{"id":157118,"date":"2026-10-05T10:00:58","date_gmt":"2026-10-05T08:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157118"},"modified":"2026-10-05T11:15:28","modified_gmt":"2026-10-05T09:15:28","slug":"nach-der-friedensdemo-in-stuttgart-ein-impuls-nicht-nur-fuer-die-jugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157118","title":{"rendered":"Nach der Friedensdemo in Stuttgart: ein Impuls (nicht nur) f\u00fcr die Jugend"},"content":{"rendered":"<p>Eine Friedensdemo, auf der Teilnehmer gegen eine Rednerin derselben Friedensdemo vorgehen &ndash; kafkaesker geht es kaum. Genau das hat unsere Leserin <strong>Andrea Wolf-Schuler<\/strong> am 3. Oktober in Stuttgart erlebt: W&auml;hrend Sevim Da&#287;delen sprach, &uuml;berwand ein junger Mann die Absperrung zur B&uuml;hne. Junge Demonstranten erkl&auml;rten ihr danach, das BSW bestehe aus &bdquo;Rassisten&ldquo;, mit denen man nicht redet. Ihr Text ist trotzdem keine Abrechnung. Er ist ein warmherziger Appell an die Jugend, Schubladen und Gruppendenken hinter sich zu lassen.<br>\n<!--more--><br>\nJa, ich war am 3. Oktober auf der gro&szlig;en Friedensdemonstration in Stuttgart. Die ersten Eindr&uuml;cke: &uuml;berall Menschen. Mal wieder kaum meine Generation, die der Eltern schulpflichtiger Kinder und Jugendlicher. Eher die der &ldquo;Omas und Opas&rdquo;. Individuelle Plakate, handbeschrieben. Individuelle Fahnen und Transparente zwischen jenen von Parteien und Organisationen. Ein selbstgen&auml;htes gro&szlig;es Tuch mit den Worten: &ldquo;We want Peace, not war&rdquo;. Es war freudig, friedlich, ein gro&szlig;es Miteinander. Infost&auml;nde, Austausch, Offenheit.<\/p><p>Und dann &hellip; Ich kann mich nicht an den genauen Wortlaut erinnern, gebe hier nur das wieder, was mir verhaftet geblieben ist &ndash; das mag, wie es die Natur der Dinge ist, durch meine eigene &bdquo;Brille&ldquo; gef&auml;rbt sein.<\/p><p>Die Abschlusskundgebung. Sevim Dagedelen spricht. Ich unterhalte mich mit meiner Tochter, schaue nicht zur B&uuml;hne, h&ouml;re nur zu. Pl&ouml;tzlich Tumult. Ich schaue auf die Leinwand, denn wir stehen relativ weit hinten: Entsetzensschreie. Polizisten werfen sich auf jemanden, die Person liegt am Boden. Die Menschen um mich sind geschockt, wie erstarrt. Man h&ouml;rt: da vorne ist Unruhe. Die Veranstaltungsleitung redet auf die Menschen direkt vor der B&uuml;hne ein, richtet sich an &bdquo;junge Menschen&ldquo;: sie sollen sich beruhigen. Keine Gewalt, keine Provokation. Man h&ouml;rt den Schock, den Stress, die Anspannung, die Dringlichkeit. Bilder tauchen in mir auf, von den Berlin-Demos zur C-Zeit, von Eskalation und Provokation und Gewalt gegen Demonstranten. Ich denke: man muss jetzt unbedingt deeskalieren, aktiv, nicht geschockt passiv bleiben. Ich gehe nach vorne. Und wirklich, da ist eine gr&ouml;&szlig;ere Gruppe von jungen Leuten. Ich spreche eine junge Frau an, sie hat eine eingerollte Fahne in der Hand: Was ist da los? Offensichtlich hat ein junger Mann die Absperrung zur B&uuml;hne &uuml;berwunden um&hellip; ja was genau? Sie sagt, na ja, man d&uuml;rfe eben nicht zulassen, dass Sevim Dagdelen hier redet, weil: Die ist ja vom BSW. Und das sind Rassisten.<\/p><p>Ich bin fassungslos und muss nachfragen, wie sie denn zu dieser Aussage kommt. Sie antwortet: Na, wegen Sachsen, die machten sich mit der AFD gemeinsam. Also sind &bdquo;die vom BSW&ldquo; Rassisten und die d&uuml;rfen auf einer Friedensdemo keinen Raum bekommen! Ich werde immer entsetzter und werfe ein, dass dieses Zurordnen und dieser Feindbildaufbau doch genau das ist, was Kriegen zugrunde liegt; das, was Frieden verhindert! Dann kommt eine &auml;ltere Frau hinzu: Gegen diese Polizeigewalt m&uuml;sse man sich wehren! (Sie h&auml;tten den Jungen Mann bei seinem Angreifen also gew&auml;hren lassen sollen &hellip;).<\/p><p>Erst sp&auml;ter, als noch w&auml;hrend der laufenden Abschlusskundgebung eine Gruppe junger Leute an mir vor&uuml;bergeht, lachend, schwarz gekleidet, auf den T-Shirts Aufdrucke der Antifa, f&auml;llt mir auf, dass auch sie ganz in Schwarz gekleidet war. Und ich denke an die &bdquo;Gegendemos&ldquo; der Antifa zur C-Zeit, mit ihren damals f&uuml;r mich sehr be&auml;ngstigenden und schockierenden Parolen, ganz auf Regierungslinie, und ihrem einheitlichen, uniformierten Erscheinungsbild: schwarz gekleidet, maximal maskiert: ein Block, der uniform auftritt und nicht als eine Gruppe von unterscheidbaren Individuen mit eigener Verantwortung. Die jene Menschen, die an Ihnen vor&uuml;bergingen, als Verschw&ouml;rungstheoretiker, Nazis bezeichnet und bedroht haben, und zu keinem konstruktiven Gespr&auml;ch zu bewegen waren. Und ich erinnere mich, was ich vorher von jungen Leuten geh&ouml;rt habe: Nein, man geht nicht in der N&auml;he der Fahnen des BSW. Auch nicht in der N&auml;he der Fahnen von Pax Christi. Das eine sind Rassisten, das andere die Kirche, und gegen beides positioniert man sich. Da ist der Feind? Ich habe vorher nur den Kopf gesch&uuml;ttelt, und jetzt: Jetzt erlebe ich, was dieses &bdquo;Mindset&ldquo; bewirkt, dass es real zu t&auml;tlichen Handlungen f&uuml;hrt. Im Klartext: zu Gewalt. Es ist so bizarr.<\/p><p>Ich will es verstehen, also suche ich das Gespr&auml;ch. Was sehen diese jungen Menschen, die Generation meiner eigenen Tochter, als L&ouml;sung? Die Zugeh&ouml;rigkeit zur &bdquo;richtigen&ldquo; Partei, zum Partei-Sozialismus. Genau zu jenem, der sich, wie ich dachte, durch die Geschiche entpuppt hat als: &bdquo;auch nicht die optimale L&ouml;sung in der Praxis&ldquo; und auch klar nicht als &bdquo;Hort der Wahrheit&ldquo;. Und der Feind? Zuvorderst AfD und BSW?! Also unisono und geschlossen und undifferenziert. Mit denen darf man nicht reden, geschweige denn zuh&ouml;ren. Dann bietet man &bdquo;denen&ldquo; eine Plattorm, macht sich quasi &bdquo;mitschuldig&ldquo;. Kontaktschuld. Die m&uuml;ssen verboten werden, also zumindest mal die AfD. Die &bdquo;richtige&ldquo; Partei, also die &bdquo;Guten&ldquo;, die bauen an dieser Brandmauer gegen beide Parteien mit, weil es ja Rassisten seien, klar, und stellen das auch niemals infrage. Auch da kommen Assoziationen bei mir hoch, zu &bdquo;das darf niemals hinterfragt werden&ldquo; &hellip;<\/p><p>Warum um alles in der Welt meinen junge Menschen, sich in einer Partei einordnen zu m&uuml;ssen und dann ohne Hinterfragen deren propagierte &bdquo;Narrative&ldquo; &uuml;bernehmen zu d&uuml;rfen? Und f&uuml;hrt das Erleben solcher Widerspr&uuml;chlichkeit wie gerade, dieses kafkaesken Moments, wenn eine Rednerin auf einer Friedensdemo von Teilnehmern der Friedensdemo angegriffen wird, weil sie zu den Falschen geh&ouml;rt, f&uuml;hrt dieses Erleben zu einer Dissonanz, zu einer Kritik am Gruppendenken?<\/p><p>Ich m&ouml;chte mich an die Jugend wenden. Nicht anklagend oder belehrend, sondern um einen Impuls in den Raum zu geben und um konstruktiv eine andere Vision aufzuzeigen.<\/p><p>Tappt bitte nicht in diese ollen Fallen hinein! Lasst Gruppendenken, Schwarz-Wei&szlig;-Zuschreibungen und diese ganzen spaltenden Psychospielchen hinter euch! Das sich und andere in Schubladen Einordnen und einander mit einem Label Versehen. Was folgt dann? Einander bek&auml;mpfende Gruppen, wo feste Meinungsbl&ouml;cke einander gegen&uuml;berstehen. Und &uuml;brigens: Wer bestimmt die Gruppenmeinunug, wer ordnet ein, wer &bdquo;herrscht&ldquo;? Ja, das andere ist anstrengend, das hier ist bequemer. Es erm&ouml;glicht, dass ich mich aufwerte: Weil ich zu den &bdquo;Guten&ldquo; geh&ouml;re. Nicht zu den anderen, der Gruppe (von Menschen!), die ich gleichzeitig mir gegen&uuml;ber abwerte. &bdquo;Wir&ldquo; sind richtig und gut (kl&uuml;ger, besser, verantwortungsvoller, solidarischer &hellip;); &bdquo;die&ldquo; sind falsch und schlecht (dumm, sch&auml;dlich, gef&auml;hrlich, gef&auml;hrdend &hellip;). Um daraus abzuleiten, dass &bdquo;wir&ldquo; mit &bdquo;denen&ldquo; nicht sprechen d&uuml;rfen, nicht einander zuh&ouml;ren. Das zu untersagen, wodurch wir unsere bisherigen &Uuml;berzeugungen erst hinterfragen k&ouml;nnen und Impulse aufnehmen, um uns zu bewegen und zu wachsen. These, Antithese, Synthese: erst die Konfrontation von unterschiedlichen Standpunkten, Modellen erm&ouml;glicht die Weiterentwicklung. Das, was unser ureigenes menschliches Potential ausmacht. Voneinander zu lernen und miteinander um eine bessere L&ouml;sung F&Uuml;R ALLE zu ringen.<\/p><p>Ihr seid die Zukunft,ihr habt die M&ouml;glichkeit, die Zukunft anders zu gestalten als die Generationen vor euch: aus deren Fehlern zu lernen. Eine wahrhaft heile, friedliche Welt zu erschaffen.<\/p><p>Ja, ich bin der festen &Uuml;berzeugung und habe das sichere Gef&uuml;hl, dass etwas Anderes vonn&ouml;ten ist, um aus der Gewaltspirale des Gegeneinanders, das den Krieg erm&ouml;glicht und n&auml;hrt, herauszukommen.<\/p><p>Was, wenn &hellip; es also nicht um das Label geht, das ich mir und Dir verpasse, nicht um die Maske? Also NICHT um: AfD-W&auml;hler, Linke-Jugend, CDUler, Briefmarkensammler, Bundeswehrsoldat, Krankenschwester, Pastoralreferentin &hellip; Nein, wenn es um den einzelnen Menschen an sich geht. Was, wenn wir einander mit echter Offenheit und Toleranz in gegenseitigem Respekt als Individuen wertsch&auml;tzend begegnen? Um einander zuzuh&ouml;ren, der Mensch dem Menschen, um zu erfahren, was denkt der Andere? Was ist seine Sicht auf das Thema, auf die Welt, was sind seine Erlebnisse, Pr&auml;gungen, &Auml;ngste, Bed&uuml;rfnisse, L&ouml;sungen, Vorstellungen? Was ist sein individueller Blickwinkel und was kann ich daraus mitnehmen, wenn ich es wage, neben meine festgefahrene Meinung zu treten und offen zu sein f&uuml;r den Anderen, seine Sicht auf die Welt, seine Vision? Wie k&ouml;nnen wir ein konkretes Problem gemeinsam angehen und l&ouml;sen?<\/p><p>Wo f&auml;ngt es an? Das ist ja der Witz: nicht in einer Gruppe, sondern bei MIR SELBST.<\/p><p>Da ist meine Vision von einer Menschheit, wo der EINZELNE f&uuml;r sich selbst Verantwortung &uuml;bernimmt. Und da ist es so, wie der Kalenderspruch es besagt: wie im Innen, so im Au&szlig;en, wie im Kleinen, so im Gro&szlig;en. Ich muss beim MIR SELBST anfangen, in meinem Inneren. Das bedeutet auch: nicht allein dem Verstand, mit seinem sprachbasierten Datenwissen, die Entscheidungshoheit zu &uuml;berlassen, sondern auch die andere Ebene zuzulassen: Gef&uuml;hl, Intuition, Herzensweisheit. Um aus dem Herzen heraus wahrzunehmen und gemeinsam mit dem Blickwinkel des Verstandes, ganzheitlich also, zu entscheiden und zu handeln. Diesen inneren Krieg, diese innere Einseitigkeit, zu beenden, in sich selbst zwischen den verschiedenen Institutionen Frieden zu schaffen und ein Miteinander zu leben, in innerer Offenheit, Vollst&auml;ndigkeit, Ganzheit. Als souver&auml;ner Mensch mit seiner eigenen Wahrnehmung und Verantwortung f&uuml;r und gegen&uuml;ber sich selbst.<\/p><p>Um dies dann auch im Au&szlig;en umzusetzen, in der Begegnung mit unseren Mitmenschen. Dann z&auml;hlt nicht mehr das Label, deine Maske, sondern DEIN SEIN, dein konkretes Agieren.<\/p><p>Noch ein Gedanke: Ja, es gibt sie: Menschen, die Gewalt aktiv aus&uuml;ben, nicht nur passiv, als Mitt&auml;ter und Erm&ouml;glicher Gewalt guthei&szlig;en. Jene, die gegen andere Menschen psychische und physische Gewalt aus&uuml;ben. Gegen Kinder, M&auml;nner Frauen. Solche Menschen gibt es innerhalb aller Gruppen. Und die Grundlage ist immer: Da erhebt sich jemand &uuml;ber andere und legitimiert sein gewaltvolles Handeln gegen&uuml;ber jenen, die er als weniger wert einstuft, als irgendwie gerechtfertigt.<\/p><p>Wie leicht das ist und wie breit dieser Mechanismus die Menschen in Massen erfassen kann, das habe ich pers&ouml;nlich in den C-Jahren erlebt. Nicht vom H&ouml;rensagen, sondern direkt.<\/p><p>Ihr, die &bdquo;Jungen&ldquo;, wart damals Kinder.<\/p><p>Jetzt wachst ihr in eure eigene Verantwortlichkeit. Eure Entwicklung, vom noch abh&auml;ngigen Heranwachsenden zum selbstst&auml;ndigen Er-Wachsenen. Dazu geh&ouml;rt auch, sich von den &auml;lteren Generationen abzugrenzen, eigene Erfahrungen zu machen, sich auszuprobieren, eigene Fehler zu machen.<\/p><p>Das ist alles v&ouml;llig legitim. Eure eigene Wahrnehmung, eure eigene Sicht auf die Welt: Das sondern soll eine Bereicherung sein f&uuml;r die Welt, f&uuml;r die Zukunft, die IHR gestalten werdet.<\/p><p>Ich m&ouml;chte euch hier einen Impuls, meine Vision, mit auf den Weg geben. Denn so sind wir Menschen: Nur das, mit dem wir konfrontiert sind und mit dem wir uns auseinandersetzen, nur das erkennen wir als M&ouml;glichkeit. Darum ist es so wichtig, dem anderen zuzuh&ouml;ren, um aus unserer eigenen kleinen Welt herauszuwachsen und uns zu erweitern, unserern Horizont, unsere M&ouml;glichkeiten.<\/p><p>Weil wir eine Menschheitsfamilie sind, hat euer Wirken in der Welt auch Aus-Wirkung auf mich wie umgekehrt. In dieser Welt, wo jeder seine eigenen Erfahrungen, Pr&auml;gungen, &Auml;ngste, Bed&uuml;rfnisse, Gaben, F&auml;higkeiten, Blickwinkel &hellip; mitbringt. Und jede davon hat ihren Wert und ist eine Bereicherung f&uuml;r uns alle.<\/p><p>Lasst uns DAS miteinander leben. Probiert es doch einfach aus!<\/p><p><small>Titelbild: Screencap STN via YouTube<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Friedensdemo, auf der Teilnehmer gegen eine Rednerin derselben Friedensdemo vorgehen &ndash; kafkaesker geht es kaum. Genau das hat unsere Leserin <strong>Andrea Wolf-Schuler<\/strong> am 3. Oktober in Stuttgart erlebt: W&auml;hrend Sevim Da&#287;delen sprach, &uuml;berwand ein junger Mann die Absperrung zur B&uuml;hne. 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