{"id":157233,"date":"2026-10-07T09:00:49","date_gmt":"2026-10-07T07:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157233"},"modified":"2026-10-07T08:47:14","modified_gmt":"2026-10-07T06:47:14","slug":"enteignen-fuer-fortgeschrittene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157233","title":{"rendered":"Enteignen f\u00fcr Fortgeschrittene"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Berliner, ich h&auml;tte da eine Idee. Ok, streng genommen stammt die Idee gar nicht von mir. Sie kommt aus dem Lehrbuch der Hochfinanz. Dort ist sie seit Jahrzehnten erprobt, und jede bessere Business School bringt sie ihren Studenten bei. Ich habe sie nur ein wenig f&uuml;r den Hausgebrauch &uuml;bersetzt. Eine Glosse von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4047\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-157233-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261007_Enteignen_fuer_Fortgeschrittene_NDS.mp3?_=1\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261007_Enteignen_fuer_Fortgeschrittene_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261007_Enteignen_fuer_Fortgeschrittene_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261007_Enteignen_fuer_Fortgeschrittene_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=157233-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261007_Enteignen_fuer_Fortgeschrittene_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"261007_Enteignen_fuer_Fortgeschrittene_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Euch wird ja seit Jahren erz&auml;hlt, die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73801\">Vergesellschaftung der gro&szlig;en Wohnungskonzerne<\/a> sei zwar irgendwie demokratisch beschlossen worden &ndash; 59 Prozent beim Volksentscheid, man erinnert sich dunkel. Leider, leider sei sie aber unbezahlbar: mindestens 30 Milliarden Euro, eher mehr. Das ist viel Geld f&uuml;r eine Stadt, die schon ihre Schultoiletten nicht saniert bekommt. Die Leitartikler runzeln die Stirn, die Expertenkommission wiegt das Haupt, und der Finanzsenator greift sich ans Herz. Unbezahlbar, so ist das eben. Wirklich?<\/p><p>Da lohnt ein kurzer Blick auf den Kurszettel. An der B&ouml;rse ist der gesamte Vonovia-Konzern gerade einmal <a href=\"https:\/\/companiesmarketcap.com\/de\/vonovia\/marktkapitalisierung\/\">14,5 Milliarden Euro wert<\/a>, also nicht nur die Berliner Best&auml;nde, sondern alles von Bochum bis Stockholm. Der ganze Laden kostet damit weniger als die H&auml;lfte dessen, was man Euch f&uuml;r ein St&uuml;ck davon in Rechnung stellen will.<\/p><p>Mein Vorschlag, kurz umrissen: Geht zu Goldman Sachs. Ja, genau, zu denen. Die kennen sich aus. Lasst die Goldm&auml;nner einen Risikokapitalgeber suchen, der Euch einen Kreditrahmen von 20 Milliarden Euro einr&auml;umt. So viel werdet Ihr inkl. Nebenkosten und Aufschl&auml;gen wohl brauchen. F&uuml;r die Herren in Frankfurt und London ist das kein exotischer Auftrag, sondern ihr t&auml;gliches Handwerk. Mit diesem Kreditrahmen lasst Ihr dann die Goldm&auml;nner und ihre Kollegen die Vonovia an der B&ouml;rse &bdquo;feindlich&ldquo; &uuml;bernehmen. F&uuml;r den Anfang reichen 50 Prozent der Aktien. Den Rest dr&auml;ngt Ihr per Kapitalerh&ouml;hung und &bdquo;Squeeze Out&ldquo; einfach hinaus. Klingt brutal? Ist es auch. Es ist aber v&ouml;llig legal und hei&szlig;t &bdquo;Marktwirtschaft&ldquo;.<\/p><p>Und Schwupps &hellip; danach geh&ouml;ren Euch nicht nur die 130.000 Berliner Vonovia-Wohnungen, sondern gleich alle rund 600.000 Wohnungen, die der Konzern in ganz Europa besitzt. Vergesellschaftung mit Mengenrabatt, sozusagen.<\/p><p>Und die 20 Milliarden Euro Kreditrahmen? Geschenkt. Die Risikokapitalgeber zahlt Ihr gleich im Anschluss mit einem neuen Kredit aus. Den nehmt aber nicht Ihr auf, sondern die Vonovia selbst. Der Konzern bezahlt also seine eigene &Uuml;bernahme. Das nennt sich &bdquo;Leveraged Buyout&ldquo; und ist im modernen Gesch&auml;ftsleben gang und g&auml;be. Franz M&uuml;ntefering hat f&uuml;r die Leute, die so etwas beruflich machen, einmal ein Wort aus dem Tierreich gefunden. Damals war das als Kritik gemeint, heute w&uuml;rde man es wohl &bdquo;Best Practice&ldquo; nennen. Die Vonovia w&uuml;rde also nicht enteignet, sondern ausgebuyoutet. Das klingt doch gleich viel seri&ouml;ser.<\/p><p>Und wenn nun ein Leitartikler mit &bdquo;Schulden&ldquo; kommt &ndash; Schulden sind so ein b&ouml;ses, ja altmodisches Wort. Schulden hat ja auch Vonovia selbst schon genug &ndash; oder denkt irgendwer, die jetzigen Besitzer h&auml;tten zum Erwerb eigenes Geld ausgegeben? Doch so denken Finanzprofis nicht. Sprechen wir also lieber von Assets. Die kann man dann tranchieren, b&uuml;ndeln, tranchieren und wieder b&uuml;ndeln und als &bdquo;mortgage-backed collaterals&ldquo; mit AAA-Rating an BlackRock verkaufen &ndash; die suchen genau so was f&uuml;r ihre amerikanischen Pensionsfonds-Kunden. Und keine Angst: Denen geh&ouml;ren dann nicht die Wohnungen, sondern nur die Schulden. Die Berliner kriegen ihre Wohnungen zur&uuml;ck und BlackRock bezahlt das Ganze. So machen das Finanzprofis.<\/p><p>Nun werden die &uuml;blichen ewiggestrigen Verd&auml;chtigen einwenden, so k&ouml;nne ein Gemeinwesen doch nicht wirtschaften. Das sei unseri&ouml;s, spekulativ, ein Taschenspielertrick. Ach was. Die bessere Frage w&auml;re doch: Warum gilt ein Taschenspielertrick als seri&ouml;s, solange ihn ein Finanzinvestor vorf&uuml;hrt, und als unseri&ouml;s, sobald der Souver&auml;n ihn nachmacht? Brecht hat das schon vor fast hundert Jahren auf den Punkt gebracht: &bdquo;Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gr&uuml;ndung einer Bank?&ldquo; Man k&ouml;nnte erg&auml;nzen: Was ist eine Enteignung gegen einen Leveraged Buyout?<\/p><p>Und genau so sind die Wohnungen ja &uuml;berhaupt erst bei den Konzernen gelandet. 2004 verkaufte Berlin die landeseigene GSW mit ihren rund 65.000 Wohnungen f&uuml;r einen Spottpreis an Cerberus und, man ahnt es, an einen Fonds von Goldman Sachs. Die Kaufkredite landeten sp&auml;ter beim Unternehmen, und die Zinsen stotterten die Mieter &uuml;ber ihre Miete ab. Die GSW ging danach in der Deutsche Wohnen auf, und die geh&ouml;rt heute zur Vonovia. Der Kreis schlie&szlig;t sich.<\/p><p>Ihr, liebe Berliner, m&uuml;sstet also nur das tun, was man Euch vor zwanzig Jahren vorgemacht hat. Nur diesmal eben in die andere Richtung. Ganz sch&ouml;n clever, nicht wahr? Auf geht&rsquo;s, Berlin.<\/p><p><small>Titelbild: ChatGPT, erstellt mit k&uuml;nstlicher Intelligenz<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/4c3ca445ad9744ce8934e4119fefc77b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Berliner, ich h&auml;tte da eine Idee. Ok, streng genommen stammt die Idee gar nicht von mir. Sie kommt aus dem Lehrbuch der Hochfinanz. Dort ist sie seit Jahrzehnten erprobt, und jede bessere Business School bringt sie ihren Studenten bei. Ich habe sie nur ein wenig f&uuml;r den Hausgebrauch &uuml;bersetzt. 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