{"id":157004,"date":"2026-10-03T14:00:05","date_gmt":"2026-10-03T12:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157004"},"modified":"2026-10-02T15:05:19","modified_gmt":"2026-10-02T13:05:19","slug":"sachbuch-surveillance-valley-ueber-die-geheime-militaergeschichte-des-internets","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157004","title":{"rendered":"Sachbuch \u201eSurveillance Valley\u201c \u2013 \u00dcber die geheime Milit\u00e4rgeschichte des Internets"},"content":{"rendered":"<p>Das Internet ist aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken. Je mehr aber die Technologie das Leben bestimmt, desto st&auml;rker verblassen die Erinnerungen an ihren Ursprung. Wer die heutigen Geschichtsb&uuml;cher aufschl&auml;gt, findet dort Erkl&auml;rungen, die die eigentlichen Ursachen verdecken. Der in Russland geborene US-Journalist <strong>Yasha Levine<\/strong> hat nun den wahren Grund herausgefiltert. In seinem bislang nur auf Englisch vorliegenden Buch <a href=\"https:\/\/yashalevine.com\/\">&bdquo;Surveillance Valley&ldquo;<\/a> legt er dar, was das Internet heute ist und als was es von Anfang an gedacht war: eine Waffe. Eine Rezension von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Darstellungsform, die Levine gew&auml;hlt hat, ist f&uuml;r US-amerikanische Sachb&uuml;cher geradezu typisch: geschrieben im Reportagestil und mit Mitteln der Literatur. Dazu geh&ouml;rt es auch, dass der Autor sich selbst als Figur einf&uuml;hrt. Im Prolog beschreibt Levine, wie er 2014 im kalifornischen Oakland einer Veranstaltung beiwohnt, auf der &uuml;ber den Aufbau einer Zentrale f&uuml;r st&auml;dtische &Uuml;berwachung abgestimmt werden soll. F&uuml;r den Journalisten ist es der Startschuss f&uuml;r tiefe Recherchen, bei denen er auf das st&ouml;&szlig;t, was er im Untertitel &bdquo;Die geheime Milit&auml;rgeschichte des Internets&ldquo; nennt. Diese f&uuml;hrt zun&auml;chst zur 1957 gegr&uuml;ndeten Advanced Research Project Agency (ARPA), die nicht nur damals, sondern auch heute noch eine Schl&uuml;sselrolle spielt, auch wenn sie mittlerweile mit einem vorangestellten &bdquo;Defense&ldquo; als DARPA firmiert. Die Forschungsbeh&ouml;rde des Pentagons f&uuml;r Milit&auml;rtechnik vergibt Entwicklungsauftr&auml;ge an Universit&auml;ten und an private Unternehmen des R&uuml;stungs- und IT-Sektors.<\/p><p>Die damalige ARPA entstand mitten im Kalten Krieg, als die USA im Wettkampf mit der Sowjetunion nach einer fortschrittlichen Technologie suchten &ndash; nach einer, die nicht nur vor nuklearen Gefahren sch&uuml;tzte. So entstand das heute noch bekannte ARPANET, der Vorl&auml;ufer des Internets. Doch um dieses ranken sich viele Legenden, wie Levine bei seinen Recherchen schnell festgestellt hat. In allen Geschichtsb&uuml;chern, die sich mit dem Ursprung des Internets besch&auml;ftigen, fand er zwei Haupterz&auml;hlungen, die oftmals sogar vermischt werden. Eine von ihnen lautet so: Das Internet ist aus dem Bed&uuml;rfnis des Milit&auml;rs entstanden, ein Kommunikationsnetzwerk aufzubauen, das im Falle eines nuklearen Angriffs genutzt werden k&ouml;nnte.<\/p><p>Die zweite und &ndash; wie Levine betont &ndash; mittlerweile sogar dominantere Erz&auml;hlung beruht auf der Behauptung, dass das Milit&auml;r von Anfang an nicht involviert war. Stattdessen sollen junge Programmierer und Hacker das ARPANET entwickelt haben, IT-Nerds also, auf die die Gegenkultur der 1960er-Jahre gro&szlig;en Einfluss hatte. Sie tr&auml;umten von einer medialen Utopie, in der milit&auml;rische Einrichtungen obsolet sind, so die pathetische Erkl&auml;rung.<\/p><p>In seinem Buch pr&auml;sentiert Levine jedoch eine andere Geschichte, eine, in der William Godel als Protagonist auftritt. Der damalige Experte aus dem Verteidigungsministerium reiste 1961 mit einem Team nach Vietnam, um den dortigen Krieg zu analysieren und nach milit&auml;rischem Potenzial zu suchen. Er wurde f&uuml;ndig. In der Taktik des Guerillakampfs der Vietkong erkannte er eine Gefahr, die auf die USA weltweit zurollte: Aufst&auml;nde gegen US-unterst&uuml;tzte Regierungen, ob nun in S&uuml;dostasien, im Nahen Osten oder in S&uuml;damerika. Godel begriff, dass das US-Milit&auml;r nicht die gleiche Art Krieg f&uuml;hren konnte wie noch im Zweiten Weltkrieg. Taktik und Strategie mussten ge&auml;ndert werden.<\/p><p>Das Stichwort lautete &bdquo;Aufstandsbek&auml;mpfung&ldquo;. Das war die neue Art des Krieges, auf die sich die Technik richten sollte. Sie musste so fortschrittlich sein, dass sich schnell und effektiv herausfinden lie&szlig;e, wie die jeweilige Bev&ouml;lkerung &bdquo;tickte&ldquo; und wann Aufruhr drohte. Diese Erkenntnisse pr&auml;sentierte Godel kurz darauf der ARPA und brachte sie dazu, ein Forschungszentrum f&uuml;r Aufstandsbek&auml;mpfung aufzubauen. Das ARPANET war geboren. Dieses wurde dann auch sehr schnell dazu genutzt, m&ouml;gliche Aufst&auml;nde fr&uuml;h zu erkennen &ndash; zun&auml;chst im Ausland, sp&auml;ter auch im Inland, als die Antikriegs- und B&uuml;rgerrechtsbewegung zu wachsen begann.<\/p><p>Zun&auml;chst diente das ARPANET also dazu, Milit&auml;r und Geheimdienste zu verbinden, damit sie effektiver alle dort vorhandenen Informationen &uuml;ber Individuen und politische Bewegungen zusammenf&uuml;hren und analysieren konnten. Dann wurde es als Internet f&uuml;r alle ge&ouml;ffnet und in den Alltag aller B&uuml;rger integriert, so geschickt, dass kaum noch jemandem bewusst ist, welch zentrale Rolle Milit&auml;r und Geheimdienste von Anfang an spielten &ndash; und es immer noch tun.<\/p><p>Der Mehrwert, den das Internet bei der &Uuml;berwachung im Laufe eines etwas mehr als halben Jahrhunderts gebracht hat, ist gedanklich leicht nachzuvollziehen. Levine f&uuml;llt diesen zeitlichen Rahmen mit einer kurzen Computer-Geschichte und unter Einf&uuml;hrung weiterer Protagonisten, die allesamt zur Verbesserung der technischen M&ouml;glichkeiten beigetragen haben. Dann springt der Autor recht z&uuml;gig in die Gegenwart. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist abgeschlossen, sodass er nun den Blick auf das Gesch&auml;ft mit der privaten &Uuml;berwachung wirft. Nun treten nicht mehr Personen als Protagonisten auf, sondern Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley &ndash; Amazon, Facebook, Uber, Airbnb.<\/p><p>Insbesondere Google entwickelte sich im neuen Jahrtausend innerhalb weniger Jahre zu einer Plattform, die jeden nachverfolgte und registrierte, der mit einem ihrer Produkte in Ber&uuml;hrung kam. War es dem Pentagon mit dem Aufbau des ARPANETS noch darum gegangen, mit den gesammelten Daten m&ouml;gliche Aufst&auml;nde zu antizipieren, so nutzten Tech-Unternehmen wie Google sie f&uuml;r die Vorhersage von Kundenbed&uuml;rfnissen. Das Prinzip ist das gleiche, weshalb es nicht lange dauerte, bis das Pentagon mit ihnen zusammenarbeitete. Der Traum des milit&auml;r-geheimdienstlichen Komplexes, ein Computersystem aufzubauen, mit dem sich die ganze Welt beobachten und die Zukunft vorhersagen lie&szlig;e, wurde Realit&auml;t. 2013 war die &Uuml;berwachung bereits so umfassend, dass der NSA-Mitarbeiter Edward Snowden nicht mehr schweigen konnte.<\/p><p>Im letzten Drittel seines Buches kommt Levine auch auf diese Episode zu sprechen, l&auml;sst den weltber&uuml;hmten Whistleblower jedoch in keinem guten Licht erscheinen: &bdquo;F&uuml;r jemanden, der jahrelang zwischen CIA und NSA gewechselt hatte und Zugang zu den tiefsten Geheimnissen des amerikanischen &Uuml;berwachungsstaates genoss, waren Snowdens Ansichten seltsam simpel und naiv&ldquo;, lautet das Urteil. &bdquo;Er schien sich der tiefen historischen Verbindungen zwischen Technologieunternehmen und dem US-Milit&auml;r nicht bewusst zu sein. Tats&auml;chlich schien er &uuml;ber wesentliche Aspekte genau jener Dokumente im Unklaren zu sein, die er bei der NSA entwendet hatte.&ldquo; Aus diesen sei n&auml;mlich hervorgegangen, setzt Levine seine Kritik fort, welch zentrale Rolle bei t&ouml;dlichen staatlichen Operationen im Ausland Daten gespielt h&auml;tten, die von Tech-Unternehmen generiert worden waren.<\/p><p>Snowden ist das Gesicht der Datenschutzbewegung und ein Bef&uuml;rworter des Browsers &bdquo;Tor&ldquo;, den Cyberpunks und Kryptographie-Fans nutzen, um ins Darknet zu gelangen. Denn dieses verspricht Anonymit&auml;t und individuelle Freiheit, es sch&uuml;tzt vor Nachverfolgung und Spionage. So zumindest die gro&szlig;e Erz&auml;hlung. Levine zerst&ouml;rt auch diese Illusion. Als er sich eingehender mit &bdquo;Tor&ldquo; besch&auml;ftigt habe, schreibt er, sei er wieder auf Google gesto&szlig;en. Das Unternehmen trug zur Entwicklung des Browsers bei, indem es unter anderem Studenten finanzierte, die in den Semesterferien daran arbeiteten. Weitere Recherchen ergaben, dass &bdquo;Tor&ldquo; Anfang der 2000er-Jahre aus einem gemeinsamen Milit&auml;rprojekt der US-Marine und DARPA hervorgegangen war, bevor es in eine private gemeinn&uuml;tzige Organisation ausgegliedert wurde. Aber selbst dann blieb diese auf Regierungsauftr&auml;ge angewiesen.<\/p><p>Eine Datenschutzbewegung, die nach au&szlig;en in Opposition zur staatlichen &Uuml;berwachung steht, ist nur Teil eines Theaterst&uuml;cks. Levine schildert nicht nur die gemeinsamen Verstrickungen, sondern auch eigene unsch&ouml;ne Erfahrungen, die er machen musste, als er sich bei seinen Recherchen tiefer in dieses Dickicht begab. Sein Buch ist voller &Uuml;berraschungen und Wendungen, es ist reich an Informationen und Erkenntnissen, es ist sch&ouml;n und spannend geschrieben, aber auch desillusionierend. Nach der Lekt&uuml;re gibt es kaum noch Hoffnung auf ein Entkommen. Wir alle haben uns im Internet verfangen, wir haben dort unsere Freiheit verloren, genauso wie unsere Privatsph&auml;re. Wir sind zu gl&auml;sernen B&uuml;rgern geworden, &uuml;ber die Regierungen alles, aber auch wirklich alles wissen. Umso wichtiger ist es, dass Levines Buch gr&ouml;&szlig;ere Bekanntheit erlangt. Der erste Schritt w&auml;re eine &Uuml;bersetzung ins Deutsche. Daf&uuml;r m&uuml;sste sich nur noch ein mutiger Verlag finden.<\/p><p><em>Yasha Levine: Surveillance Valley: The Secret Military History of the Internet. London 2019, Icon Books (englische Ausgabe), Taschenbuch, 384 Seiten, ISBN 978-1785785719, 12,59 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Internet ist aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken. Je mehr aber die Technologie das Leben bestimmt, desto st&auml;rker verblassen die Erinnerungen an ihren Ursprung. 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