen und dem politischen Weltbild einiger Mitgliedsstaaten kollidieren. Mehrere H&uuml;rden machen die sonst so &uuml;bliche, freiwillige Koordination der BRICS unter dem heutigen hegemonialen Druck ungleich schwieriger:<\/p><p>Die BRICS-Staaten sind von Zentralbanken, Finanzministerien, Staatsunternehmen, privaten Oligarchien und Exportkonglomeraten durchzogen, die in transatlantische Kapitalkreisl&auml;ufe eingebettet bleiben. Die Technokraten, die diese Institutionen leiten &ndash; viele davon in der Orthodoxie westlicher Wirtschaftswissenschaften, des Handelsrechts und der Entwicklungsfinanzierung ausgebildet &ndash;, suchen einen besseren Platz am bestehenden Tisch. Aufgrund ihres Bildungshintergrunds und ihres Habitus sorgen sie sich um den Erhalt von Bonit&auml;tsratings, die Aufrechterhaltung des Korrespondenzbankzugangs, die Sicherung von Dollar-Liquidit&auml;t sowie die Vermeidung von Kapitalflucht. Diese technokratische Fraktion sitzt an den Urspr&uuml;ngen und an den Schalthebeln des BRICS.<\/p><p>Daher gibt es bei diesen Staaten keine Absicht, eine alternative Infrastruktur zu schaffen. Vielmehr geht es ihnen um nationale Risikoeind&auml;mmung. Sie wollen sich bestm&ouml;glich nach allen Seiten absichern, sobald das US-gef&uuml;hrte Imperium droht. Eine Alternative ist derzeit auch weniger realistisch, denn den BRICS fehlt daf&uuml;r die politische Geschlossenheit. Es gibt keine gemeinsame Erz&auml;hlung mit einem positiven politischen Ziel, auf die sich diese L&auml;nder einigen k&ouml;nnten, und auch keine weltweite, tragende Massenbewegung. Ohne einen solchen R&uuml;ckhalt in der Bev&ouml;lkerung und ohne ein klares politisches Fundament lie&szlig;e sich eine alternative Struktur nur schwer aufbauen. Sie w&auml;re sofort Angriffen des Hegemonen und seiner Verb&uuml;ndeten ausgesetzt, und die damit unweigerlich verbundenen Entbehrungen lie&szlig;en sich ohne sozialen Kitt im Inland nicht durchstehen.<\/p><p>G&auml;be es jedoch einen solchen gemeinsamen politischen Horizont mitsamt einer starken Bewegung, w&uuml;rde diese auch den Charakter der Alternative bestimmen. Es w&auml;re dann keine Infrastruktur, die mit allen Mitteln der Kapitalakkumulation und endlosen Ressourcenextraktion dient. Sie w&uuml;rde vielmehr einer anderen Logik folgen, einer Logik der sozialen Reproduktion &ndash; also dem Schutz, Erhalt und der Pflege von Gesellschaft und Lebensgrundlagen. Etwas konkreter liefe so eine Alternative wom&ouml;glich auf Mischwirtschaft hinaus. Die &ouml;ffentliche und die soziale Sph&auml;re w&uuml;rden die Wirtschaftsordnung vorgeben und gestalten und der Sph&auml;re der Privatwirtschaft &uuml;bergeordnet sein.<\/p><p>Ein weiteres Hindernis ist das Quasi-Monopol der US-gef&uuml;hrten Funktionseliten, wenn es um die physische und rechtliche Kontrolle des Welthandels geht. Auf der einen Seite stehen global operierende Kriegsflotten, die alle strategischen maritimen Nadel&ouml;hre &uuml;berwachen (wie z.B. die Stra&szlig;e von Hormus), begleitet von einem grenz&uuml;berschreitenden Sanktionsapparat und weltweit agierenden Geheimdienstnetzwerken.<\/p><p>Auf der anderen Seite stehen die westlichen Versicherungskartelle wie die meist in London ans&auml;ssigen P&amp;I Clubs. Ohne deren Haftpflichtschutz darf heute n&auml;mlich kaum ein Frachtschiff internationale H&auml;fen anlaufen. In der Konsequenz bedeutet das, dass diese Kartelle imstande sind, die Flotte eines Landes vom internationalen Seehandel abzuschneiden. Hierf&uuml;r gen&uuml;gt es schon, dass sie einer Nation den Versicherungsschutz entziehen, sobald deren &Ouml;lexporte von Washington und den transatlantischen Eliten sanktioniert werden.<\/p><p>Bislang haben die BRICS weder einen Mechanismus noch eine Infrastruktur aufgebaut, um den physischen Warentransit abzusichern, maritime Haftung zu &uuml;bernehmen oder ausl&auml;ndische Verm&ouml;genswerte vor Beschlagnahme zu sch&uuml;tzen. Der Aufbau einer parallelen Durchsetzungsebene w&uuml;rde h&ouml;chstwahrscheinlich eine sofortige, riskante Konfrontation mit der imperialen Macht oder Sanktionen in irgendeiner Form ausl&ouml;sen.<\/p><p>Daher fl&uuml;chten sich die Mitgliedsstaaten in die Passivit&auml;t. Der imperiale K&auml;fig bleibt intakt, weil seine Kontrollmechanismen allgegenw&auml;rtig sind. Jedes Land ist durch Tausende F&auml;den &ndash; ob &uuml;ber den Dollar, das SWIFT-System, Technologie, Versicherungen oder westliche Institutionen &ndash; an dieses System gebunden. Diese Abh&auml;ngigkeit und Verflechtung sind der Kern der imperialen Macht. Mit anderen Worten: Zieht ein Land nicht mit, kappt der Hegemon einfach diese lebenswichtigen Verbindungen. Und wenn all diese zivilen Zwangsmittel nicht ausreichen, um einen Staat auf seinen Platz zu verweisen, sichert das US-gef&uuml;hrte Imperium diese Ordnung durch die Androhung milit&auml;rischer Gewalt ab.<\/p><p>Ein weiteres Hindernis liegt jedoch in den K&ouml;pfen selbst. Antonio Gramsci und Karl Marx beschrieben einst, wie sich eine herrschende Klasse ihre Macht durch kulturelle Hegemonie sichert. Sie macht ihre eigene Weltsicht f&uuml;r alle anderen zum unhinterfragten &bdquo;gesunden Menschenverstand&ldquo;. Genau dieses Ph&auml;nomen sehen wir hier, wenn die Ma&szlig;st&auml;be, nach denen die Technokraten der BRICS-Staaten ihre wirtschaftliche Lage bewerten &ndash; Kreditw&uuml;rdigkeit, Investitionsklima und Marktdisziplin &ndash;, dem Denkrahmen jener dominanten Ordnung entspringen, vor der sie sich sch&uuml;tzen wollen.<\/p><p>Der imperiale K&auml;fig reproduziert sich also durch das Vokabular genau derer, die eigentlich mit der Suche nach Alternativen betraut sind. Nat&uuml;rlich gelten diese Begriffe als die entscheidenden Gradmesser f&uuml;r die kurz- und mittelfristige &Uuml;berlebensf&auml;higkeit eines Landes. Das mag pragmatisch sein, doch wer haupts&auml;chlich in diesen Kategorien denkt, verengt unweigerlich seinen Vorstellungshorizont und beraubt sich seines eigenen Handlungsspielraums. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Vorstellungskraft des Forums an jenes System gekettet bleibt, das die Souver&auml;nit&auml;t jedes einzelnen Mitglieds bedroht.<\/p><p>Wie fast alle L&auml;nder der Welt sind auch die BRICS-Staaten in den globalen Finanz- und Wirtschaftsmarkt integriert. Das macht sie verwundbar, denn Integration bedeutet auch, dass man ausgeschlossen werden kann. Das zwingt sie zu einer Art Absicherungspolitik: Sie streben nach einem gewissen Handlungsspielraum, lassen ihre Verm&ouml;genswerte aber weiterhin an das westliche Zentrum gekoppelt. Diese Verflechtung in die globale Infrastruktur &ndash; verst&auml;rkt durch das Wissen, dass der BRICS-Architektur eine verbindliche Schutzstruktur fehlt &ndash; wirkt auf den Hegemonen wie eine offene Einladung, jedes Mitglied einzeln zu isolieren und unter Druck zu setzen.<\/p><p>Wenn dann auch noch einige Mitglieder versuchen, mit der US-gef&uuml;hrten transatlantischen Sph&auml;re auf bilateraler Ebene zu interagieren, um sich zu retten und abzusichern, so l&auml;uft das Forum Gefahr, schw&auml;cher zu werden. Der Wunsch, im K&auml;fig zu bleiben, treibt letztlich die Zersplitterung voran, und die Zersplitterung droht den K&auml;fig weiter zu verriegeln.<\/p><p><strong>Das Kerndilemma: Autonomie ohne Horizont<\/strong><\/p><p>Diese Dynamik offenbart die ungleichen Realit&auml;ten innerhalb der BRICS. Da ist zum einen Chinas wirtschaftliches Gewicht&ndash; der eigentliche Grund f&uuml;r die Existenz des Konsensprinzips &ndash; und die damit einhergehende Gefahr einer einseitigen Abh&auml;ngigkeit f&uuml;r kleinere Staaten; oder Indien, das seine strategische Eigenst&auml;ndigkeit durch enge Beziehungen zum Westen wahrt; sowie die Golfmonarchien, die fest an den Petrodollar und den transatlantischen Machtblock gebunden bleiben. Und das sind nur einige Beispiele.<\/p><p>Trotz all dieser Unterschiede hat BRICS es bis jetzt geschafft, seine Netzwerke und Infrastruktur zu entwickeln, zu erhalten und zu erweitern. Die Entwicklungsbank, die Handelskorridore, die verschiedenen technischen Arbeitsgruppen und die Gipfelkommuniqu&eacute;s sind alle Zeugen dessen, was durch das BRICS-Modell der Konsensfindung und der flexiblen Integration seiner Mitglieder m&ouml;glich ist. Was diesem Modell jedoch fehlt, ist eine ebenso weit entwickelte politische und ideelle Infrastruktur &ndash; also ein gemeinsamer Denkrahmen. Es fehlt ein grundlegender Konsens dar&uuml;ber, welche Strukturen von Abh&auml;ngigkeit, Schulden und &ouml;kologischer Ausbeutung &uuml;berwunden werden m&uuml;ssen und auf welchem Weg dies geschehen kann, ohne das &Uuml;berleben der Staaten als souver&auml;ne Akteure zu gef&auml;hrden.<\/p><p>Wir k&ouml;nnten sagen: Eine materielle Infrastruktur und r&auml;umliche Konnektivit&auml;t zu haben, jedoch ohne gemeinsamen politischen Horizont, schafft Autonomie, aber eine Autonomie ohne ausreichende Solidarit&auml;t &ndash; ausreichend f&uuml;r das &Uuml;berleben und die Schaffung einer friedlichen multipolaren Ordnung, versteht sich.<\/p><p>Man kann freiwillig den raffiniertesten Schutzschild konstruieren, aber was bringt das, wenn er auf keinem transformativen politischen Projekt fu&szlig;t? Wenn uns der Blick auf den Zusammenbruch und die Fragmentierung von Staaten eines gelehrt hat, dann dies: Nur eine politisch organisierte und koh&auml;rente Gesellschaft kann diesen Schutzschild verteidigen und retten. Auf die Makroebene der BRICS &uuml;bertragen bedeutet das, dass nur ein inhaltlich geschlossener Staatenbund angesichts hybrider Kriegsf&uuml;hrung dieselbe Schutzfunktion leisten k&ouml;nnte.<\/p><p>Zweifellos hat das BRICS-Projekt etwas historisch Einmaliges bewiesen: Es ist m&ouml;glich, die Souver&auml;nit&auml;t einzelner Staaten durch freiwillige Kooperation erfolgreich abzusichern. Was wir heute sehen, ist eine greifbare, funktionierende Autonomie. Der Block webt technische Netzwerke f&uuml;r Handel und Entwicklung, operiert dabei aber weiterhin innerhalb der kapitalistischen Marktlogik &ndash; eine bemerkenswerte pragmatische Leistung. Der Haken an dieser individualisierten, transaktionalen Autonomie ist jedoch offensichtlich: Wird dieses lose Geflecht auch dann noch halten, wenn der imperiale Zwang und die Gewalt zunehmen?<\/p><p><strong>Der Imperativ der Benennung<\/strong><\/p><p>Die Erkl&auml;rung von Neu-Delhi ist zugleich eine historische Leistung und ein pragmatisches Dokument &ndash; eine Leistung, die zeigt, wie sich die globale Mehrheit einen diplomatischen Raum erk&auml;mpft und dass der Dialog immer eine Option ist.<\/p><p>Ein pragmatisches Dokument, da sich die BRICS an das US-gef&uuml;hrte Imperium richten, die Vereinigten Staaten jedoch nicht benannt werden. Die Autoren der Erkl&auml;rung schweigen &uuml;ber die konkreten Strukturen des finanziellen und wirtschaftlichen Zwangs sowie &uuml;ber die Realit&auml;t der Kriege. Wenn &uuml;berhaupt, werden abstrakte Symptome wie &bdquo;unilaterale Sanktionen&ldquo; oder &bdquo;Angriffe auf zivile Infrastruktur&ldquo; ger&uuml;gt. Anstatt den Weg aus dem imperialen System zu artikulieren, sucht man lediglich nach einer pluralistischen Nische innerhalb desselben. Aber wer die Struktur nicht beim Namen nennt, wird ihr niemals entkommen. Man kann nicht aus einem Labyrinth entkommen, wenn man nicht mal wei&szlig;, dass man in einem ist, es nicht benennt und keine Karte davon aufzeichnen will.<\/p><p>Was auf dem Spiel steht, ist nicht das geopolitische Theater, ob BRICS die USA als neuer globaler Hegemon abl&ouml;sen kann. Das sage oder deute ich nicht einmal an. Was auf dem Spiel steht, ist die Frage, ob die Menschheit einen Weg aus dem K&auml;fig der ungebremsten kapitalistischen Extraktion und imperialen Gewalt finden kann. Die Aufgabe besteht darin, den K&auml;fig zu erkennen, zu benennen und ihn anschlie&szlig;end hinter sich zu lassen. Und ich sage auch nicht, dass dies allein die Aufgabe der BRICS-Staaten ist. Es ist eine globale Aufgabe. Doch indem wir die Zw&auml;nge eines solchen historischen Projekts wie BRICS begreifen, k&ouml;nnen wir die heute wirkenden imperialen Strukturen besser verstehen.<\/p><p>Um ein Projekt wie BRICS von einem transaktionalen Mechanismus in ein Vehikel f&uuml;r eine friedliche Ordnung zu verwandeln, k&ouml;nnen wir als vorl&auml;ufige Koordinaten eine Reiseroute skizzieren:<\/p><ul>\n<li>Solidarit&auml;t muss &uuml;ber leere Gipfelerkl&auml;rungen hinausgehen und in der Praxis sp&uuml;rbar werden. Letztlich geht es um einen krisenfesten wirtschaftlichen Rettungsanker. Sobald ein Mitgliedsstaat Ziel einer imperialen Blockade wird, muss das Forum f&auml;hig sein, einzuspringen, um dessen Schiffe zu versichern, den Zahlungsverkehr aufrechtzuerhalten und die Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten zu sichern. In der Konsequenz w&uuml;rde das den Aufbau eines eigenst&auml;ndigen Sicherheitsnetzes implizieren, das sich dem westlichen Sanktionsdruck widersetzt.<\/li>\n<li>Das Contingent Reserve Arrangement (CRA) muss strukturell vom IWF emanzipiert werden, anstatt als Anh&auml;ngsel des IWF zu fungieren. Um als echte Alternative attraktiv zu sein, m&uuml;sste es den Teufelskreis aus Schuldenfallen und brutalen Austerit&auml;tsdiktaten durchbrechen. BRICS m&uuml;sste daf&uuml;r automatische, gegenseitige Nothilfen in lokalen W&auml;hrungen etablieren, die im Krisenfall sofort greifen. Gelingt es, kleinere Volkswirtschaften davor zu bewahren, ihre soziale Infrastruktur an westliche Gl&auml;ubiger oder asymmetrisch an gr&ouml;&szlig;ere BRICS-Staaten verpf&auml;nden zu m&uuml;ssen, &auml;ndert sich die globale Statik: Befreit von erpresserischen Konditionen, w&uuml;rde das CRA den IWF nicht l&auml;nger nur erg&auml;nzen. Es w&uuml;rde ihn ersetzen.<\/li>\n<li>Entwicklung kann eine treibende Kraft in dieser neuen Ordnung sein. BRICS m&uuml;sste ein transnationales &ouml;ffentliches Gemeingut aufbauen: gemeinsame &ouml;ffentliche Forschung, offene technische Standards und geteilte digitale &ouml;ffentliche Infrastruktur. Technologietransfers in Bezug auf erschwingliche Medikamente und die gr&uuml;ne Wende m&uuml;ssen an den Aufbau inl&auml;ndischer Kapazit&auml;ten gekn&uuml;pft werden. Offen gesagt, existieren einige dieser Strukturen auf freiwilliger Basis bereits innerhalb der BRICS, w&auml;hrend es bei anderen noch an politischem Willen zur Umsetzung fehlt.<\/li>\n<li>Um aus dem mehrschichtigen K&auml;fig auszubrechen, m&uuml;sste ein multipolares Projekt einen emanzipatorischen Klassenhorizont in Betracht ziehen. Auch wenn wir bisher das transformative Potenzial der BRICS und seine theoretische F&auml;higkeit gesehen haben, inl&auml;ndisches Kapital vor westlichen Sanktionen abzuschirmen, m&uuml;sste sich das Forum also dem strukturellen Schutz der Arbeiterschaft zuwenden. Ein transformatives BRICS w&uuml;rde die extraktive Logik des BIP-Wachstums und der endlosen Kapitalakkumulation ablehnen und sich stattdessen daf&uuml;r entscheiden, sein &Uuml;berleben und seinen Fortschritt vor allem anhand von Verm&ouml;gens- und Verteilungsgerechtigkeit zu messen. Dies erfordert, verbindliche Arbeitnehmerschutzrechte und soziale Sicherheit fest in die transnationalen Lieferketten des Blocks zu verdrahten und &ouml;ffentliche Unternehmen sowie Kooperativen bewusst &uuml;ber Unternehmensmonopole zu stellen.<\/li>\n<li>Ein institutionelles Ged&auml;chtnis bewahrt die Kultur einer Organisation, ihre Werte, ihr Wissen und ihre ethischen Grunds&auml;tze, die sie definieren. Anstatt jedes Jahr die Agenda neu zu erfinden, muss das B&uuml;ndnis ein unersch&uuml;tterliches institutionelles Ged&auml;chtnis aufbauen &ndash; eine Struktur, die das Wissen, die Abwehrmechanismen und die Beschl&uuml;sse des Forums dauerhaft verankert.<\/li>\n<li>Um zu einer transformativen Kraft zu werden, ben&ouml;tigt das Forum unter anderem ein &ouml;ffentliches Archiv, klare b&uuml;rokratische Anlaufstellen und unabh&auml;ngige Folgenabsch&auml;tzungen f&uuml;r NDB-Projekte. Dies w&uuml;rde &auml;hnlich wie eine Transparenzplattform funktionieren. Es ist aber auch der einzige Weg, um im Laufe der Zeit kumulative strategische Macht aufzubauen und sicherzustellen, dass der Kurs des Blocks von einer messbaren, rechenschaftspflichtigen Verpflichtung gegen&uuml;ber der globalen Mehrheit bestimmt wird. Somit w&uuml;rde sichergestellt, dass BRICS weder von den fl&uuml;chtigen Launen des rotierenden Vorsitzes noch von den stillen Man&ouml;vern seiner Finanzeliten gesteuert wird.<\/li>\n<li>Schlie&szlig;lich m&uuml;sste ein Forum wie die BRICS &ndash; mit all seiner historischen Bedeutung und seinem gegenw&auml;rtigen politischen und wirtschaftlichen Gewicht &ndash; einen gemeinsamen Denk- und Diskursraum schaffen, der die Zivilgesellschaften miteinander verbindet. Das w&uuml;rde unter anderem bedeuten, dass &Uuml;bersetzungs- und Publikationsprogramme in den BRICS-Sprachen finanziert werden m&uuml;ssen. Es br&auml;uchte auch die grenz&uuml;berschreitende Vernetzung von Gewerkschaften, Bauernorganisationen, Fraueninitiativen und unabh&auml;ngigen Wissenschaftlern, um &uuml;ber Schulden, Mehrwertverteilung, Entwicklung, Souver&auml;nit&auml;t und &Ouml;kologie zu streiten. Das hei&szlig;t nicht, dass es solche zivilgesellschaftlichen Bande in der BRICS-Welt heute gar nicht g&auml;be, doch sie fristen ein Nischendasein, wo sie eigentlich das Fundament sein m&uuml;ssten.<\/li>\n<li>Ohne soziale Verankerung bleibt Multipolarit&auml;t das exklusive Projekt von Staatsapparaten, Zentralbankern und Unternehmenskonglomeraten, die bessere Handelsbedingungen anstreben. Mit einer sozialen Verankerung k&ouml;nnte es sich zu einem Projekt entwickeln, das die Bedingungen f&uuml;r demokratische Entwicklung, soziales Wohlergehen und eine friedliche globale Koexistenz grundlegend verbessert. W&uuml;rde es aufh&ouml;ren, unter Beschuss zu stehen? W&uuml;rde der imperiale Hegemon seine Kriege und Gewalt einstellen? Nein. (Und diese letzte Frage verlangt eine Antwort des Widerstands innerhalb des transatlantischen Raums selbst.) Aber zumindest, wenn wir uns das transformative Potenzial der BRICS ins Bewusstsein rufen, erkennen wir, dass die M&ouml;glichkeiten der Befreiung aus diesem K&auml;fig gar nicht so weit entfernt sind.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Schlussbemerkung: Ein souver&auml;nes politisches Bewusstsein<\/strong><\/p><p>Letztlich entstand BRICS nicht aus einer Gruppe von L&auml;ndern mit einer Anti-System-Ideologie, sondern aus der handfesten Frustration &uuml;ber das Erpressungspotenzial des IWF und der Weltbank. Es war der Versuch, sich innerhalb der bestehenden Ordnung autonomen Handlungsspielraum zu erk&auml;mpfen.<\/p><p>Heute, da das US-Imperium zur offenen hybriden Kriegsf&uuml;hrung &uuml;bergegangen ist, agieren die Mitgliedsstaaten nach der Logik des staatlichen &Uuml;berlebens. Ihr Absicherungsverhalten&ndash; also die Nabelschnur zum westlichen Markt nicht g&auml;nzlich zu durchtrennen, w&auml;hrend man hastig parallele Logistikrouten zimmert &ndash; ist keine Frage fehlender Solidarit&auml;t. Es ist der strategische Pragmatismus von Akteuren, die einen Frontalzusammensto&szlig; vermeiden wollen.<\/p><p>Das Ungl&uuml;ck des derzeitigen BRICS-Projekts besteht darin, dass seine politische Vorstellungskraft stark durch den Klassencharakter der ihn verwaltenden Institutionen erstickt wird. Die Mechanismen der Multipolarit&auml;t werden in den Entwicklungsbanken von einer administrativen und finanziellen Elite gepr&auml;gt. Da diese Technokraten in dieselben globalen Kapitalkreisl&auml;ufe eingebettet sind wie ihre westlichen Pendants, ist ihr epistemologischer Horizont in &auml;hnlicher Weise eingeschr&auml;nkt. Sie k&ouml;nnen sich nur schwer eine Welt au&szlig;erhalb des K&auml;figs vorstellen; sie besitzen lediglich die Vorstellungskraft, einen gerechteren, bequemeren Platz innerhalb desselben zu fordern.<\/p><p>Dieser nationale Pragmatismus bleibt lebensgef&auml;hrlich, weil er auf einer fatalen Fehleinsch&auml;tzung beruht: der Annahme, dass das US-gef&uuml;hrte Imperium lediglich kollabieren w&uuml;rde. Das tut es (noch) nicht. Es passt sich an.<\/p><p>Was wir erleben, ist die R&uuml;ckkehr zur historischen Normalit&auml;t des Kapitalismus &ndash; der ungebremsten, organisierten Gewalt zur Kapitalakkumulation. Die gez&auml;hmte, durch Systemkonkurrenz regulierte Weltwirtschaft des Kalten Krieges war eine historische Ausnahme. Die Norm war stets die brutale Verschmelzung von Gewalt und Profit. Die imperialen &bdquo;H&auml;ndlerkrieger&ldquo; kreuzen heute lediglich nicht mehr auf Galeonen vor den K&uuml;sten; ihre Artillerie besteht aus Sanktionsregimen und SWIFT-Blockaden. Wer glaubt, man k&ouml;nne diese entfesselte organisierte Gewalt ohne Schaden &uuml;berstehen, indem man sich als Land irgendwie einzeln absichert, irrt. Gegen diesen Apparat gibt es keinen pragmatischen Rettungsweg. Wahre Souver&auml;nit&auml;t erfordert nun, die systemische Transformation ins Auge zu fassen. Und es erfordert das Schmieden eines gemeinsamen politischen Horizonts.<\/p><p>Sollten die BRICS &uuml;ber die reaktive Abschirmung hinausgehen und gar ein autonomes politisches Projekt verfolgen, so kann dieses nicht allein von Zentralbankern und Au&szlig;enministern gest&uuml;tzt werden. Eine echte Resilienz, ob auf regionaler oder nationaler Ebene, sollte in einem souver&auml;nen politischen Bewusstsein verankert sein.<\/p><p>Die Transformation des mehrschichtigen K&auml;figs, des globalen Marktes, in eine Waffe wird auch von B&uuml;rgern an der Basis gesp&uuml;rt &ndash; sei es durch Austerit&auml;t, sei es durch physische Blockaden in ihrem Land. Deshalb sollte die Erschaffung alternativer Infrastrukturen auch in der Gesellschaft und ihrem Wohlergehen verwurzelt sein.<\/p><p>Ohne die soziale Verankerung der Arbeiterklassen und der sozialen Bewegungen gibt es weder ein Mandat noch die Kapazit&auml;t, die enorme Reibung aufzufangen, die eine Abkopplung vom hegemonialen System unweigerlich mit sich bringen wird.<\/p><p>Multipolarit&auml;t wird ein Eliteprojekt bleiben. Jegliche Solidarit&auml;t wird in dem Moment verdampfen, in dem Gewinnmargen bedroht werden. Aber mit dieser breiten Unterst&uuml;tzung w&auml;re eine echte gemischtwirtschaftliche Assoziation m&ouml;glich. Kurzum: Es braucht ein B&uuml;ndnis mit einem politischen Projekt, das die Profitlogik umgeht und privates Kapital der Versorgungssicherheit unterordnet.<\/p><p>Sobald man den mehrschichtigen K&auml;fig der globalen Finanzarchitektur als die eigentliche Waffe erkennt, gen&uuml;gt es nicht mehr, die eigene nationale Entwicklung abzusichern. Das Ziel kann dann nur noch lauten, diese Architektur des Zwangs zu ersetzen.<\/p><p>Die Erkl&auml;rung von Neu-Delhi liefert den Nachweis, dass das institutionelle Monopol des US-gef&uuml;hrten Westens einen un&uuml;bersehbaren Riss erlitten hat. Trotz eskalierender Kriege, Sekund&auml;rsanktionen und permanenten hybriden Krieges haben elf Staaten einen eigenst&auml;ndigen Rahmen f&uuml;r multipolare Kooperation geschmiedet &ndash; und sie halten stand. Die globale Mehrheit bringt eine immense &ouml;konomische und demografische Wucht auf die Waage. Gepaart mit ihrem historischen Ged&auml;chtnis &uuml;ber den Imperialismus und Kolonialismus, verf&uuml;gen die BRICS-Staaten heute &uuml;ber die Masse, um die Statik dieser Weltordnung dauerhaft zu verschieben. Aber das ist lediglich die eine Seite der Medaille. Multipolarit&auml;t l&auml;sst sich nicht im Alleingang von au&szlig;en erzwingen. Solange die Gesellschaften im transatlantischen Kern sich ihrer historischen Aufgabe entziehen und die imperiale Maschinerie nicht von innen heraus st&ouml;ren oder demontieren, bleibt jeder Schutzschild des S&uuml;dens verwundbar.<\/p><p>Bei dieser strukturellen Analyse und Kritik geht es also keineswegs darum, mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Funktionseliten des Globalen S&uuml;dens zu zeigen. Wir legen die Gitterst&auml;be des mehrschichtigen K&auml;figs offen, um zu begreifen, wo und wie wir sie durchbrechen k&ouml;nnen. Letzten Endes h&auml;lt uns dieser K&auml;fig n&auml;mlich alle gefangen.<\/p><p>Die Hoffnung, die wir auf das BRICS-Projekt projizieren, ist in Wahrheit eine universelle Hoffnung: dass Gesellschaften sowohl im Globalen S&uuml;den als auch im transatlantischen Kern endlich den solidarit&auml;tsstiftenden Horizont finden, der notwendig ist, um gemeinsam aus dem K&auml;fig herauszutreten &ndash; und eine Multipolarit&auml;t zu schmieden, die auf planetarem Frieden gr&uuml;ndet.<\/p><p><strong>Ende Teil 3<\/strong><\/p><p>Hier k&ouml;nnen Sie <a href=\"\" https: www.nachdenkseiten.de ?p=\"156966&quot;\">den ersten Teil<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156980\">den zweiten Teil<\/a> nachlesen.<\/p><p><small>Titelbild: Foto von <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/@xue_zheng?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Zheng XUE<\/a> auf <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/fotos\/traditionelles-chinesisches-gebaude-mit-blick-auf-einen-belebten-hafen-SoAe5dQiQ4c?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Neu-Delhi-Erkl&auml;rung 2026 haben die BRICS-Staaten einen weiteren Schritt hin zu einer multipolaren Weltordnung unternommen. Doch wie weit tr&auml;gt dieses Projekt &ndash; und wo st&ouml;&szlig;t es an die Grenzen der bestehenden, westlich dominierten Finanz- und Wirtschaftsordnung? In unserer dreiteiligen Reihe analysiert Nel Bonilla Strukturen, M&ouml;glichkeiten und Widerspr&uuml;che von BRICS. 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