{"id":157330,"date":"2026-10-10T13:00:26","date_gmt":"2026-10-10T11:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157330"},"modified":"2026-10-09T10:30:18","modified_gmt":"2026-10-09T08:30:18","slug":"tanzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157330","title":{"rendered":"Tanzt!"},"content":{"rendered":"<p>Tanzt, liebe Mitmenschen, tanzt! Tanzen bereitet Freude, ist gesund in jeder Beziehung. Tanzen ist keineswegs nur Element des Besonderen, einzig blo&szlig;er Bestandteil eines Festes, der limitierten Freizeit und der Muse. Tanzen ist Alltag! Tanzen vereint, befriedet, bringt uns Menschen auf gute Ideen, macht uns vielleicht auch zu besseren Menschen. Wir tanzen eindeutig zu wenig. Schauen Sie sich um: K&ouml;nnen Sie sagen, dass in Ihrer Heimat Tanzen immer und &uuml;berall pr&auml;sent ist? Viele andere Dinge werden als wichtiger angesehen, wird uns, den mehr und mehr den G&uuml;rtel enger schnallenden Deutschen eingebl&auml;ut. Doch Tanzen ist essenziell, ein unersetzliches Lebensmittel wie die t&auml;gliche Nahrung. Von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die alte Dame<\/strong><\/p><p>Vor Kurzem traf ich sie in der Stadt f&uuml;r einen Moment allt&auml;glichen Gl&uuml;cks, wie das von Zeit zu Zeit geschieht. Die mir bekannte alte Dame mit wundersch&ouml;ner Lockenfrisur, in stilvollem Kleid &ndash; mit edler Brille und einem L&auml;cheln, das jeder Oma sehr gut st&uuml;nde &ndash; kam im kleinen Supermarkt um die Ecke mit dem Einkaufswagen direkt auf mich zu. Den Plausch mit ihr genoss ich.<\/p><p>Sie erz&auml;hlte blumig und erfreut &uuml;ber ihr aufregendes Leben im Alter, sie und ihr Mann h&auml;tten viel zu tun. Vor allen Dingen: Sie seien so fit und froh, weil sie regelm&auml;&szlig;ig tanzen gingen in diesen schwierigen Zeiten, schwor sie. &bdquo;Bald jede Woche geht es zum Tanz. Das ist unser Gl&uuml;ck&ldquo;, sagte sie und z&auml;hlte Orte des Vergn&uuml;gens auf. Hier ein Tanznachmittag in einem M&ouml;belhaus, dort ein viel besuchtes Senioren-Treffen mit Musik in der Selbstbedienungsgastst&auml;tte eines gro&szlig;en Einkaufszentrums vor der Stadt, da in einem Mehrgenerationentreff ein feiner Tanz mit einem r&uuml;stigen Alleinunterhalter, der die gro&szlig;en Evergreens von A bis Z draufhat. Und da ist noch das Kulturzentrum meiner Heimatstadt, wo einmal im Monat zum &bdquo;Tanztee&ldquo; in der Galerie eingeladen wird. Die alte Dame und ich kamen darauf zu sprechen, weil ich als Kulturorganisator genau dort vor Jahren Klinken putzen gegangen war, um dem Tanztee auf die Beine zu helfen. Zun&auml;chst skeptisch, gingen die Gastgeber dann doch auf meinen Vorschlag ein, f&uuml;r Senioren nachmittags Tanz anzubieten, der inzwischen eine feste Gr&ouml;&szlig;e im Monatsprogramm ist.<\/p><p>Die alte Dame schob ihren Einkaufswagen weiter und sagte mit einem fordernden L&auml;cheln: &bdquo;Wir sind immer dort, das h&auml;lt uns jung, wir sind zufrieden. Mensch, ich sage Dir, es braucht viel mehr Tanzveranstaltungen &ndash; f&uuml;r alle Generationen.&ldquo;<\/p><p><strong>F&uuml;r jeden, f&uuml;r alle Generationen Tanz<\/strong><\/p><p>F&uuml;r alle Generationen Tanz: Diesen Gedanken nahm ich mit. &Uuml;berlegen Sie mal, liebe Leser: Deutschland hat an die 11.000 St&auml;dte und Gemeinden. In wie vielen dieser Orte gibt es Orte, wo regelm&auml;&szlig;ig zum Tanz gebeten wird? Und wie viele Menschen wie die alte Dame k&ouml;nnen davon berichten, dass sie regelm&auml;&szlig;ig in ihrer Umgebung tanzen gehen, tanzen gehen k&ouml;nnen und wom&ouml;glich dabei ihr Gl&uuml;ck finden? Was f&uuml;r Senioren in meiner angeboten wird und Umgebung durchaus zum Alltag geh&ouml;rt, ist lobenswert. Doch wie schaut es mit Angeboten f&uuml;r alle Generationen aus?<\/p><p>Ich lehne mich aus dem Fenster und gebe meine Beobachtungen wieder: Tanzveranstaltungen f&uuml;r Jung und Alt, Tanzlokale, Tanznachmittage, gesellige Abende, Wochenenden &ndash; die Optionen daf&uuml;r sind in meiner Heimat und in anderen Regionen, die ich besuche, wirklich sehr &uuml;berschaubar. Ich sehe stattdessen junge Leute mangels eines geeigneten anderen Treffs in Warteh&auml;uschen sitzen und die freie Zeit verbringen. Nach 18 Uhr werden in den St&auml;dten der Region &bdquo;die B&uuml;rgersteige hochgeklappt&ldquo;. Orte der Begegnung sind rar. Im Umkreis von 100 Kilometern gibt es kaum Diskotheken, keine Balls&auml;le, keine Clubs, keine gepflegte Bar, wo Woche f&uuml;r Woche eingeladen wird, das Tanzbein zu schwingen.<\/p><p>Die positive Habenseite lasse ich nicht au&szlig;en vor: Volksfeste, Dorffeste, die eine oder andere Disko, Livemusik-Abende, bei denen Besucher nicht sitzen bleiben, gibt es auch noch &ndash; und das Tanzen in Gemeinschaft. In meiner Heimat gibt es durchaus organisiertes Tanzen: Tanzschulen, dar&uuml;ber hinaus Interessengemeinschaften, die Salsa, Tango und sonst was f&uuml;r Stile hegen und pflegen. F&uuml;r die Kinder werden ab und an Teenie-B&auml;lle veranstaltet. In der st&auml;dtischen Festhalle gibt es Partys f&uuml;r die Erwachsenen mit Altersangaben: &Uuml;30, &Uuml;40, &Uuml;50. Die finden eher selten statt und sind dann folglich sehr gut besucht. &bdquo;Wer da nicht hingeht, lernt nie jemand kennen&ldquo;, sagte mir vor Kurzem ein Bekannter.<\/p><p><strong>Ein Blick zur&uuml;ck. Was wurde fr&uuml;her aufgetanzt<\/strong><\/p><p>In meiner alten Schule gab es einen Raum, ein Fachkabinett, der mehrfach im Monat zu einer Disko umfunktioniert wurde. Zwei meiner Schulkameraden hatten sich eine ziemlich starke Musikanlage zusammengebastelt: Lautsprecherboxen und mehrere Holzkisten, in denen montierte bunte Lampen das passende Licht f&uuml;r die Klassendisko lieferten. Und los ging&lsquo;s mit Night Fever im Diskofox oder langsamen Liebesliedern zum &bdquo;Engtanzen&ldquo;. Solche Diskor&auml;ume gab es &uuml;brigens in allen Schulen &hellip;<\/p><p>In der Stadt gab es Dutzende Tanzlokale, Jugendklubs, eine Bar namens &bdquo;Casino&ldquo;, in der Profimusiker Abend f&uuml;r Abend gepflegt aufspielten. Es war m&ouml;glich, von Montag bis Sonntag auszugehen. Jeden Tag! Tanzabende begannen gegen 19 Uhr und endeten gegen 23 Uhr, am Wochenende gegen Mitternacht. Auf den D&ouml;rfern um die Stadt herum gab es zahlreiche &bdquo;S&auml;le&ldquo;, auf deren B&uuml;hnen richtige Kapellen aufspielten und wo von der Jugend bis zu den &Auml;lteren Tanz, Geselligkeit und die Musik selbst die Menschen zueinanderbrachten. Meine Aufz&auml;hlung ist keine Werbung daf&uuml;r, dass Menschen einzig das Feiern, das Tanzen und Ausgelassensein im Kopf haben &ndash; die Aufz&auml;hlung zeigt das Machbare, die Option, im Alltag integriert Sch&ouml;nes zu erleben.<\/p><p>All diese Lokalit&auml;ten waren Orte der Begegnung, des Kennenlernens, des Beginns von Liebe und Gl&uuml;ck. Waren. Viele sind verschwunden. Warum?<\/p><p><strong>Tanzen geht &uuml;berall, immer noch. Wieder<\/strong><\/p><p>&bdquo;Darf ich bitten?&ldquo; Die Frage, eine kleine Bitte, die bei Tanzabenden jeder Art einst zigmal ausgesprochen wurde, fiel mir ein, als ich letztens bei einem Stadtfest in meiner Heimat &uuml;ber den gro&szlig;en Platz schlenderte und die vielen Besucher beobachtete. Ich sp&uuml;rte, dass viele von ihnen Sehnsucht in sich trugen, zusammenkommen zu wollen &ndash; und es doch nicht schaffen. Die &bdquo;modernen&ldquo; Zeiten verm&ouml;gen mittels Smartphone und App auch nicht das zu erm&ouml;glichen, mehr noch, Musik, Tanz als Lebensmittel ganz unspektakul&auml;r zu sehen. Ich gebe zu, Tanzen l&ouml;st zwar nicht die vielen Probleme der Menschen, die mehr und mehr Lasten aufgeb&uuml;rdet bekommen, die den sozialen Abriss Tag f&uuml;r Tag erleben. Doch hat Tanzen eine enorme Kraft, eine, die den Abriss eventuell stoppen helfen kann.<\/p><p>Tanzen wirkt f&uuml;r mich wie ein Signal, sich nicht unterkriegen zu lassen. Tanzen ist eine Errungenschaft, ein Schatz, Lebensfreude, die von keinem in Beschlag genommen werden kann. Tanzen ist Freiheit, Tanzen ist in Verbindung treten, Freundschaft, Freundlichkeit, Leidenschaft, Liebe. Getanzt werden kann &uuml;berall. Zu Hause wird der Sofatisch zur Seite geschoben, der Teppich wird zum Dancefloor. Im Keller der Hausgemeinschaft kann der alte Partyraum reaktiviert werden. Der Parkettboden im Saal des lange geschlossenen &bdquo;Dorfkrug&ldquo; wird gekehrt, die Musikbox aufgestellt, jeder aus dem Ort bringt etwas zu essen und zu trinken mit &ndash; los geht&lsquo;s. In der Schule kommen die Klassen zusammen, am sp&auml;ten Nachmittag, jeder hat seine Hits dabei, die er mobil abspielt. Tanzt!<\/p><p>Ich denke wieder an fr&uuml;her, an eine kleine Gastst&auml;tte in einem alten Stadtteil meiner Stadt: eine Eckkneipe mit Kamin im Zentrum des Gastraums. Der Wirt servierte rustikale Gerichte und lud am Wochenende immer zum Tanz. Auf dem Kamin standen dann ein gro&szlig;es Transistorger&auml;t und eine sich drehende Diskokugel, die buntes Licht in den Raum sendete. Die Musik vom Band lief, die G&auml;ste schwoften im Gang, w&auml;hrend der Wirt mit seinem Tablett sie umkurvte. Und zu fortgeschrittener Stunde kam es stets zum H&ouml;hepunkt des Abends. Licht aus, Schwarzlicht an. Der Gastgeber erschien in wei&szlig;er Kleidung: Seine Break Dance Vorf&uuml;hrung, eine Mischung aus Roboterimitation und Tanzschulenswing, begeisterte die Kneipeng&auml;ste.<\/p><p><strong>Machen!<\/strong><\/p><p>Wirte gibt es ja immer noch, Kneipiers, Kaffeehausbesitzer, Galeristen, Schuldirektoren, Kulturhausleiter etc. auch. Was im Privaten barrierefrei geht &ndash; zum Tanz aufzufordern &ndash;, das geht auch, wenn die vielen Gastgeber im Land, die Macher, ihre R&auml;ume, S&auml;le, G&auml;rten, ihre Refugien ohne viel Aufhebens im Sinne der Alltagskultur Tanz &ouml;ffnen. Und das gelingt umso mehr, wenn die engagierten Akteure auch die notwendigen M&ouml;glichkeiten erhalten, diese Veranstaltungen stabil zu organisieren. Von wegen Rotstift: Der soll getrost anderswo eingesetzt werden, wo Tanz ein Fremdwort ist.<\/p><p>Darf ich bitten? Wo man singt (und tanzt), da lass Dich nieder, (nur) b&ouml;se Menschen haben keine Lieder. Die Aufforderung &bdquo;Tanzt!&ldquo; empfinde ich wie eine, sich darauf zu besinnen, dass wir in vollen Z&uuml;gen leben sollen und d&uuml;rfen, dass Tanz sch&ouml;ner Ausdruck unserer menschlichen Lebensfreude und Friedfertigkeit ist. Es ist beileibe nicht so, dass bei einem Tanzabend lediglich der n&auml;chste Hit Gespr&auml;chsthema ist. Dort, wo Menschen zusammenkommen, wird sich auch ausgetauscht, wird diskutiert, philosophiert, gestritten, gerungen. Tanzen ist lebendig und dem Leben zugewandt mit allem Drum und Dran.<\/p><p><strong>Gitarren statt Knarren<\/strong><\/p><p>Ich stelle mir vor, 11.000 Kommunen im Land sind Orte des Tanzes, der Lebensfreude. Tanzen gehen, tanzen gehen wollen und k&ouml;nnen ist Beleg, dass Menschen sich sicher und wohl und geborgen f&uuml;hlen, dass eine Gesellschaft sich aufhellt und erwacht, dass die Priorit&auml;ten richtig und gut gesetzt sind. Tanzende Menschen sind wom&ouml;glich auch unbequeme Menschen, solche, die nicht aufgegeben haben, die sich wehren und einfordern, was immerzu behauptet und doch nicht eingehalten wird: ein gutes, w&uuml;rdevolles, friedliches Leben.<\/p><p>Ein Freund erz&auml;hlte mir vor Kurzem, dass eine gro&szlig;e Musikalienfirma mehrere Tausend Gitarren per Versand an die Kundschaft verschickt &ndash; pro Tag. Er und ich sagten unisono: Tausend Gitarren jeden Tag statt Tausend Waffen jeden Tag. Ja auch mit &lsquo;ner Gitarre kann gut Musik gemacht werden, die Menschen zum Tanzen bringt. Tanzt!<\/p><p><small>Titelbild: ChatGPT, erstellt mit k&uuml;nstlicher Intelligenz<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tanzt, liebe Mitmenschen, tanzt! Tanzen bereitet Freude, ist gesund in jeder Beziehung. Tanzen ist keineswegs nur Element des Besonderen, einzig blo&szlig;er Bestandteil eines Festes, der limitierten Freizeit und der Muse. Tanzen ist Alltag! Tanzen vereint, befriedet, bringt uns Menschen auf gute Ideen, macht uns vielleicht auch zu besseren Menschen. Wir tanzen eindeutig zu wenig. 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