{"id":157,"date":"2005-01-03T20:47:01","date_gmt":"2005-01-03T19:47:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=157"},"modified":"2016-03-21T16:28:17","modified_gmt":"2016-03-21T15:28:17","slug":"mythos-standortschwache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157","title":{"rendered":"Mythos Standortschw\u00e4che"},"content":{"rendered":"<p>Von Michael Schlecht, Chefvolkswirt ver.di Bundesvorstand Berlin.<br>\n<!--more--><br>\nIm Jahr 2004 machten viele Unternehmen Schlagzeilen. H&auml;ufig negative. Mit der Gefahr von Konkursen. Sicher: Managementfehler spielten und spielen ein wichtige Rolle. Aber die besondere Dramatik, die Bedrohung von zigtausenden Arbeitspl&auml;tzen entsteht erst durch die schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Politik, Unternehmer und Medien behaupten, dass die Steuern und L&ouml;hne zu hoch seien. Deshalb sei es kein Wunder, dass immer mehr Unternehmen straucheln. Folglich m&uuml;ssten die Arbeitskosten gesenkt werden. Nur so k&ouml;nne die deutsche Standortschw&auml;che bek&auml;mpft werden.<br>\nDie allt&auml;gliche Erfahrung scheint diese Schlussfolgerung nahe zu legen. Man sieht ja &ndash; auch in vielen nicht so prominenten F&auml;llen &ndash;, dass mit der Senkung der Arbeitskosten Arbeitspl&auml;tze gerettet werden k&ouml;nnen. So ist es &uuml;berhaupt nicht verwunderlich, dass viele Besch&auml;ftigte und auch Gewerkschaftsfunktion&auml;re verunsichert sind.<br>\nDer Alltagserfahrung steht der Tatbestand gegen&uuml;ber, dass Deutschland Exportweltmeister ist. Ein Zehntel aller weltweit exportierten G&uuml;ter kommt aus Deutschland. Wir liegen damit noch vor den USA. Nachdem 2002 und 2003 der Export&uuml;berschuss jeweils &uuml;ber 90 Milliarden Euro lag, wird 2004 ein neuer Rekord aufgestellt werden. <\/p><p><strong>Laufen die Arbeitspl&auml;tze weg?<\/strong><\/p><p>Verlagerung von Produktionsst&auml;tten als Form der internationalen Arbeitsteilung ist keine neue Entwicklung. Man erinnere sich nur an die Textilindustrie und die Produktion von Radio- und Fernsehger&auml;ten in den 70er Jahren. Die Verlagerung von Arbeitspl&auml;tzen ist zum Problem geworden, weil nicht gleichzeitig durch Wachstum und Strukturwandel neue Arbeitspl&auml;tze geschaffen werden. Kein Wunder. Die Binnennachfrage ist durch zu niedrige Lohnerh&ouml;hungen in den letzten Jahren zu schwach. Seit drei Jahren kein Anstieg beim privaten Konsum. Das gab es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie. Auch der Staat hat durch immer tiefere Schnitte bei den Ausgaben die Nachfrage stranguliert.<\/p><p><strong>Achillesferse schwache Binnennachfrage<\/strong><\/p><p>W&auml;re die binnenwirtschaftliche Dynamik nicht am Boden, w&auml;re die Arbeitslosigkeit nicht so hoch, w&uuml;rden hinreichend Ersatzarbeitspl&auml;tze entstehen, dann w&auml;re die Drohung des Arbeitsplatzverlustes nicht so brisant, dann w&auml;re es zum Beispiel im Fall Siemens nicht m&ouml;glich gewesen eine Kostensenkung um 30 Prozent durchzusetzen &ndash; mit der Existenzangst von 2000 Besch&auml;ftigten und ihren Familien.<br>\nNach Sch&auml;tzungen werden j&auml;hrlich bis zu 50.000 Arbeitspl&auml;tze in Deutschland durch Produktionsverlagerung vernichtet. Allein die ein bisschen verbesserte wirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2000 hat dagegen ein Plus von 700.000 Erwerbst&auml;tigen gebracht. Mit einer starken Binnennachfrage aufgrund h&ouml;herer L&ouml;hne und offensiver Zukunftsinvestitionen des Staates k&ouml;nnte ein &auml;hnlicher Schub ausgel&ouml;st werden. Jobverlagerungen verl&ouml;ren bei einem Aufschwung ihre soziale Brisanz. <\/p><p><strong>EU Osterweiterung<\/strong><\/p><p>Eine besondere Drohkulisse ist die EU-Osterweiterung. Wie sollen wir mithalten bei den viel niedrigeren Lohnkosten im Osten? Doch statt &bdquo;nackte&ldquo; Lohnkosten zu vergleichen m&uuml;ssen die unterschiedlichen Produktivit&auml;ten ber&uuml;cksichtigt werden. In Deutschland wird im Schnitt fast das Vierfache wie in Polen verdient, gut 33.000 Euro im Jahr. Viel zu viel? Nein, denn daf&uuml;r wird auch ein h&ouml;herer Wert produziert. Der liegt mit knapp 56.000 Euro j&auml;hrlich sogar mehr als vier Mal h&ouml;her als in Polen. Ursache ist die h&ouml;here Produktivit&auml;t. Je 100 Euro Arbeitnehmereinkommen werden in Polen G&uuml;ter und Dienstleistungen im Wert von 145 Euro produziert. In Deutschland sind es 168 Euro. Damit liegt Deutschland noch vor Gro&szlig;britannien, Frankreich und den USA.<\/p><p><strong>Wirtschaftspolitischer Kurswechsel<\/strong><\/p><p>Es macht keinen Sinn, sich auf einen Dumpingwettbewerb einzulassen. Am Ende gibt es nur Verlierer. Die Verteidigung von bedrohten Arbeitspl&auml;tze ist notwendig. H&auml;ufig gelingt dies nur durch Eingehen auf die unternehmerischen Erpressungen, was aus Sicht der Einzelnen verst&auml;ndlich ist. Aber f&uuml;r die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist das falsch. Deshalb ist die Durchsetzung einer Wirtschaftspolitik, die wieder massiv neue Arbeitspl&auml;tze schafft und damit auch den Druck auf die Belegschaften reduziert von herausragender Bedeutung. Die Politik der Agenda 2010, Arbeitszeitverl&auml;ngerung und Lohnsenkungen f&uuml;hren in die Irre. Gerade in Anbetracht der Defensive in vielen Betrieben hat die staatliche Finanzpolitik eine Schl&uuml;sselstellung. Der Staat muss mehr investieren, unter anderem in die Bildung, in Energieeinsparung und eine bessere Umwelt. &Uuml;ber eine halbe Million zus&auml;tzliche Arbeitspl&auml;tze k&ouml;nnen so geschaffen werden. Mit einem 40-Milliarden-Euro-Zukunftsinvestitionsprogramm! Als Einstieg brauchen wir ein 20-Milliarden-Sofortprogramm. Finanziert werden muss dies, indem Reiche und Superreiche wieder einen angemessenen Beitrag zur Finanzierung des Gemeinwesens leisten.<br>\nMit Investitionen in Bildung und Infrastruktur werden Arbeitspl&auml;tze geschaffen und die hohe Wettbewerbsf&auml;higkeit gesichert. Mit einer halben Million neuer Arbeitspl&auml;tze schwindet die Brisanz von 50.000 Arbeitspl&auml;tzen, die im Zuge der internationalen Arbeitsteilung jedes Jahr aus Deutschland verlagert werden. Die Besch&auml;ftigten h&auml;tten n&auml;mlich gute Chancen schnell wieder einen neuen Job zu finden.<\/p><p><em>Michael Schlecht ist Chefvolkswirt ver.di Bundesvorstand Berlin. Weitere Informationen unter <a href=\"http:\/\/www.wipo.verdi.de\" title=\"Externer Link zu www.wipo.verdi.de\">www.wipo.verdi.de<\/a>. Zu dem Thema &bdquo;Standortschw&auml;che&ldquo; ist eine Brosch&uuml;re erschienen, die unter <a href=\"mailto:%20wirtschaftspolitik@verdi.de\" title=\"E-Mail an Wirtschaftspolitik@verdi.de\">Wirtschaftspolitik@verdi.de<\/a> bezogen werden kann.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Michael Schlecht, Chefvolkswirt ver.di Bundesvorstand Berlin. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,157,30],"tags":[290,380,487,1016,443,281],"class_list":["post-157","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-export","tag-produktivitaet","tag-schlecht-michael","tag-standortwettbewerb","tag-verdi"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/157","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=157"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/157\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32358,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/157\/revisions\/32358"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=157"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=157"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=157"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}