{"id":157525,"date":"2026-10-16T11:50:58","date_gmt":"2026-10-16T09:50:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157525"},"modified":"2026-10-16T11:54:28","modified_gmt":"2026-10-16T09:54:28","slug":"stimmen-aus-russland-trumps-neuer-russland-kurs-wenn-die-ukraine-ploetzlich-keine-rolle-mehr-spielt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157525","title":{"rendered":"Stimmen aus Russland &#8211; Trumps neuer Russland-Kurs: Wenn die Ukraine pl\u00f6tzlich keine Rolle mehr spielt"},"content":{"rendered":"<p>Eine erneute Wende in den US-amerikanisch-russischen Beziehungen hat Kiew schockiert, die europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten emp&ouml;rt und weltweit f&uuml;r Ratlosigkeit gesorgt: Zum ersten Mal hat die US-Regierung gegen&uuml;ber Moskau eine Entscheidung getroffen, bei der die Interessen Kiews schlicht &uuml;bergangen wurden. Eine Analyse von <strong>Fjodor Lukjanow<\/strong>, Forschungsdirektor des Waldai-Klubs, Vorsitzender des Pr&auml;sidiums des Rates f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik sowie Chefredakteur der Zeitschrift <em>Russia in Global Affairs<\/em>, &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde und was sie f&uuml;r die Zukunft bedeutet. Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie &uuml;berraschende Entscheidung der US-Regierung unter Donald Trump, die Sanktionen gegen Lieferungen von russischem Dieselkraftstoff vor&uuml;bergehend auszusetzen, steht in direktem Widerspruch zu den j&uuml;ngsten Schritten Washingtons &mdash; etwa der Verabschiedung eines scharfen Sanktionsgesetzes und der Absicht, damit den Druck auf Moskau zu erh&ouml;hen.<\/p><p>Manche f&uuml;hren diesen Schritt auf die Eigenm&auml;chtigkeit des US-Pr&auml;sidenten zur&uuml;ck, andere sehen darin die Ans&auml;tze einer neuen Strategie, und wieder andere deuten ihn als grundlegenden Kursschwenk in der Ukraine-Politik. Um die tats&auml;chliche Logik dahinter zu verstehen, muss man den Blick von den &Auml;u&szlig;erlichkeiten befreien &mdash; allen voran vom gewohnt schrillen Auftreten des US-Pr&auml;sidenten. Seine oft grenzwertig anmutenden Auftritte sind meist nur die &auml;u&szlig;ere H&uuml;lle einer knallharten Zielsetzung. Ob diese im Ergebnis richtig oder falsch ist, steht auf einem anderen Blatt.<\/p><p>Wolodymyr Selenskyj wurde zum S&uuml;ndenbock f&uuml;r die steigenden Spritpreise an den US-Tankstellen gemacht &ndash; und wer Trump kennt, wei&szlig;: Es ist unm&ouml;glich, ihm eine einmal gefasste Meinung wieder auszureden. Der eigentliche Ausl&ouml;ser f&uuml;r Trumps Schwenk d&uuml;rfte in der US-Innenpolitik liegen: In wenigen Wochen stehen die Zwischenwahlen zum US-Kongress an, und die Aussichten f&uuml;r die Republikaner sind d&uuml;ster. Trump gibt sich nach au&szlig;en hin zwar unbeeindruckt, doch der Verlust beider US-Kongresskammern w&uuml;rde f&uuml;r ihn zwei Jahre Dauerfeuer und zerm&uuml;rbenden Machtkampf bedeuten.<\/p><p>Trump wei&szlig; vermutlich, dass er die Wirtschaftslage &mdash; insbesondere die Inflation an den US-Tankstellen &ndash; bis zum Wahltag nicht mehr realistisch drehen kann. Ihm geht es jetzt vor allem um das psychologische Signal. Russland ist dabei keineswegs das erste Land, das die US-Regierung darum bittet, mehr Treibstoff auf den Weltmarkt zu bringen. Und je mehr solcher Deals zustande kommen, desto lauter wird das Wei&szlig;e Haus verk&uuml;nden, wie unerm&uuml;dlich der US-Pr&auml;sident f&uuml;r den Geldbeutel des einfachen US-B&uuml;rgers k&auml;mpft. Dieser soll dabei m&ouml;glichst vergessen, dass diese Notlage erst durch Trumps eigene Eskalationspolitik im Persischen Golf entstanden ist.<\/p><p>Wie gut dieser Schachzug aufgeht, wird sich zeigen. Doch die Handlung folgt einer klaren, rationalen Kalkulation. Dass sie fr&uuml;heren Aussagen und Prinzipien widerspricht, k&uuml;mmert Trump nicht im Geringsten. F&uuml;r ihn besitzen Worte nur in dem Moment Wert, in dem er sie ausspricht &ndash; danach nicht mehr.<\/p><p><strong>Was bedeutet das f&uuml;r Russland?<\/strong><\/p><p>Was bedeutet diese Entwicklung f&uuml;r Russland &ndash; abgesehen von der willkommenen Einnahmequelle f&uuml;r den Staatshaushalt? Das Analyseprojekt &bdquo;Watfor&ldquo; bringt den entscheidenden Aspekt auf den Punkt: Zum ersten Mal seit Beginn der Eskalation hat ein US-Pr&auml;sident gegen&uuml;ber Moskau einen Schritt vollzogen, bei dem die Ukraine als Faktor &uuml;berhaupt keine Rolle mehr spielt. War Kiew bisher bei allen Entscheidungen mitber&uuml;cksichtigt worden, wurde es diesmal nicht nur ignoriert &ndash; der Deal l&auml;uft den Interessen der Ukraine in ihrer ohnehin schwierigen Lage direkt zuwider. Daher auch die tiefe Verbitterung der ukrainischen F&uuml;hrung: <em>Man f&uuml;hlt sich hintergangen.<\/em><\/p><p>Das Vorgehen Washingtons skizziert bereits das Modell, nach dem die Beziehungen zu den US-Beh&ouml;rden nach dem Ende der hei&szlig;en Phase des Konflikts verlaufen d&uuml;rften. F&uuml;r diese Missachtung Kiews gibt es mehrere Gr&uuml;nde. Der wichtigste: Selenskyjs Weigerung, auf Bitten Washingtons einzugehen und die Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur einzustellen. F&uuml;r die Ukraine ist dies derzeit ein zentrales Mittel der Kriegf&uuml;hrung &ndash; Warnungen aus den US-Regierungskreisen werden schlicht ignoriert.<\/p><p>Dass Trump sich nun ausgerechnet auf russischen Diesel versteift hat &ndash; dessen Freigabe die Weltmarktlage zwar entlastet, aber kaum revolutionieren wird &ndash;, entspricht seiner ganz besonderen Eigenart. Dennoch hat Kiew nun das Nachsehen und wird f&uuml;r die hohen US-Spritpreise verantwortlich gemacht. Trumps Bauchentscheidungen sind unumst&ouml;&szlig;lich; die ukrainischen Einw&auml;nde wurden schlicht beiseitegefegt.<\/p><p><strong>US-Aufkl&auml;rungsdaten als Hebel gegen Kiew<\/strong><\/p><p>Nun zum Kern der Sache: Um die ukrainischen Angriffe auf russische Ziele wirksam zu stoppen oder einzud&auml;mmen, m&uuml;ssten die US-Streitkr&auml;fte die &Uuml;bermittlung von Aufkl&auml;rungs- und Zieldaten einstellen. Vor eineinhalb Jahren hat Trump genau das schon einmal kurzfristig als Erziehungsma&szlig;nahme durchgezogen &ndash; f&uuml;r zwei Tage. Ein dauerhafter Stopp der US-Aufkl&auml;rungshilfe w&uuml;rde jedoch bedeuten, die Ausrichtung Washingtons in diesem Krieg fundamental zu &auml;ndern und sich faktisch vom Partner Kiew zu distanzieren. Ob Trump den Mut und die Macht dazu hat, bleibt ungewiss.<\/p><p>Die informelle Allianz jener Kr&auml;fte, die an einer Fortsetzung des Krieges interessiert sind, ist gewaltig &ndash; sie reicht vom US-Milit&auml;rkomplex &uuml;ber die neuen US-Tech-Giganten bis hin zu Europa und dessen Unterst&uuml;tzern in Washington. Schon als Trump das letzte Mal seine Vorstellungen von einem Kriegsende (nach den Verhandlungen in Anchorage) durchsetzen wollte, scheiterte er am Widerstand dieses Netzwerks.<\/p><p>Ob es ihm diesmal gelingt, ist offen. Wenn nicht, wird das Thema nach den US-Wahlen von selbst im Sande verlaufen, da der Druck f&uuml;r propagandistische Erfolge vorerst nachl&auml;sst. Dennoch ist dies ein Schl&uuml;sselmoment: ein Test, ob die US-F&uuml;hrung ihre Verb&uuml;ndeten noch auf Linie bringen kann. Gelingt dies, k&ouml;nnte sich tats&auml;chlich ein Fenster f&uuml;r Verhandlungen &ouml;ffnen.<\/p><p><strong>Neue Blaupause f&uuml;r die Beziehungen nach dem Krieg<\/strong><\/p><p>F&uuml;r Russland ergibt sich daraus noch eine zweite wichtige Erkenntnis: Das Vorgehen Washingtons zeigt bereits die Blaupause f&uuml;r die diplomatischen Beziehungen nach dem Ende der milit&auml;rischen Phase des Konflikts. Zu einer offiziellen Aufhebung des gigantischen Sanktionspakets gegen Moskau wird es nicht kommen &mdash; das ist b&uuml;rokratisch und politisch schlicht unm&ouml;glich. Die Sanktionen bleiben auf dem Papier bestehen. Aber ob sie durchgesetzt oder ausgesetzt werden, wird rein opportunistisch entschieden:<\/p><ul>\n<li>Dient eine Sanktion den US-Interessen nicht mehr, wird sie vor&uuml;bergehend auf Eis gelegt.<\/li>\n<li>&Auml;ndert sich die Lage wieder, setzt man sie erneut in Kraft.<\/li>\n<\/ul><p>Die US-Politik unterscheidet sich von der europ&auml;ischen durch einen weitaus gr&ouml;&szlig;eren Pragmatismus. Washington zeigt kein Problem damit, hochtrabende Rhetorik bei Bedarf blitzschnell &uuml;ber Bord zu werfen &ndash; und genauso schnell wieder herauszuholen, wenn es n&uuml;tzlich ist.<\/p><p>Der Konflikt um die Ukraine hat eine Phase erreicht, in der der Ausgang weit mehr pr&auml;gen wird als nur die Zukunft dieses konkreten Konflikts. Die Geometrie der k&uuml;nftigen Weltordnung &ndash; zumindest im Verh&auml;ltnis zwischen Russland und dem gespaltenen Westen &ndash; nimmt langsam Form an. Sie bleibt jedoch extrem dynamisch.<\/p><p><em>Der Beitrag ist am 11. Oktober 2026 in der <a href=\"https:\/\/rg.ru\/2026\/10\/11\/konflikt-s-meniaiushchejsia-geometriej.html\">Rossijskaja Gazeta<\/a> erschienen.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: &copy; Tilo Gr&auml;ser<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine erneute Wende in den US-amerikanisch-russischen Beziehungen hat Kiew schockiert, die europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten emp&ouml;rt und weltweit f&uuml;r Ratlosigkeit gesorgt: Zum ersten Mal hat die US-Regierung gegen&uuml;ber Moskau eine Entscheidung getroffen, bei der die Interessen Kiews schlicht &uuml;bergangen wurden. 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