{"id":15716,"date":"2013-01-07T09:08:20","date_gmt":"2013-01-07T08:08:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15716"},"modified":"2024-09-29T04:26:27","modified_gmt":"2024-09-29T02:26:27","slug":"interview-mit-prof-james-k-galbraith-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15716","title":{"rendered":"Interview mit Prof. James K. Galbraith &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>&ldquo;Es muss einen Wandel der Betrachtungsweise geben, und wenn dieser Wandel &ndash; das ist jetzt der wichtige Punkt &ndash; irgendeinen Einfluss auf die Situation Europas haben soll, dann muss er von Deutschland ausgehen. Davon sind die Deutschen weit entfernt, aber aus dieser Richtung muss der Wandel kommen. Denn der Rest Europas und die betroffenen Staaten k&ouml;nnen protestieren oder sogar Widerstand leisten, aber die &Auml;nderung des Diskussionsklimas und der Perspektive kann nicht von den schwachen L&auml;ndern ausgehen. Und ungl&uuml;cklicherweise gibt es auch keinen Hinweis darauf, dass sie aus Frankreich kommen wird.&ldquo; So hat es mir Prof. <strong>James K. Galbraith<\/strong> am 6. Dezember 2012 bei unserem Gespr&auml;ch am Rande des Kurswechsel-Kongresses der IG-Metall in Berlin erkl&auml;rt. Von <strong>Roger Strassburg<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nUnd er hat recht: Ein Wandel in der Krisenpolitik kann nur stattfinden, wenn er von Deutschland ausgeht. Dass sich die Begeisterung der Deutschen f&uuml;r einen Wandel in Richtung mehr Solidarit&auml;t mit den Krisenl&auml;nder in Grenzen h&auml;lt, ist nicht schwer nachzuvollziehen, denn sie sind mehrfach in den letzten Jahren zu Solidarit&auml;t aufgefordert worden. Das verstehen die Deutschen als Aufforderung, sie f&uuml;r die vermeintlichen oder teilweise auch tats&auml;chlichen &bdquo;S&uuml;nden&ldquo; anderer L&auml;nder zahlen zu lassen. Dann sehen sie im Fernsehen oder lesen sie in der Zeitung, wie sie unter anderem auch noch als &bdquo;Nazis&ldquo; beschimpft werden. Und Medien und Politik verst&auml;rken dieses Bild.<\/p><p><strong>Was meint James Galbraith dazu?<\/strong><\/p><p>&bdquo;In Deutschland sind sich die Menschen meines Erachtens nicht wirklich im Klaren dar&uuml;ber, was an ihren s&uuml;dlichen Grenzen vor sich geht. Und was der deutschen &Ouml;ffentlichkeit als Rettung von Griechenland oder Spanien pr&auml;sentiert wurde, ist nat&uuml;rlich in Wirklichkeit die Rettung der Banken, die nach Griechenland oder Spanien Geld verliehen haben. Ich w&uuml;rde nicht sagen, dass es &uuml;berhaupt keine Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die jeweiligen Volkswirtschaften ist, aber sie ist so gestaltet, dass es mit diesen Volkswirtschaften weiterhin bergab gehen wird. Letzten Endes ist es eine Art strafende Unterst&uuml;tzung. Und das Problem ist, dass die Institutionen, die die Infrastruktur einer entwickelten Wirtschaft darstellen, bis zu dem Punkt in Mitleidenschaft gezogen wurden, an dem sie nicht mehr funktionieren, oder dass sie jedenfalls in bestimmten F&auml;llen ernsthaft besch&auml;digt wurden&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;Was ich immer &uuml;ber die griechische Situation sage &ndash; und das betrifft nicht einmal nur Griechenland &ndash; ist folgendes: Diese Dynamik hat einen Endzustand, f&uuml;r den es ein Modell gibt. Und dieses Modell hei&szlig;t Jugoslawien. Eine Abw&auml;rtsspirale, die zu einer Explosion von Gewalt f&uuml;hrt. Und Gewalt ist etwas, das sehr pl&ouml;tzlich ins Spiel kommen kann, es geht dann sehr unsauber zu, und Gewalt kann auch provoziert werden. Sobald Sie Gruppierungen haben, die die Macht und den Einfluss von Gewalt verstehen, wird die Sache sehr schwer kontrollierbar.&ldquo;<\/p><p><strong>Was w&auml;re denn der richtige Weg?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Schulden, die nicht bezahlt werden k&ouml;nnen, werden nicht bezahlt. Je fr&uuml;her man die Last dieser Schulden aufhebt, desto besser. Als n&auml;chstes, es braucht in der gesamten Euro-Zone stabilisierende Institutionen von der gleichen Art, wie es sie schon lange innerhalb der nordeurop&auml;ischen L&auml;nder gibt. Eine europaweite Arbeitslosenversicherung w&auml;re eine gute Idee, denn sie l&auml;uft darauf hinaus, dass diejenigen, die am unmittelbarsten von der Krise betroffen sind, direkt unterst&uuml;tzt werden, unabh&auml;ngig davon, wo sie leben. Und da diese Menschen zu einem gro&szlig;en Teil in den verschuldeten Staaten leben, w&uuml;rde es helfen, die jeweiligen Volkswirtschaften zu stabilisieren. Es kommt die Frage auf, wer letztlich daf&uuml;r bezahlen wird. Auf diese Weise wird Kaufkraft erzeugt. Es werden Ressourcen absorbiert, vor allem die Arbeitskraft von Arbeitslosen, und so bewegt man sich von der unproduktiven auf die produktive Seite. So wird das bezahlt. Es wird bezahlt durch Arbeit, die ansonsten nicht geleistet werden w&uuml;rde. Leute, die bisher nicht besch&auml;ftigt waren, etwas Sinnvolles tun, tun etwas f&uuml;r andere, die nun genug Kaufkraft haben, um sich das leisten zu k&ouml;nnen. Ich habe einmal vorgeschlagen, in gleicher Weise mit den Renten zu verfahren, und ich w&uuml;rde das gleiche Prinzip auf die niedrigsten Lohnniveaus in der Europ&auml;ischen Union anwenden.&ldquo;<\/p><p>Das klingt f&uuml;r deutsche Ohren schrecklich keynesianisch&hellip;<\/p><p>&bdquo;Ich habe in meinem Vortrag etwas Keynes vorgelesen, aus <em>Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages<\/em>:<\/p><p>&lsquo;Wenn der europ&auml;ische B&uuml;rgerkrieg damit endet, dass Frankreich und Italien ihre momentan siegreiche Macht missbrauchen, um Deutschland und &Ouml;sterreich-Ungarn zu zerst&ouml;ren, dann betreiben sie damit auch ihre eigene Zerst&ouml;rung, denn sie sind durch verborgene seelische und wirtschaftliche Bande zutiefst und unaufl&ouml;slich mit ihren Opfern verbunden.&rsquo;<\/p><p>&bdquo;Und dann gibt es weiter hinten in dem Buch noch einen Abschnitt, der folgenderma&szlig;en lautet: &lsquo;Die Taktik, Deutschland f&uuml;r eine Generation zu Knechtschaft zu reduzieren, das Leben von Millionen Menschen zu entw&uuml;rdigen und eine ganze Nation ihres Gl&uuml;cks zu berauben, sollte abscheulich und absto&szlig;end sein &ndash; abscheulich und absto&szlig;end! &ndash; selbst wenn es m&ouml;glich w&auml;re, selbst wenn es uns selbst bereicherte, selbst wenn man so nicht den Samen des Niedergangs des zivilisierten Lebens in Europa legte.&rsquo;&ldquo;<\/p><p>Das komplette Interview als PDF: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/121206_Interview_James_Galbraith_1_Uebersetzung.pdf\">Interview mit Prof. James Galbraith [PDF &ndash; 95 KB]<\/a><\/p><p>Sch&ouml;nen Dank unsere engagierten Leser C.P. und T.M. f&uuml;r die &Uuml;bersetzung aus dem Englischen.<\/p><p>Das Originalinterview in englischer Sprache k&ouml;nnen Sie hier nachlesen:<\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15491\">Teil 1<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15513\">Teil 2<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&ldquo;Es muss einen Wandel der Betrachtungsweise geben, und wenn dieser Wandel &ndash; das ist jetzt der wichtige Punkt &ndash; irgendeinen Einfluss auf die Situation Europas haben soll, dann muss er von Deutschland ausgehen. Davon sind die Deutschen weit entfernt, aber aus dieser Richtung muss der Wandel kommen. 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