{"id":157023,"date":"2026-10-03T15:00:24","date_gmt":"2026-10-03T13:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157023"},"modified":"2026-10-03T13:33:28","modified_gmt":"2026-10-03T11:33:28","slug":"fuer-uns-ist-es-besser-ueberhaupt-keine-beziehungen-zum-westen-zu-haben-als-chinas-gegner-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157023","title":{"rendered":"\u201eF\u00fcr uns ist es besser, \u00fcberhaupt keine Beziehungen zum Westen zu haben, als Chinas Gegner zu werden&#8221; (Teil 1)"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen einer Moskau-Reise sprach <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> mit zahlreichen f&uuml;hrenden Politologen, Diplomaten und geopolitischen Analytikern &uuml;ber die fundamentale Neuordnung der Weltpolitik. Im ersten Teil eines zweiteiligen Exklusivgespr&auml;chs analysiert der renommierte China-Experte <strong>Wassilij Kaschin<\/strong> (Direktor am Zentrum f&uuml;r umfassende europ&auml;ische und internationale Studien an der HSE) das endg&uuml;ltige Aus des alten Handelsmodells, die Motive hinter der deutschen Zeitenwende und erkl&auml;rt, warum Moskau den Westen abgeschrieben hat, bevor es jemals einen Keil zwischen Russland und China treiben wird.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3754\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-157023-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261003_Fuer_uns_ist_es_besser_ueberhaupt_keine_Beziehungen_zum_Westen_zu_haben_als_Chinas_Gegner_zu_werden_Teil_1_NDS.mp3?_=1\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261003_Fuer_uns_ist_es_besser_ueberhaupt_keine_Beziehungen_zum_Westen_zu_haben_als_Chinas_Gegner_zu_werden_Teil_1_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261003_Fuer_uns_ist_es_besser_ueberhaupt_keine_Beziehungen_zum_Westen_zu_haben_als_Chinas_Gegner_zu_werden_Teil_1_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261003_Fuer_uns_ist_es_besser_ueberhaupt_keine_Beziehungen_zum_Westen_zu_haben_als_Chinas_Gegner_zu_werden_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=157023-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261003_Fuer_uns_ist_es_besser_ueberhaupt_keine_Beziehungen_zum_Westen_zu_haben_als_Chinas_Gegner_zu_werden_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"261003_Fuer_uns_ist_es_besser_ueberhaupt_keine_Beziehungen_zum_Westen_zu_haben_als_Chinas_Gegner_zu_werden_Teil_1_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Herr Kaschin, lange Zeit basierten die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland auf enger industrieller und energetischer Verflechtung. In Berlin gilt dieser Br&uuml;ckenbau heute als unwiederbringlich zerst&ouml;rt, w&auml;hrend Russland als permanente Bedrohung eingestuft wird. Wie blickt die russische Au&szlig;enpolitik- und Akademikerelite auf diesen historischen Bruch?<\/strong><\/p><p><strong>Wassilij Kaschin:<\/strong> Wir haben es mit dem Ende des alten politisch-&ouml;konomischen Modells zu tun, das sowohl in Russland als auch in Europa, vor allem in Deutschland, existierte. Dieser Prozess hat eine lange Geschichte und ist teilweise mit politischen und ideologischen Ver&auml;nderungen verbunden, teils aber auch mit Ver&auml;nderungen in der Wirtschaftsgeographie und der Wirtschaft der beiden L&auml;nder. Vor allem ist und bleibt Russland aufgrund der vorhandenen Produktionsfaktoren haupts&auml;chlich ein Exporteur von Rohprodukten.<\/p><p>Und Rohprodukte werden in der Regel dort konsumiert, wo es eine starke verarbeitende Industrie gibt, vor allem energie- und materialintensive Branchen. Genau diese Industriezweige in Europa begannen irgendwo ab den 1990er-Jahren zu verfallen. Dieser Niedergang hat sich jetzt besonders versch&auml;rft. Wir erleben seit Ende der 1990er-Jahre einen praktisch kontinuierlichen Prozess des Wachstums der russischen Exporte nach Asien und des russischen Handels mit Asien (vor allem mit China) sowie einen R&uuml;ckgang des Anteils des russischen Handels mit Europa insgesamt. Nat&uuml;rlich h&auml;tte dieser Prozess bei einer g&uuml;nstigeren Situation im politischen Bereich und im Sicherheitsbereich viel langsamer ablaufen und vielleicht irgendwann zum Stillstand kommen k&ouml;nnen. Aber das ist nicht passiert.<\/p><p>Der zweite Punkt ist, dass das Modell der Beziehungen, das wir hatten, f&uuml;r Russland eigentlich nicht sehr vorteilhaft war. Russland hat nach Europa und vor allem nach Deutschland stets mehr Waren exportiert als importiert, und die verbleibenden Mittel hat Russland wiederum in Europa investiert. Russland erwartete, dass ein solches Beziehungsmodell es ihm erm&ouml;glichen w&uuml;rde, Aufgaben im Zusammenhang mit einer tieferen wirtschaftlichen und industriellen Integration zu l&ouml;sen. Als Beispiele f&uuml;r das Handeln Russlands in diese Richtung lassen sich der Versuch nennen, ein gro&szlig;es Aktienpaket des europ&auml;ischen Luftfahrtkonzerns EADS zu kaufen, sowie der Versuch der russischen staatlichen Sberbank, das deutsche Automobilunternehmen Opel zu kaufen, als dieses bankrott ging. In beiden F&auml;llen wurde Russland aus politischen Motiven eine Absage erteilt.<\/p><p>Keinerlei Versuche, eine tiefere Integration, gegenseitige Abh&auml;ngigkeit und Technologietransfers zu erreichen, waren erfolgreich, w&auml;hrend beispielsweise China in dieser Zeit in Europa problemlos jegliche Verm&ouml;genswerte kaufte, auch solche im Bereich der Hochtechnologie. In einigen F&auml;llen kauften die Chinesen sogar problemlos Verm&ouml;genswerte im Bereich der Dual-Use-Technologien, und dies geschah unter anderem in L&auml;ndern wie Deutschland und &Ouml;sterreich. Nat&uuml;rlich f&uuml;hrte das zu einer Entt&auml;uschung &uuml;ber die Zusammenarbeit. Und da sich neben diesen grundlegenden wirtschaftlichen Gr&uuml;nden auch die Beziehungen im politischen Bereich nicht entwickelten, kann man sagen, dass der Bruch vorherbestimmt war. Ich w&uuml;rde vermuten, dass es ohne politische Widerspr&uuml;che einfach zu einer gewissen Entflechtung gekommen w&auml;re, die Zusammenarbeit aber bestehen geblieben w&auml;re. Da jedoch zudem eine feindselige Politik der Europ&auml;ischen Union gegen&uuml;ber Russland stattfand, erfolgte der Bruch sehr abrupt. Nat&uuml;rlich werden die Beziehungen in absehbarer Zeit nicht zu dem Zustand zur&uuml;ckkehren, in dem sie sich in den 1990er- und 2000er-Jahren befanden, und h&ouml;chstwahrscheinlich werden sie das auch nie wieder tun.<\/p><p>Dieser Prozess zieht sich seit Ende der 1990er hin, hat aber vor etwa 10 bis 15 Jahren einen sehr deutlichen und scharfen Charakter angenommen. Hier gibt es auch fundamentale Faktoren, die mit der Struktur der Wirtschaft zusammenh&auml;ngen. Ich denke, dass solche Prozesse in der europ&auml;ischen Wirtschaft wie der R&uuml;ckgang der Industrie (den wir insbesondere in Deutschland beobachten) sowie die sehr aktive Politik zur F&ouml;rderung der &bdquo;gr&uuml;nen&ldquo; Agenda und die Senkung des Verbrauchs aller Arten von Energie und Materialien von sich aus die Voraussetzungen f&uuml;r unsere enge Kooperation beseitigen. Wir verkaufen Energie, Metalle, Landwirtschaftsprodukte. Keiner dieser M&auml;rkte w&auml;chst in Europa, sie alle schrumpfen. Daher h&auml;tten sich die Perspektiven f&uuml;r unsere Beziehungen ohnehin verschlechtert. F&uuml;r jedes Land, das Rohstoffe exportiert, unabh&auml;ngig von seiner politischen Ausrichtung, liegen die Hauptm&auml;rkte in Asien. Das gilt f&uuml;r Australien genauso wie f&uuml;r Russland.<\/p><p><strong>Aus russischer Sicht betreibt Deutschland eine historische Militarisierung, stationiert US-Waffen und strebt die F&uuml;hrung in der europ&auml;ischen Verteidigung an. Wie wird dieser Kurs in Moskau bewertet?<\/strong><\/p><p>Es ist v&ouml;llig klar, dass die Europ&auml;ische Union bestrebt ist, das Argument der &bdquo;russischen Bedrohung&ldquo; f&uuml;r eine interne Transformation zu nutzen. Dar&uuml;ber hinaus wird es aktiv zur Rechtfertigung verschiedener innenpolitischer Ma&szlig;nahmen eingesetzt. Insbesondere nutzt die regierende Elite in Deutschland dieses Argument aktiv zur Rechtfertigung ihrer Politik gegen&uuml;ber der rechten Opposition &ndash; der Partei &bdquo;Alternative f&uuml;r Deutschland&ldquo;. Die Realit&auml;t ist, dass Russlands M&ouml;glichkeiten, die deutsche oder europ&auml;ische Innenpolitik zu beeinflussen, sehr gering sind, aber es ist nat&uuml;rlich immer sehr vorteilhaft, eine &auml;u&szlig;ere Bedrohung zu &uuml;bertreiben, da dies die innenpolitischen Spielr&auml;ume erheblich erweitert.<\/p><p>Die Europ&auml;ische Union hat jahrelang versucht, zu einer gemeinsamen Politik im milit&auml;rischen und r&uuml;stungsindustriellen Bereich &uuml;berzugehen. Dies begann lange vor der Ukraine-Krise, aber der Europ&auml;ischen Union ist es nie gelungen, diesbez&uuml;glich nennenswerte Fortschritte zu erzielen, da nationale Regierungen nicht bereit sind, Kompetenzen und Souver&auml;nit&auml;tselemente abzugeben. Nach wie vor ist dies eine schwierige Aufgabe, aber wir sehen, dass die Europ&auml;ische Union vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine dennoch einige bedeutsame Schritte in diese Richtung unternommen hat &ndash; mehr als zuvor, wenn auch nach wie vor unzureichend. Die Probleme sind gro&szlig;. Ein Beispiel f&uuml;r diese Probleme ist der vor einigen Monaten erfolgte Zerfall der deutsch-franz&ouml;sischen Partnerschaft beim Projekt eines Kampfflugzeugs der n&auml;chsten Generation, woraufhin Deutschland begann, einen neuen Partner nicht in Europa, sondern in Japan zu suchen.<\/p><p>Aber nat&uuml;rlich beobachten wir die milit&auml;rische Transformation der Europ&auml;ischen Union sehr genau. Es ist verst&auml;ndlich, dass Deutschland versucht, diesen Prozess anzuf&uuml;hren, und seine Milit&auml;rausgaben drastisch erh&ouml;hen wird, was wir in unserer Milit&auml;rplanung ber&uuml;cksichtigen. Die gr&ouml;&szlig;te Besorgnis erregen jene Aspekte der deutschen Aufr&uuml;stung, die die strategische Stabilit&auml;t beeintr&auml;chtigen k&ouml;nnen &ndash; zum Beispiel Pl&auml;ne zur Produktion und Beschaffung von Mittelstreckenraketen, insbesondere von US-Marschflugk&ouml;rpern, sowie die Stationierung US-amerikanischer Raketen. Auf diese Ma&szlig;nahmen wird Russland reagieren und seine eigenen R&uuml;stungsg&uuml;ter aufstocken.<\/p><p>Vermutlich w&auml;re es zu einem gewissen Zeitpunkt sinnvoll gewesen, Ma&szlig;nahmen zur Gew&auml;hrleistung von Sicherheit und Stabilit&auml;t in Europa zu er&ouml;rtern, damit wir &ndash; &auml;hnlich wie im Kalten Krieg &ndash;, obwohl wir feindselige Beziehungen haben und in eine milit&auml;rische Rivalit&auml;t verwickelt sind, gleichzeitig nicht die Grenze &uuml;berschreiten, die zu einem direkten Zusammensto&szlig; f&uuml;hrt. Unser gemeinsames Interesse besteht nach wie vor darin, trotz &auml;u&szlig;erst feindseliger politischer Beziehungen einen direkten milit&auml;rischen Zusammensto&szlig; in Europa zu verhindern.<\/p><p>Uns stehen lange Konfrontationsbeziehungen bevor, ein neuer Kalter Krieg. Deutschland baut seine Streitkr&auml;fte aus und erkl&auml;rt, sie richten sich gegen Russland. Entsprechend wird Russland seine Streitkr&auml;fte gegen Deutschland aufbauen, und wir werden einander als potenzielle Gegner betrachten. Das Milit&auml;r wird entsprechende Planungen durchf&uuml;hren, Man&ouml;ver abhalten und neue Waffenarten entwickeln. Genau das sind jedoch die Bedingungen, unter denen Europa von 1945 bis 1990 gelebt hat. Man muss sagen, dass diese Periode gezeigt hat, dass man unter solchen Bedingungen lange, recht ruhig und recht gut leben kann. Wenn man sich an die Epoche der 1960er- und 1970er-Jahre erinnert, war dies f&uuml;r Europa eine Zeit des Wohlstands, an die man mit Nostalgie zur&uuml;ckdenkt; vom allgemeinen Gef&uuml;hl her war sie viel besser als die heutige Zeit.<\/p><p>Deshalb m&uuml;ssen wir dies einfach als Unvermeidbarkeit akzeptieren und lernen, damit zu leben. Aber es darf keine Illusionen geben: Wir m&uuml;ssen verstehen, dass wir sehr lange Zeit st&auml;ndig am Rande des Krieges leben werden, und wir m&uuml;ssen uns schlicht daran anpassen. Wir werden feindselige Absichten gegeneinander hegen, und es darf keine Illusionen geben, dass sich dies &auml;ndern k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Im Westen wird das Verh&auml;ltnis zwischen Moskau und Peking oft als monolithischer Block gezeichnet. Wo verl&auml;uft heute die Grenze zwischen einer pragmatischen Zweckpartnerschaft und einer wachsenden asymmetrischen Abh&auml;ngigkeit Russlands von Chinas Wirtschaft? Ist das stockende Projekt &bdquo;Kraft Sibiriens 2&ldquo; ein Symptom struktureller Unterordnung oder schlicht chinesischer Vorsicht?<\/strong><\/p><p>China ist die gr&ouml;&szlig;te Wirtschaft der Welt. Gemessen an der Kaufkraft sind sie in realer Hinsicht die gr&ouml;&szlig;te Wirtschaft der Welt, ihre Industrie ist gr&ouml;&szlig;er als die der USA, Japans und Deutschlands zusammen. Daher sind jegliche wirtschaftlichen Beziehungen mit China nat&uuml;rlich asymmetrische Beziehungen. Bedeutet dies, dass wir in irgendeine politische Abh&auml;ngigkeit geraten sind? Nein, das ist nicht der Fall, denn wir wickeln die gesamte Zusammenarbeit mit China auf kommerzieller Basis ab. Wir erhalten keine Hilfe und keine Kredite, wir fordern keine Zugest&auml;ndnisse und wir sind nicht von China abh&auml;ngig, um unsere Sicherheit zu gew&auml;hrleisten.<\/p><p>Freilich gibt es einen sehr breiten Kreis von Fragen zur Weltordnung, bei denen unsere Position und die Chinas nahezu identisch sind. Gleichzeitig haben wir auf h&ouml;chster Ebene &ndash; sowohl von russischer als auch von chinesischer Seite &ndash; viele Male erkl&auml;rt, dass diese Beziehungen kein B&uuml;ndnis sind und niemals ein B&uuml;ndnis sein werden. Jedes Land hat seine eigene Position zu Fragen der Asienpolitik: Wir unterst&uuml;tzen beispielsweise China nicht in dessen territorialen Konflikten mit anderen asiatischen L&auml;ndern (wie Indien, Vietnam, Japan), aber auch China unterst&uuml;tzt Russland nicht in dessen Konflikten in Europa.<\/p><p>Alle Entscheidungen &uuml;ber Wirtschaftsprojekte &ndash; wie &bdquo;Kraft Sibiriens 2&ldquo;, das jetzt in &bdquo;Kraft des Baikalsees&ldquo; umbenannt wurde &ndash; werden ausschlie&szlig;lich auf der Grundlage der Wirtschaftlichkeit getroffen. Soweit ich wei&szlig;, gibt es in China gewisse politische Hindernisse im Zusammenhang mit der Umsetzung dieses Projekts. Diese begr&uuml;nden sich dadurch, dass es in China ziemlich strenge Regeln hinsichtlich des Abh&auml;ngigkeitsgrades bei Lieferungen wichtiger Rohstoffe aus einer einzigen Quelle gibt (in einigen F&auml;llen existierten diese Regeln meines Wissens nach seit den 1990er-Jahren oder fr&uuml;her). Sie haben diese Regeln in den letzten Jahren in Bezug auf &Ouml;llieferungen aus Russland teilweise verletzt, weil es f&uuml;r sie vorteilhaft war, aber gleichzeitig bem&uuml;hen sie sich, sie einzuhalten.<\/p><p>Ich denke, sie sind im Moment tats&auml;chlich noch nicht bereit, mit diesem Projekt voranzukommen, aber das ist ihre eigene wirtschaftliche Logik, bei ihnen l&auml;uft eine eigene Diskussion, und das ist v&ouml;llig normal. Wir k&ouml;nnen so lange warten, wie es n&ouml;tig ist. M&ouml;glicherweise wird dieses Projekt niemals realisiert, m&ouml;glicherweise wird es recht bald realisiert &ndash; den tats&auml;chlichen Stand der Dinge kennt nur ein sehr kleiner Kreis von Menschen. Aber selbst wenn es niemals realisiert werden sollte, wird dies die russisch-chinesischen Beziehungen nicht grundlegend ver&auml;ndern. Sie haben ihre Grenzen, aber es sind f&uuml;r uns sehr wichtige Beziehungen. Gegenw&auml;rtig entspricht Chinas Anteil an unserem Handel in etwa dem, den die Europ&auml;ische Union vor rund zehn Jahren hatte. Es ist also ein wichtiger Partner, aber gleichzeitig suchen wir sehr aktiv nach anderen M&auml;rkten, so wie auch die Chinesen darauf achten, bei wichtigen Lieferungen nicht nur von uns abh&auml;ngig zu sein.<\/p><p><strong>In westlichen Strategiekreisen h&auml;lt sich hartn&auml;ckig die Idee, Russland als &bdquo;Bremse gegen China&ldquo; zu instrumentalisieren &ndash; so forderte etwa der damalige deutsche Vizeadmiral Kay-Achim Sch&ouml;nbach offen die Zusammenarbeit mit Moskau, um Peking in Schach zu halten. Wie bewerten Sie diese These, und halten Sie es f&uuml;r ausgeschlossen, dass Russland jemals wieder eine solche Pufferrolle einnimmt?<\/strong><\/p><p>Das ist v&ouml;llig unm&ouml;glich, und darauf wird sich Russland niemals einlassen. Dies liegt daran, dass Russland und China eine der l&auml;ngsten Landgrenzen der Welt haben und jede Situation, in der wir beginnen, einander als Bedrohung wahrzunehmen, katastrophale Folgen sowohl f&uuml;r die Wirtschaft als auch f&uuml;r die Sicherheit haben w&uuml;rde. W&auml;hrend des Kalten Krieges, nach der Verschlechterung der sowjetisch-chinesischen Beziehungen, gaben beide L&auml;nder enorme Mittel f&uuml;r den Aufbau eines Verteidigungssystems an vielen Tausend Kilometern Grenze aus. Tats&auml;chlich war die milit&auml;rische Last, die auf der Sowjetunion lastete, in sehr hohem Ma&szlig;e nicht durch irgendwelche amerikanischen Erfindungen bedingt, auf die die Amerikaner so stolz sind (wie &bdquo;Star Wars&ldquo;), sondern eben durch die Notwendigkeit, ein Verteidigungssystem an der Grenze zu China aufzubauen, die durch unwegsames Gel&auml;nde verl&auml;uft und eine enorme L&auml;nge hat. Die Sowjetunion war gezwungen, dort eine riesige Landarmee zu stationieren und zu versorgen, und dasselbe mussten die Chinesen tun.<\/p><p>Ich bin der Ansicht, dass sowohl Russland als auch China aus dieser katastrophalen Erfahrung gelernt haben, als sich die beiden L&auml;nder fast ruiniert haben. Folglich werden wir niemals irgendwelche Schritte unternehmen, die sich gegen China richten. Wir werden alles erf&uuml;llen, was in unserem Vertrag mit China aus dem Jahr 2001 steht, wonach wir uns an keinen B&uuml;ndnissen beteiligen d&uuml;rfen, die gegeneinander gerichtet sind, von unserem Territorium aus keine Aktivit&auml;ten erlauben d&uuml;rfen, die gegeneinander gerichtet sind, oder uns an irgendeinem Druck aufeinander beteiligen d&uuml;rfen. F&uuml;r uns ist es besser, &uuml;berhaupt keine Beziehungen zum Westen zu haben, als Chinas Gegner zu werden, da keines der westlichen L&auml;nder eine direkte Grenze zu China hat, wir diese Grenze aber haben.<\/p><p><strong>Washington bekundet immer wieder die Absicht, Russland und China mit einem &bdquo;umgekehrten Nixon-Man&ouml;ver&ldquo; auseinanderzubringen. Halten Sie dieses Kalk&uuml;l f&uuml;r realistisch, und wie blickt Moskau auf solche US-Versuche?<\/strong><\/p><p>Die &Uuml;berlegungen &uuml;ber den &bdquo;umgekehrten Nixon&ldquo; und dar&uuml;ber, dass Nixon angeblich die Sowjetunion und China &bdquo;auseinandergebracht&ldquo; habe, zeugen von v&ouml;lliger Geschichtsunkenntnis derjenigen, die so etwas &auml;u&szlig;ern. Zu dem Zeitpunkt, als Pr&auml;sident Nixon begann, die Beziehungen zwischen den USA und China zu entwickeln, waren die sowjetisch-chinesischen Beziehungen bereits seit zehn Jahren praktisch abgebrochen (der Zerfall der Zusammenarbeit fand 1959 bis 1960 statt). Die Normalisierung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen wurde im Zuge einer Reihe von Kontakten in den Jahren 1969 bis 1971 eingeleitet, und zu dem Zeitpunkt, als sie stattfand, war China de facto bereits ein Jahrzehnt lang der Gegner der Sowjetunion gewesen, die L&auml;nder hatten sogar kleinere bewaffnete Zusammenst&ouml;&szlig;e. Daher sind das v&ouml;llig unvergleichbare Situationen.<\/p><p>Russland ist daran interessiert, konstruktive und freundschaftliche Beziehungen zu China aufrechtzuerhalten, denn das ist eine Frage seines physischen &Uuml;berlebens. Genauso sind auch die Chinesen daran interessiert, konstruktive und freundschaftliche Beziehungen zu Russland aufrechtzuerhalten. Wenn wir zu gegenseitigen Feinden werden, wird keines der beiden L&auml;nder Erfolg haben, und wir k&ouml;nnen uns gegenseitig vernichten. Deshalb werden wir das niemals tun. &Auml;ndern kann sich lediglich die Tiefe unserer Zusammenarbeit in milit&auml;risch-politischen Fragen &ndash; das hei&szlig;t, wir k&ouml;nnen in verschiedenen Regionen der Welt aktiver gemeinsam agieren oder uns einfach auf normale zwischenstaatliche Beziehungen beschr&auml;nken. Die Tiefe der Zusammenarbeit h&auml;ngt stark vom Zustand der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen sowie zwischen China und dem Westen ab. Aber die Beziehungen werden stets freundschaftlich und konstruktiv sein.<\/p><p><strong>Herr Kaschin, vielen Dank f&uuml;r diesen hochinteressanten Einblick in die russische Perspektive.<\/strong><\/p><p><em><strong>Wassilij Kaschin<\/strong> ist Direktor am Zentrum f&uuml;r umfassende europ&auml;ische und internationale Studien (CCEIW) der Nationalen Forschungsuniversit&auml;t &bdquo;HSE&ldquo; in Moskau. Zudem ist er leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum f&uuml;r China-Studien und Regionalprojekte des MGIMO sowie Dozent am Lehrstuhl f&uuml;r internationale Sicherheit der Fakult&auml;t f&uuml;r Weltpolitik an der Moskauer Lomonossow-Staatsuniversit&auml;t (MSU) und Kandidat der Politikwissenschaften. Er ist Mitglied des Rates f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik (SVOP).<\/em><\/p><p><em>Ausblick auf Teil 2: Im <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157029\">zweiten Teil des Gespr&auml;chs<\/a> weitet &Eacute;va P&eacute;li den Blick auf die makrogeopolitische Ebene. Wassilij Kaschin analysiert Chinas strategische Zur&uuml;ckhaltung, er&ouml;rtert die Risiken einer maritimen und nuklearen Eskalationsspirale und gibt Einblicke in konkrete diplomatische Verhandlungsstr&auml;nge zur Ukraine.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: &copy; Tilo Gr&auml;ser<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/34f8c65bc4c341fd998650bcac8d5831\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen einer Moskau-Reise sprach <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> mit zahlreichen f&uuml;hrenden Politologen, Diplomaten und geopolitischen Analytikern &uuml;ber die fundamentale Neuordnung der Weltpolitik. 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