{"id":157169,"date":"2026-10-06T09:00:59","date_gmt":"2026-10-06T07:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157169"},"modified":"2026-10-06T09:51:08","modified_gmt":"2026-10-06T07:51:08","slug":"tankrabatt-und-steuergeschenk-die-verbale-verhoehnung-des-staatsbuergers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157169","title":{"rendered":"\u201eTankrabatt\u201c und \u201eSteuergeschenk\u201c \u2013 die verbale Verh\u00f6hnung des Staatsb\u00fcrgers"},"content":{"rendered":"<p>Der deutsche Michel kann sein Gl&uuml;ck kaum fassen. Denn die Obrigkeit l&auml;sst sich dazu herab, ihm, dem Untertanen, Geschenke und Rabatte zu gew&auml;hren. Was haben wir doch f&uuml;r ein Gl&uuml;ck. Und die medialen Hofschranzen in ihrer beachtlichen Staatsferne transportieren die Botschaften der politischen G&ouml;nner sogar im Wortlaut ohne jegliche kritische Anmerkung oder zumindest einer erkennbaren Distanzierung durch Interpunktionszeichen. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs gibt Tage, die haben es in sich. So ein Tag war der 1. Oktober: Wer kennt es nicht, mit dem falschen Fu&szlig; aufgestanden zu sein und schlechtlaunig das Radio anzudrehen. Innerlich hoffend, dass der Tag irgendwie halbwegs gut &uuml;berstanden wird. Und dann h&ouml;rt man einen Radiomoderator des Senders <em>RBB 88.8<\/em>, der vor lauter Freude &uuml;ber das wortw&ouml;rtlich von ihm vorgebrachte &bdquo;Steuergeschenk&ldquo; sein Wasser kaum halten kann. Die Laune, zumindest meine Laune, hellte sich dar&uuml;ber nicht auf, im Gegenteil. Warum? Mein Beitrag thematisiert nicht die Frage, ob der sogenannte &bdquo;Tankrabatt&ldquo; sinnvoll ist oder nicht. Mir geht es in diesem Beitrag darum, darzulegen, wie Teile der deutschen Politik und Mainstreammedien den deutschen Michel immer wieder und immer dreister verh&ouml;hnen.<\/p><p><strong>Verbale Verh&ouml;hnung<\/strong><\/p><p>Es sind diese beiden Begriffe, &bdquo;Tankrabatt&ldquo; und &bdquo;Steuergeschenk&ldquo;, die exakt wie der Begriff &bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo; illustrieren, was Teile der politischen Klasse und die mit ihr eng kommunizierenden Mainstreammedien vom Staatsb&uuml;rger, vom eigentlichen Souver&auml;n, so zumindest laut unserem guten Grundgesetz, so halten: Sie betrachten den Souver&auml;n offensichtlich als Untertan. Der Staat und einige Parteien stehen &uuml;ber dem Staatsb&uuml;rger, dem eigentlichen Souver&auml;n. Sie m&uuml;ssen ihn f&uuml;hren und erziehen. Zum Herrschaftsinstrumentenkasten geh&ouml;rt auch die Verwendung euphemistischer Begriffe, damit er\/sie sich abgeholt f&uuml;hlt. Es erinnert irgendwie an den preu&szlig;ischen Obrigkeitsstaat &ndash; nur eben im modernen Gewande. Die drei bereits genannten Begriffe lassen kaum einen anderen Schluss zu.<\/p><ol type=\"a\">\n<li>&bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo;<\/li>\n<\/ol><p>Der Terminus &bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo; ist eine rhetorische Meisterleistung. Denn wie die Bundesregierung, damals noch unter dem unauff&auml;lligen Kanzler Scholz, f&uuml;r den deutschen Michel aus Schulden so ein tolles Guthaben zaubert, und der deutsche Michel das alles so schluckt, ist schon bemerkenswert. Aus einem kreditfinanzierten Finanzvolumen von 100 Mrd. Euro, also einer zur&uuml;ckzahlungspflichtigen Schuld plus Zinsen, zaubert sie kurzerhand ein Verm&ouml;gen, ein &bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo;. Mal ehrlich: Haben Sie, geehrte Leser, auf Ihrem Kontoauszug ein Verm&ouml;gen herausgelesen, wenn Sie tief im Minus stecken, also den Dispo ordentlich strapazieren? Vermutlich nicht. Auch die Bundesregierung sieht es nicht so, suggeriert es aber dem Staatsb&uuml;rger, f&uuml;hrt ihn ob seiner unterstellten geistigen Inkompetenz vor, verh&ouml;hnt ihn geradezu.<\/p><p>Das vermeintliche &bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo;, das tats&auml;chlich eine Sonderverschuldung darstellt, erhielt an der Schuldenbremse vorbei sogar Verfassungsrang: Artikel 87a Absatz 1 des Grundgesetzes wurde um Absatz 1a wie folgt erg&auml;nzt werden:<\/p><blockquote><p>&bdquo;(1a) Zur St&auml;rkung der B&uuml;ndnis- und Verteidigungsf&auml;higkeit kann der Bund ein Sonderverm&ouml;gen mit eigener Krediterm&auml;chtigung in H&ouml;he von einmalig bis zu 100 Milliarden Euro errichten. (&hellip;)&ldquo;.<\/p><\/blockquote><p>Und das Ding mit der Einmaligkeit ist auch seit 2025 wieder hinf&auml;llig. Der haushaltspolitische &bdquo;Putsch&ldquo; von Merz mit der Auflockerung der Schuldenbremse zur Finanzierung der Aufr&uuml;stung stellt alles Vorangegangene weit in den Schatten.<\/p><p>Und genau diese politischen Entscheidungen zeigen, wie verantwortungslos mit unseren wertvollen Steuergeldern umgegangen wird &ndash; ganz so, als ob sie die Steuergelder als ihr Eigentum betrachten.<\/p><ol start=\"2\" type=\"a\">\n<li>&bdquo;Tankrabatt&ldquo;<\/li>\n<\/ol><p>Der &bdquo;Tankrabatt&ldquo; trat am 1. Oktober in Kraft und soll f&uuml;r drei Monate den gebeutelten Michel bes&auml;nftigen. <\/p><p>Der Begriff &bdquo;Tankrabatt&ldquo; wird ohne Anf&uuml;hrungszeichen oder ohne den Zusatz &bdquo;sogenannt&ldquo; von den Mainstreammedien unkritisch &uuml;bernommen und somit akzeptiert. Journalistische Distanz? Fehlanzeige, wie so oft. Statt sprachliche Distanzierung als grundlegendes Instrument des journalistischen Handwerks stellen sich die Massenmedien erneut als Verlautbarungsorgan der Regierung zur Verf&uuml;gung. <\/p><p>Warum aber handelt es sich bei dem &bdquo;gro&szlig;z&uuml;gigen Tankrabatt&ldquo; eben nicht um einen Rabatt?<\/p><p>Ein Rabatt ist ein Preisnachlass auf eine Ware zu Gunsten eines potenziellen Kunden, im Rahmen des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs.<\/p><p>Bei dem &bdquo;Tankrabatt&ldquo; der Bundesregierung handelt sich dagegen tats&auml;chlich um eine staatliche Ma&szlig;nahme, bei der die Bundesregierung beschlie&szlig;t, die Steuerlast des Steuerzahlers, also des Souver&auml;ns, prinzipiell oder tempor&auml;r zu mindern, ihm also etwas weniger tief in die Tasche zu greifen. Die Steuergelder geh&ouml;ren tats&auml;chlich nicht dem Staat und schon gar nicht der Bundesregierung, sie geh&ouml;ren dem Steuerzahler, dem Souver&auml;n. Der Souver&auml;n gibt einen Teil seines Einkommens (Steuern genannt) im Sinne des philosophischen Gesellschaftsvertrages an den Staat ab, damit dieser &ndash; gef&uuml;hrt von einer Regierung &ndash; die Steuergelder treuh&auml;nderisch und bestm&ouml;glich zum Wohle des Gemeinwesens (Gesellschaft, Wirtschaft und Staat) umverteilt. Das Gemeinwesen soll also mit Geld in die gute Richtung gesteuert werden. Das Nomen &bdquo;Steuern&ldquo; leitet sich aus dem Verb &bdquo;steuern&ldquo; ab. <\/p><p>Die sprachliche Irref&uuml;hrung &bdquo;Tankrabatt&ldquo; soll wohl als Gro&szlig;z&uuml;gigkeit, als Mildt&auml;tigkeit des Staates, besser gesagt der Bundesregierung, dem &bdquo;Untertanen&ldquo; verkauft werden. Nur, was soll daran mildt&auml;tig sein, wenn die Steuern nicht der Regierung, sondern ohnehin dem Steuerzahler und Souver&auml;n geh&ouml;ren? Was soll mir geschenkt werden, was mir ohnehin geh&ouml;rt?<\/p><ol start=\"3\" type=\"a\">\n<li>&bdquo;Steuergeschenk&ldquo;<\/li>\n<\/ol><p>Noch erb&auml;rmlicher ist der Begriff des &bdquo;Steuergeschenks&ldquo;. Er ist an Absurdit&auml;t, ja an Unversch&auml;mtheit kaum noch zu &uuml;bertreffen. Zwar hat die Bundesregierung diesen Begriff nicht genutzt, jedoch der &ouml;ffentlich-rechtliche Sender <em>RBB 88.8<\/em>. Demnach sei eine tempor&auml;re Steuerentlastung ein Geschenk f&uuml;r den B&uuml;rger. Entweder hat der Moderator keine Ahnung, wor&uuml;ber er spricht, was nicht unwahrscheinlich ist, oder er verwendet absichtlich den Begriff, um sich als k&uuml;nftiger Regierungssprecher zu empfehlen. Beide Varianten sind extrem bedenklich. Man sollte davon ausgehen, dass Journalisten, gleichsam Politikern, Juristen und Schriftstellern, deren tagt&auml;glicher Job es ist, mit Sprache zu arbeiten, mit pr&auml;ziser Sprache zu arbeiten, sich der Bedeutung der Sprache, der Bedeutung von Begriffen im Klaren sind. <\/p><p><strong>Bundeshaushalt und Steuern<\/strong><\/p><p>Der Bundeshaushalt 2026 umfasst 524 Mrd. Euro. Davon entfallen 387 Mrd. auf Steuereinnahmen. Das hei&szlig;t, dass fast 74 Prozent des Bundeshaushaltes auf Steuereinnahmen basieren. Die &uuml;brigen 26 Prozent ergeben sich aus sonstigen Einnahmen des Bundes sowie Krediten. Diese Kredite haben zwischenzeitlich ein Ausma&szlig; angenommen, dass die Tilgung der Kredite und der damit einhergehenden Zinsen den viertgr&ouml;&szlig;ten Einzelplan mit 33,6 Mrd. Euro ausmacht &ndash; Tendenz steigend angesichts der massiven Neuverschuldungen der Merz-Klingbeil-Regierung, insbesondere mit Blick auf den Aufbau der &bdquo;Bundeswehr zur st&auml;rksten konventionellen Armee Europas&ldquo;. Der Bund alleine &ndash; also nicht eingerechnet die Schulden der Bundesl&auml;nder und der Kommunen &ndash; hat derweil (Stand August 2026) einen Schuldenstand von 1,88 Billionen Euro erreicht. <\/p><p><strong>Anteil der Energiesteuern am Bundeshaushalt<\/strong><\/p><p>Alle Steuereinnahmen, die im weitesten Sinne mit Energie zu tun haben (Energiesteuer, Stromsteuer und die CO2-Bepreisung), umfassen im Bundeshaushalt etwa 60 Mrd. Euro, mithin 15,4 Prozent der Gesamtsteuereinnahmen. Nach energetischer Steuerart aufgeteilt, schaut es wie folgt aus:<\/p><ul>\n<li>Energiesteuer ca. 36,5 Mrd. &euro; (9,4 Prozent)<\/li>\n<li>Stromsteuer ca. 6,9 Mrd. &euro; (1,7 Prozent)<\/li>\n<li>CO&#8322;-Bepreisung\/Brennstoffemissionshandel ca. 16,7 Mrd. &euro; (4,3 Prozent)<\/li>\n<\/ul><p>Hinzu kommt die Mehrwertsteuer auf die Energie. Der Berechnungsanteil an energetischen Mehrwertsteuern ist nicht so einfach feststellbar, da sie keine eigenst&auml;ndige Einnahmeposition darstellt, sondern in der allgemeinen Mehrwertsteuer enthalten ist. <\/p><p>Im Folgenden soll die energetische Steuerbelastung anhand eines Liters Super E10 illustriert werden. Dabei gehe ich von einem Literpreis von 2,40 Euro als Berechnungsgrundlage aus. Ich habe ChatGPT als Unterst&uuml;tzung der Berechnung herangezogen.<\/p><ul>\n<li>Energiesteuer: 65,45 Cent (27,3 Prozent Anteil am Verkaufspreis)<\/li>\n<li>CO2-Bepreisung: 14 bis 16 Cent (5,8 bis 6,8 Prozent Anteil am Verkaufspreis)<\/li>\n<li>Mehrwertsteuer mit 19 Prozent: 38,32 Cent (16 Prozent Anteil am Verkaufspreis)<\/li>\n<\/ul><p>Insgesamt macht der Steueranteil an einem Liter Super E10 zwischen 49,1 bis 50,1 Prozent aus. Mit anderen Worten, von den 2,40 Euro pro Liter Super E10 bezahlt der Kunde rund 1,20 Euro nur f&uuml;r Steuern. Und je h&ouml;her die Spritkosten, desto h&ouml;her die energetischen Steuereinnahmen des Staates, insbesondere auch der Mehrwertsteuer. <\/p><p>Angesichts dessen d&uuml;rften Kanzler Merz und Finanzminister Klingbeil aus haushaltspolitischer Perspektive auch nur begrenzt &bdquo;besorgt&ldquo; &uuml;ber die hohen Energiekosten sein. Die zus&auml;tzlichen energetischen Steuereinnahmen schaffen unerwartet haushaltspolitische Spielr&auml;ume auch f&uuml;r Projekte wie der Aufr&uuml;stung oder der Finanzierung politischer Vorfeldorganisationen, den &bdquo;N&ldquo;GOs zwecks Erziehung des Souver&auml;ns.<\/p><p>Der ach so gro&szlig;z&uuml;gige &bdquo;Tankrabatt&ldquo; d&uuml;rfte daher von ihnen auch nur widerwillig gew&auml;hrt werden. Der rapide Vertrauensverlust in die Bundesregierung, wie es die drei Landtagswahlen im September offenbarten, scheint einen gewissen Handlungsdruck zur Bes&auml;nftigung des deutschen Michels erzeugt zu haben.<\/p><p><strong>&Uuml;bergewinnsteuer &ndash; Blick nach Polen<\/strong><\/p><p>In unserem Nachbarland Polen wird am 1. November die &Uuml;bergewinnsteuer f&uuml;r Mineral&ouml;lkonzerne in Kraft treten. Diese Steuerart dient dazu, die pl&ouml;tzlichen krisen- und kriegsbedingten &Uuml;bergewinne mit 60 Prozent zu besteuern und, mit einem Preisdeckel kombiniert, den polnischen Souver&auml;n zu entlasten. Anders die deutsche Regierung unter Merz: Sie scheint ein gro&szlig;es Herz f&uuml;r das &bdquo;Leiden&ldquo; der Mineral&ouml;lkonzerne zu haben, die gerne Krisen und Kriege ausnutzen, um zus&auml;tzliche Profite einzustreichen. Krisen- und Kriegsgewinnler stehen, so der sich aufdr&auml;ngende Eindruck, unter besonderem Schutz &ndash; anders als der B&uuml;rger.<\/p><p><small>Titelbild: Rabizo Anatolii \/ shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/840fc9e3384f427e9dce875f50c5b4be\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der deutsche Michel kann sein Gl&uuml;ck kaum fassen. 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