{"id":157325,"date":"2026-10-10T12:00:58","date_gmt":"2026-10-10T10:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157325"},"modified":"2026-10-09T10:25:51","modified_gmt":"2026-10-09T08:25:51","slug":"indonesien-1965-66-bonns-buchhaltung-eines-blutbads","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157325","title":{"rendered":"Indonesien 1965\/66: Bonns Buchhaltung eines Blutbads"},"content":{"rendered":"<p>61 Jahre nach dem Beginn des V&ouml;lkermords in Indonesien ger&auml;t Bonns Mitwisser- und Komplizenschaft angesichts neuer Enth&uuml;llungen ins Zwielicht und immer st&auml;rker in Erkl&auml;rungsnot. Notizen zu einem in Jakarta wie Berlin gleicherma&szlig;en lieber tabuisierten Thema von unserem S&uuml;dostasienexperten <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vorabnotiz<\/strong><\/p><p>Der Journalist und preisgekr&ouml;nte Dokumentarfilmproduzent H&uuml;seyin Do&#287;ru und sein Kollege Emrah Cilasun haben am 30. September eine umfassende investigative Recherche ver&ouml;ffentlicht, die es im wahrsten Wortsinn in sich hat. Unter dem Titel <a href=\"https:\/\/hussedogru.com\/\"><em>&bdquo;Indonesien 1965: Wie Deutschland einen V&ouml;lkermord finanzierte&rdquo;<\/em><\/a> publizierten sie einen 45-min&uuml;tigen <a href=\"https:\/\/x.com\/hussedogru\/status\/2105202993083613186\">Dokumentarfilm<\/a> sowie ein akribisch zusammengestelltes Quellenmaterial, das sich auf umfangreiche Archivarbeiten und die Aktenauswertung von &uuml;ber 1.000 Seiten freigegebener Dokumente st&uuml;tzt. Konkret handelt es sich um 80 Dokumente (Fernschreiben, Berichte, Vermerke und Protokolle), die die Anmerkungen zitieren und insgesamt 238 Seiten umfassen. 70 Dokumente stammen aus dem Politischen Archiv des Ausw&auml;rtigen Amts in Berlin, zwei aus dem Bundesarchiv in Koblenz, Akten aus Washington sowie die Kleine Anfrage der Partei <em>Die Linke<\/em> im Bundestag von 2014 mit der Antwort der Bundesregierung. Rekonstruiert wird darin samt Scans, wie die damalige Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Bundesnachrichtendienst (BND) die indonesische Milit&auml;rjunta unter General Suharto in ihren Pl&auml;nen unterst&uuml;tzte, sukzessiv die politische Macht in dem s&uuml;dostasiatischen Inselreich an sich zu rei&szlig;en und &ndash; mehr noch &ndash; dort die &bdquo;&Uuml;bel des Kommunismus g&auml;nzlich auszumerzen&ldquo;.<\/p><p><strong>&bdquo;Vor dem Kommunismus zu sch&uuml;tzen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Mitte der 1960er-Jahre z&auml;hlte die <em>Kommunistische Partei Indonesiens (PKI)<\/em> nach eigenen Angaben &uuml;ber drei Millionen Mitglieder und war somit die weltweit drittst&auml;rkste kommunistische Partei nach der Volksrepublik China und der Sowjetunion. Dar&uuml;ber hinaus konnte sich die PKI auf eine Massenbasis von etwa 20 Millionen Menschen st&uuml;tzen, die in Gewerkschaften sowie Jugend-, Frauen- und Bauernverb&auml;nden organisiert waren oder sich als Intellektuelle, Schriftsteller und Kulturschaffende ideologisch oder politisch der PKI verbunden f&uuml;hlten.<\/p><p>Mitte der 1960er-Jahre markierte gleichzeitig den H&ouml;hepunkt des Kalten Krieges, da sich im Zuge schroffer West-Ost-Blockkonfrontation die USA anschickten, in der Region S&uuml;dostasien als Nachfolger der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich die V&ouml;lker Vietnams, Laos und Kambodschas &bdquo;vor dem Kommunismus zu sch&uuml;tzen&ldquo;. In Washington beseelte und benebelte gleicherma&szlig;en die &bdquo;Dominotheorie&ldquo; die Geister konservativer Politiker und Hirne hartgesottener Milit&auml;rstrategen, die nicht hinnehmen mochten, dass ganz Vietnam &bdquo;dem Kommunismus&ldquo; anheimfalle. Dort n&auml;mlich hatte H&#7891; Ch&iacute; Minh bereits am 2. September 1945 im Norden des Landes die <em>Demokratische Republik Vietnam<\/em> proklamiert.<\/p><p>Mit Blick auf Indonesien schrillten Mitte der 1960er-Jahre im Westen die Alarmglocken, als dessen Gr&uuml;ndervater und erster <em>Pr&auml;sident Sukarno<\/em> keinen Hehl daraus machte, sich k&uuml;nftig au&szlig;enpolitisch gen China zu orientieren und eine Achse Jakarta-Peking zu begr&uuml;nden. Aus ideologischen, politischen, wirtschaftlichen sowie geostrategischen Erw&auml;gungen unternahmen die Regierungen in Canberra, Washington, London und Bonn alles in ihrer Macht Stehende, um ein solches Szenario im gr&ouml;&szlig;ten und bev&ouml;lkerungsreichsten Land S&uuml;dostasiens zu vereiteln. Als &bdquo;nat&uuml;rlicher&ldquo; Verb&uuml;ndeter empfahl sich auf indonesischer Seite das Milit&auml;r, dem die PKI seit eh und je ein Dorn im Auge war.<\/p><p><strong>&bdquo;Wir f&uuml;hrten doch einen heiligen Krieg gegen den Kommunismus&ldquo;<\/strong><\/p><p>Zu den sich seit dem 30. September 1965 in Indonesiens Hauptstadt Jakarta und Umgebung &uuml;berschlagenden politischen und milit&auml;rischen Ereignissen schreiben die Autoren Do&#287;ru und Cilasun:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Am 1. Oktober 1965 riss die indonesische Armee das Land an sich. In der Nacht des 30. September hatte eine Gruppe von Offizieren, die sich Bewegung 30. September nannte, unter F&uuml;hrung von Oberstleutnant Untung von der Pr&auml;sidentengarde sechs Gener&auml;le des Armeeoberkommandos entf&uuml;hrt und get&ouml;tet. Binnen Stunden hatte Generalmajor Suharto, Befehlshaber der strategischen Reserve der Armee, Kostrad, die Bewegung niedergeschlagen; binnen Tagen gab die Armee der Kommunistischen Partei die Schuld an allem. Suharto (1921&ndash;2008) &uuml;bernahm das Kommando, und der damalige Pr&auml;sident, Sukarno (1901&ndash;1970), sah es nicht kommen. Sukarno behielt seinen Titel. Sonst behielt er nichts, und im M&auml;rz 1967 nahm man ihm auch diesen. Binnen Wochen begann die Armee, die Kommunistische Partei Indonesiens, die PKI, Provinz f&uuml;r Provinz zu verbieten; im M&auml;rz 1966 wurde sie im ganzen Land verboten. Sie war damals die drittgr&ouml;&szlig;te kommunistische Partei der Welt. Jede Organisation, die mit ihr in Verbindung stand, wurde in der Folge verboten.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Mehr noch: Verd&auml;chtigungen reichten aus, um Menschen in die N&auml;he der PKI zu r&uuml;cken und sie zum Freiwild zu erkl&auml;ren. Den Verboten folgten Pogromszenen, wo scharenweise unbewaffnete Zivilisten buchst&auml;blich wie L&auml;mmer zur Schlachtbank gef&uuml;hrt wurden. Meist wurden die Opfer von Soldaten auf Milit&auml;rfahrzeuge gepfercht und an Orte &bdquo;abgeliefert&ldquo;, wo ein von den Gener&auml;len antikommunistisch aufgepeitschter Mob bereits darauf wartete, seinen Blutorgien freien Lauf zu lassen. In dem Dokumentarfilm tauchen neben &Uuml;berlebenden, die &uuml;ber das t&ouml;dliche Schicksal von Verwandten, Bekannten und Freunden berichten, auch Personen auf, die freim&uuml;tig schilderten, welch bestialischer Mittel sie sich bedienten, um zu t&ouml;ten und morden. Burhan Kampak, ein Milizion&auml;r und T&auml;ter in fr&uuml;hen Jahren und heute ein fidel l&auml;chelnder, fast zahnloser Mann mit wei&szlig;em Haar, zuckte bei der Frage, ob er Reue zeige, kurz zusammen, als verst&uuml;nde er die Frage nicht. &bdquo;Nein, nein&ldquo;, antwortete er dann gefasst und mit vergn&uuml;gtem L&auml;cheln: &bdquo;Wir f&uuml;hrten doch einen heiligen Krieg gegen den Kommunismus. Daf&uuml;r haben wir drei Jahre gebraucht, um die S&auml;uberung abzuschlie&szlig;en.&ldquo; Sodann zeigte er stolz ein Foto von Suharto, als handele es sich um ein Heiligenbild.<\/p><p>Kernpunkte der historischen Verflechtungen und Do&#287;rus\/Cilasuns Enth&uuml;llungen umfassen Aspekte der Mitwisserschaft und Billigung des T&ouml;tens, finanzielle und logistische Bitten der Putschisten, R&uuml;stungsexporte und Ausr&uuml;stung, personelle Kontinuit&auml;ten (NS-Vergangenheit) sowie die offizielle Haltung der Bundesregierung.<\/p><p><strong>&bdquo;Regelrechtes Abschlachten von Kommunisten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Aus den BND- und Regierungsakten geht hervor, dass deutsche Diplomaten und Geheimdienstler das Ausma&szlig; des Massenmords genauestens dokumentierten. Bereits im November 1965 beschrieb ein interner BND-Bericht mit dem Betreff <em>&bdquo;F&ouml;hrenwald&ldquo;<\/em> ein &bdquo;regelrechtes Abschlachten von Kommunisten&ldquo;. Bis Februar 1966 bezifferten Akten aus Bonn die Zahl der Toten bereits auf fast 800.000 Menschen. Trotz dieses Wissens bezeichneten deutsche Stellen die S&auml;uberungen intern als eine &bdquo;Bereinigung ganz in unserem Interesse&ldquo;.<\/p><p>Am 4. Oktober 1965 schickte die Botschaft in Jakarta ein verschl&uuml;sseltes Fernschreiben mit dem Vermerk <em>&bdquo;citissime&ldquo;<\/em> (damals die &uuml;bliche Telegrafie-Dienstmarkierung f&uuml;r &bdquo;schleunigst&ldquo; &ndash; <em>RW)<\/em> an das Ausw&auml;rtige Amt, bestimmt f&uuml;r den Bundesminister der Verteidigung. Ein &bdquo;linksorientierter Umsturzversuch&ldquo; sei gescheitert, meldete es; Sukarno und <em>General Abdul Haris Nasution<\/em>, der Koordinierende Minister f&uuml;r Verteidigung und Sicherheit, der den Entf&uuml;hrern entkommen war, h&auml;tten mit Regierungstruppen die Lage im Griff. Sechs Gener&auml;le seien von den Rebellen entf&uuml;hrt worden, und nach einer noch unbest&auml;tigten Meldung sei <em>General Donald Isaac Pandjaitan <\/em>(posthum zum Generalmajor bef&ouml;rdert) bei seiner Gegenwehr erschossen, die &uuml;brigen danach ermordet worden. Unterzeichnet hatte das Fernschreiben der Milit&auml;rattach&eacute; Meyer. Neben seinen Namen schrieb ein Beamter in Bonn von Hand ein einziges Wort, auf Franz&ouml;sisch: <em>&bdquo;ENFIN!&ldquo;<\/em> Zu Deutsch: endlich.<\/p><p>Dazu merkt das Autorenteam Do&#287;ru\/Cilasun an:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Was da endlich gekommen war, war nicht der Tod von sechs Offizieren. Es war die Gelegenheit, gegen die Kommunisten vorzugehen, und der Mann in Bonn hatte darauf gewartet.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Am 19. Oktober 1965, knapp drei Wochen nach dem Putsch, meldete Botschafter <em>Luitpold Werz<\/em> (1907&ndash;1973) nach Bonn, alle Demonstrationen gegen die PKI w&uuml;rden von der Armeef&uuml;hrung gesteuert. Auch die Parole gegen die chinesische Minderheit komme von der Armee, die das Provozieren von Zwischenf&auml;llen ermuntert habe. Was nach au&szlig;en als spontaner Volkszorn erschien, war nach Bonns eigenem Wissen eine gelenkte Kampagne. Bonn &auml;nderte nichts an seiner Haltung; auf der n&auml;chsten Seite desselben Telegramms beschrieb Werz die &bdquo;Milit&auml;rwalze&ldquo;, die nun die Provinzen &bdquo;s&auml;ubern&ldquo; soll.<\/p><p>Am 26. Oktober 1965, am selben Tag, an dem das Indonesienreferat des Ausw&auml;rtigen Amts empfohlen hatte, die Ausfuhr von Pistolengriffen an die indonesische Armee zu genehmigen, schrieb Alexander B&ouml;ker, Ministerialdirigent in der politischen Abteilung des Ausw&auml;rtigen Amts, an Botschafter Werz in Jakarta:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Wir verfolgen die dortige Entwicklung selbstverst&auml;ndlich mit gr&ouml;&szlig;tem Interesse und freuen uns &uuml;ber die Fortschritte in der Festigung des Armee-Regimes. Wir sind uns v&ouml;llig dar&uuml;ber klar, welch gro&szlig;e Chancen f&uuml;r die westliche Welt insgesamt und f&uuml;r Deutschland im Besonderen in dieser Entwicklung liegen und welch gro&szlig;en Gefahren wir ausgesetzt w&auml;ren, wenn das Experiment scheitern sollte.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Am 15. November 1965 schickte die Botschaft in Jakarta Charakterskizzen des neuen indonesischen Armeestabs nach Bonn. &Uuml;ber <em>Brigadegeneral Sumitro<\/em> berichtete sie:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Sumitro verdiente sich seine Sporen, als er seit dem Januar ds. Js. als frischgebackener Brigadegeneral in der Provinz Ostkalimantan in wenigen Monaten ger&auml;uschlos mit den von seinem Vorg&auml;nger Suharjo hochgez&uuml;chteten und gef&ouml;rderten Kommunisten aufr&auml;umte. Sumitro absolvierte ein Jahr an der F&uuml;hrungsakademie der Bundeswehr (in Hamburg-Blankenese &ndash; RW). Er ist eine der politischen Hoffnungen der Armee.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Ende November 1965 &ndash; der Massenmord in Indonesien war in vollem Gange &ndash; empfing <em>Karl Carstens<\/em>, damals Staatssekret&auml;r im Ausw&auml;rtigen Amt und sp&auml;terer Bundespr&auml;sident, Jakartas <em>Staatsminister Brigadegeneral Dr. Ahmad Sukendro<\/em>. Dieser pl&auml;dierte offen f&uuml;r weiteres deutsches Kapital und Know-how, um &bdquo;die Fortsetzung der antikommunistischen Entwicklung zu sichern&rdquo;.<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Die Gefahr&rdquo;, <\/em>so pr&auml;zisierte der General sein Anliegen<em>, &bdquo;ist nicht nur die PKI, sondern der Kommunismus als solcher.&rdquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Carstens antwortete, Bonn werde &bdquo;das in seinen Kr&auml;ften Stehende tun&rdquo;, um Indonesien angesichts der &bdquo;gegenw&auml;rtigen Richtung seiner politischen Entwicklung&ldquo; zu unterst&uuml;tzen. Die Gelder, um die es fortan ging, dienten mithin ausdr&uuml;cklich dem antikommunistischen Kurs der indonesischen Armee.<\/p><p><strong>Lieferung milit&auml;rischen Ger&auml;ts und Gelder f&uuml;r &bdquo;Sonderaktionen gegen KP-Funktion&auml;re&ldquo;<\/strong><\/p><p>Laut den Dokumenten trat das indonesische Milit&auml;r im November 1965 mit einer konkreten Bitte um finanzielle Hilfe an die Bundesrepublik heran. Gefordert wurden unter anderem 1,2 Millionen D-Mark. Offiziell vermerkten deutsche Akten zwar das Prinzip der &bdquo;Nichteinmischung&ldquo;, im Hintergrund wurden die Gelder laut Recherchen jedoch f&uuml;r &bdquo;Sonderaktionen gegen KP-Funktion&auml;re&ldquo; in Aussicht gestellt oder kanalisiert, um das neue Regime zu stabilisieren.<\/p><p>Obwohl Bonn von den Massakern wusste, wurden in den Folgejahren nebst Gewehren, Munition und Milit&auml;rfahrzeugen auch U-Boote und Kriegsschiffe an das Suharto-Regime geliefert, die sp&auml;ter bei weiteren schweren Menschenrechtsverletzungen (wie in Osttimor oder Westpapua) eingesetzt wurden.<\/p><p>Zusammengerechnet belegen allein die deutschen Akten f&uuml;r die Jahre 1960 bis 1968 folgende Lieferungen, Genehmigungen und Antr&auml;ge f&uuml;r das indonesische Milit&auml;r: mindestens 40.250 Gewehre (10.000 von <em>Rheinmetall<\/em> 1960\/61, 30.000 G3 von <em>Heckler &amp; Koch<\/em> und 250 BM 59 im Jahr 1968), dazu 9.750 Gewehrverschl&uuml;sse, 5.000 L&auml;ufe und 42.000 Ersatzteile; 20.000.000 Patronen Kaliber 7,62 mm; 255.800 Kilogramm Nitroglycerinpulver; ein Sprengstoffprojekt f&uuml;r die Armee, allem Anschein nach ein und dasselbe, betrieben &uuml;ber <em>Ferrostaal<\/em> und <em>Fritz Werner<\/em> und mit 40 bis 80 Millionen DM bewertet; sowie Vertr&auml;ge &uuml;ber 63 Millionen DM f&uuml;r Indonesiens R&uuml;stungs- und Munitionsfabriken vor dem Putsch.<\/p><p>Vor dem Putsch b&uuml;rgte Bonn auch f&uuml;r Kredite, die nach den Worten seines Botschafters &bdquo;die uns wohlgesinnten Kreise (wie z. B. die Armee u. a.)&ldquo; st&auml;rken w&uuml;rden. W&auml;hrend die PKI zerschlagen wurde, leistete der BND nach der sp&auml;teren Darstellung seines eigenen Chefs &bdquo;Unterst&uuml;tzung (Berater, Ger&auml;te, Geld)&ldquo;. Als das Morden vorbei war, kamen Umschuldung, neue Kredite und Kapitalhilfe hinzu &ndash; bis 1969 in H&ouml;he von 100 Millionen DM.<\/p><p><strong>Ex-Nazis in Amt und W&uuml;rden<\/strong><\/p><p>Do&#287;ru\/Cilasun heben zudem hervor, dass in der Zeit von 1952 bis 1970 sechs der ersten sieben westdeutschen Botschafter in Jakarta eine NS-Vergangenheit aufwiesen &ndash; sie waren ehemalige NSDAP-Mitglieder oder arbeiteten in der NS-Propagandamaschinerie. Diese ideologische Pr&auml;gung beg&uuml;nstigte den radikalen Antikommunismus der damaligen deutschen Au&szlig;enpolitik, die den Sturz von Pr&auml;sident Sukarno und die physische Vernichtung der PKI begr&uuml;&szlig;te.<\/p><p>Konkret listet das Autorenteam folgende Personen auf:<\/p><blockquote><p>\n    <em>&bdquo;Werner Otto von Hentig ab 1952 &ndash; keine Parteimitgliedschaft belegt<\/em><br>\n    <em>Helmut Allardt 1954&ndash;58 &ndash; NSDAP-Nr. 7.055.168 &middot; aufgenommen 1939<\/em><br>\n    <em>Dietrich von Mirbach 1959&ndash;63 &ndash; NSDAP-Nr. 2.781.465 &middot; eingetreten 1. Mai 1933<\/em><br>\n    <em>Gerhart Weiz 1963&ndash;64 &ndash; SA ab 1933 &middot; NSDAP ab 1937<\/em><br>\n    <em>Luitpold Werz 1964&ndash;66 &ndash; NSDAP-Nr. 2.873.248 &middot; eingetreten 1. Okt. 1934<\/em><br>\n    <em>Kurt Luedde-Neurath 1966&ndash;68 &ndash; NSDAP-Nr. 4.745.122 &middot; eingetreten 1. Mai 1937<\/em><br>\n    <em>Hilmar Bassler 1968&ndash;70 &ndash; NS-Propaganda f&uuml;r Ostasien &middot; keine Parteimitgliedschaft belegt.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Luitpold Werz war von 1964 bis 1966 der BRD-Botschafter in Jakarta, in dessen Amtszeit die Massenmorde fielen. Historisch bekannt ist eine Notiz von Werz aus dem Februar 1966, in der er die Opferzahlen der antikommunistischen S&auml;uberungen mit denen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima verglich und sich &uuml;berrascht zeigte, wie wenig internationale Beachtung diese im Vergleich fanden. Nach seiner Zeit in Jakarta leitete er die Ost-West-Abteilung des Ausw&auml;rtigen Amtes und war von 1969 bis 1972 BRD-Botschafter in Argentinien.<\/p><p><strong>Wegducken, abwiegeln, beschweigen<\/strong><\/p><p>Die Debatte &uuml;ber die deutsche Mitverantwortung besch&auml;ftigt auch die Bundespolitik. Die Bundesregierung betonte in parlamentarischen Antworten (etwa auf Anfragen der Partei <em>Die Linke<\/em>), dass sich aus den archivierten BND-Akten keine direkten Belege f&uuml;r eine gezielte operative Kooperation zur Unterst&uuml;tzung von Gewalttaten erg&auml;ben. Kritiker und Historiker verweisen jedoch darauf, dass wichtige Dokumente und Beschaffungsbitten vom BND bis heute unter dem Deckmantel des &bdquo;Methodenschutzes&ldquo; zur&uuml;ckgehalten werden.<\/p><p>Im Juli 2016 stellte das <em>Internationale Volkstribunal<\/em> zu 1965 in Den Haag, ein Tribunal aus Richtern und Juristen ohne Strafgewalt, fest, dass die T&ouml;tungen durch die indonesische Armee und die von ihr ausgebildeten und unterst&uuml;tzten Milizen V&ouml;lkermord waren, die teilweise Vernichtung einer nationalen Gruppe, und es benannte die Vereinigten Staaten, Gro&szlig;britannien und Australien als mitschuldig. Vier Jahre zuvor hatte Indonesiens <em>Nationale Menschenrechtskommission <\/em>Verbrechen gegen die Menschlichkeit festgestellt und von einer staatlichen Politik gesprochen, die Mitglieder und Sympathisanten der PKI auszurotten. 2023 gefragt, ob sie ein V&ouml;lkermord gewesen seien, antwortete die Bundesregierung, es obliege nicht ihr, der Aufarbeitung durch Wissenschaft, Zivilgesellschaft, internationale Gremien und vor allem durch Indonesien selbst vorzugreifen. H&auml;tten dem Tribunal in Den Haag die neuesten Enth&uuml;llungen in puncto Bonner Verstrickung in die blutigen Geschehnisse in Indonesien vorgelegen, w&auml;re auch die Bundesrepublik als mitschuldig erkl&auml;rt worden.<\/p><p><strong>Postscript<\/strong><\/p><p>Als Hauptantriebskraft und politisch-ideologische Leitplanke eines Staatsterrorismus solchen Ausma&szlig;es diente ein bis dahin nicht gekannter martialisch-fanatischer Antikommunismus, der in der Hochphase des Kalten Krieges im Westen uneingeschr&auml;nkt Bewunderung erntete. Nicht in Vietnam, sondern in Indonesien gewannen die USA &bdquo;den Krieg gegen den Kommunismus&ldquo;. Und als engster Verb&uuml;ndeter Washingtons wollte das damals beschauliche Bonn nicht abseitsstehen. Alle drei Parteien &ndash; die Regierungen in Jakarta, Washington und Bonn &ndash; einte ein geschlossen antikommunistisches Weltbild. Was Bonn betraf, so war eine halbherzig durchgef&uuml;hrte &bdquo;Entnazifizierung&ldquo; immerhin von einem vollherzig durchgezogenen Justizverfahren begleitet worden, das nach f&uuml;nfj&auml;hriger Dauer im Sommer 1956 zum KPD-Verbot f&uuml;hrte. In diesem Kontext sei das Opus des Freiburger Historikers Josef Foschepoth <em>Verfassungswidrig! Das KPD-Verbot im Kalten B&uuml;rgerkrieg<\/em> (G&ouml;ttingen 2017) empfohlen.<\/p><p>Wer sich die M&uuml;he macht, das von Do&#287;ru\/Cilasun verdienstvoll zusammengetragene und aufbereitete Konvolut durchzuforsten, ist gleichzeitig verbl&uuml;fft und sprachlos, mit welch krasser Kaltschn&auml;uzigkeit das Gebaren der indonesischen Armee und ihrer Schergen kommentiert wurde. Da offenbarten nebst BRD-Botschafter Werz g&auml;nzlich unbek&uuml;mmerte und durchg&auml;ngig auf dem rechten Auge erblindete westdeutsche B&uuml;rokraten im Ausw&auml;rtigen Amt und Geheimdienstler schw&auml;rmerische Freude ob der &bdquo;Fortschritte&ldquo; der staatlichen &bdquo;Sicherheits&ldquo;kr&auml;fte im fernen Jakarta. Mit &bdquo;Fortschritten&ldquo; waren all jene &bdquo;planm&auml;&szlig;ig&ldquo; und &bdquo;erfolgreich&ldquo; durchgef&uuml;hrten Ma&szlig;nahmen gemeint, mit denen die &bdquo;indonesischen Freunde im Milit&auml;r&ldquo; ihre blutr&uuml;nstige Herrschaft zementierten. Von offizieller Seite scheint angeordnete Amnesie das Gebot der Stunde zu bleiben.<\/p><p>In Indonesien selbst hat das bis heute tabuisierte Thema &bdquo;1965 ff.&ldquo; bizarre Ausma&szlig;e erreicht. Nicht nur m&uuml;ssen sich die &Uuml;berlebenden und Opfer von einst in der &Ouml;ffentlichkeit verstecken. Sie bleiben sozial ge&auml;chtet, w&auml;hrend f&uuml;r die Architekten des Staatsterrors Monumente errichtet und sie posthum geachtet, gar geehrt werden. So geschehen am 10. November 2025, als Indonesiens achter Pr&auml;sident <em>Prabowo Subianto <\/em>(seit Oktober 2024 im Amt), auch er ein wegen massiver Menschenrechtsverletzungen vor allem in Osttimor arg in die Kritik geratener Ex-General und fr&uuml;herer Schwiegersohn Suhartos, ebendiesen sowie <em>Sarwo Edhie Wibowo<\/em> (1925&ndash;1989) zu Nationalhelden (<em>Pahlawan Nasional<\/em>) ernannte.<\/p><p>Letzterer befehligte einst die Fallschirmkommandotruppe <em>RPKAD (Kopassus)<\/em> der Armee und galt als einer der treuesten Gefolgsleute Suhartos. Er machte von sich reden, als er kurz vor seinem Tod vor Mitgliedern des indonesischen <em>Parlaments (DPR)<\/em> erkl&auml;rte, bei den Massakern 1965 bis 1966 seien <em>&bdquo;zwei oder drei Millionen&ldquo;<\/em> Menschen hingerichtet worden! Diese Zahl bezog sich auf die systematische Vernichtung von Mitgliedern und vermeintlichen Sympathisanten der PKI sowie ethnischer Chinesen. Die Sch&auml;tzung von drei Millionen Toten gilt historisch als die absolute Obergrenze, besitzt freilich enormes politisches Gewicht, da sie direkt aus dem Munde eines der Hauptt&auml;ter stammt.<\/p><p><em><strong>Weiterf&uuml;hrende Lekt&uuml;re &amp; Links<\/strong><\/em><\/p><ul>\n<li>Fanny Syariful Alam (2026): <a href=\"https:\/\/www.asienhaus.de\/aktuelles\/suharto-als-indonesischer-nationalheld-die-leugnung-der-reformasi\"><em>Suharto als indonesischer Nationalheld: Die Leugnung der Reformasi<\/em><\/a><\/li>\n<li>Vincent Bevins (2023): <em>Die Jakarta-Methode: Wie ein m&ouml;rderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute pr&auml;gt<\/em>. Aus dem amerikanischen Englisch von Glenn J&auml;ger. K&ouml;ln<\/li>\n<li>Robert Cribb (2001): <em>How many deaths? Problems in the statistics of massacre in Indonesia (1965&ndash;1966) and East Timor (1975&ndash;1980), in:<\/em> Ingrid Wessel, Georgia Wimh&ouml;fer (Hrsg.): <em>Violence in Indonesia.<\/em> S. 82&ndash;98, Hamburg<\/li>\n<li>Anett Keller (Hrsg., 2015): <em>Indonesien 1965 ff. Die Gegenwart eines Massenmordes.<\/em> Berlin<\/li>\n<li>David Van Reybrouck (2022): <em>Revolusi &ndash; Indonesien und die Entstehung der modernen Welt<\/em>. Aus dem Niederl&auml;ndischen von Andreas Ecke. Berlin<\/li>\n<li>John Roosa (2006): <em>Pretext for mass murder, the September 30th Movement and Suharto&rsquo;s coup d&rsquo;Etat in Indonesia.<\/em> Madison, WI<\/li>\n<li>Ingo Wandelt (2004): <a href=\"https:\/\/www.watchindonesia.de\/de\/article\/16724.die-neuen-militaerzivilisten.html\"><em>Die neuen Milit&auml;rzivilisten<\/em><\/a>, in: Watch Indonesia! Information und Analyse, Berlin<\/li>\n<li>Florian Warweg (2023): <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95827\"><em>Welche Rolle spielte die Bundesregierung bei der Ermordung von Hunderttausenden Kommunisten in Indonesien ab 1965?<\/em><\/a><\/li>\n<li>Rainer Werning (2015): <em>Putsch nach &bdquo;P&uuml;tschchen&ldquo;<\/em>, in: junge Welt (Berlin) am 1. Oktober, S. 12 &amp; 13<\/li>\n<li>Rainer Werning (2025): <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139329\"><em>Indonesien vor 60 Jahren: Mandarine, Marodeure und westliche Marketender staatlichen Terrors (II von II)<\/em><\/a><\/li>\n<\/ul><p><small>Titelbild: Screenshot H&uuml;ssyin Dogru via YouTube<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>61 Jahre nach dem Beginn des V&ouml;lkermords in Indonesien ger&auml;t Bonns Mitwisser- und Komplizenschaft angesichts neuer Enth&uuml;llungen ins Zwielicht und immer st&auml;rker in Erkl&auml;rungsnot. Notizen zu einem in Jakarta wie Berlin gleicherma&szlig;en lieber tabuisierten Thema von unserem S&uuml;dostasienexperten <strong>Rainer Werning<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":157326,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20],"tags":[2871,901,1917,2102,1620,1268,2840,305,2177,663,2490,2989,2377],"class_list":["post-157325","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","tag-antikommunismus","tag-geheimdienste","tag-genozid","tag-geostrategie","tag-indonesien","tag-kalter-krieg","tag-massenmord","tag-menschenrechte","tag-militaerdiktatur","tag-putsch","tag-staatsterrorismus","tag-suharto-haji-mohamed","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/261006-Indonesien.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/157325","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=157325"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/157325\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":157346,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/157325\/revisions\/157346"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/157326"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=157325"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=157325"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=157325"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}